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·22. Februar 2026

Blatter kritisiert die FIFA – doch er hat das System selbst erschaffen

Artikelbild:Blatter kritisiert die FIFA – doch er hat das System selbst erschaffen

Der Ex-FIFA-Präsident wirft Infantino eine Diktatur vor und kritisiert Trumps WM-Einmischung. Doch Blatters eigene Ära endete im Korruptionsskandal.

Joseph Blatter wirft Gianni Infantino vor, eine "totale Diktatur" errichtet zu haben. Er nennt Donald Trumps Einmischung in die WM-Planung "das Schlimmste, was der FIFA passiert ist". Und er ruft die Mitgliedsverbände zum Aufstand auf. Ich reibe mir die Augen.


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Ausgerechnet Blatter. Der Mann, unter dessen Präsidentschaft von 1998 bis 2016 ein beispielloses Korruptionsnetzwerk in der FIFA wucherte. Der Mann, dessen Ära in Ermittlungen, Sperren und einem globalen Skandal endete. Dieser Mann erklärt sich nun zum moralischen Kompass des Weltfußballs. Das ist keine Ironie mehr, das ist Realsatire.

Ich will Blatters Kritik nicht pauschal abtun. Einige seiner Beobachtungen treffen einen wunden Punkt. Wenn er beschreibt, dass Funktionären unter Infantino "Handschellen" angelegt würden, dass Geld und Aufstiegsmöglichkeiten zum Schweigen angeboten würden – dann beschreibt er Mechanismen, die in Machtstrukturen des Profifußballs durchaus existieren. Die Frage ist nur: Wer hat diese Strukturen mitgeschaffen? Wer hat jahrzehntelang ein System kultiviert, in dem Loyalität mehr zählte als Transparenz?

Trumps Drohungen, WM-Spiele aus demokratisch regierten Städten zu verlegen, sind tatsächlich ein Novum. Ein US-Präsident, der ein Sportereignis als politisches Druckmittel instrumentalisiert – das verdient Kritik. Dass die FIFA einen eigens geschaffenen "Friedenspreis" an Trump verlieh, während dessen aggressive Außenpolitik und die Eskalation bei ICE-Einsätzen mit Todesopfern in Europa Boykottdebatten auslösten, wirkt mindestens geschmacklos. Blatter hat recht, wenn er fragt, warum niemand aufsteht.

Wo das Blatter-Problem bei der FIFA liegt

Aber genau hier liegt das Problem seiner Intervention. Blatter fordert Widerstand gegen einen "Zirkus", den er selbst jahrelang inszeniert hat. Er beklagt fehlenden Widerspruch in einem System, das er auf Konformität getrimmt hat. Er ruft zur Positionierung auf, während er selbst einen Boykott ablehnt. Was bleibt da übrig außer rhetorischer Empörung?

Die 89-jährige Stimme aus der Schweiz mag Aufmerksamkeit generieren. Aber sie lenkt von der eigentlichen Frage ab: Warum schweigen die Mitgliedsverbände tatsächlich? Nicht weil Infantino mächtiger wäre als Blatter es war. Sondern weil das System, das Blatter hinterlassen hat, genau so funktioniert. Abhängigkeiten, Entwicklungsgelder, Netzwerke – wer aufmuckt, riskiert seinen Platz am Tisch.

Blatter als Kronzeuge gegen die FIFA-Führung zu akzeptieren, hieße, den Brandstifter zum Feuerwehrmann zu ernennen. Seine Kritik an Infantino und Trump mag in Teilen berechtigt sein. Aber sie kommt vom falschen Absender, zur falschen Zeit, mit der falschen Glaubwürdigkeit.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob Blatter recht hat. Die Frage ist, warum der Weltfußball keinen einzigen Funktionär hervorbringt, der diese Kritik mit sauberer Weste vortragen könnte.

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