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·17. Juli 2026

Borussia Dortmund und die Zehner-Frage: Wann kommt ein Spieler mit X-Faktor?

Artikelbild:Borussia Dortmund und die Zehner-Frage: Wann kommt ein Spieler mit X-Faktor?

Bild: Jörg Schüler/Getty Images

Der Kosmos von Borussia Dortmund sehnt sich nach einem Spieler mit dem besonderen Etwas. Vor allem auf der Zehner-Position täte dem BVB ein Spieler mit X-Faktor gut.


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Borussia Dortmund sucht einen neuen Spielmacher. Julian Brandt ist seit dem 1. Juli 2026 vereinslos, sein auslaufender Vertrag wurde nicht verlängert. Im Zentrum klafft damit eine Lücke, die weder die Fans noch die sportliche Leitung ignorieren können.

Sportdirektor Ole Book, der die Kaderplanung erst im März 2026 von Sebastian Kehl übernommen hat, machte das gesuchte Profil von Borussia Dortmund bereits öffentlich: progressive Pässe, Chancenkreation, Expected Assists, Pressingresistenz – und ein Alter zwischen Anfang und Mitte zwanzig, damit der Neue sofort helfen kann, aber auch noch Entwicklungspotenzial mitbringt. Die entscheidende Frage aber lautet: Was für ein Zehner passt eigentlich zu Niko Kovac?

Wann kommt der nächste Sancho, Bellingham oder Haaland?

Hinter der Zehner-Suche steckt eine größere Frage, die BVB-Fans seit Jahren umtreibt: Wann taucht der nächste Name auf, der den Klub auf die gleiche Weise prägt wie einst Ousmane Dembélé (2017 für rund 105 Millionen Euro zu Barcelona), Jadon Sancho (2021 für 85 Millionen zu Manchester United), Erling Haaland (2022 für eine Ausstiegsklausel von 60 Millionen zu Manchester City) oder Jude Bellingham (2023 für 127 Millionen zu Real Madrid)?

Zwischenzeitlich hatte sich der BVB von diesem Weg entfernt: Unter dem inzwischen abgelösten Sportdirektor Sebastian Kehl hat man stärker auf gestandene, erwachsenere Profis statt auf Rohdiamanten gesetzt. Die Zeiten von Sancho, Dembélé, Haaland und Bellingham sind vorbei gewesen.

Mit Ole Book, der sich seinen Ruf als „Perlentaucher“ beim SV Elversberg erarbeitet hat, und den bereits verpflichteten Talenten Joane Gadou, Justin Lerma und Kauã Prates deutet sich nun wieder eine jüngere Ausrichtung an.

Geschäftsführer Carsten Cramer hat zugleich eine wichtige Korrektur am alten Modell angekündigt. Anders als früher, als Rohdiamanten schnell mit Gewinn weiterverkauft wurden, sollten Hoffnungsträger künftig länger im Verein bleiben, erklärte Cramer laut t-online: “Wir wollen nicht immer nur junge Spieler entwickeln, damit wir sie morgen verkaufen, sondern sie auch mal bis übermorgen oder überübermorgen bei uns behalten.”

Ob sich der BVB einen echten X-Faktor-Transfer aktuell überhaupt leisten könnte, ist dabei fraglich. Laut Sport-Bild-Angaben kalkuliert der Klub mit einem strukturellen jährlichen Defizit von rund 20 Millionen Euro, das bislang vor allem über Transfereinnahmen ausgeglichen wird. Ohne einen großen Verkauf gehe demnach in diesem Sommer wenig. Der BVB habe deshalb bereits mehreren potenziellen Neuzugängen absagen müssen.

Verschärft wird die Lage durch das frühe Champions-League-Aus gegen Atalanta Bergamo, das Book die Arbeit zusätzlich erschwert, weil dem Klub dadurch Geld für Transfers mit großem Namen fehlt. Geschäftsführer Lars Ricken kündigte zwar „ein, zwei, drei Transfers“ an, ließ aber offen, ob darunter auch spektakuläre Namen sein werden.

Und selbst wenn das Geld da wäre, bleibt die eigentlich interessantere Frage: Würde ein waschechter X-Faktor-Transfer überhaupt zu Niko Kovacs Fußball passen?

Genau diesen Punkt hat zuletzt auch die Fachpresse aufgeworfen. Gerüchten zu Folge wird im Klub und Umfeld diskutiert, wie kompatibel Trainer und Sportdirektor eigentlich sind, weil Kovac in seiner bisherigen Dortmunder Zeit nur bedingt als Entwickler von Talenten aufgefallen sei. Das ist die Kehrseite der ganzen Zehner-Debatte: Spieler wie Sancho, Haaland oder Bellingham brauchten in ihren prägenden BVB-Jahren vor allem Vertrauen, Freiraum und Fehlertoleranz, um sich zu entfalten; genau jene Zugeständnisse, die Kovacs auf Struktur und Zweikampfbereitschaft gepolter Fußball seinen Kreativspielern bislang eher selten macht.

Kovacs Fußball ist kein Selbstläufer für Freigeister

Wer die Stationen von Niko Kovac verfolgt hat, kennt das Muster. Bei Bayern München musste sich Thomas Müller hintenanstellen, in Wolfsburg traf es Stammspieler Max Kruse. Beide galten als Freigeister, die sich nur bedingt in ein diszipliniertes System einfügen ließen und genau das ist der Punkt: Kovac verlangt von seinen Kreativspielern nicht nur Ideen mit Ball, sondern auch klare Aufgaben gegen den Ball.

Auch in Dortmund selbst lässt sich das Muster gerade wieder beobachten: Karim Adeyemi, schnell, dribbelstark, aber eben auch ein Spieler, der seine Wirkung vor allem im freien Raum entfaltet, kam unter Kovac zuletzt überwiegend nur noch als Joker zum Einsatz. Ein Umstand, der seinen nun unmittelbar bevorstehenden Wechsel zum FC Barcelona zumindest miterklären dürfte.

In Dortmund zeigt sich das im Aufbau seiner Mannschaft sehr konkret. Die Schaltzentrale ist in drei Rollen unterteilt: einen Sechser, der auch mit Ball vor der Abwehr bleibt, einen Achter, der gegen den Ball einrückt und mit Ball nach vorne schiebt, und einen Zehner, der zwar der kreative Kern der Offensive ist, gegen den Ball aber situativ sogar als zweite Spitze mitarbeiten muss.

Diese Rolle übernahm zuletzt vor allem Brandt, mit Licht und Schatten, denn defensiv erfüllte er die Anforderungen nur mittelmäßig. Zuletzt experimentierte Kovac zudem mit einem 3-5-2 ganz ohne klassischen Zehner, in dem Jobe Bellingham als Sechser sowie Felix Nmecha und Marcel Sabitzer im Mittelfeldzentrum agierten.

Für die neue Zehner-Suche bedeutet das: Der BVB hält offenbar an seiner Dreierkette fest und sucht deshalb keinen klassischen Flügelspieler, sondern einen Spielmacher, der auch auf die Außenbahn ausweichen kann. Ein Name wie Jadon Sancho ist deshalb ins Hintertreffen geraten.

Der mit Abstand konkreteste Name ist aktuell Konstantinos Karetsas von KRC Genk. Der 18-jährige griechische Nationalspieler ist laut übereinstimmenden Berichten die erklärte Wunschlösung des BVB für die Brandt-Nachfolge. Mit dem Spieler selbst soll bereits eine grundsätzliche Einigung stehen, verhandelt wird nur noch die Ablöse zwischen Genks Forderung von rund 35 Millionen Euro und Dortmunder Angeboten im Bereich von 30 Millionen Euro.

Karetsas ist ein Linksfuß, der eher als vertikaler Spielmacher oder auf dem rechten Flügel als „äußerer Zehner“ agiert: enge Ballführung, trickreiches Dribbling im Eins-gegen-eins, gutes Auge für Pässe in die Schnittstellen. Genau die Attribute, die Book fordert – progressive Pässe, Chancenkreation – bringt er mit. Seine Schwächen liegen allerdings dort, wo auch Kovac besonders genau hinschaut: körperlich ist er mit knapp 65 Kilo und 1,71 Metern unterlegen, und im Spiel gegen den Ball muss er noch an Arbeitsbereitschaft zulegen.

Karetsas ist also, so gut sein Kreativpotenzial auch eingeschätzt wird, in gewisser Weise ein Cherki im Kleinformat – talentiert, dribbelstark, aber mit genau den Baustellen, die unter Kovac bislang eher zum Bankplatz als zur Stammrolle geführt haben.

Der Fall Cherki: Talent ja, Passform fraglich

Genau vor diesem Hintergrund lohnt der Blick auf Rayan Cherki. Der BVB war nach übereinstimmenden Berichten gleich zweimal an einer Verpflichtung des Franzosen dran, scheiterte aber beide Male an Lyon-Boss John Textor, der ein Dortmunder Angebot als respektlos kommuniziert und deutlich unter Marktwert liegend bezeichnete. Am Ende wechselte Cherki für rund 40 Millionen Euro zu Manchester City und explodierte dort förmlich: als Ersatz für den scheidenden Kevin De Bruyne bereitete er Tore vor, traf selbst spektakulär und schoss City zeitweise an die Tabellenspitze der Premier League.

Die naheliegende Frage: Wäre dieser Aufschwung auch unter Kovac möglich gewesen? Die ehrliche Antwort ist ambivalent. Cherki ist ein Spieler, der von Ballbesitz, Dribbling und der Freiheit lebt, Räume selbst zu suchen und zu improvisieren. Bei Pep Guardiola bekommt er genau diese Freiheit im hochgradig positionsspielorientierten, aber trotzdem sehr ballbesitzdominanten City-System.

Kovacs BVB hingegen verlangt von seinem Zehner klare Zweikampf- und Pressingpflichten, situatives Mitverteidigen als zweite Spitze und eine Unterordnung unter ein strukturiertes 3-5-2. Genau jene Spielertypen, die sich dem bislang verweigert haben, wurden von Kovac in der Vergangenheit konsequent aussortiert.

Das heißt nicht, dass Cherki bei Dortmund gescheitert wäre, aber der Weg dorthin wäre vermutlich holpriger gewesen als in Manchester, und er hätte sich stärker anpassen müssen, als es sein Spiel bei City erfordert.

Wie Kovac seine Kreativspieler tatsächlich einsetzt

Ein Blick auf die eigenen Dortmunder Nachwuchskräfte zeigt, wonach Kovac wirklich sucht. Aufschlussreich ist der Fall Samuele Inácio. Der 18-jährige Italo-Brasilianer, gebürtig aus Bergamo und aus der Atalanta-Jugend zum BVB gewechselt, gilt intern als großes Versprechen für genau die Zehner-Rolle.

Neben Inácio hat der BVB für die Zehner-Frage noch eine zweite hausinterne Option, die diesen Sommer erst dazustößt: Justin Lerma. Der 18-jährige Ecuadorianer wurde bereits 2024 verpflichtet und wechselt nun, nach seinem 18. Geburtstag, zum 1. Juli 2026 endgültig nach Dortmund. Laut kicker soll der offensive Mittelfeldspieler schon bald eine „zentrale Rolle“ im Team von Kovac übernehmen und gilt intern, neben Inácio, als möglicher künftiger kreativer Kopf der Offensive.

Das Muster ist also erkennbar: Kovac gibt jungen, athletischen Kreativspielern durchaus eine Bühne, vorausgesetzt, sie bringen die nötige Balance aus Spielwitz und Arbeitsbereitschaft mit. Reine Instinktfußballer ohne diese zweite Ebene tun sich schwerer.

Für die Fans, die sich nach mehr Leichtigkeit und Dribbelstärke im Dortmunder Offensivspiel sehnen, ist der wahrscheinlichste Neuzugang, Karetsas, ein Spieler mit genau diesem Profil und damit auch mit genau der Cherki-Frage im Gepäck: Lässt Kovac ihm die Freiheit, die sein Spiel braucht, oder wird er zunächst auf die Bank gestellt, bis er die geforderte Zweikampf- und Pressingarbeit liefert?

Kovac sucht keinen Selbstläufer, der sich selbst inszeniert, sondern einen Spieler, der Kreativität mit Arbeitsbereitschaft und taktischer Disziplin verbindet. Ob das gelingt oder sich der BVB einen pragmatischeren Weg erkauft, dürfte eine der spannendsten Fragen der kommenden BVB-Saison werden.

Und solange diese Grundspannung zwischen Kovacs Struktur-Fußball und dem eigentlichen Dortmunder Erfolgsmodell, junge Rohdiamanten groß werden lassen, ungelöst bleibt, dürfte auch die Frage nach dem nächsten echten Wow-Transfer eher eine mittelfristige als eine akute bleiben.

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