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·10. Mai 2026

Das Ende der Verblendung

Artikelbild:Das Ende der Verblendung

Was haben die Situation des VfL Wolfsburg, die Titanic und die schwangere Jungfrau Maria gemeinsam? – An irgendeinem Punkt der Geschichte stellt sich unweigerlich die Frage: Wie konnte das denn passieren!? Dieser Kalauer unterstreicht, womit wir uns als Fans neben der immer noch bedrohlichen Situation im sportlichen Bereich ausführlich seit Wochen beschäftigen. Und unabhängig davon bleibt die Gefahr des Absturzes mit und ohne Relegation relevant und bedrohlich. Genauso unabhängig davon müssen wir uns dennoch mit der Zukunft beschäftigen. Aber der Spirit ist dafür inzwischen ein ganz anderer als noch vor Wochen. Ich sag es ganz offen: dass wir überhaupt noch eine Chance haben, mit 29 Punkten vielleicht die Klasse zu halten ist ein Gottesgeschenk, was wir tunlichst annehmen sollten. Wie so oft schon, hat die Mannschaft offenbar beschlossen, unter stabilisierender Wirkung des Trainers, auf der letzten Rille die Kurve kriegen zu wollen. Vor Wochen war dieser Verein auf allen Ebenen klinisch tot, doch inzwischen haben wir bewiesen, dass man sich Hoffnung erarbeiten kann. Wie auch im religiösen Zusammenhang üblich, bedarf es dafür „Zeichen und Wunder“. Der VfL Wolfsburg hat gestern eins dieser wichtigen Zeichen gesendet. Mit der Rückkehr des Zinnenwappens wurde nicht einfach nur ein altes Symbol reaktiviert – es wurde ein Stück Identität zurückgeholt. Viele Fans haben diesen Schritt als echtes Zeichen verstanden: als Zeichen dafür, dass Tradition, Fankultur und Vereinsidentität wieder stärker in den Mittelpunkt rücken sollen. Wie es dazu kam, haben heute in einem besonderen Termin sehr eindrücklich, geschlossen und glaubwürdig Vertreter des Aufsichtsrates, der Fans und der Geschäftsführung erläutert. Und es wurde von allen Beteiligten ein Versprechen abgegeben: Wir reden von einem Anfang, nicht von einem Ende. Es wurde sehr deutlich gemacht, dass man diesen Verein auf allen Ebenen gemeinsam umbauen werde. Die Betonung liegt auf „gemeinsam“ oder zumindest in „enger Abstimmung“. Das macht zusätzlich Hoffnung, das sind aber auch Aussagen, an denen sich alle Beteiligten messen lassen müssen.

Und genau darin liegt die große Chance dieses Sommers. Es muss das Ende der Verblendung sein. Nicht nur Kosmetik


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Denn das Zinnenwappen allein wird den VfL nicht verändern. Es kann aber der sichtbare Beginn eines Weges sein, den Verein sportlich, strukturell und emotional neu auszurichten. Die vergangenen Monate haben deutlich gemacht, dass es dafür mehr braucht als kosmetische Korrekturen. Der VfL steht vor einem notwendigen Umbruch – und dieser muss konsequent weitergeführt werden – unabhängig von den Menschen am Ruder. Aber die, die das Steuerrad gerade in der Hand halten, haben glaubhaft vermittelt: das, was wir tun, machen wir aus Überzeugung. Das gilt für den Wappenwechsel, das gilt für die weiteren Veränderungen im Verein. Und um gleich irgendwelchen Verschwörungstheorien auch hier im Blog entgegenzutreten: als jemand der diesen Prozess leibhaftig beobachtet hat, kann ich sagen: das Wappen ist kein Zuckerl für die Ultras und kein Deal für Unterstützung im Abstiegskampf, sondern Ergebnis eines deutlich früher initiierten Projekts. Monate bevor wir in Abstiegsnot gerieten. So eine Veränderung lässt sich auch gar nicht in wenigen Wochen realisieren. Das sei allen gesagt, die sich mit der Materie nicht so auskennen und lieber schweigen sollten.

Bei den Veränderungen geht es ausdrücklich nicht nur um den Klassenerhalt oder die Ligazugehörigkeit. Natürlich wäre der sportliche Verbleib in der Bundesliga enorm wichtig. Aber unabhängig davon stellt sich die entscheidende Frage: Wie soll der VfL Wolfsburg künftig auftreten? Wofür soll dieser Verein stehen? Und wie gelingt es, verlorenes Vertrauen Schritt für Schritt zurückzugewinnen?

Bewegung trotz Konflikt

Positiv ist zunächst, dass sich zuletzt überhaupt wieder etwas bewegt hat. Der Dialog mit Fans wirkt offener als noch vor einiger Zeit, die Diskussion über Identität wird ernster geführt und mit der Wiedereinführung des Zinnenwappens wurde endlich ein langjähriger Konflikt gelöst. Das verdient Anerkennung. Ebenso wie die Tatsache, dass viele Fans trotz der schwierigen sportlichen Lage weiterhin präsent sind – zuhause wie auswärts, kritisch, aber engagiert.

Genau dieses Engagement sollte jetzt genutzt werden.

Denn viele Anhänger haben nicht mehr den Eindruck, dass einzelne Fehlentwicklungen lediglich unglückliche Einzelfälle waren. Zu oft wirkten Entscheidungen in den vergangenen Jahren wenig nachvollziehbar, zu oft fehlte eine erkennbare sportliche und strukturelle Linie. Der VfL braucht deshalb mehr als einzelne personelle oder symbolische Veränderungen. Er braucht ein klares Selbstverständnis.

Deshalb sollten aus meiner Sicht drei zentrale Punkte im Mittelpunkt der kommenden Monate stehen:

  1. Wir brauchen ein basisorientiertes Regulativ

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass es dem VfL an einer klar erkennbaren Identität und an verbindlichen Leitplanken gefehlt hat. Entscheidungen wirkten häufig kurzfristig, wenig transparent oder nur schwer nachvollziehbar. Gerade deshalb braucht es künftig stärkere Mechanismen des Austauschs und der Einbindung.

Fans erwarten keine basisdemokratische Abstimmung jeder Personalentscheidung. Aber sie erwarten zu Recht, dass es nachvollziehbare Prinzipien gibt, nach denen der Verein und auch Volkswagen handeln – sportlich, strukturell und kulturell. Wofür steht der VfL Wolfsburg? Welche Art von Fußball, welche Mentalität und welche Form des Umgangs sollen den Verein prägen? Diese Fragen dürfen nicht ausschließlich intern beantwortet werden.

Die Rückkehr des Zinnenwappens hat gezeigt, dass Bewegung möglich ist, wenn Themen ernst genommen werden. Genau dieser Ansatz muss nun fortgeführt werden. Wer langfristig wieder Vertrauen schaffen will, muss den Dialog mit den Fans verbindlicher gestalten und Beteiligung nicht nur symbolisch verstehen. Die Ankündigung der Fanvertreter, sich in diesem Zusammenhang für ein Fanmandat im Aufsichtsrat einzusetzen, ist folgerichtig, auch wenn die genaue Vorgehensweise und Ausrichtung noch ungeklärt ist.

2. Wir brauchen eine neue Form von Leistungsbereitschaft und Verantwortung

Der VfL Wolfsburg verfügt weiterhin über außergewöhnliche Voraussetzungen. Umso ernüchternder ist die sportliche und strukturelle Entwicklung der vergangenen Jahre. Zu oft entstand der Eindruck, dass Potenziale ungenutzt blieben und grundlegende Anforderungen an Leistung, Haltung und Identifikation nicht konsequent eingefordert wurden.

Dabei geht es nicht darum, einzelne Personen öffentlich an den Pranger zu stellen. Es geht um die grundsätzliche Frage, welche Kultur im Verein künftig gelebt werden soll. Wolfsburg darf kein Standort sein, an dem Mittelmaß verwaltet wird. Der Anspruch muss wieder sein, auf allen Ebenen professionell, ambitioniert und glaubwürdig zu arbeiten.

Das betrifft die sportliche Führung ebenso wie die Kaderplanung, die Nachwuchsarbeit, die Außendarstellung, die Formulierung von realistischen Zielen und die interne Organisation. Der VfL braucht Menschen mit Herz und Leidenschaft für den Verein, die Verantwortung übernehmen, Entscheidungen nachvollziehbar erklären und den Verein langfristig entwickeln wollen – nicht nur kurzfristig verwalten oder im Eigeninteresse handeln. All das soll und will der Aufsichtsrat gemeinsam mit der Vereinsführung angehen, wie Diego Benaglio betont hat. Es wäre gut und richtig. Eigentlich sogar alternativlos.

3. Wir brauchen einen Neustart der Fankultur und des gemeinsamen Selbstverständnisses

Auch die Fanszene selbst steht vor wichtigen Aufgaben. In den vergangenen Jahren haben sich Diskussionen rund um den VfL häufig in Nebenschauplätzen verloren. Fahnen vor der Nase, kalte Pommes usw. Gleichzeitig fehlte oft ein gemeinsames Verständnis dafür, wie Zusammenhalt und unterschiedliche Erwartungen miteinander verbunden werden können.

Dabei liegt gerade darin eine große Chance. Der Verein lebt – trotz der schwierigen Situation. Viele Fans investieren weiterhin Zeit, Energie und Leidenschaft. Heim- und Auswärtsfahrten, kreative Aktionen und die intensive Auseinandersetzung mit der Zukunft des Vereins zeigen, welches Potenzial vorhanden ist.

Dieses Potenzial kann aber nur Wirkung entfalten, wenn es gelingt, stärker gemeinsam zu agieren. Unterschiedliche Sichtweisen gehören zu jeder Fanszene dazu. Entscheidend ist jedoch, ob daraus eine gemeinsame Richtung entstehen kann. Der VfL wird nur dann wieder Strahlkraft entwickeln, wenn Verein und Umfeld näher zusammenrücken und ein neues Wir-Gefühl entsteht.

Denn eines sollte bei aller Enttäuschung nicht vergessen werden: Selten haben sich so viele Menschen rund um den VfL öffentlich Gedanken über die Zukunft ihres Vereins gemacht wie jetzt. Selten war der Wunsch nach Veränderung so deutlich spürbar.

Die Rückkehr des Zinnenwappens war deshalb ein wichtiges Zeichen. Aber sie darf nicht das Ende der Entwicklung sein, sondern muss ihr Anfang bleiben. Der VfL Wolfsburg braucht keinen kurzfristigen Imagewechsel, sondern einen glaubwürdigen Neuanfang – sportlich, strukturell und kulturell.

Die Chance dafür ist da. Nun muss der Verein zeigen, dass er bereit ist, diesen Weg konsequent weiterzugehen. Nicht irgendwann und mit gut klingenden Sonntagsreden, sondern jetzt und mit konkreten Veränderungen und transparenter Kommunikation. Dann wäre am Ende diese Horror-Saison vielleicht nicht nur für etwas gut gewesen, sondern der Beginn von etwas ganz Großem. Symbolisch und auch in der Realität.

In diesem Sinn: Bleibt geschmeidig!

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