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·20. Juli 2026
Das VAR-Erbe der WM 2026: Präzision, kein Jubel

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·20. Juli 2026

Die Technik sollte Gerechtigkeit bringen. Geblieben ist der Moment danach: der abgebrochene Jubel, die Hände über den Köpfen, die Sekunden des Zweifels, ob das gerade wirklich zählt. Die WM 2026 hatte die präziseste Technologie ihrer Geschichte – und hinterließ trotzdem das schlechteste Gefühl.
Jonathan Tah köpft nach einer Ecke ein, 2:1 für Deutschland in der Verlängerung, das Sechzehntelfinale gegen Paraguay schien gedreht. Dann meldete sich der VAR. Nicht wegen Abseits, nicht wegen eines Zentimeters – wegen eines angeblichen Fouls von Waldemar Anton am Keeper Orlando Gill in der Entstehung. Schiedsrichter Jalal Jayed ging zum Monitor und nahm den Treffer zurück.
Es blieb beim 1:1. Deutschland verlor im Elfmeterschießen und flog raus – im ersten K.-o.-Spiel, gegen einen Außenseiter. Die deutschen Experten waren sich in seltener Eintracht einig: Fehlentscheidung. Patrick Ittrich nannte den Eingriff bei MagentaTV „zu kleinlich“, Lutz Wagner sah in der ARD „kein klares Vergehen“, Thorsten Kinhöfer im ZDF fehlten schlicht „die Worte“. Der Torwart, betonte Wagner, habe im Fünfmeterraum keine Sonderrechte mehr. Und Julian Nagelsmann? Der polterte im ZDF von einem „Vollskandal“.
Er lag falsch – das ist der Konsens. Aber genau hier trennt sich die reife Analyse vom Stammtisch. Denn im selben ZDF-Studio saß Christoph Kramer, Weltmeister von 2014, und sagte den Satz, der wehtut: „Dazu darf es niemals kommen.“ Wer gegen Paraguay in die Verlängerung stolpert, mit acht Ballkontakten von Deniz Undav in einer Halbzeit und einer Offensive ohne Idee, der macht sich abhängig von einer Ermessensentscheidung am Bildschirm.
Man kann das deutsche Aus also als Justizirrtum erzählen. Man kann es auch als das erzählen, was es vor allem war: das dritte klägliche Vorrunden-Niveau in Folge, diesmal nur eine Runde später beerdigt. Der VAR hat Deutschland um einen Treffer gebracht. Ausgeschieden ist die Mannschaft an sich selbst.
Dabei war ausgerechnet das Abseits die große Ankündigung dieses Turniers. Die FIFA fuhr auf, was die Branche zu bieten hat: 16 Tracking-Kameras pro Stadion, 3D-Körperscans jedes Spielers, ein akustisches Signal, das dem Schiedsrichter „Abseits“ ins Ohr flüstert, sobald das System sich sicher ist. Schneller, präziser, weniger Unterbrechung – so lautete das Versprechen der FIFA-Technikabteilung.
Nur: Die Regel, die den Millimeter-Streit wirklich hätte beenden können, kam gar nicht. Das von Arsène Wenger seit Jahren gepredigte „Tageslicht“-Abseits – Abseits erst, wenn eine sichtbare Lücke zwischen Angreifer und Verteidiger klafft – blieb ein Pilotprojekt in der kanadischen Liga. Das IFAB beließ es bei „laufenden Versuchen“. Auf dem größten Feld der Welt galt weiter das alte Gesetz: Ein Zeh entscheidet.
Und die Hochtechnik? Patzte schon am ersten Wochenende. Beim 1:1 zwischen der Schweiz und Katar fiel vor einem Elfmeter die grafische Abseitseinblendung aus. Die FIFA räumte einen „kurzen technischen Ausfall“ ein und bestätigte die Entscheidung – doch der Zweifel war gesät. Präzision, die keiner sieht, ist für den Fan keine Präzision. Sie ist nur die nächste Blackbox.
Der Tah-Fall war kein Einzelstück, sondern Teil eines Musters. Der Vorwurf, der sich durch die Turnierbilanz zieht, lautet nicht „zu viel Technik“. Er lautet: keine Linie. Mal wurde die feinste Aufbau-Szene seziert, mal wurde bei einer groben Aktion weggeschaut.
Besonders laut wurde es rund um Argentinien. Nach dem 3:2 im Achtelfinale gegen Ägypten – Ägyptens Treffer wegen eines Aufbau-Fouls annulliert – hielt sich das halbe Turnier lang der Vorwurf, die Albiceleste genieße eine zu lange Leine. Man muss daraus keine Verschwörung basteln. Man muss nur anerkennen, dass ein System, das mal eingreift und mal nicht, genau das produziert, was es abschaffen wollte: Streit.
Die Ironie sitzt tiefer. Das ganze Regelpaket, das seit dem 1. Juni gilt, war als Tempo-Kur gedacht: mehr Netto-Spielzeit, weniger Zeitschinderei, ein sichtbarer Acht-Sekunden-Countdown für trödelnde Torhüter. Im selben Atemzug aber weitete das IFAB die VAR-Kompetenzen aus – auf Eckbälle, auf die zweite Gelbe Karte. Schon vor dem Turnier warnte FIFA-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina, ausgerechnet die Eckball-Prüfung bringe neue Verzögerungen.
Genau so kam es. Frankreich stand gegen Marokko drei Minuten still, während ein Strafstoß geprüft wurde. Und dass die FIFA in der Schlussphase des Turniers still auf VAR-Personal vor Ort umstellte, war das leise Eingeständnis, dass die Abläufe nicht rund liefen. Ein Reformpaket, das das Spiel schneller machen sollte, hat es an den entscheidenden Stellen langsamer gemacht.
Niemand ernsthaftes will den VAR zurück in die Kiste. Die Technik erkennt, was das menschliche Auge nicht kann. Aber ein System, das den Jubel für zwei Minuten einfriert, um am Ende doch eine Ermessensfrage per Mehrheitsgefühl zu klären, hat sein zentrales Versprechen – Klarheit – nicht eingelöst. Selbst im Finale strich es noch ein Williams-Tor wegen eines Aufbau-Fouls.
Die WM 2026 hat bewiesen, dass man den Fußball bis auf den Zentimeter vermessen kann. Sie hat nicht bewiesen, dass man ihn dadurch gerechter macht. Sechzehn Kameras erfassen jeden Zeh. Für das, worauf es am Ende ankommt – die eine, klare Linie – hat noch niemand einen Sensor gebaut. Wer glaubt, das nächste Turnier löse das mit einer Kamera mehr, sucht an der falschen Stelle: Das Problem liegt nicht in der Optik, sondern im Urteil dahinter.
In der 102. Minute der Verlängerung köpfte Tah zum vermeintlichen 2:1 ein. Der VAR meldete ein Foul von Waldemar Anton am paraguayischen Keeper Orlando Gill in der Entstehung. Nach Monitor-Ansicht nahm Referee Jalal Jayed den Treffer zurück. Es blieb 1:1, Paraguay gewann im Elfmeterschießen.
Die deutschen TV-Experten hielten sie mehrheitlich für falsch. Ittrich, Wagner und Kinhöfer sahen kein klares Vergehen; ein Torwart genießt im Fünfmeterraum keine Sonderrechte mehr. Es war eine Ermessens-, keine Faktenentscheidung – und laut Ittrich war der VAR-Eingriff nicht gerechtfertigt.
Nein. Das von Arsène Wenger vorangetriebene Modell wurde nicht eingeführt, sondern startet als Testlauf in der kanadischen Liga. Gespielt wurde mit einer aufgerüsteten halbautomatischen Abseitstechnik: 3D-Körperscans, 16 Kameras pro Stadion, akustisches Signal – also weiter mit Millimeter-Messung.
Der aberkannte Treffer war der Aufreger, entschieden hat ihn aber das eigene Unvermögen: ein 1:1 gegen Außenseiter Paraguay und das verlorene Elfmeterschießen. Christoph Kramer brachte es auf den Punkt – man dürfe sich gar nicht erst in die Abhängigkeit einer Schiedsrichterentscheidung bringen.
Konkrete Regeländerungen entscheidet das IFAB, sie stehen noch aus. Die Debatte dreht sich um zwei Punkte: die klare Trennung von Fakten- und Ermessensentscheidungen und das Tempo der Prüfungen. Das Ziel der Reform von 2026 – mehr Netto-Spielzeit – geriet durch die VAR-Pausen selbst unter Druck.







































