MillernTon
·11. Juni 2026
Buchrezension: „77/78 – Die Saison der Arbeiter“

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·11. Juni 2026

Im Werkstatt-Verlag ist ein Buch über die Saison 1977/78 erschienen, welches das Geschehen auf dem Platz in das damalige Zeitgeschehen außerhalb des Fußballs einbettet. Ronny hat es sich für uns angeschaut.
Das mir vorliegende Buch aus dem Werkstatt-Verlag, der inzwischen zur Verlagsgruppe Delius/Klasing gehört, ist quasi Nachfolger des hochgelobten und preisgekrönten Werks “71/72 – Die Saison der Träumer” von Bernd-M. Beyer aus dem Jahr 2021. In gleicher Manier wie Beyer schildert Autor Michael Bolten tagebuchartig eine ganze Fußballsaison – übrigens die erste des FC St. Pauli in der 1. Bundesliga – und bettet seine Erzählung in das politische, kulturelle und natürlich fußballerische Zeitgeschehen vor fast 50 Jahren ein. Zwei Ereignisse ragen in jenen Monaten heraus: der sogenannte “Deutsche Herbst” 1977 und die höchst umstrittene Fußball-WM 1978 in Argentinien.
Ebenso wie Beyer hat sich Bolten dabei zwei Protagonisten jener Zeit herausgepickt, die im Mittelpunkt des Erzählstrangs stehen und deren damalige Vita dabei dezidierter beleuchtet wird. Waren es beim ehemaligen Werkstatt-Geschäftsführer Beyer Reinhard “Stan” Libuda und Rio Reiser, so hat sich Bolten Berti Vogts und Kevin Keegan ausgeguckt – zwei Fußballer auf dem Höhepunkt ihrer Karrieren. “Terrier” Vogts von Borussia Mönchengladbach war in Argentinien Teamkapitän der deutschen Nationalmannschaft, und Keegan war 1977 als erster Engländer überhaupt in die hiesige Beletage gewechselt – vom FC Liverpool zum Hamburger SV.
Wer sich schon länger intensiv mit dem Tretsport befasst, wird wissen, dass die Saison 1977/78 nicht nur wegen St. Paulis Aufstieg/Abstieg sowie dem 2:0-Derbysieg im Volkspark eine besondere war, sondern insbesondere auch, weil der letzte Spieltag am 29. April ein außergewöhnlicher gewesen war: Sowohl Tabellenführer 1. FC Köln unter Coach Hennes Weisweiler als auch Borussia Mönchengladbach konnten, punktgleich vor dem Finale, Deutscher Meister werden. Allerdings wies Köln eine Tordifferenz von +40 auf, Gladbach um Berti Vogts lediglich von +30. Die Mannen um Cheftrainer Udo Lattek hatten also nur noch theoretische Chancen auf die Meisterschaft.
Doch dann passierte Unfassbares: Die Borussia fegte die Namensschwester aus Dortmund mit 12:0 vom Platz. Und hätte nicht der 1. FC parallel beim Auswärtsspiel im Volksparkstadion gegen unsere Braunweißen, die bereits abgestiegen waren, ebenfalls hoch gewonnen (5:0), sondern vielleicht nur mit 1:0 oder 2:1, und wäre somit nur Vizemeister geworden, wären sicherlich deutlich mehr Manipulationsvorwürfe erhoben worden, als damals ohnehin schon. Aus diesem 0:5 heraus entstand dann übrigens eine sogenannte Fanfreundschaft zwischen den Kölnern und dem FC St. Pauli, die im Laufe der Jahrzehnte aber schließlich unspektakulär versandete. Soweit ein kurzer Exkurs in die primäre Erstligasaison des FCSP, der auch aufgrund der vielen “Heimspiele” im Volksparkstadion des HSV sang- und klanglos wieder absteigen musste. Lediglich fünf der Heimpartien wurden am Millerntor absolviert – keine davon wurde verloren.
Sehr viel interessanter als die Bundesligasaison waren andere Geschehnisse in jenem Jahrzehnt. Die “Rote Armee Fraktion” (RAF) mordete sich durch die Republik und hinterließ nicht nur Tote, sondern ein Deutschland, dass durch die RAF-Taten und die anschließende hysterische Reaktion der Politik unter Kanzler Helmut Schmidt ein anderes Gesicht erhielt: Schleyerfahndung, Nachrichtensperre, Kontaktsperregesetz etc. Eine Folge dieses “nicht-erklärten Ausnahmezustandes” (Historiker Wolfgang Kraushaar) war die Gründung der alternativen Tageszeitung “taz” im September 1978.
Auch Berti Vogts wollte die RAF-Machenschaften nicht unkommentiert lassen und äußerte sich seinerzeit mehrfach in seiner unnachahmlichen und dumpfen Art. Als beispielsweise am Vorabend eines Bundesligaspiels das Team zusammen vor dem Fernseher saß und in einer Nachrichtensendung ein schwer bewaffnetes Einsatzkommando auf der Suche nach RAF-Terroristen nach der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer (ab 1931 Hitlerjugend, ab 1933 SS) zu sehen war, wandte sich Vogts mit folgenden Worten an seinen Mitspieler Ewald Lienen: “Schau mal Ewald, sie jagen wieder deine Freunde. Ich kann dir gar nicht sagen, wie gerne ich da mitmachen würde.” Bei einer Umfrage der Illustrierten “Stern” im September 1977 unter 40 Prominenten, wie diese denn im Zusammenhang mit dem RAF-Terror zur Todesstrafe stünden, finden sich insgesamt acht Befürworter, davon zwei Fußballer: Uwe Seeler und – Berti Vogts.
Apropos Todesstrafe: Als “WM der Schande” ging hierzulande die Fußballweltmeisterschaft 1978 in Argentinien in die Annalen ein. Und damit war nicht die “Schmach von Córdoba” gemeint, also das peinliche 2:3 Deutschlands gegen Österreich im abschließenden Zwischenrundenspiel, welches die sofortige Abreise für das Team von Bundestrainer Helmut Schön und das letzte Länderspiel Vogts’ bedeutete. Aber vielleicht hätte man auch gar nicht erst hinreisen sollen, denn die vierte Fußball-WM in Südamerika fand im von einer verbrecherischen Militärjunta regierten Argentinien statt. Dort also, wo die Menschen damals nicht nach Gerichtsurteilen abgestraft wurden, sondern einfach verschwanden und ermordet wurden, wenn sie dem mörderischen Regime nicht als genehm erschienen: Todesstrafe ohne Richterspruch.
Nicht einmal kritische Worte fanden die bundesdeutschen Vertreter ob der prekären Menschenrechtslage im WM-Land. Im Gegenteil: Zynischerweise empfing man am 7. Juni 1978 im argentinischen DFB-Quartier den im Zweiten Weltkrieg hochdekorierten deutschen Kampfflieger Hans-Ulrich Rudel, der 1948 nach Südamerika emigriert war, weil der im Nachkriegsdeutschland großen Ekel über den sittlichen Verfall und den Verlust der Ewigkeitswerte des deutschen Volkes empfunden hatte. Rudel diente sich dort nicht nur Militärs und Diktatoren an, sondern engagierte sich zudem im sogenannten “Kameradenwerk” für nach Südamerika geflüchtete Kriegsverbrecher. Noch kurz vor der WM trat er zudem als Redner der rechtsextremen DVU auf, die sich 1987 vom Verein zur Partei häuten sollte.
Und Rudel darf im Zuge seines Besuchs sogar unsägliche Statements abgeben: Im Zusammenhang mit der Menschenrechtsfrage in Argentinien verweist dieser auf den in Berlin einsitzenden Kriegsverbrecher Rudolf Hess. Zudem lobt er das argentinische Militärregime, das nur seine Pflicht tun würde, “genauso wie wir sie getan haben”. Was Hans-Hubert Vogts zu diesem Nazi-Besuch zu sagen hatte, möchte man ehrlicherweise lieber gar nicht wissen. Und es steht dazu auch nichts im Buch.
Stattdessen zieht der spätere Bundestrainer Vogts sein ganz persönliches Fazit nach der Fußballweltmeisterschaft: “Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen”. Immerhin äußert sich Helmut Schön daraufhin doch noch zur Lage im Gastgeberland: “Die Gefangenen werden ja nun nicht unbedingt gezeigt, das ist 1936 auch nicht der Fall gewesen.” Und 1936 ist ein gutes Stichwort, denn vom “Kicker” nach seinem Lieblingsbuch gefragt, führt Vogts ein Buch über Olympia in Berlin an und antwortete wie folgt: “Es ist für mich eine Erinnerung an meine Eltern und ich blättere heute noch gerne darin herum. Außerdem hat es damals so viele Medaillen für uns gegeben…”.
Sehr erstaunlich, dass CDU-Wähler und -Wahlkämpfer Berti Vogts und Kevin Keegan damals Freunde geworden sind, denn der heute 75-jährige Engländer war seinerzeit überzeugter Labour-Wähler, als die Partei tatsächlich noch linke Politik auf ihrer Agenda stehen hatte, ehe sich mit spätestens Tony Blair das Sozialistische der Labour Party ins Egalistische verwandelte.
Diese Rezension mag irgendwie nach einer Abrechnung mit Berti Vogts klingen. Soll es aber nicht sein, sondern nur aufzeigen, was vor 50 Jahren noch an dummer Dreistigkeit durchgewunken wurde, ohne dass dies irgendwelche Konsequenzen gehabt hätte. Wie auch Äußerungen anderer Fußballspieler aus der Ära Vogts, wie beispielsweise Manfred Kaltz oder Erich Beer, die sich aufgrund eines Briefes von Amnesty International zur Menschenrechtslage und zur Folter in Argentinen kurz vor der WM weniger mitfühlend präsentieren. Kaltz stellt nicht nur den Foltervorwurf grundsätzlich infrage, sondern zeigt sich gleichgültig: selbst wenn dort gefoltert werden würde, würde ihn dies nicht belasten. Beer hingegen zieht einen merkwürdigen Vergleich: wenn er “200 Mark für ein Essen ausgebe und in Indien hungern welche”, habe er schließlich auch kein schlechtes Gewissen.
Guten Gewissens hingegen kann ich dieses fast 300 Seiten starke A5-große Hardcoverbuch empfehlen, denn es bringt eine Zeit (wieder) näher, die manche von euch vielleicht schon bewusst selbst miterlebt haben und deshalb Erinnerungen aufgewärmt bekommen. Oder die jüngeren Leser:innen tauchen in eine bewegte und bewegende Epoche ein und lernen dabei möglicherweise auch noch mutmaßlich wichtige Dinge dazu, beispielsweise wer wann das “Tor des Jahrhunderts” schoss (Klaus Fischer), wann und wo Ex-FCSP-Übungsleiter Uli Maslo seinen ersten Cheftrainerposten einnahm (1977, Schalke 04), wo und wann es die erste Kernschmelze in einem Atomkraftwerk gab (Harrisburg, 1979) oder wann und wo es mit 120.000 Teilnehmr:innen die größte Anti-Kernenergie-Demo Deutschlands gab (Gorleben, 1979).
Einziger Kritikpunkt an dieser flüssig und gut geschriebenen Fleißarbeit: Wenn schon Hans-Hubert Vogts und Joseph Kevin Keegan derart viel Gewicht im Buch bekommen haben, hätte ich mir durchaus aktuelle O-Töne dieser beiden Protagonisten gewünscht. Ob die das nicht wollten oder was ansonsten die Gründe hierfür sein könnten, ist mir leider nicht bekannt. // Ronny„77/78 – Die Saison der Arbeiter“, Verlag Die Werkstatt, ISBN 978-3-7307-0767-8, 288 Seiten, 24,90 Euro.
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