MillernTon
·6. April 2026
1. FC Union Berlin vs. FC St. Pauli 1:1 – Stark am Boden, schwach in der Luft

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Gegen das simple und körperliche Spiel von Union Berlin findet der FC St. Pauli Lösungen, verliert diese dann aber wieder und muss so mit einem Remis leben.(Titelfoto: Ronny Hartmann/Getty Images/via OneFootball)
Es hatte sich angesichts der bisher gezeigten Leistungen in dieser Saison angekündigt und am Sonntag wurde das Spiel zwischen dem 1. FC Union Berlin und dem FC St. Pauli den Erwartungen voll gerecht. Auf der einen Seite ein Team, das viel versucht, aber in der Offensive zu wenig riskiert und auch einfach qualitativ nicht gut genug ist. Auf der anderen Seite ein Team, das sich am Kombinationsspiel noch nicht einmal versucht, sondern fast jeden Ball komplett stumpf nach vorne pöhlt. Basierend auf diesen Voraussetzungen ist es schon bemerkenswert, dass überhaupt zwei Treffer gefallen sind. Passenderweise aber auch jeweils nach einer Standardsituation, die den jeweiligen Fähigkeiten der Teams entsprechend ausgeführt wurde. Das Remis ist dementsprechend auch das gerechte Ergebnis eines schwachen Fußballspiels, hilft aber vor allem den FC St. Pauli nur bedingt weiter.
Drei personelle Wechsel gab es in der Startelf des FC St. Pauli. Eric Smith und Tomoya Andō fehlten verletzungsbedingt. Für sie kamen Adam Dźwigała und Karol Mets ins Team. Etwas überraschend fehlte ein nomineller Linksverteidiger in der Startelf. Lars Ritzka und Louis Oppie standen zwar im Kader, aber in der Anfangsformation nahm Mathias Pereira Lage diese Position ein, die er vor einigen Jahren in Frankreich auch schon ein paar Mal spielte. Diese Umstellung sorgte für einen freien Platz im Angriff, den Martijn Kaars einnahm.
Der 1. FC Union Berlin änderte seine Startelf auf gleich fünf Positionen: Leite, Schäfer, Burke, Jeong und Ilić ersetzen Nsoki, Trimmel, Kemlein, Skarke und Burcu. Somit hatte der FCU seine komplette Offensivreihe neu besetzt – und allein durch die Tatsache, dass mit Burke und Ilić zwei körperlich sehr starke Offensivspieler auf dem Platz standen war klar, mit welcher Marschroute die Berliner an diesem Tag das Spiel angehen wollten: lange Bälle.
Das Offensivspiel des 1. FC Union Berlin ist extrem simpel: Es werden lange Bälle auf einen präsenten Mittelstürmer (Ilić) gebolzt, um den sich dann schnelle Mitspieler wie Burke positionieren. Der Fokus liegt klar auf den zweiten Bällen, auf dem Chaos, das erzeugt wird. Union möchte dieses Chaos nutzen, so Torgefahr erzeugen und sorgt nebenbei so auch dafür, dass das Team nicht ins letzte Risiko gehen muss, weil man hinten nicht komplett offen steht. Diese Spielweise ist brutal unattraktiv und mag simpel sein, aber sie hat oft genug Erfolg, weil das Team diesen Plan konsequent umsetzt. Gegen den FC St. Pauli war jeder fünfte(!!!) Pass der Berliner ein langer Ball. Und nur weil das Konzept recht simpel ist, das Spiel nicht hübsch anzuschauen ist, bedeutet es nicht, dass man mit dieser nicht punkten kann. Der Erfolg gibt dem Team sowieso Recht: Der 1. FC Union Berlin hat sieben Zähler mehr als der FC St. Pauli und wird voraussichtlich auch kommende Saison in der Bundesliga spielen.
Dieses simple Aufbauspiel von Union Berlin funktionierte vor allem auf der nächsten Ebene: Zwar gelang es dem Heimteam nur ganz selten, aus den vielen langen Bällen direkt Kapital zu schlagen, also zu Torgelegenheiten zu kommen. Doch Union bekam dadurch viele Einwürfe und Ecken in der Hälfte des FC St. Pauli, auch viele Freistöße wurden ihnen zugesprochen. Bei diesen Standardsituationen zeigte sich: Der FC St. Pauli kann körperlich in der Luft nicht mithalten, Union gewann zwei Drittel aller Kopfballduelle und kam zu Spielbeginn auch direkt zu einigen gefährlichen Situationen vor dem FCSP-Tor. Da diese Gefahr vom FCSP nie so richtig gebannt werden konnte, war FCU-Trainer Steffen Baumgart mit der Leistung seines Teams zufrieden, erklärte: „Unsere Jungs haben ein gutes und klares Spiel gemacht, so wie wir uns unseren Fußball vorstellen.“
Der FC St. Pauli konnte hingegen nur mit Teilen seines Spiels zufrieden sein. Gegen den Ball spiegelte man die Aufbauformation von Union, auf den Außenbahnen allerdings nur ballnah, sodass man in der letzten Kette in Überzahl blieb, um genügend Druck auf zweite Bälle zu erzeugen. Genug Druck gab es auch eigentlich ganz vorne: Das Team von Alexander Blessin lief die Union-Innenverteidigung recht hoch an, wollte so dafür sorgen, dass es möglichst schwierig war, kontrollierte lange Bälle zu spielen. Union tat es trotzdem, der Erfolg blieb aber insgesamt überschaubar, wenn man die Gefahr aus Standardsituationen vernachlässigt. Allerdings muss es gegen Union Berlin eben auch ein Ziel sein, Standardsituationen möglichst zu vermeiden, was nicht immer gelang. Wie wichtig Standards waren, auf beiden Seiten, zeigt diese Statistik: Der Abschluss von Burke in der 40. Minute war der neunte der Partie, aber der erste, der nicht aus einer Standardsituation resultierte.
Dass Union Berlin so viele Standards hatte, lag unter anderem daran, dass Schiedsrichter Tobias Welz dem FCU oft genug den Gefallen tat, die Fallsucht von Spielern zu belohnen. Viele haben sich im Spiel vor der Länderspielpause über die lange Leine von Florian Badstübner aufgeregt, der viele Szenen weiterlaufen ließ. Gerade am Sonntag hätte jemand wie Badstübner dem Spiel total gutgetan – und dem FCSP sicher auch geholfen. Allerdings gehört zur Wahrheit eben auch dazu, dass einige Spieler in vielen Szenen schlicht zu unbedacht zu Werke gingen. Besonders mit dem Wissen, dass es der 1. FC Union Berlin auf Standardsituationen abgesehen hat, muss in Zweikämpfen genau darauf geachtet werden, dem Gegner genau diesen Gefallen nicht zu tun. Das geschah aber leider zu oft. Alleine viermal pfiff Welz ein Vergehen von Adam Dźwigała – und man mag sich darüber aufregen, dass Welz in vergleichbaren Szenen auf der anderen Seite des Spielfeldes nicht gepfiffen hat. Aber spätestens nach dem zweiten Vergehen muss in solchen Szenen smarter agiert werden. Letztlich war es ja aber keine Freistoß-Situation, die zum Union-Treffer führte, aber der Eckball zum 1:1 resultierte aus eben so einer Freistoß-Situation. Genervt hat sowieso alles, die Fallsucht des FCU, das ständige darauf Reinfallen des Schiedsrichters und aber auch die fehlende Cleverness auf Seiten des FC St. Pauli.
Als eine Stunde vor Anpfiff die Startaufstellung bekannt gegeben wurde, war aufgrund des Fehlens eines nominellen Linksverteidigers etwas Rätseln angesagt. Ich hoffte darauf, dass sich der FC St. Pauli für das Spiel gegen Union für eine Änderung der Formation entschieden hatte. Ich hoffte, dass der FCSP aus einem 4-2-3-1 heraus in der Offensive agieren würde. Denn in dieser Saison hatte der FCU in bereits einer ganzen Reihe von Spielen gezeigt, dass er in der ersten Pressinglinie Probleme bekommt, wenn der Gegner hinten mit einer Viererkette aufbaut. Union agiert nämlich in einem 5-2-3, vor der Fünferkette agiert ein zentrumslastiger Block. Wenn ein Gegner im Aufbau sehr breit zieht, was bei einer Viererkette der Fall ist, dann muss Union darauf reagieren, muss sein Spiel anpassen. Tut er das nicht, dann kann der Gegner von den Außenpositionen andribbeln, tief in die Hälfte von Union eindringen. Die Anpassung wäre ein Fallen in ein tiefes 5-4-1, eine Formation aus der man, das wissen wir beim FC St. Pauli natürlich, nur selten gefährliche Umschaltmomente erzeugen kann.
Der FC St. Pauli agierte aber nur in einigen Momenten mit einer Viererkette im Aufbau. Dann nämlich, wenn Pereira Lage weit vorschob und Pyrka auf der anderen Seite eben nicht. Oder wenn Fujita und Pereira Lage die Positionen tauschten und Dźwigała auf der anderen Seite weit nach außen schob. Wenn dann noch einzig Irvine im Sechserraum verblieb und Rasmussen sich weiter nach vorne orientierte, dann konnte man sofort sehen, wie sich Union weiter zurückzog und die FCSP-Innenverteidiger plötzlich viel Raum hatten. So eine Szene gab es in der 24. Minute zu sehen: Mets hatte im Aufbau Raum, dribbelte an und fand mit seinem Pass den weit aufgerückten Pereira Lage, der mit dem Ball ins Zentrum zog und dort gefoult wurde.Warum diese Szene so genau beschrieben wird? Weil es zum einen eben ein gutes Beispiel dafür ist, wie der FC St. Pauli gegen Union Berlin in ruhigeren Spielphasen die Oberhand gewinnen konnte. Aber eben auch, weil der Freistoß, der auf diese Szene folgte, zum Treffer des FC St. Pauli führte.
Den fälligen Standard brachte Danel Sinani dann halbhoch in den Strafraum rein. Sowieso wurden die Standards des FC St. Pauli in diesem Spiel mit bemerkenswerter Konsequenz nie hoch getreten. Das hatte man bereits bei der Chance von Mets in der 22. Minute beobachtet werden können. Der FCSP machte sich in der Luft keine Hoffnungen auf Erfolg, hatte aber Vorteile am Boden (dort gewann das Team auch über 60 Prozent der Duelle). Der Freistoß von Sinani wurde halbwegs geklärt, Irvines Schuss wurde anschließend geblockt, aber ein Abblocken des folgenden Schusses von Pereira Lage wäre vermutlich gleichbedeutend mit dem Verlust von Gliedmaßen gewesen. Auf 118k m/h beschleunigte der rechte Fuß des 29-jährigen den Ball, der zwar zentral oben im FCU-Tor einschlug, den Unions Torwart Rønnow aber aufgrund der hohen Geschwindigkeit nicht abwehren konnte.

Was für ein Strahl der Treffer von Mathias Pereira Lage gewesen ist, Wahnsinn. Es war mit großem Abstand das ästhetische Highlight einer ansonsten extrem zähen Partie zwischen dem 1. FC Union Berlin und dem FC St. Pauli. // (Ronny Hartmann/Getty Images/via OneFootball)
Dieser Treffer fiel inmitten der besten Spielphase des FC St. Pauli. Zwischen der 20. und 40. Minute gelang es dem FCSP ganz gut, Union vom eigenen Tor fernzuhalten, das Chaos einigermaßen zu kontrollieren und nach Ballgewinnen einige Male einen ganz guten Zug zum gegnerischen Tor zu entwickeln. Das erste Problem: Trotz der besseren Spielanlage und vielversprechenden Ballgewinnen kam der FC St. Pauli bis zum Pausenpfiff nicht mehr zu Torabschlüssen. Das zweite Problem: Nach 40 Minuten war diese Phase dann auch leider schon wieder vorbei – und ich habe auch mehr als 24 Stunden nach Abpfiff immer noch keine Antwort darauf, wie dem FCSP dieses Spiel so aus der Hand gleiten konnte.
Denn nach Wiederanpfiff ging dann leider gar nichts mehr für den FC St. Pauli nach vorne. Da dürfte natürlich auch das recht schnelle Gegentor eine Rolle gespielt haben, welches natürlich aus einem Standard und natürlich per Kopf erzielt wurde. Blessin kritisierte im Anschluss, dass der FCSP in dieser Szene falsch positioniert gewesen sei. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Union gegen ALLE Bundesligisten extrem viel Torgefahr aus Standardsituationen erzeugen kann, die können das einfach richtig gut. Wichtiger wäre gewesen, solche Situationen seltener zuzulassen. Das gelang aber nicht. Unter anderem, weil der FC St. Pauli mit Anpfiff der zweiten Hälfte viel zu wenig Druck auf die gegnerische Innenverteidigung erzeugte, zu tief agierte – und weil man die eigentlich vorhandene Lösung im eigenen Spielaufbau nicht anwendete. Ich bin nicht ganz sicher, ob Union da etwas angepasst hat, aber es hat mich in der zweiten Halbzeit extrem geärgert, dass der FCSP nur ganz selten diese Viererkette im Aufbau zeigte, um Union dazu zu zwingen, tiefer zu fallen.
Und je länger Spiel das Spiel dauerte, umso deutlicher konnte der Eindruck gewonnen werden, dass sich der FC St. Pauli mit einem Punkt bei Union Berlin anfreunden kann, dass er das Risiko scheut, auf Sieg zu spielen. Darüber kann man sich ärgern, sehr sogar. Aber zweite Halbzeiten des FCSP in der Fremde sind in dieser Spielzeit leider alles andere als eine Stärke des Teams. Zu allem Überfluss holte sich Jackson Irvine noch kurz vor Schluss die Gelb-Rote Karte ab und wird dem Team kommende Woche fehlen. Wer auch fehlen wird ist Co-Trainer Peter Németh, der sich rund um den Platzverweis von Irvine noch die Rote Karte abholte. Das Spiel war zu diesem Zeitpunkt aber bereits quasi abgepfiffen, der FCSP war meilenweit davon entfernt, einen Treffer zu erzielen, Union aber ebenso, das Unentschieden war das einzig gerechte Ergebnis einer Partie, die insgesamt dann doch recht schwere Kost gewesen ist.
Die Gründe dafür sind vielfältig und müssen natürlich in Ruhe aufgearbeitet werden. Aber gerade jetzt bringt uns das nicht weiter. Wir müssen diese Situation so annehmen, wie sie ist und versuchen das Beste rauszuholen. Wir können uns verkriechen und rumjammern, dass es an Qualität auf dieser, jener und anderer Ebene fehlt, wir viel Pech haben, die Schiedsrichter doof sind, die Gegner stärker als in der Vorsaison und, und, und … – da gibt es viele Punkte, die richtig sind. Abstiegssorgen kommen aber nicht aufgrund eines einzelnen Problems zustande, sondern haben viele Mütter und Väter, genauso wie es auch bei sportlichem Erfolg der Fall ist. Rumjammern bringt uns deshalb jetzt gerade nicht weiter. Denn dadurch wird die Offensive des FC St. Pauli nicht plötzlich angezündet, der Kader nicht generalüberholt, das Konto nicht gefüllt, das Spielglück nicht herbeigeschworen und, und, und … – aktuell ist nicht die Zeit für große Analysen der Gesamtsituation. Wir müssen die Situation so annehmen, wie sie ist und versuchen, aus dieser das Maximum herauszuholen. Das klingt total nach Trainer-Sprech, aber so ist es einfach. Was haben wir davon, wenn festgestellt wird, dass der FC St. Pauli offensiv das schlechteste Team der Liga ist? Wissen wir, brauchen wir nicht noch weiter festzustellen. Die nächste Stufe wäre Häme aus den eigenen Reihen und die können wir nun wirklich nicht gebrauchen. Was es braucht: Dass wir alle gemeinsam den Widrigkeiten trotzen und alles für den Klassenerhalt geben.
Zurück zur sportlichen Situation: Ein Punkt ist ein Punkt, ja. Aber er ist zu wenig, um das Bayern-Spiel als Bonus zu betrachten. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit nicht sonderlich hoch ist, muss alles versucht werden, um auch in diesem Spiel zu punkten. Was tatsächlich Mut macht, ist die Situation des VfL Wolfsburg, denn der FC St. Pauli konnte den Abstand durch den Punktgewinn auf vier Zähler erhöhen. Nun sind es noch fünf Spiele (15 Punkte), bis die Wolfsburger am Millerntor zu Gast sein werden. Wolfsburg müsste es gelingen, in diesen fünf Partien acht Punkte mehr als der FCSP zu holen, andernfalls hat der FC St. Pauli an diesem 34. Spieltag mindestens ein Endspiel um den Relegationsplatz (ausgenommen den Fall, dass Heidenheim nun alles gewinnt). Es mag sich also, besonders nach solchen Spielen wie gegen Union, so anfühlen, als wenn der FCSP dem Abstieg entgegentaumelt. Aber dem ist nicht so, das Team hat noch alle Chancen.
Immer weiter vor!// Tim
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