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·20. Januar 2026
Belgisches Fußballmärchen? Das ist Royale Union Saint-Gilloise – der nächste Gegner des FC Bayern

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Der FC Bayern München trifft am Mittwochabend in der Champions League auf Royale Union Saint-Gilloise. Ein Miasanrot-Leser stellt die Belgier vor.
Dieser Artikel wurde von Miasanrot-Leser „DieNummerVier“ geschrieben.
Vor einiger Zeit hat es mich beruflich nach Brüssel verschlagen. Der lokale Fußball hat mich zunächst nicht besonders interessiert, bis mir vor ein paar Jahren ein Freund so lange von der tollen Stimmung bei seinem Lieblingsverein, mit dem er schon durch die Niederungen der dritten Liga gegangen ist, vorgeschwärmt hatte, dass ich mich eines Tages mit ihm auf die Stehtribüne gestellt habe. Union Saint-Gilloise war in der zweiten Liga. Das Spiel haben wir nicht gewonnen, aber die Atmosphäre hat mir gut gefallen. So beschloss ich, das künftig öfter zu machen. Das war im Januar 2020.
Es kamen zunächst keine weiteren Stadionbesuche, sondern Covid-19. Die Rückkehr der Royale Union Saint-Gilloise in die Erstklassigkeit nach 48 (!) Jahren fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Gefeiert wurde trotzdem, und ich besorgte mir eine Dauerkarte für die Stehplatztribüne. Wer weiß, vielleicht würden wir ja sogar die Klasse halten können? Die Wahrscheinlichkeit, dass mein neuer belgischer Lieblingsklub eines Tages auf meinen deutschen Herzensverein treffen würde, war ungefähr so hoch wie die einer deutschen Meisterschaft von Schalke 04. Aber die Wege der Fußballgötter sind unergründlich.
Von den folgenden viereinhalb verrückten Jahren, der Geschichte des Vereins, dem Umfeld und von der bisherigen Saison möchte ich gerne erzählen – und zuletzt auch eine knappe Vorschau auf das Spiel beim FCB geben.
Royale Union Saint-Gilloise ist ein Traditionsverein – gegründet 1897, ist der Klub das zehnte eingetragene Mitglied des belgischen Fußballverbands („Matricule 10“). Aber nicht nur das: Bis in die 30er Jahre hinein war Union der erfolgreichste Verein im Königreich, vor allem vor dem Ersten Weltkrieg. Von 1904 bis 1935 holte man elfmal die Meisterschaft und zweimal den Pokal. In den 30er Jahren gelang dabei eine Serie von 60 Spielen ohne Niederlage – der legendäre Erfolg wird heute noch auf Fanartikeln gefeiert („Union Soixante“).
Nach 1935 war es aber vorbei mit der Herrlichkeit. 1949 stieg Union erstmals aus der ersten Liga ab; in den 60er Jahren sollten zwei weitere Abstiege folgen. Nach dem Abstieg 1973 schließlich begann eine lange Durststrecke: Die folgenden Jahrzehnte verbrachte Union mehr in der dritten als in der zweiten Liga, für zwei Jahre ging es sogar in die vierte Division. 2015 gelang der Aufstieg in die zweite Liga.
Der Name kommt übrigens von der Brüsseler Gemeinde Saint-Gilles. Die belgische Hauptstadt besteht aus 19 eigenständigen Gemeinden, unter denen Brüssel (französisch: Bruxelles, niederländisch: Brussel) nur eine ist. Union Saint-Gilloise ist ein Vereinsname wie Schalke 04 oder Chelsea FC.
Man sollte sich also nicht täuschen lassen, wenn in den Medien von einem Brüsseler Vorstadtclub die Rede ist. Saint-Gilles liegt durchaus mitten in der Stadt. Und da wir gerade beim Gscheithaferln sind: Man spielt gegen Saint-Gilles oder gegen die Union Saint-Gilloise. Letzteres ist der Genitiv. Zu sagen, man spielt gegen Saint-Gilloise, ist so, als würde man sagen, man spielt gegen „Hamburger“ oder „Karlsruher“ (außer man meint den Plural).
Wie bei allen Fußballvereinen geht es in erster Linie um den sportlichen Erfolg. In der Fanszene von Union werden zudem politische Werte hochgehalten: Auf zahlreichen Aufklebern, in der Stadt, auf Bannern und anderen Fanartikeln steht der Spruch „Toute ma vie unioniste, toute ma vie antifasciste“ (Französisch: „Mein Leben lang Unionist, mein Leben lang Antifaschist“). Auch finden sich Aufkleber mit der Parole „Niemand is illegaal“ (niederländisch: „Niemand ist illegal“). Im Stadion prangt in den Farben des Vereins, Gelb und Blau, der Slogan „Love Football – Hate Racism“).
Mir gefällt es, und ich fühle mich im Union-Ambiente deswegen wohl. Sicher geht es auch hier vielen nur um den Fußball, aber die Grundstimmung ist offen, freundlich, tolerant, entspannt und vor allem feierfreudig. Dass es ganz anders zugehen kann, dafür gibt es auch in Belgien unrühmliche Beispiele.
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Die Erwartungshaltung nach dem Aufstieg war, im günstigsten Fall nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben. Doch von Anfang an entwickelte sich eine Dynamik, die – trotz massiver jährlicher Personalwechsel bei Spielern wie auch Trainern – nicht abzunehmen scheint.
Auf den Tribünen und in den Straßen ums Stadion sah man erstaunlicherweise einige Trikots des SV Meppen. Dort (damals Dritte Liga) hatte Union einen gewissen Deniz Undav ausfindig gemacht. Er wurde in Brüssel in die passende Form für einen professionellen Sportler gebracht und lieferte eine beeindruckende Saison ab (Torschützenkönig mit 26 Treffern).
Er war natürlich Publikumsliebling. Sensationell wurde Union Herbstmeister der regulären Saison – in Belgien spielen 16 Mannschaften in Hin- und Rückspiel gegeneinander, danach gibt es drei Play-off-Gruppen. In der Saison 25/26 soll dieser Modus letztmalig zum Einsatz kommen, danach wird die Liga auf 18 Mannschaften aufgestockt.
Union ritt weiter auf seiner Erfolgswelle und schloss die reguläre Spielzeit auf Platz 1 ab. In den Play-offs schrammte der Verein das erste Mal knapp an der Meisterschaft vorbei: Beim Stand von 0:0 im Heimspiel gegen FC Brügge setzte Union einen Elfmeter neben das Tor.
Das Spiel ging verloren, den Rückstand konnte Union in den restlichen Spielen nicht mehr gut machen. Am Ende steht die Vizemeisterschaft und damit die Qualifikation für das internationale Geschäft. Ein Problem, mit dem niemand gerechnet hatte: Das altehrwürdige Stadion Joseph Marien erfüllte nicht die Voraussetzungen für Europapokalspiele.
Die Spielstätte der Royale Union Saint-Gilloise ist das Stadion „Joseph Marien“ – und das seit 1919 (mit zwei Jahren Unterbrechung von 2016-2018 wegen überfälliger Renovierungsarbeiten). Hier kommt der Fußballromantiker auf seine Kosten: Das Stadion, an der Grenze der Gemeinden Saint-Gilles und Forest gelegen, schmiegt sich direkt an einen Stadtpark an.
Wer kein Ticket hat, kann zur Not von einem der Bäume aus einen Blick auf das Spielfeld erhaschen. Das Highlight ist die Haupttribüne, auf deren Rückseite sich das Clubhaus mit einer sehenswerten Art-Déco-Fassade befindet. Dafür ist man in den Kurven und auf der gegenüberliegenden Stehplatztribüne, in deren Mitte die Ultras den Support organisieren, unüberdacht den Elementen ausgeliefert.
Das Stade Joseph Marien fasst 9000 Zuschauer. Die Dauerkarten sind ausverkauft. Ein Dauerkartenbesitzer muss über zwei Drittel der Heimspiele besuchen, sonst geht das Anrecht auf die Dauerkarte für die folgende Saison verloren.
Im Europapokal darf man jedes Jahr gespannt sein, an welche Spielstätte es Union verschlägt. Im ersten Jahr ging es für die Gruppenphase der Europa League nach Leuven (30 km von Brüssel entfernt), für die K.-o.-Spiele sowie für die folgende Saison ins Stadion des Lokalrivalen RSC Anderlecht. Letzteres ist naturgemäß nicht unkompliziert: So bestanden die Anderlecht-Ultras darauf, dass ihr Block frei bleibt.
Mittlerweile dürfen immerhin Angehörige der Jugendmannschaften in den Block. In der Saison 2024/25 wurde im belgischen Nationalstadion „Roi Baudouin“ gespielt – früher bekannt als Heyselstadion. Jenes Stadion, in dem einst der FC Bayern seinen ersten Henkelpott holte, aber auch der Schauplatz der Heysel-Tragödie von 1985 vor dem Europapokalendspiel zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool.
Mit einem Fassungsvermögen von 50.000 und einer weitläufigen Tartanbahn zwischen Spielfeld und Rängen ist das Stadion besser für das jährliche Leichtathletik-Festival als für Fußballspiele geeignet (die Älteren werden sich erinnern, dass man auch im Olympiastadion immer gerne ein Fernglas zur Hand gehabt hätte). Obendrein war der Platz dort in einem blamablen Zustand. Für die aktuelle Champions-League-Saison ging es zurück nach Anderlecht.
Natürlich ist diese Situation nicht befriedigend. Union plant seit einigen Jahren den Bau eines modernen Stadions mit höherem Fassungsvermögen, einige Kilometer südlich vom Joseph Marien, aber innerhalb der Stadtgrenzen. Das Geld wäre vorhanden, aber die bürokratischen Schranken sind hoch. Derzeit ist zweifelhaft, ob das Projekt zustande kommt.
Die neue Saison 2022/23 begann mit Veränderungen, wie sie sich jedes Jahr wiederholen sollten: Der Trainer und die halbe Mannschaft, inklusive einiger Leistungsträger, waren weg. Neue Namen kamen noch im Laufe der ersten Wochen hinzu, und es dauerte einige Zeit, bis man sich an die neuen Namen und Gesichter gewöhnte. Union beendete die reguläre Spielzeit als Zweiter punktgleich mit Tabellenführer KRC Genk. Am letzten Spieltag der Play-offs lag Union mit 1:0 gegen den diesmal abgeschlagenen FC Brügge vorne und wäre damit Meister gewesen.
Doch in der 89. Minute fiel der Ausgleich. Bei der folgenden bedingungslosen Offensive kassierte Union zwei weitere Treffer. Der Hubschrauber mit der Meistertrophäe drehte ab von Brüssel Richtung Norden, wo sich die Meisterschaft zwischen Antwerpen und Genk entschied – Union wurde am Ende Dritter.
Nachdem sich Klub und Trainer nicht über die Konditionen für eine Fortsetzung der Zusammenarbeit einigen konnten, verließ Karel Geraerts den Verein und heuerte beim FC Schalke an. Den Neuaufbau 2023/24 übernahm ein deutscher Trainer: Alexander Blessin. Wieder gelang es, die reguläre Runde als Tabellenführer abzuschließen. Der deutliche Vorsprung war nach vier Niederlagen zum Auftakt der Play-offs schnell dahin, aber Union kam noch einmal heran. Brügge rettete am vorletzten Spieltag zu Hause mit Glück ein Unentschieden gegen Union.
Am letzten Spieltag hätte Union zwei Punkte aufholen müssen, um noch Meister zu werden. Union machte seine Hausaufgaben und gewann sein Heimspiel. Wenige Minuten vor Spielende brandete Jubel im Stadion auf: Aus Brügge wurde das Führungstor von Cercle gegen den Club Brügge gemeldet. Nach ein paar Minuten wurde es still: Der VAR hatte den Treffer einkassiert. Club Brügge rettete ein 0:0 im Derby über die Zeit und wurde Meister.
Ein ansehnliches Trostpflaster gab es indes für Union: Wenige Wochen zuvor wurde mit einem 1:0-Sieg über Antwerpen der erste nationale Titel seit 1935 geholt, der belgische Pokal.
Zur neuen Saison 2024/25 stand wieder ein Neuer an der Seitenlinie. Blessin konnte der Möglichkeit, in der Bundesliga zu trainieren, nicht widerstehen und coacht seitdem den FC St. Pauli. Trainer bei Union wurde Sebastian Pocognoli, der 2021 seine aktive Karriere beim Verein beendet hatte. Wieder hatten einige Schlüsselspieler den Verein verlassen, doch dieses Mal kehrte der Erfolg nicht schnell zurück.
Am Ende der Hinserie belegte Union Platz acht. In der Rückrunde stieg die Formkurve an, Union erreichte wieder die Champions Play-offs – mit einem Rückstand von 13 Punkten auf Spitzenreiter Genk (vor der Halbierung, die nach der regulären Saison stattfindet), trainiert von Ex-Bayernspieler Thorsten Fink.
Die Vorzeichen standen erheblich schlechter als in den Vorjahren, doch dieses Mal drehte Union den Spieß um. In den zehn Spielen der Play-offs stellte Union einen Rekord auf: Neun Siege und ein Unentschieden. Der Erzrivale Club Brügge wurde auswärts 1:0 besiegt und konnte das unmittelbar folgende Rückspiel nicht mehr drehen (0:0).
Am letzten Spieltag musste Union das Heimspiel gegen Gent gewinnen, um sicher Meister zu werden. Früh fiel das 1:0, aber unmittelbar vor der Pause gelang Gent der Ausgleich. Die Gespenster der letzten drei Jahre waren zurück.
Zur zweiten Halbzeit kam Torjäger Promise David. Der Kanadier brachte USG mit dem 2:1 wieder auf Meisterschaftskurs, nach seinem 3:1 brachen alle Dämme. Nach 90 Jahren wurde Royale Union Saint-Gilloise wieder belgischer Meister. Wer mit dem FC Bayern von 1980 bis 2001 auf den Europapokal der Landesmeister hingefiebert hat, hat eine Vorstellung davon, wie sich das angefühlt hat.
Dank der sensationellen Vizemeisterschaft direkt nach dem Aufstieg betrat Union in der Saison 2022/23 erstmals seit dem Messepokal die europäische Bühne und verlässt sie seitdem nicht mehr. Und die Bilanz kann sich sehen lassen: Im ersten Jahr ging es bis ins Viertelfinale der Europa League, in den folgenden Jahren zumindest in die K.-o.-Runde. Zwei Bundesligisten mussten daran glauben: Union Berlin und Eintracht Frankfurt.
Im ersten Jahr wurde Union souverän Erster seiner Europa-League-Gruppe vor Union Berlin, SC Braga und Malmö FF und sparte sich damit die Zwischenrunde. Das UEFA-Reglement macht es möglich, dass im Achtelfinale erneut ein Gruppengegner wartete. Union Berlin wird mit 3:3 und 3:0 ausgeschaltet. Im Viertelfinale lag Saint-Gilles bei Bayer Leverkusen lange mit 1:0 in Führung, ehe Florian Wirtz für den Werksverein noch das Unentschieden rettete.
Im Rückspiel ging dann alles ganz schnell: ein früher Gegentreffer, danach gefühlt jeder Schuss von Leverkusen ein Tor, am Ende 1:4. Immerhin konnte Victor Boniface Leverkusen so nachhaltig beeindrucken, dass sie ihn gleich für die nächste Saison verpflichteten.
Nicht ganz so erfolgreich verlief die Saison 2023/24. Trotz eines historischen 2:1-Siegs über den FC Liverpool (der zugegebenermaßen bereits als Gruppensieger feststand und nicht mit der A-Elf antrat) beendete Union die Gruppenphase als Dritter und musste in die Play-offs um den Einzug in die Conference League. Eintracht Frankfurt – zwei Jahre zuvor Europa-League-Sieger – ging zunächst in Brüssel locker mit 2:0 in Führung und wähnte sich als sicherer Sieger.
Auch nach dem Endergebnis von 2:2 dürften die Sorgen noch nicht allzu groß geworden sein. Doch Union überraschte die Eintracht im Rückspiel in Frankfurt und siegte mit 2:1. Im Achtelfinale schied man schließlich gegen Fenerbahçe mit 0:3 und 1:0 aus.
In der Saison 2024/25 wurde die Europa League (wie auch die Champions League) nach dem neuen Ligasystem ausgespielt. Mit einer durchwachsenen Bilanz von drei Siegen, zwei Unentschieden und drei Niederlagen erreichte Union die Zwischenrunde, wo es gegen den Favoriten Ajax Amsterdam ging. Nach einer 0:2-Heimniederlage sah alles nach einer klaren Sache aus.
Doch im Rückspiel zeigte Union seine vielleicht beste Leistung bis dahin überhaupt. Ajax wurde klar dominiert und konnte froh sein, sich in die Verlängerung zu retten. Dort kassierte Union einen unglücklichen Handelfmeter und rannte fortan an, um mit einem weiteren Treffer das Elfmeterschießen zu erreichen.
In der letzten Minute der Nachspielzeit verfehlte der Ajax-Torhüter bei einer Ecke für Union den hereinsegelnden Ball komplett und brach dafür (in bester Mitch-Langerak-Manier) mit seiner Faust Union-Stürmer Rodriguez die Nase. Der Schiedsrichter beendete unmittelbar danach die Partie und hielt es nicht für nötig, sich die Szene noch einmal anzusehen.
Ein Paradebeispiel für die willkürliche Handhabung des VAR. Das Ausscheiden war unglücklich, aber das Spiel war der Startschuss für die sensationellen Play-offs, die zur Meisterschaft führen sollten.
Nach zweimaligem knappen Scheitern in der Qualifikation ist Union nun erstmals in der Champions League dabei. Und es ging los mit einem überragenden Auswärtserfolg: Nachlässigkeiten der PSV Eindhoven werden eiskalt ausgenutzt, Union gewann mit 3:1.
Mit viel Vorfreude ging es im ersten Heimspiel gegen Newcastle United mit Nick Woltemade. Der Shooting Star, den Bayern so gerne verpflichtet hätte, fiel zwar zunächst nicht besonders auf, besorgte dann aber mit der Hacke das 0:1. Kurz vor der Pause schenkte Union den Nordengländern einen leichten Foulelfmeter: 0:2. In der zweiten Halbzeit Handelfmeter nach VAR-Check: 0:3. Mit dem sicheren Vorsprung im Rücken spielte der Favorit die Partie locker nach Hause, Endergebnis 0:4.
Das nächste Heimspiel fand gegen Inter Mailand statt, und der Spielbericht lässt sich beinahe kopieren. Mit dem Unterschied, dass Union stark loslegte und in der Anfangsphase einen Hochkaräter nach dem anderen liegen ließ. Wenig überraschend rächte sich das. Diesmal fiel der Gegentreffer erst in der 41. Minute. Ein klassisches Murmeltor nach einer Ecke. Wenig später erhöhte Inter auf 0:2. Duplizität der Ereignisse nach der Pause: Wieder ein VAR-Handelfmeter, 0:3. Am Ende 0:4.
Zum zweiten Mal in Folge fühlte man sich irgendwie unter Wert geschlagen. Die beiden Partien sind klassische Beispiele für das Lehrgeld, das Neulinge auf Champions-League-Niveau zahlen müssen.
Auch am vierten Spieltag wartete eine kaum lösbare Aufgabe: auswärts gegen Atlético Madrid. Union zeigte eine couragierte Leistung und schrammte in der Nachspielzeit knapp am 2:2-Ausgleich vorbei – kurz darauf machte Atlético mit dem 3:1 alles klar.
Beim nächsten Auswärtsspiel musste daher dringend gepunktet werden. Der Gegner ist Galatasaray mit Leroy Sané. Nach dem Führungstreffer für Union in der 57. Minute fanden weder Sané noch seine Mitspieler eine zündende Idee, Union sicherte sich den zweiten Auswärtssieg und war wieder im Rennen um Platz 24 oder besser.
Dafür musste aber endlich auch zu Hause gepunktet werden. Und siehe da, gegen Olympique Marseille zeigte sich eine Verbesserung: Union startete nicht nur gut, sondern nutzte dieses Mal auch seine Chancen und ging in Führung. Doch Marseille kam stark zurück. Noch vor der Pause drehten die Franzosen die Partie; nach einer knappen Stunde schien mit dem 1:3 bereits alles entschieden. Aber Union startete eine Aufholjagd und zeigte die bisher beste Leistung vor eigenem Publikum.
In der 71. Minute verkürzte Doppeltorschütze Khalaili auf 2:3. Bis zum Schlusspfiff erzielte Union zweimal den vermeintlichen Ausgleich.
Das erste Mal wurde das Tor vom VAR einkassiert – eine dieser Abseitsentscheidungen, die für treffliche Diskussionen über die technische Messgenauigkeit und über die Sinnhaftigkeit der Auswahl von Körperteilen, mit denen man ein Tor erzielen kann, führen. Beim zweiten Mal war es zwar sehr knapp, aber doch wenigstens eindeutig Abseits. Nach großem Kampf musste sich Union auch im dritten CL-Heimspiel geschlagen geben. Union fiel auf den 27. Platz zurück, und die Aussichten sind alles andere als gut: Es warten der Tabellenzweite auswärts und der Tabellenfünfte (Bergamo) zu Hause.
Und damit zur bevorstehenden Partie. Was erwartet den FCB gegen den belgischen Meister?
Im Tor steht seit dieser Saison der 2,06 Meter große Niederländer Kjell Scherpen. Er tritt ein schweres Erbe an: Sein Vorgänger Anthony Morris war vom Aufstieg aus der zweiten Liga bis zur Meisterschaft eine Stütze der Mannschaft, Publikumsliebling und zuletzt Kapitän. Leider ereilte ihn vor Beginn der Saison ein Angebot aus Saudi-Arabien. Scherpen hat seine Aufgabe bisher unauffällig, aber weitgehend fehlerfrei gelöst – mit Ausnahme des Spiels gegen Marseille, als er vor dem Ausgleich einen Ball unglücklich abprallen ließ. Bei Flanken wirkt er gelegentlich nicht so sicher, wie man es sich bei seiner Körpergröße erwarten könnte.
Taktisch tritt Union in einer 3-5-2-Formation an (oder 5-3-2, je nachdem, wie man es sehen möchte). Das bedeutet in der Abwehr eine Dreierkette. Zentral dirigiert Christian Burgess das Geschehen. Der Engländer ist der letzte verbliebene Stammspieler aus der Aufstiegsmannschaft von 2021 und seit dieser Saison Kapitän.
Er verfügt über ein überragendes Stellungsspiel und führt seine Zweikämpfe meist mit chirurgischer Präzision, wobei er weder sich noch seine Gegner schont. Er scheut sich nicht davor, sich mit dem gegnerischen Publikum anzulegen – man darf gespannt sein, ob das auch in München eine Rolle spielen wird. Seine große Schwäche ist das Tempo. Im Antritt dürften ihm die Bayern-Angreifer um einiges voraus sein.
Auf der rechten Halbposition verteidigt Kevin Mac Allister. Der ältere Bruder des Liverpooler Stammspielers und Weltmeisters Alexis Mac Allister kam diese Saison zu seinem Debüt in der argentinischen Nationalmannschaft. Wie Burgess ist er ein begnadeter Zweikämpfer. Zeitweise trat er mit Zahn- und Kopfschutz an, und so lädiert, wie er nach einem Spiel manchmal aussah, hätte man sich nicht gewundert, wenn noch ein Holzbein und eine Handprothese dazu gekommen wären.
Auf der linken Seite muss Trainer Hubert sich zwischen Fedde Leysen und Ross Sykes entscheiden. Der Belgier Leysen erhielt in dieser Saison meist den Vorzug, war aber vor allem in den CL-Spielen gegen Newcastle und Mailand eindeutig ein Schwachpunkt. Ich halte den Engländer Sykes für stärker, er hat jedoch ein Manko: Er müsste als Rechtsfuß die linke Halbposition in der Dreierkette bekleiden.
Die Schienenspieler sind meist auf der rechten Außenbahn der Israeli Anan Khalaili und auf der linken der Senegalese Osseynou Niang. Der kleine Niang vermag immer wieder mit schnellen Antritten zu überraschen, bleibt aber zu häufig bei seinen Vorstößen hängen. Wie Bayern-Stürmer Nicolas Jackson kehrt er als frischgekürter Afrika-Cup-Sieger aus Marokko zurück, wenngleich er ohne Einsatz blieb. Ob er am Mittwoch schon wieder spielbereit ist, ist unklar. Khalaili ist ein guter Techniker und torgefährlicher als sein Pendant auf der linken Seite.
Im Mittelfeld sind die wahrscheinlichsten Kandidaten Mathias Rasmussen, Kamiel Van de Perre, Adem Zorgane, Anouar Ait El Hadj und Rob Schoofs. Der Norweger Rasmussen und der Belgier Van de Perre machen sich die Position des Sechsers streitig. Rasmussen kommt sehr regelmäßig, aber häufig nur als Einwechselspieler zum Einsatz und konnte sich noch nicht endgültig einen Stammplatz erkämpfen.
Die Nachwuchshoffnung Van de Perre (21) hatte sich in der letzten Saison zeitweise einen Stammplatz gesichert, den er aber in der laufenden Saison nicht immer halten konnte. Der Belgier Ait El Hadj (auch für Marokko spielberechtigt) ist ein kreativer offensiver Mittelfeldspieler. Seine Stärke liegt eher im Vorbereiten von Torchancen als im Abschluss. Er dürfte als Zehner antreten.
Schließlich der zentrale Spielgestalter: Adem Zorgane. Der Algerier war bis zum Viertelfinale für Algerien beim Afrika-Cup im Einsatz, wo er allerdings nicht über die Rolle eines Ergänzungsspielers hinauskam (eine Einwechslung). Mit ihm war Union ausnahmsweise nicht in abgelegeneren Gefilden, sondern in der eigenen Liga fündig geworden. Nach fünf Jahren bei Charleroi fügte er sich diese Saison nahtlos bei Union ein und avancierte sofort zum Stammspieler.
Für die zwei Plätze im Angriff sind die wahrscheinlichsten Kandidaten Promise David, Kevin Rodriguez und Raoul Florucz. Der 24-jährige David machte sich gleich in seiner Debütsaison mit entscheidenden Treffern unsterblich. Der durchsetzungsstarke Kanadier erzielte 19 Treffer, in der laufenden Saison kommt er bereits auf neun Tore in der Liga und zwei Tore in der Champions League. Kevin Rodríguez war vor zweieinhalb Jahren der bisher teuerste Neuzugang in Saint-Gilles, erwies sich in seinen ersten zwei Jahren jedoch oft als Chancentod und konnte nie einen Stammplatz behaupten.
In die laufende Saison startete er stark; er kommt bisher auf sieben Tore in der Liga (nach insgesamt vier Toren in den ersten beiden Jahren). Schärfster Konkurrent für einen Platz in der Startelf dürfte der Österreicher Raul Florucz sein. Der Neuzugang von Olimpija Ljubljana kommt ebenfalls auf sieben Liga-Treffer. Er ist technisch stärker als seine beiden Konkurrenten. Schließlich gibt es noch die Hoffnung auf Mohammed Fuseini. Der 23-jährige Ghanaer war Ende der vergangenen Saison in Hochform und ist nach langer Verletzungspause kürzlich in den Kader zurückgekehrt. Fraglich, ob er bereits so weit ist.
Wie sind die Aussichten für Union beim großen FCB? Zwar ist das Team klarer Außenseiter, aber sie haben bereits gezeigt, dass sie immer für eine Überraschung gut sind. Zwei Dinge sprechen gegen selbst eine Minimalchance: zum einen die überragende Form der Bayern. Wenn die Offensive mit Kane, Díaz, Olise und Karl ins Rollen kommt, wird es schwer für die belgische Defensive.
Zum anderen ist da die Formkurve von Union. Auch in diese Saison ist ein sehr guter Start gelungen, und nach 21 Spieltagen hält man den Spitzenrang. Zuletzt gestalteten sich die Spiele jedoch immer mühsamer, und der eine oder andere eingeplante Punkt ging verloren. Möglicherweise kann die Mannschaft nicht die Form halten, die sie unter Erfolgscoach Sebastian Pocognoli erreicht hatte.
Nachdem drei Jahre lang trotz großen Erfolgs aus unterschiedlichen Gründen der Trainer wechselte, ging Union diese Saison erstmals seit dem Wiederaufstieg mit demselben Trainer an. In der Länderspielpause im Oktober kam der Schock: Pocognoli verlässt den Verein – nicht etwa wegen Problemen, sondern wegen eines zu attraktiven Angebots von der AS Monaco. Ersatz wurde in der belgischen Liga mit David Hubert von OH Leuven gefunden. Ob mit ihm auf Dauer dieselben Erfolge möglich sind, wird sich zeigen.
Zusammen mit Pocognoli zog auch der Spezialtrainer für die Offensive, Kevin Mirallas, nach Monaco. Mirallas hat aus einem durchsetzungsstarken, aber zu hastig abschließenden Mittelstürmer wie Promise David eine Präzisionsmaschine im 1:1 gemacht.
Da es für den FC Bayern darum geht, die Top-Position in der Tabelle zu sichern und sich direkt für das Achtelfinale zu qualifizieren, wäre alles andere als ein Sieg für die Münchner überraschend. Die größte Chance bietet sich Union aber in den Standardsituationen. Da wird die Flanke gerne ein paar Meter hinter den langen Pfosten geschlagen, wo sie zum Beispiel von Burgess oder Sykes von der Torauslinie aus in die Mitte zurückgelegt wird.
Allerdings kennen die Bayern diesen Trick zumindest offensiv schon, wie in Köln von Ito und Kim demonstriert. Auf dem Papier ist die Sache also durch, aber es ist Fußball, und schließlich sind die Bayern in dieser Saison schon von einem Drittligisten beinahe in die Verlängerung gezwungen worden und konnten gegen das Liga-Schlusslicht gerade noch ein Unterschieden retten. Also: Man kann nie wissen.
Vielleicht hilft Union aber auch die Stimmung in der Allianz Arena. Die Blocksperre wird dazu führen, dass der Gastauftritt der Belgier in München ohne die Ultras des FCB stattfindet, sollten diese nicht anderweitig den Weg ins Stadion finden. Der Union-Auswärtsblock wird jedenfalls die Gelegenheit nutzen, gehört zu werden und könnte ohne organisierten Support des Heimteams dieses Auswärtsspiel zum Heimspiel machen.
Da es um modernen Profifußball geht, gehört zur Wahrheit natürlich auch: Das „Fußballmärchen“ ist nicht aus dem Nichts entstanden. Entscheidend war und ist das finanzielle Engagement von Tony Bloom, dem Besitzer von Brighton & Hove Albion, der durch Poker und Sportwetten reich geworden ist. Union ist dabei als Unterstützer für Brighton & Hove Albion vorgesehen: Von dort werden Spieler ausgeliehen, um Spielpraxis zu erhalten.
Umgekehrt wechselten Spieler, die bei Union herausstachen, bevorzugt nach Brighton, etwa Deniz Undav und der Japaner Kaoru Mitoma. Die UEFA hat verfügt, dass Brighton & Hove Albion und Union Saint-Gilloise nicht zugleich in einem UEFA-Wettbewerb starten dürfen. Tony Bloom hält mittlerweile offiziell keine Anteile mehr an dem belgischen Verein. Zuletzt geriet der Multimillionär in den Verdacht, er habe auf Spiele unter Beteiligung seiner Vereine wetten lassen – so berichtete es der Guardian.
In jedem Fall bedeutet das Engagement keineswegs ein Minusgeschäft. Union und Brighton verfügen offensichtlich über geniale, stark datengetriebene Scoutingmethoden, mit deren Hilfe etwa in der deutschen Dritten Liga (Undav vom SV Meppen, wie oben erwähnt), in Norwegen (Victor Boniface, Bodø-Glimt), in der dritten englischen Liga (Ross Sykes, Accrington Stanley) oder in Estland (Promise David, Nõmme Kalju) Spieler entdeckt werden, in denen weit mehr steckt, als andere ahnen.
Wenn diese (häufig nach nur einer erfolgreichen Saison) weiterverkauft werden, bedeutet das meist einen erheblichen finanziellen Gewinn. Der Kicker hat das Erfolgsmodell von Tony Bloom im November vergangenen Jahres analysiert und kommt dabei auf ein Transferplus von 93 Millionen € bei Union Saint-Gilloise in den letzten fünf Jahren.
Der FC Bayern sollte gewarnt sein: In diesem Wintertransferfenster ist Union bereits in der Regionalliga Südwest (Biondic von Eintracht Trier), in Schweden und in der zweiten norwegischen Liga fündig geworden.
Ich bin seit knapp fünfzig Jahren Bayernfan (aufgewachsen nördlich von München). Ich weiß noch, wie es ist, mit 9000 anderen verlorenen Seelen im tiefen Winter im zugigen Olympiastadion zu schlottern. Oder zum Stadion zu fahren, an die Tageskasse zu gehen und sich Karten für die Südkurve zu holen.









































