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·7. Januar 2026

Der Brasilianer mit den deutschen Tugenden

Artikelbild:Der Brasilianer mit den deutschen Tugenden

Anfang der 2000er Jahre, schaffte Schalkes Manager Rudi Assauer das schier Unmögliche: Er war in Stuttgart noch unbeliebter als Winnie Schäfer, denn es kursierte jede Woche ein neues Gerücht.

Kuranyi: Was läuft da mit Schalke? Wechselt Hinkel in den Pott? Assauers Plan: Den ganzen VfB kaufen. Schalke heiß auf Magath!


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2004 verpflichteten die Knappen schließlich Marcelo Bordon. Auch wenn wir den Brasilianer in unser Herz geschlossen haben, Bordon ist ein echter Königsblauer geworden. 1999 war Bordon für rund 4,5 Millionen Mark aus Sao Paulo an den Neckar gewechselt. Nach einer kurzen Anlaufzeit entwickelte er sich in Stuttgart zum unumstrittenen Abwehrchef.

Ohne Übertreibung kann man sagen, dass er eine Zeit lang der beste Abwehrspieler der Bundesliga war.

Er war kein typischer brasilianischer Schönspieler, er trat ohne Schnörkel auf, machte nirgendwo eine Schleife dran. Er war ein Kraftpaket, die Fußballsprache erfand für ihn den Begriff “Abwehrrecke“. Die taz bezeichnete ihn dagegen als „elefantenohrigen Brasilianer” und der kultivierte in seinen fünf Jahren beim VfB eine sehr körperbetonte aber nie unfaire Spielweise, mit seinem muskulösen Oberkörper und seinen Tattoos präsentierte er sich als Autorität im Strafraum. Sein Spielstil: resolut, geradlinig und sachlich. Das spektakulärste war der enorme Umfang seiner Oberschenkel und wenn er eine Flanke im Strafraum klärte, dann köpfte er den Ball so weit wie andere ihn nicht schießen konnten.

Bordon verkörperte den absoluten Siegeswillen auf dem Platz. Seine Ausstrahlung und seine imposante Statur wirkten furchteinflößend auf die gegnerischen Stürmer. Er hatte besondere Führungsqualitäten und war Fixpunkt in der Mannschaft, an dem sich seine Mitspieler orientieren konnten. Das war auch notwendig, spielten doch neben ihm manchmal Innenverteidiger, die Jens Keller, Rui Marques oder Steffen Dangelmayr hießen.

So unerbittlich und schonungslos er auf dem Platz auftrat, so sanft wirkte er abseits davon. Seine ruhige Art zu sprechen und seine fast melancholische Stimme unterstrichen dies noch. Aber unkompliziert war er nicht. Bordon ist sehr gläubig und auf Schalke kursierte das Gerücht, er hätte Beef gehabt mit Frank Rost. Der Torhüter meinte, Bordon habe Stimmung gegen ihn gemacht, weil er nicht mit ihm habe beten wollen. Bordon dagegen wurde bei Trainer und Manager vorstellig und beklagte, Rost bringe ihn durcheinander, denn er sei vom Teufel besessen. Der Innenverteidiger bestritt das, aber kurze Zeit später löste ein gewisser Manuel Neuer den langjährigen Stammkeeper Rost ab.

In Stuttgart spricht man heute noch gerne über das legendäre 4:4 gegen Werder Bremen. Zwei hammerharte Freistöße, drei Tore von Bordon, in der Tat unvergesslich. Ebenso die Aufstellung 2004:

Hildebrand – Lahm, Zivkovic, Bordon, Gerber – Meira, Soldo, Hleb, Meißner (52. H. Yakin) – Kuranyi, Streller (82. Szabics) (auf der Bank: Rui Marques, Tiffert, Heldt, Cacau)

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Natürlich stand Bordon auch beim legendären 2:1 gegen Manchester United auf dem Feld. Wir buhten Ruud van Nistelrooy das gesamte Spiel aus und der sagte nach Spiel: „Wenn Du den Atem von Bordon im Nacken spürst, denkst Du, es wäre ein Orkan“.

Mit Bordon war nicht alles gold, was glänzt, auch wenn es in seiner Ära goldene Trikots gab.

So war 2001 Abstiegskmapf angesagt, mit Happy-End und Tor von Krassimir Balakov am 33. Spieltag. Da waren viele trostlose Spiele dabei, gewürgte Siege wie gegen Bremen, als Adhemar zwei Tore schoß und den Werder-Keeper mit Anlauf umsenste. In dem Spiel verwechselten Sebastian und ich noch Timo Wenzel und Andi Hinkel, die in dieser Saison von Felix Magath das Vertrauen geschenkt bekamen.

Artikelbild:Der Brasilianer mit den deutschen Tugenden

Schönstes oder hässlichstes? Die Meinung gehen beim goldenen VfB-Trikot auseinander. Aber was ganz anderes: wer ist hier vom VfB ausser Bordon und Hildebrand noch im Bild?

In Stuttgart erlebten die VfB-Fans einen Brasilianer mit deutschen Tugenden, der womöglich auch penibel darauf achtete, dass die Kehrwoche gemacht wird, schließlich wischte er seinen Strafraum auch immer feucht raus. Das Aufmacher-Bild mit Fredi Bobic (bei Hertha BSC!) ist symptomatisch für seine Zeit beim VfB: Nach einem Zweikampf mit Bordon lagen die Gegenspieler meist auf dem Boden.

Er war beim VfB stets Vorbild für jüngere Spieler und womöglich hat sich Fernando Meira einiges bei ihm abgeschaut. 2007 stemmte er als Kapitän die Meisterschale in den Himmel, während auf Schalke nicht nur Bordon und Kevin Kuranyi weinten. Wären sie doch nur in Stuttgart geblieben.

Marcelo Bordon absolvierte für den VfB insgesamt 171 Pflichtspiele und schoss dabei 14 Tore.

Heute feiert er seinen 50. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!

Bilder: Andreas Rentz/Bongarts/Getty Images (Aufmacher), Vladimir Rys/Bongarts/Getty Images (Manchester), Allsport UK/ALLSPORT (goldene Trikots)

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