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Philipp Overhoff·25. Januar 2026

Bruchbude und Abstiegskampf: Was sich ter Stegen für seinen WM-Traum antut

Artikelbild:Bruchbude und Abstiegskampf: Was sich ter Stegen für seinen WM-Traum antut

Marc-André ter Stegen hat sich ganz bewusst für den unbequemen Weg entschieden. Raus aus dem Rampenlicht des wieder bespielbaren Camp Nou, rein in den knallharten Abstiegskampf. Nach mehr als einem Jahrzehnt beim FC Barcelona hütet der 33-Jährige zukünftig das Tor des FC Girona.

Dabei könnte sein neuer Arbeitgeber sportlich, atmosphärisch und infrastrukturell kaum weiter von Barça entfernt sein. Doch für ter Stegen zählt aktuell nur die Weltmeisterschaft 2026. Dort will er zum ersten Mal in seiner Karriere als deutsche Nummer eins am Start sein!


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Ein Wechsel für das Neuer-Erbe

Denn die Ausgangslage ist klar. Nach dem Karriereende von Manuel Neuer im Sommer 2024 schien der Weg frei. Julian Nagelsmann machte früh deutlich, dass er auf ter Stegen baut. Dieser wollte endlich raus aus dem ewigen Schatten seines Vorgängers treten.

Doch nur ein Jahr später, im Sommer 2025, geriet alles ins Wanken. In Barcelona verlor ter Stegen seinen Stammplatz, wurde von Neuzugang Joan Garcia verdrängt. Anschließend bremste ihn eine hartnäckige Rückenverletzung für viereinhalb Monate aus. Sein einziges Pflichtspiel in dieser Saison war ein Copa-del-Rey-Auftritt Mitte Dezember 2025. Viel zu wenig also, um mit gutem Gewissen Richtung WM zu blicken.

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Ein Wechsel im Winter war daher alternativlos. Ohne Spielpraxis helfen auch Nagelsmanns Garantien nichts. Zumal Oliver Baumann während ter Stegens DFB-Abwesenheit mächtig Eigenwerbung betrieb. Deswegen ging es nach Girona. Die 100.000-Einwohner-Stadt dürfte bei vielen deutschen Fans erstmal Stirnrunzeln auslösen, für ter Stegen aber passt sie erstaunlich gut.

Es sind nur anderthalb Autostunden von Barcelona, ein Umzug ist nicht nötig und die Nähe zur Familie bleibt gegeben. Vor allem aber winkt dem früheren Gladbacher endlich die Aussicht auf regelmäßige Einsätze.

Plötzlich heißt es Abstiegskampf!

Rein sportlich allerdings ist Girona derzeit alles andere als eine Wohlfühloase. Der Klub steckt trotz klarem Aufwärtstrend in den letzten Wochen weiterhin im Tabellenkeller, kämpft gegen den Abstieg und stellt die schwächste Defensive der Liga. Satte 34 Gegentore und die zweitmeisten gegnerischen Abschlüsse bedeuten Zahlen, die jedem Torhüter Respekt einflößen. Und auch die eigene Disziplin ist ein Dauerproblem. Die Katalanen kassierten sechs Platzverweise, mehr hat nur Aufsteiger Real Oviedo.

Dass ter Stegen hier viel zu tun bekommen wird, ist also sicher. Aber genau das ist der Punkt. Nach Monaten der Untätigkeit braucht er Spielpraxis, jede Menge Bälle auf die Flossen und gelegentliche Drucksituationen. Und ja, auch Gegentore. Er muss sichtbar sein, Verantwortung übernehmen, Spiele entscheiden. In Girona wird ihm nichts geschenkt, aber genau das kann ihm im WM-Rennen helfen.

Die Torhüter-Situation bei den „Blanquivermells“ war zuletzt ohnehin ein Sinnbild für das Chaos der Saison. Stammkeeper Paulo Gazzaniga schwankte zwischen starken Momenten und kapitalen Aussetzern. Der ausgeliehene Ersatzmann Dominik Livakovic wollte lieber gar nicht spielen, da sich schnell abzeichnete, dass er im Winter ohnehin wieder weg sein würde. Daher musste Gazzaniga im spanischen Pokal Anfang Dezember sogar trotz Fieber ran.

Dementsprechend froh zeigte sich auch Girona-Coach Michel Sanchez bei der Ankunft seines neuen Superstars. „Ich bin sehr glücklich", erklärte er erleichtert. „Du bist ein Anführer und wirst uns viel geben.“

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📸 Alex Caparros - 2026 Getty Images

Vom Camp Nou ins kleinste Stadion der Liga

Trotz all dieser Probleme ist Girona kein klassischer Provinzklub. Im Hintergrund zieht die City Football Group die Fäden, Vorstandschef ist Pere Guardiola, der Bruder von Pep. Die eigenen Ambitionen sind durchaus hoch, die Champions-League-Qualifikation 2023/24 als Dritter der Liga kein reiner Zufall.

Doch dieser Glanz ist für den Moment verblasst. Übrig geblieben ist ein Verein aus der katalonischen Provinz mit dem kleinsten Stadion der Liga. Gerade einmal 14.624 Plätze fasst das Estadi Montilivi und ist meist nicht einmal ausverkauft. Mickrige 11.671 Fans trudeln pro Heimspiel ein. Zudem liegen Umbaupläne für eine dringend notwendige Modernisierung seit Längerem auf Eis.

Für jemanden, der jahrelang vor 90.000 Zuschauern spielte, ist das ein Kulturschock. Ter Stegen wird sich allerdings daran gewöhnen müssen, dass in Girona alles sieben bis acht Nummern kleiner ist. Das gilt für die Kabine, das Stadion und die öffentliche Aufmerksamkeit.

Aber vielleicht ist genau das der Preis für seinen großen Traum. Er wollte die WM 2026 als Nummer eins angehen und hat dafür Glamour und einen wahrscheinlichen Meistertitel gegen eine Bruchbude und Abstiegskampf eingetauscht. Ob dieser Tausch aufgeht, wird man sehen. Einsatzzeiten wird er bekommen. Chancen, sich auszuzeichnen, auch. Und wenn er die Schießbude Gironas stabilisiert, könnte das am Ende mehr wert sein als jede Bankwärmer-Minute beim FC Barcelona.


📸 Alex Caparros - 2025 Getty Images

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