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·22. September 2026
Blessin übernimmt Gladbach, schafft er wirklich die Wende?

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·22. September 2026

Sechster Trainer seit 2021, punktloser Tabellenletzter, 16 Gegentore nach vier Spielen – wer bei Borussia Mönchengladbach gerade übernimmt, braucht entweder sehr viel Selbstvertrauen oder sehr viel Realitätsverlust. Alexander Blessin hat sich trotzdem für den Job entschieden, offiziell seit Dienstag, mit Vertrag bis 2028. Ob er wirklich der Richtige für diese Rettungsmission ist, verdient einen genaueren Blick.
Denn Blessin kommt nicht als klassischer Feuerwehrmann nach Gladbach. Er kommt mit einer klaren Idee, einer zuletzt ziemlich ernüchternden Bundesliga-Bilanz und einem Fußball, der durchaus Risiken beinhaltet. Und genau darin liegt der vielleicht interessanteste Widerspruch dieser Verpflichtung.
Zur Erinnerung, wie tief Gladbach gerade wirklich steckt. Eugen Polanski musste nach dem 0:5 in Freiburg nach dem dritten Spieltag gehen. Drei Spiele, drei Niederlagen, 3:12 Tore – die Borussia stand damit bereits zum zweiten Mal in ihrer Bundesliga-Geschichte nach drei Spieltagen ohne Punkt da. Die Kombination aus Ergebnissen und Torverhältnis war sogar die schlechteste Saisonbilanz der Vereinsgeschichte.
Wer bei diesen Zahlen noch von einer kleinen Delle spricht, beschönigt ordentlich. Und dann kam Jan-Moritz Lichte. Der Interimscoach sollte zumindest bis zur Länderspielpause verhindern, dass Gladbach völlig den Boden unter den Füßen verliert. Stattdessen gab es gegen Mainz ein 3:4. Wieder vier Gegentore, wieder keine Punkte. Nach vier Spieltagen steht die Borussia bei null Punkten und 16 Gegentoren – schlechtester Saisonstart der Vereinsgeschichte.
Das ist keine Delle mehr.
Das ist eine Großbaustelle.
Seit Marco Rose den Verein 2021 Richtung Dortmund verließ, sind Adi Hütter, Daniel Farke, Gerardo Seoane, Eugen Polanski und zwischenzeitlich Interimscoach Jan-Moritz Lichte durch das Trainerbüro marschiert. Blessin ist damit der sechste Trainer an der Gladbacher Seitenlinie in diesem Zeitraum.
Hütter blieb eine Saison, Farke ebenfalls. Seoane hielt sich immerhin etwas mehr als zwei Jahre, Polanski nicht einmal ein komplettes Jahr – nach 362 Tagen war Schluss. Und genau diese Zahlen erzählen eine Geschichte, die weit über einzelne Trainer hinausgeht. Wer ständig den Trainer austauscht, kann irgendwann nicht mehr so tun, als liege das Problem ausschließlich beim Trainer.
Blessin bekommt nun einen Vertrag bis 2028. Das ist auf dem Papier ein langfristiges Bekenntnis. Gleichzeitig hat Gladbach in den vergangenen Jahren eindrucksvoll bewiesen, wie schnell langfristige Pläne im Fußball plötzlich ziemlich kurzfristig werden können.
Auf dem Papier bringt Blessin durchaus Argumente mit. Mit Union Saint-Gilloise gewann er 2024 den belgischen Pokal und wurde Vizemeister. Mit einem Verein, der damals international noch deutlich weniger Strahlkraft besaß als viele Konkurrenten, spielte er sich damit auf die große deutsche Trainer-Landkarte.
Dann kam St. Pauli. Blessin übernahm den Aufsteiger 2024 und hielt ihn in seiner ersten Bundesliga-Saison tatsächlich in der Klasse. St. Pauli wurde 2024/25 Vierzehnter und rettete sich mit 32 Punkten. In der darauffolgenden Saison funktionierte das allerdings nicht mehr. St. Pauli stieg als Tabellenletzter ab.
Blessins Bilanz über seine zwei Jahre am Millerntor: 74 Pflichtspiele, 18 Siege, 16 Unentschieden, 40 Niederlagen – 0,95 Punkte pro Spiel. Das ist die unangenehme Seite seiner Bewerbung. Wer eine Mannschaft übernimmt, die gerade historisch schlecht dasteht, sollte idealerweise zuletzt nicht ebenfalls aus einer Abstiegssaison kommen. 🤔Ist natürlich nur eine Meinung.
Andererseits wäre es genauso unseriös, Blessin nur auf diese 0,95 Punkte zu reduzieren. Er hat mit Union Saint-Gilloise gezeigt, dass seine Idee funktionieren kann, und er hat St. Pauli immerhin einmal erfolgreich durch eine Bundesliga-Saison geführt. Die Vita liefert also Argumente für beide Seiten.
Und genau hier wird es spannend. Blessin ist nicht einfach der klassische Defensivtrainer, der hinten fünf Mann hinstellt und anschließend darauf hofft, dass vorne irgendwann einer reinfällt. Sein Fußball basiert auf aggressivem Pressing, Gegenpressing und schnellem Umschalten. Häufig kommt eine Dreierkette zum Einsatz, daraus entstehen je nach Situation ein 3-5-2, 3-4-2-1 oder 3-4-3. Seine Mannschaften sollen den Gegner früh unter Druck setzen und den Ball möglichst schnell zurückerobern.
Das ist mutig. Und genau deshalb ist die Personalie Gladbach so interessant.
Denn die Borussia hat momentan nicht einfach nur ein Problem mit fehlender Organisation. Sie macht Fehler, verliert Duelle und bricht nach Rückschlägen auseinander. 16 Gegentore in vier Spielen sprechen eine ziemlich deutliche Sprache. Blessin soll diese Defensive nun reparieren – mit einem System, das von hoher Intensität und aggressivem Anlaufen lebt.
Das kann funktionieren. Es kann aber auch grandios schiefgehen.
Denn Gegenpressing ist kein Sicherheitsfußball. Wer hoch und aggressiv verteidigt, produziert im Zweifel Räume, wenn der erste Zugriff nicht funktioniert. Blessins Fußball verlangt deshalb nicht nur Disziplin, sondern auch Laufbereitschaft, Timing und eine Mannschaft, die als Kollektiv funktioniert. Und genau daran mangelt es Gladbach gerade.
Das ist der Kern dieses Experiments: Blessin muss nicht einfach nur eine löchrige Abwehr schließen. Er muss einer Mannschaft beibringen, warum sie überhaupt gemeinsam verteidigen soll.
Man darf den Abstieg mit St. Pauli nicht unter den Teppich kehren. 60 Gegentore kassierten die Hamburger in der Bundesliga-Saison 2025/26. Das entspricht 1,76 Gegentoren pro Spiel. Gladbach hat nach vier Spieltagen bereits 16 Treffer kassiert – vier pro Partie.
Der Vergleich zeigt also nicht, dass Blessin zuletzt exakt dasselbe Defensivproblem hatte. Er zeigt etwas anderes: Auch unter Blessin war defensive Stabilität zuletzt keineswegs selbstverständlich.
Und das macht die Aufgabe in Gladbach umso interessanter. Denn wenn Blessin hier erfolgreich sein will, muss er nicht einfach St. Pauli kopieren. Er muss seine Spielidee an einen Kader anpassen, der gerade ganz andere Probleme mitbringt.
Vielleicht ist genau das die entscheidende Frage: Kann Blessin aus seinem intensiven Fußball eine stabilere Version machen, ohne ihn dabei seiner größten Stärke zu berauben?
Immerhin bekommt Blessin ein paar Tage, bevor es wirklich um Bundesliga-Punkte geht. Während der Länderspielpause stehen zwei Testspiele auf dem Programm: zunächst am 24. September bei den Sportfreunden Siegen, anschließend am 3. Oktober ausgerechnet beim FC St. Pauli am Millerntor.
Gerade das Duell in Hamburg dürfte interessant werden. Nicht nur wegen Blessins Vergangenheit, sondern weil er dort noch einmal direkt sehen kann, was von seiner alten Mannschaft übrig geblieben ist – und was er in Gladbach verändern muss.
Sein Pflichtspieldebüt folgt am 11. Oktober, ausgerechnet im Rheinderby beim 1. FC Köln. Ein sanfter Einstieg sieht anders aus. Köln hat zwar selbst keinen perfekten Saisonstart erwischt, geht aber mit vier Punkten mehr als Gladbach in dieses Duell. Und Derby ist Derby. Da interessiert niemanden, ob der neue Trainer gerade erst ein paar Wochen im Amt ist.
Blessin bringt Erfahrung mit schwierigen Situationen mit, keine Frage. Genau das hatte Sportchef Rouven Schröder gesucht. Aber die Verpflichtung ist keineswegs die logische Gleichung „schlechte Abwehr + neuer Trainer = defensive Stabilität“.
Dafür ist Blessins Fußball viel zu komplex – und viel zu riskant. Er soll eine Mannschaft retten, deren größtes Problem aktuell die Defensive ist, und setzt dabei ausgerechnet auf einen Stil, der Mut, Intensität und kollektive Abstimmung verlangt. Gleichzeitig kommt er selbst aus einer Bundesliga-Saison, an deren Ende seine Mannschaft abgestiegen ist.
Das macht Blessin nicht automatisch zur falschen Wahl. Es macht seine Verpflichtung nur verdammt interessant.
Denn wenn er Gladbach stabilisiert, wäre das der Beweis, dass seine Spielidee auch unter maximalem Druck funktionieren kann. Wenn nicht, dürfte sich eine andere Frage stellen: War Blessin tatsächlich der Trainer, den Gladbach gebraucht hat – oder nur der nächste Name im inzwischen ziemlich langen Trainerkarussell?
Die erste ernsthafte Antwort gibt es am 11. Oktober in Köln.















