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·20. Mai 2026
Alleingänger oder Stolperstein? Die deutschen WM-Gruppengegner in der Analyse

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Die WM 2026 steht kurz bevor und in weniger als vier Wochen wird auch die DFB-Elf in das Turnier starten. Nach zwei Ausscheidungen in der Gruppenphase wird das Team von Julian Nagelsmann alles dafür tun eine solche Blamage nicht zu wiederholen, doch mit wie viel Widerstand wird dabei zu rechnen sein?
Der erste deutsche Gruppengegner am 14. Juni heißt Curaçao. Der karibische Inselstaat Curaçao ist ein unabhängiges Bundesland des niederländischen Königreiches und der kleinste Teilnehmer einer Weltmeisterschaft jemals mit einer Fläche von 444 Quadratkilometern. Die Teilnahme des WM-Neulings wird stark begünstigt durch die Aufstockung auf 48 Mannschaften in der Endrunde. Die "Blue Wave" genannte Nationalmannschaft setzte sich in der Qualifikation gegen Jamaika, Trinidad und Tobago und Bermuda durch. Dabei sind die Jamaikaner die einzig ernstzunehmende Konkurrenz. Sie scheiterten in den Play-offs allerdings an der Demokratischen Republik Kongo.
Noch vor dem Turnier gab es bei den Mittelamerikanern Wirbel auf der Trainerposition. Trainer Dick Advocaat, der unter anderem schon die Glasgow Rangers, Gladbach, PSV Eindhoven, Feyenoord Rotterdam, Südkorea, Belgien und die Niederlande trainiert hat, betreute Curaçao seit 2024 und qualifizierte sich mit ihnen für die bedeutendste internationale Bühne. Aufgrund einer schweren Erkrankung seiner Tochter trat der Niederländer jedoch zurück und wurde durch Fred Rutten ersetzt. Rutten verlor seine einzigen zwei Testspiele und sowohl der Hauptsponsor als auch Teile der Mannschaft forderten eine Rückkehr von Advocaat für die WM, dessen Tochter sich mittlerweile wieder in einem stabilen Gesundheitszustand befindet. Aufgrund von Protesten zog sich Rutten zurück und Advocaat hat vor etwa einer Woche wieder übernommen und wird das Team während der Weltmeisterschaft leiten. Mehr dazu in diesem Artikel.
Curaçao profitiert fussballerisch von der Verknüpfung mit der Niederlande. Viele Spieler mit doppelter Staatsbürgerschaft befinden sich im Kader, darunter auch vier ehemalige Bundesligaprofis. Riechedly Bazoer (VfL Wolfsburg), Joshua Brenet (TSG Hoffenheim), Jürgen Locadia (TSG Hoffenheim / VfL Bochum) und Tahith Chong (Werder Bremen) haben alle im deutschen Oberhaus gekickt. Gerade Chong galt zu seiner United-Zeit als großes Talent, mittlerweile spielt der 26-Jährige bei Sheffield United. Weitere bemerkenswerte Spieler sind Armando Obispo, Innenverteidiger bei PSV Eindhoven, Sontje Hansen, Flügelspieler bei Middlesbrough und Juninho Bacuna, Mittelfeldspieler bei Volendam und Bruder des Kapitäns Leandro Bacuna. Toptorschütze in der Qualifikation war Gervane Kastaneer (Terengganu FC) mit fünf Treffern. Curaçaos Stärken liegen vor allem in der Defensive, in vier von sechs Qualifikationsspielen blieben sie ohne Gegentor. Deutschland trifft bei dieser WM zum ersten Mal auf Curaçao. Die Elf von Nagelsmann sollte ihren ersten Gruppengegner auf keinen Fall unterschätzen. Alles andere als ein Sieg wäre dennoch eine Riesenenttäuschung, immerhin ist der deutsche Kader im Gesamtmarktwert um das 25-Fache wertvoller.
Der zweite Gruppengegner ist vermeintlich der schwierigste. Die Elfenbeinküste, Afrika-Cup-Sieger von 2024, setzte sich in der Qualifikation gegen Gabun durch und konnte direkt in die WM-Endrunde einziehen. Beachtlich an der Qualifikation ist vor allem die Tatsache, dass die Ivorer ohne Gegentor geblieben sind. Mit einem Torverhältnis von 25 zu null und 26 von 30 möglichen Punkten qualifiziert sich die Mannschaft um Trainer Emerse Faé souverän. Zu viel Wert sollte jedoch nicht auf diese Zahlen gelegt werden. Mit Gabun, Gambia, Kenia, Burundi und den Seychellen waren die Gegner nicht unbedingt von der schweren Sorte. Von den 25 erzielten Treffern wurden außerdem 16 gegen die Seychellen erzielt, die ohne Punkte und mit einem Torverhältnis von zwei zu 53 Treffern ausgeschieden sind. Somit bleiben neun erzielte Treffer in acht Spielen.
Was dennoch beachtlich bleibt, ist die Defensive. Mit Evan N'Dicka und Odilon Kossounou bilden wahrscheinlich zwei ehemalige Bundesligaprofis die Innenverteidigung. Ousmande Diomandé, Toptalent bei Sporting Lissabon und Emmanuel Agbadou von Besiktas lauern aber nicht weit dahinter. Auch im Kampf um die Position des Rechtsverteidigers stehen zwei starke Profis zur Auswahl. Guéla Doué von Conference-League-Finalist Strasbourg und Wilfried Singo von Galatasaray Istanbul sind die Kandidaten. In den Auftritten beim Afrika-Cup hatte Doué die Nase vorn. Hinzu kommt brutale Defensivqualität im zentralen Mittelfeld. Angeführt wird das Zentrum von Kapitän Franck Kessié (Al-Ahli SFC), der mit Ibrahim Sangaré (Nottingham Forest), Seko Fofana (FC Porto), Christ Inao Oulaï (Trabzonspor) und Jean Seri (NK Maribor) vier mögliche Partner hat. Schwer zu sagen, wer hier startet, weil Trainer Faé zwischen einem 4-4-2 und einem 4-3-3 rotiert, in der K.o.-Phase des Afrika-Cups im Januar starteten der 20-Jährige Oulaï und Sangaré in einem Dreiermittelfeld.
In der Offensive liegt die Qualität insbesondere auf den Flügeln. Amad Diallo (Manchester United), Nicolas Pépé (FC Villarreal) und Simon Adingra (AS Monaco) konkurrieren mit den Bundesliga-Shootingstars Yan Diomande (RB Leipzig) und Bazoumana Touré (TSG Hoffenheim). Die wahrscheinlichste Konstellation ist eine Flügelzange aus Amad und Diomande. Das Sturmzentrum wurde zumeist von Evann Guessand (Aston Villa) bespielt. Dahinter könnte sich Frankfurt-Flop Elye Wahi Jokereinsätze erhoffen. Bei OGC Nizza konnte er in der Rückrunde fünf Treffer und eine Vorlage in 14 Spielen verbuchen.
Die Ivorer präsentierten sich in zwei Testspielen gegen Südkorea und Schottland gut in Form. Sie konnten beide Spiele gewinnen: gegen Südkorea gelang ein 4:0, gegen Schottland ein 1:0. Auch hier kassierten sie also kein Gegentor. Diese Defensivaufgabe wird für die DFB-Elf schwer zu knacken sein. Sie zeigten sich oft schwerfällig gegen tiefstehende Gegner und gleichzeitig anfällig für Konter, beispielsweise bei der 0:2-Auftaktniederlage in der WM-Qualifikation gegen die Slowakei oder im 4:3-Testspielsieg über die Schweiz. Gerade die Konteranfälligkeit könnte von der kompakten Defensive und der pfeilschnellen Offensive à la Diomande und Amad ausgenutzt werden. Auch auf die Elfenbeinküste traf Deutschland bisher in keinem Pflichtspiel. Im Jahr 2009 fand ein Testspiel statt, welches 2:2 ausging. Durch ein spätes schnürte Lukas Podolski damals einen Doppelpack und rettete ein Unentschieden.
Zu guter Letzt trifft Deutschland am 25. Juni auf Ecuador. Die Südamerikaner spielten ebenso wie Curaçao und die Elfenbeinküste eine überzeugende Qualifikation. Die Mannschaft um Trainer Sebastián Beccacece traf jedoch auf deutlich schwerere Gegner. Bei der südamerikanischen Qualifikation trafen alle zehn Mitglieder des CONMEBOL-Verbandes aufeinander. Ecuador belegte den zweiten Platz hinter Argentinien, aber vor Mannschaften wie Brasilien, Kolumbien und Uruguay. Sie verloren dabei nur zwei Spiele, ein 0:1 gegen den amtierenden Weltmeister Argentinien und ein 0:1 gegen Brasilien. In 18 Spielen kassierten sie gerade einmal fünf Gegentore, erzielten allerdings selbst auch nur 14. Achtmal spielten sie 0:0, ein Vorgeschmack auf eine weitere Defensivaufgabe für die deutsche Nationalmannschaft.
Wenig überraschend liegen die Kaderstärken im Defensivbereich. Mit Piero Hincapié (FC Arsenal) und Willian Pacho (Paris Saint-Germain) ist die Abwehr mit zwei Champions-League-Finalisten und ehemaligen Bundesligaprofis besetzt. Während Hincapié die linke Außenverteidigung übernimmt, wird Pacho im Zentrum von Joel Ordóñez unterstützt, einem vielversprechenden Talent vom Club Brügge. Davor hält der wertvollste Spieler des Kaders die Bälle von seiner Abwehr fern. Moisés Caicedo ist mit einem Marktwert von 110 Millionen Euro laut "Transfermarkt.de" der absolute Topstar dieser Mannschaft und gilt als weltklässe Abräumer im Mittelfeld. Außerdem bemerkenswert sind das Talent Kendry Páez (FC Chelsea, ausgeliehen an River Plate) und Urgestein Enner Valencia (CF Pachuca), der mit 36 Jahren im Sturmzentrum als Kapitän vorangeht.
Die Offensive ist das klare Manko dieser Mannschaft. Zwar knipst Valencia weiterhin und erzielte in der Qualifikation sechs von 14 Treffern, hinter ihm wird es aber dünn. Gonzalo Plata (Flamengo Rio de Janeiro), Kevin Rodríguez (Union SG) und John Yeboah (FC Venezia) sind weitere vielversprechende Offensivakteure, bei den Südamerikanern fehlt es aber vor allem an Tempo und Entschlossenheit. Das zeigte sich unter anderem im Testspiel gegen die Niederlande. Die Elf von Ronald Koeman ging früh durch ein Eigentor in Führung, musste aber durch eine Rote Karte von Denzel Dumfries ab der 17. Spielminute zu zehnt agieren. Trotz Überzahl und 16 Schüssen sowie 2,06 xG gelang den Ecuadorianern nur ein 1:1-Remis. Ihr zweites März-Testspiel gegen Marokko endete ebenfalls 1:1.
Deutschland muss hier also höllisch aufpassen, sich am Defensivbollwerk nicht die Zähne auszubeißen. Die Kontergefahr ist jedoch nicht so ausgeprägt wie bei der Elfenbeinküste. Dennoch werden die Südamerikaner tief stehen und der Nagelsmann-Elf kaum Räume anbieten. Das bisher einzige Aufeinandertreffen bei einer WM könnte ein positives Omen sein. 2006 konnte die DFB-Elf unter Jürgen Klinsmann mit einem 3:0-Sieg den Gruppensieg eintüten. Damals traf Klose doppelt und Lukas Podolski machte den Deckel drauf.
Die größte Gefahr für die deutsche Nationalmannschaft bei dieser Gruppe liegt wohl darin, sie zu unterschätzen. Gegen Curaçao sollte die deutsche Nationalmannschaft mit einem Pflichtsieg in das Turnier starten. Sowohl die Elfenbeinküste als auch Ecuador sind jedoch Mannschaften, welche die deutschen Schwächen ausnutzen könnten. Gerade die Elfenbeinküste birgt Stolpergefahr, gleichzeitig gehörte ein Ausrutscher in der Gruppenphase bei guten deutschen Turnierleistungen oft zum guten Ton. Durch die Regelung, dass acht von zwölf Gruppendritten ebenfalls in die K.o.-Phase einziehen, ist ein Ausscheiden in der Gruppenphase auch bei schlechter Leistung höchst unwahrscheinlich.
Bei einem potenziellen Gruppensieg würden sie einem Gruppendritten aus potenziell fünf Gruppen gegenüberstehen. Werden sie zweiter treffen sie auf den Zweitplatzierten der Gruppe I. Diese Gruppe besteht aus Frankreich, Senegal, Norwegen und dem Irak. Eine Drittplatzierung hätte den Gruppensieger aus Gruppe A, B, L oder K als Gegner zur Folge. Die vermeintlich schwersten Aufeinandertreffen, die dabei bevorstehen könnten, wären Portugal oder England. Somit ist die Hoffnung groß, eine Blamage wie 2018 und 2022 zu verhindern. Nagelsmann kündigte nach dem bitteren Ausscheiden in der Heim-EM gegen Spanien das Ziel an, Weltmeister werden zu wollen. Eine Ansage, die mittlerweile sehr hochgesteckt wirkt. Die DFB-Elf lässt seit der euphorischen EM Tempo und Stabilität missen. Dennoch ist es ein K.o.-Turnier, in dem alles möglich ist und Deutschland hält weiterhin den Ruf einer Mannschaft inne, die bei großen Turnieren zu Leistungssteigerungen fähig ist.
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