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·22. Juni 2026

Ach, Hauke…

Artikelbild:Ach, Hauke…

Hauke Wahl verlässt den FC St. Pauli und wechselt nach Wolfsburg. Das hinterlässt einen bitteren Beigeschmack, aber es überwiegt Dankbarkeit.(Titelfoto: Stefan Groenveld)

Nein, in St.-Pauli-Bettwäsche hat er als Kind nicht geschlafen. Der in der Nähe von Hamburg aufgewachsene Hauke Wahl drückte in seiner Kindheit einem anderen Club aus Hamburg die Daumen. Das hat er uns im Sommer 2024 erzählt, als er bei uns im Podcast zu Gast war, der am Ende gar kein Podcast wurde, weil die Aufnahme leider nicht geklappt hat. Dafür konnten damals immerhin 120 Leute live dabei sein und werden sich womöglich nun zum Abschied gerne an diesen Abend erinnern. Ich erinnere mich jedenfalls immer sehr gerne daran, dass er erzählte, seine Frau und er würden vor jedem Spiel nach dem Frühstück (egal ob auswärts oder am Millerntor) immer gemeinsam ein Lied aus der Kurve singen.


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Leistungsträger und Führungsspieler

Hauke Wahl ist in seiner Karriere schon deutlich mehr rumgekommen, als man aufgrund der Stationen Kiel und St. Pauli vermuten könnte. Aufgewachsen östlich von Hamburg, zog es ihn 2010 nach Dresden, wo er (wie er uns erzählte) eine nicht wirklich leichte Zeit hatte. 2012 ging es zur U19 von Kiel, wo er es zum Profi schaffte. Nach einer guten Saison in Paderborn ging es für ihn nach Ingolstadt, wo er dann nicht wirklich Fuß fassen konnte und gen Heidenheim weiterzog. Auch dort lief es eher mittelmäßig, es zog ihn 2018 zurück nach Kiel. Dort entwickelte er sich dann zu dem Spieler, der er auch in seiner Zeit beim FC St. Pauli war: Ein extrem smarter Innenverteidiger, der damit vermeintlich körperliche Nachteile wettmachte und dank seiner Passsicherheit auch ziemlich viele Impulse für das Offensivspiel seiner Teams setzen konnte. Als es für ihn nach fünf Jahren in Kiel dann zum FC St. Pauli ging, war seine Rolle völlig klar: Hauke Wahl sollte nicht nur leistungsmäßig vorangehen, sondern auch die Rolle eines Führungsspielers übernehmen.

Beides gelang ihm. Hauke Wahl ist eines der Gesichter des Erfolgs beim FC St. Pauli. Mit ihm als Stamm-Innenverteidiger stieg der FCSP in die Bundesliga auf. Und in der Bundesliga war er nicht weniger als DER Leistungsträger, der dafür sorgte, dass man dank der zweitbesten Defensive der Liga den Klassenerhalt schaffte. Neben den sportlichen Leistungen war Wahl auch ein Führungsspieler im Team, stand im Mannschaftsrat und ging auch verbal voran. Erinnert sei hierbei daran, dass es Hauke Wahl war, der Anfang der Saison 25/26 nach sieben Punkten zum Auftakt den Mahner gab und darauf verwies, dass man nicht so stabil sei wie in der Vorsaison. Leider sollte er Recht behalten.

Mehr als ein Arbeitgeber

Neben dem Platz machte Hauke Wahl den Eindruck, dass er beim FC St. Pauli eine Heimat gefunden habe. Sein Vertrag wurde vor gar nicht so langer Zeit verlängert (weshalb der FCSP nun auch eine signifikante Ablöse einstreicht) und wenn er mal nicht auf dem Rasen stand, was wirklich selten passierte, dann erlebte er den FC St. Pauli, so wie viele von uns es auch tun. Nach dem Heimsieg letzte Saison gegen Stuttgart erklärte er: „Ich habe es gegen Stuttgart erlebt, da war ich auf der Tribüne. Das war für mich ungewohnt, aber was die Jungs auf den Platz gebracht haben, war einfach so geil, dass der Funke übergesprungen ist. Und wenn der Funke überspringt, dann ist das geil. Ich bin nach dem Spiel nach Hause gekommen und war heiser, weil ich gefühlt jedes Lied mitgesungen habe, weil es einfach so Bock gemacht hat. Ich habe danach zu meiner Familie gesagt: Das will ich später machen. Mit meiner Familie hierherkommen, solche Spiele erleben, mit so einem Glücksgefühl nach Hause gehen.“Leistungsträger des Teams, Führungsspieler, in Hamburg zu Hause, gerne am Millerntor, Lieder vor den Spielen singen – eigentlich war alles bereitet, um beim FCSP die Karriere zu beenden. Oder Hauke?

Es kommt nun anders. Hauke Wahl wechselt zum VfL Wolfsburg, tauscht den FC St. Pauli gegen Plastik ein. Einmal mehr wird deutlich, dass im Profifußball wenig bis gar kein Platz für Romantik ist. Die eigentlich perfekte Beziehung zwischen dem FC St. Pauli und Hauke Wahl endet nicht so, wie es sich für einen solch verdienten Spieler gehörte, wenn die Romantik ausnahmsweise mal gewinnen würde: Mit einer Ehrenrunde am Millerntor nach dem letzten Spiel, einem ebenso schönen wie tränenreichen und dadurch angemessenen Abschied. Stattdessen wird Hauke zwar mindestens kommende Saison noch am Millerntor spielen, aber eben als Teil des Gegners. Das fühlt sich richtig scheiße an.

Artikelbild:Ach, Hauke…

Hauke Wahl und der FC St. Pauli – das schien die perfekte Beziehung zu sein. Die aber leider jetzt (vorerst) endet.

(c) Stefan Groenveld

Ist es „Geld oder Liebe“?

Dass dieser Wechsel nicht so gut ankommt, ist verständlich. Aber es ist natürlich auch verständlich, dass ein 32-jähriger Spieler, dessen Karriere bereits auf die Zielgerade eingebogen ist, bei finanziell lukrativen Angeboten genauer hinhört oder, so wie nun geschehen, so eines annimmt. Auch wenn viele Fans das nicht nachvollziehen können, so passiert doch genau das immer wieder. Ist es ihm zu verübeln, dass er diesen Schritt geht? Es tut weh, keine Frage. Aber wenn tief durchgeatmet und die Romantik kurz hinterrücks gekillt wird, dann kann vielleicht zumindest etwas Verständnis aufkommen für diesen Wechsel. Vielleicht gibt es ja auch weitere Gründe für diesen Schritt, welche, die nicht den Weg in die Öffentlichkeit finden, keine Ahnung. Ich jedenfalls schätze Hauke Wahl nicht so ein, dass all die warmen Worte von ihm über den FC St. Pauli nur leere Worthülsen gewesen sind. Wer sagt denn, dass er aufgrund des Wechsels nun nicht mehr mit seiner Familie am Millerntor weilen möchte nach dem Karriereende? Das eine schließt das andere nicht aus, auch wenn es sich gerade so anfühlen mag.

Zwickmühle

Was diesem Wechsel leider noch eine weitere bittere Note gibt: Der VfL Wolfsburg machte das Angebot bereits während der letzten Saison, als beide Clubs noch Konkurrenten um den Klassenerhalt waren. Wir hatten da Späße drüber gemacht, aber es war tatsächlich etwas dahinter. Das ist natürlich eine der Perversionen dieses Sports, dass Du über so einen Weg versuchen kannst, auf die Konkurrenz negativ Einfluss zu nehmen, indem Du einen Molotow-Cocktail in Form eines unmoralischen Angebots zum Konkurrenten rüberwirfst.

Welchen Einfluss hat das gehabt? Natürlich ist das Angebot für Wahl finanziell (noch) lukrativer gewesen, wenn Wolfsburg in der Bundesliga geblieben wäre. Damit war auch klar, dass ein Klassenerhalt des FCSP eine Verschlechterung des Angebots für Wahl bedeutet hätte (was er dann ja vielleicht aber auch nicht angenommen hätte). Eine klassische Zwickmühle, keine Frage. Aber wie viel Einfluss hatte das nun wirklich? Leistungsmäßig wohl eher wenig. Hauke hat sowieso nicht die beste Saison gespielt, ein Leistungsabfall gegen Saisonende war bei ihm vorhanden, aber auch beim restlichen Team. Ausschließen kann man es natürlich nicht, denn mir kann niemand erzählen, dass so etwas nicht im Kopf herumschwirrt. Aber basierend auf den vielen positiven Eindrücken von ihm aus den letzten drei Jahren: Würdet ihr wirklich erwarten, dass Hauke Wahl aufgrund dieser Situation bewusst nachlässt, weniger gibt für den FC St. Pauli als zuvor? Ausschließen kann und möchte ich natürlich nichts, aber das ist dann doch ziemlich schwer vorstellbar.

Alles Gute, Hauke!

So oder so, die tolle gemeinsame Zeit des FC St. Pauli und Hauke Wahl endet. Danke für diese wundervollen Jahre, Hauke. Danke dafür, dass Du den FCSP in die Bundesliga gebracht hast. Danke für ehrliche Gesprächsrunden. Dafür, dass Du es geschafft hast, eine Verbindung zu sein zwischen Fans und Team. Dafür, dass sich Profifußball etwas weniger weit weg von uns anfühlte, als er es in Wirklichkeit ist (ja, ich weiß, das wurde nun wieder überdeutlich).

Lieber Hauke, wenngleich Du ab sofort Konkurrent bist und wirklich bei einem der schlimmsten Konstrukte des deutschen Fußballs anheuerst: Alles Gute und viel Erfolg für Deine Zukunft. Wir sehen uns am Millerntor wieder. Hoffentlich auch nach Deiner Profikarriere. You’ll Never Walk Alone!

// Tim

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