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·31. Januar 2026

Analyse: Woran Jens Härtel in Aue gescheitert ist

Artikelbild:Analyse: Woran Jens Härtel in Aue gescheitert ist

Nach etwas mehr als einem Jahr endete die Amtszeit von Trainer Jens Härtel beim FC Erzgebirge genau da, wo sie begonnen hatte: im Eilenriedestadion von Hannover. liga3-online.de analysiert, woran der 56-Jährige gescheitert ist.

Bilanz

Immer wieder hatten die Verantwortlichen dem 56-Jährigen in den letzten Monaten das Vertrauen ausgesprochen – daran änderte sich auch nichts, als im November ein neuer Vorstand gewählt wurde. Doch nach der 1:3-Niederlage beim TSV Havelse ist für Härtel nun Schluss. Zwar attestierte Sport-Geschäftsführer Michael Tarnat dem 56-Jährigen in der Pressemitteilung zur Freistellung "großes Engagement, akribisches Arbeiten, immensen Fleiß und fachlich sehr gute Arbeit bei der Einstellung auf den jeweiligen Gegner". Dennoch blieben die Erfolge zuletzt aus. "Und das ist das größte Problem."


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Die Bilanz unter dem früheren Aufstiegstrainer von Rostock und Magdeburg liest sich ernüchternd bis desaströs. Nur elf der 41 Ligaspiele unter Härtel konnte Aue gewinnen, hinzukommen zehn Unentschieden. Zusammengerechnet sind das lediglich 43 Zähler und ein Punkteschnitt von 1,05. Oder mit anderen Worten: Es ist die Bilanz eines Absteigers.

Keine Entwicklung

Als Härtel im Januar 2025 als Nachfolger von Pavel Dotchev geholt wurde, belegte Aue den siebten Tabellenplatz – bei nur drei Zählern Rückstand auf den Relegationsplatz. Zwar wurde der Aufstieg nicht als Ziel ausgerufen, doch zumindest mittelfristig sollte Härtel die Veilchen zurück in die 2. Bundesliga bringen. Schließlich war ihm das zuvor bereits mit dem 1. FC Magdeburg und Hansa Rostock gelungen. Doch anstatt oben mitzuspielen, fanden sich die Veilchen schnell im Abstiegskampf wieder, kamen aus diesem bis zum Saisonende auch nicht mehr heraus und hatten den Klassenerhalt erst Anfang Mai sicher.

In dieser Saison sollte alles besser werden, sodass der Umbruch im Sommer etwas größer ausfiel als geplant. Doch schon seit dem Start der Spielzeit steckt Aue unten fest. Der einzige Ausreißer nach oben war Tabellenplatz zehn am 3. Spieltag – nach einem Heimsieg gegen Havelse. Ansonsten stand der FCE entweder knapp über oder knapp unter dem Abstiegsstrich. Viel zu wenig für die Ansprüche des langjährigen Zweitligisten. "Bei allem Bemühen um Kontinuität und Geduld ist nicht wegzudiskutieren, dass wir seit einem Jahr unseren eigenen Ansprüchen und Erwartungen hinterherhinken", sagte Präsident Thomas Schlesinger in der Pressemitteilung zur Trennung von Härtel.

Fehlende individuelle Qualität

Dass sich die Bilanz des 56-Jährigen ernüchternd liest und in den letzten Monaten auch keine Entwicklung stattgefunden hat, ist aber auch auf die fehlende individuelle Qualität des Kaders zurückzuführen. Das beste Beispiel dafür ist die schwache Offensive sowie die fehlende Effektivität. Von den 394 Schüssen, die Aue in der bisherigen Saison abgab, landeten gerade mal 25 im Tor, was einer Quote von lediglich 6,3 Prozent entspricht. Damit bewegt sich Aue weit unter dem Liga-Schnitt von 8,2 Prozent. Zum Vergleich: Cottbus, das die beste Chancenverwertung aufweist, kommt auf 11,1 Prozent. Unterboten wird der FCE nur von Schlusslicht Schweinfurt (19 Treffer). Gegen Havelse ließ der FCE am Freitagabend mehrfach den zweiten Treffer liegen, schon gegen Rostock und Ulm waren die Veilchen zu fahrig mit ihren Chancen umgegangen – und kassierten prompt die Quittung.

Womöglich hätte es dennoch zu Punkten gereicht, wenn Aue nicht so dilettantisch verteidigt hätte wie gegen Havelse. Vor allem beim ersten Gegentreffer zeigte sich die fehlende individuelle Qualität deutlich, waren doch gleich acht Auer nicht imstande, den Ball zu klären. Zudem hatte Paldino beim 1:2 viel zu viel Platz. Härtel sprach im Nachgang von "Kinderfußball", Kapitän Martin Männel bezeichnete das Abwehrverhalten gar als "naiv". Schon gegen Ulm sah der FCE bei den Gegentoren nicht gut aus.

Personalentscheidungen

Auch, weil Torhüter Luis Lord beim 0:1 gravierend gepatzt hatte. Erst mit Beginn der Rückrunde hatte Härtel den 22-Jährigen anstelle von Kapitän und Vereinsikone Martin Männel zur Nummer 1 befördert – und damit eine unnötige Baustelle gemacht. Zwar hatte Lord zum Ende der Rückrunde, als Männel verletzt war, mit starken Leistungen auf sich aufmerksam gemacht. Zudem war Männel erst während der Winter-Vorbereitung wieder ins Training eingestiegen und konnte auch kein Testspiel bestreiten. Dennoch war es ein Fehler, den 37-Jährigen auf die Bank zu setzen.

Nicht wegen seiner Verdienste um den Verein, dem er seit 2008 angehört, sondern vor allem wegen seiner Erfahrung aus fast 600 (!) Spielen für den FCE und seiner Ausstrahlung auf dem Platz. Und Lord dann direkt nach dem ersten Patzer wieder auf die Bank zu setzen, zeugte nicht gerade vom Vertrauen in den 22-Jährigen. Zwar hat Härtel erkannt, dass der Torwartwechsel ein Fehler war und bewies Größe, diesen schnell zu korrigieren. Dennoch hätte diese Baustelle erst gar nicht aufgemacht werden dürfen. Einen fitten Männel setzt man einfach nicht auf die Bank.

Verletztensituation

Zur schwachen Bilanz unter Härtel trug auch die Verletztenmisere bei, die den 56-Jährigen während seiner kompletten Amtszeit begleitet hat. In kaum einem Spiel konnte die bestmögliche Elf aufgeboten werden. Vor allem der Ausfall von Marcel Bär traf die Veilchen schwer, war er in der letzten Saison mit elf Treffern doch der Top-Torjäger – und das in nur 27 Spielen. Seit Anfang November ist der Angreifer zwar zurück, hat bislang aber noch nicht wieder zu alter Stärke zurückgefunden. Das zeigte sich auch gegen Havelse, als er kurz nach der Pause das leere Tor nicht traf.

Auch die anderen beiden Stürmer Maximilian Schmid und Ricky Bornschein fielen zwischenzeitlich aus, sodass Aue zeitweise ohne echte Angreifer auskommen musste. Auf der linken Abwehrseite klaffte nach den Ausfällen von Moritz Seiffert und Jamilu Collins für einige Zeit ebenfalls ein Loch. Schon länger verletzt sind Maxim Burghardt und Can Özkan, der in eineinhalb Jahren lediglich für eine Minute zum Einsatz kam. Seitdem fällt er mit einem Kreuzbandriss und Meniskusriss aus. Gegen Havelse fehlten außerdem Erik Majetschak und Julian Günther-Schmidt.

Kaderplanung

Eine derart hohe Anzahl von Ausfällen kann zwar kein Drittligist kompensieren, gleichwohl hätte eine Kaderplanung mit mehr Weitsicht womöglich das eine oder andere Problem lösen können. Zu Saisonbeginn stand mit Moritz Seiffert zunächst nur ein Linksverteidiger im Kader. Dennoch verzichtete Sportchef Matthias Heidrich darauf, bis zum Ende der Transferperiode einen weiteren Abwehrspieler für die linke Seite zu holen – auch, weil mehrere Probespieler durchs Raster fielen. Erst als sich Seiffert verletzte, wurde mit der Verpflichtung von Collins gehandelt.

Auch im Angriff zeichnete sich bereits in der Schlussphase der vergangenen Saison ab, dass dieser nach der Bär-Verletzung mit Schmid und Bornschein zu dünn besetzt ist. Jedoch wurde auf die Verpflichtung eines weiteren Stürmers ebenfalls verzichtet. Auch Michael Tarnat hat es bislang nicht geschafft, den Kader zu verstärken – sowohl in der Spitze als auch der Breite. Zwar haben die Veilchen unter der Woche mit Vincent Ocansey einen neuen Stürmer verpflichtet, doch dieser war in der Vergangenheit nicht mal in der Regionalliga als Torjäger in Erscheinung getreten. Bis zum Transferschluss am Montagabend muss sich definitiv noch etwas tun.

Fazit

Jens Härtels Amtszeit beim FC Erzgebirge Aue endet nach etwas mehr als einem Jahr mit einer enttäuschenden Bilanz. Die Kombination aus schwacher Chancenverwertung, defensiver Anfälligkeit, Verletzungsproblemen und fehlender Kaderbreite machte es dem Trainer schwer, nachhaltigen Erfolg zu erzielen. Trotz seines Engagements und fachlicher Qualitäten konnten die Veilchen die eigenen Ansprüche nicht erfüllen. Letztlich war der Schritt zur Trennung unvermeidlich – das Kapitel Härtel ist damit beendet, und der Verein muss nun den Turnaround mit neuen Impulsen einleiten.

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