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·12. September 2026
Chaos in Istanbul: Rücktritt, Ablehnung, Trennung, Rückkehr – 36 Stunden Fenerbahçe in vier Akten

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Istanbul. Als Archie Brown nach dem Spiel in die Mixed Zone kam, hatte er gerade das erste Champions-League-Tor für Fenerbahçe seit 18 Jahren geschossen. Ein Reporter fragte ihn, was er zum Rücktritt seines Trainers sage. „Rücktritt? Was für ein Rücktritt?“, antwortete Brown. „Ich erfahre das gerade von Ihnen.“ Es war der Moment, in dem sichtbar wurde, was in der Chobani Arena in den Minuten zuvor passiert war: Ein Trainer war gegangen, ohne dass seine Spieler es wussten. Und ein Präsident war dabei, das rückgängig zu machen, ohne dass der Trainer es wusste.
Das 1:1 gegen die AS Roma – Cristante hatte die Italiener in der ersten Halbzeit in Führung gebracht, Brown kurz nach der Pause ausgeglichen – war kein schlechtes Ergebnis. Fenerbahçe war nach 18 Jahren zurück in der Champions League, hatte einen Punkt gegen einen Serie-A-Klub geholt. Doch beim Stand von 1:1 flog aus der Tribüne eine Wasserflasche und traf İsmail Kartal am Kopf. Der 65-Jährige machte laut Cumhuriyet eine Geste mit der Hand, die „fertig“ bedeutete.
Auf der Pressekonferenz nahm er keine Fragen an. „Ich bin seit drei Monaten hier“, sagte er. „Seit Saisonbeginn haben unser Präsident, unser Vorstand versucht, uns zu helfen. Es waren sehr schöne Tage. Ab heute Abend gratuliere ich meinen Spielern und trete von meinem Amt zurück. Ich habe diese Entscheidung getroffen, um meinem Verein den Weg freizumachen. Ich trete zurück, solange der Weg noch frei ist – ohne jemals zurückzukehren.“
Aziz Yıldırım trat wenige Minuten später vor die Kameras, hinter ihm ging Kartal vorbei – auf dem Weg nach Hause, wie der Präsident sagte. Und Yıldırım tat etwas, das im Profifußball fast nie vorkommt: Er lehnte den Rücktritt ab. „Ich habe ihm gesagt: Du machst weiter. Punkt. Ich bin sein Älterer. Wir sind eine Familie. Er bleibt, bis ich gehe. Wenn ich gehe, geht er.“
Die Schuld verteilte er an Medien und Fans. „Ihr schreibt diese Dinge, und der Mann tritt zurück.“ Kommentatoren, die sich Fenerbahçe-Fans nannten, verrieten den Klub. Man sei nach 18 Jahren in der Champions League – „das ist ein Erfolg“. Und, mit Blick auf die Kritik am Transfersommer: Wegen der Ausländerregel müssten „noch 15 Spieler gehen“. Yıldırım erwähnte auch, Kartal habe von Druck gesprochen und davon, dass er Medikamente nehme. „Kann ein Mensch so viel Belastung ertragen?“
Kartal blieb bei seinem Wort. Zum Training in Samandıra am Donnerstagmittag erschien er nicht; Co-Trainer Dirk Kuyt übernahm. Fußballdirektor Oğuz Çetin verließ das Trainingsgelände und fuhr zu Kartal nach Anadolu Kavağı – zwei Stunden, im Beisein von Kartals Frau und Kindern. „Trainer, die ganze Gemeinschaft steht hinter dir. Wir alle lieben dich sehr“, soll Çetin gesagt haben. Kartals Antwort: „Meine Entscheidung ist endgültig, ich werde niemals zurückkehren.“ Vor dem Haus standen Fans mit Transparenten.
Am Nachmittag beschloss der Klub die Trennung. Kuyt sollte die Mannschaft beim Ligaspiel in Gaziantep betreuen, Hürriyet titelte: „Rücktritt angenommen, Wege getrennt.“ In den Medien fielen die Namen Antonio Conte und Ersun Yanal.
Dann tagte der Vorstand – je nach Quelle anderthalb oder vier Stunden, unter Ausschluss der Presse. Ergebnis: Die Fortsetzung mit Kartal sei „im Interesse des Klubs die richtigste Option“. Yıldırım rief den Trainer an, laut TRT Spor lud er ihn ins Klubgebäude. „Ruh dich aus, ich habe von so etwas nichts gehört, du bist der Trainer“, soll der Präsident gesagt haben. Und Kartal, der 24 Stunden zuvor „niemals“ gesagt hatte, sagte Ja.
Um Mitternacht kam die offizielle Mitteilung: „Unser Cheftrainer İsmail Kartal ist im Amt. Unsere Mannschaft setzt die Vorbereitung auf das Spiel gegen Gaziantep FK am Samstag um 11.30 Uhr unter seiner Leitung fort.“
Die Flasche war der Auslöser, nicht der Grund. Cumhuriyet zeichnet die Vorgeschichte nach: Kartal hatte im Sommer verlangt, Fred und Talisca zu behalten – der Vorstand verkaufte beide, Talisca noch am Deadline Day wegen des Ausländerkontingents. Nach der Derby-Niederlage gegen Beşiktaş äußerten Vorstandsmitglieder Unmut über den Trainer; Yıldırım fragte öffentlich, warum Mert Müldür nicht spiele. Kartal stellte Müldür gegen Roma in die Startelf – laut Cumhuriyet als Spitze gegen den Präsidenten. Ein Trainer, der sich von der Führung nicht getragen fühlt, und ein Präsident, der öffentlich alle anderen beschuldigt: Das ist die Konstellation, in der eine Wasserflasche zum Rücktritt führt.
Der Werfer wurde inzwischen ermittelt. Auf Anweisung der Istanbuler Staatsanwaltschaft wurde seine Identität festgestellt, er wurde vernommen und erhielt nach dem Gesetz 6222 ein Stadionverbot.
Fenerbahçe hat nach vier Ligaspielen sechs Punkte, verlor das Derby, holte einen Punkt gegen Roma und hat in diesem Sommer Greenwood, Lukaku, Aké und Muriqi geholt. Es ist ein Kader, der Titel gewinnen soll, unter einem Trainer, der in seiner vierten Amtszeit ist und am Mittwoch für 24 Stunden keiner mehr war.
Ob die Kehrtwende hält, entscheidet sich nicht in Vorstandssitzungen. Sie entscheidet sich in Gaziantep, dann im Ligaalltag, dann bei der nächsten Flasche. Yıldırım hat gesagt, Kartal bleibe, bis er selbst gehe. Das ist ein Versprechen, das der Präsident geben kann. Ob der Trainer es annehmen kann, hat er am Mittwoch für ein paar Stunden bezweifelt.




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