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·28. September 2026
Der Fußball hält sich nicht mehr raus – das Problem ist, dass er seine Spieler dabei allein lässt

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·28. September 2026

Ein Kommentar
Debrecen. Das Ergebnis lautete 3:0, und niemand hat darüber gesprochen. Irland schlug Israel am Sonntagabend im ungarischen Debrecen, Troy Parrott, Adam Idah und Jack Moylan trafen in der ersten Halbzeit. Was von diesem Abend bleibt, sind andere Bilder: irische Spieler, die bei der israelischen Hymne die Köpfe senken. Kein Handschlag, kein Wimpeltausch, keine Einlaufkinder, keine irischen Fans. Schwarze Armbinden, die der irische Verband als „Würdigung aller im Gaza-Konflikt verlorenen Menschenleben“ bezeichnete. Ein Torschütze, der beim Jubel die Binde abnimmt und demonstrativ küsst. Und wenige Stunden später ein israelischer Außenminister, der auf X daran erinnert, dass Irlands Nationalmannschaft 1939 in Bremen vor dem Anpfiff den Hitlergruß gezeigt hat – und den Iren vorwirft, nun auf der Seite des „palästinensischen Terrorismus“ zu stehen.
Wer nach diesem Abend noch sagt, Politik habe im Fußball nichts zu suchen, beschreibt einen Zustand, den es nicht gibt.
Debrecen war kein Einzelfall, sondern der Höhepunkt einer Länderspielphase, in der sich die Grenze zwischen Spielfeld und Weltpolitik an fast jedem Abend verschoben hat.
In Madrid rollten Kylian Mbappé, Vinícius Júnior und Ibrahima Konaté vor einem Ligaspiel ein Solidaritäts-Shirt für die spanische Exklave Ceuta hoch, bis die Aufschrift nicht mehr lesbar war – LaLiga-Präsident Javier Tebas kritisierte sie öffentlich, Mbappé erklärte, er wolle „nicht eine Form des Leidens über eine andere stellen“. In Linz sah Israels Sayed Abu Farkhi nach seinem ersten Länderspieltor Gelb-Rot, weil er mit der Eckfahne eine Geste zeigte, die sein Trainer als üblichen Jubel und internationale Beobachter als Waffen-Imitation lasen. Irlands Torhüter Gavin Bazunu sagte beide Spiele gegen Israel aus Gewissensgründen ab. Und in Frankfurt eröffnete ein Bundestrainer seine erste Kaderbekanntgabe mit dem Satz, man wolle sich die Nationalfahne von den Rechtsradikalen zurückholen.
Man muss nicht jede dieser Szenen gleich bewerten, um das Muster zu erkennen. Der Fußball ist nicht mehr der Ort, an dem Politik draußen bleibt. Er ist einer der wenigen Orte, an dem sie noch ein Massenpublikum erreicht.
Das Regelwerk der UEFA untersagt politische Botschaften auf dem Platz grundsätzlich. Ob die irischen Armbinden den Vorgaben für Traueranlässe entsprachen, ist nach Angaben von Sport1 unklar. Ein Verbandschef erklärt sie zur Trauergeste, ein Außenminister erklärt sie zum Parteinehmen für Terror, und dazwischen steht ein deutscher Schiedsrichter namens Harm Osmers, der 90 Minuten lang ein Fußballspiel leiten soll, das keiner mehr als Fußballspiel betrachtet.
Das ist der Kern: Nicht dass Politik in den Fußball kommt, ist das Problem – das war nie anders, von Bern 1954 bis zu den Olympia-Boykotts. Das Problem ist, dass es keine erkennbare Linie gibt, wer was darf. Manche Gesten werden toleriert, andere sanktioniert, wieder andere bleiben einfach offen. Wer so entscheidet, entscheidet nicht nach Regeln, sondern nach Stimmung. Und Stimmung ist die schlechteste Grundlage, um mit den heikelsten Konflikten dieser Welt umzugehen.
Man darf an diesem Abend beide Seiten kritisieren, ohne im Nahostkonflikt Partei zu ergreifen.
Irlands Nationaltrainer Heimir Hallgrímsson hatte Israel vor dem Spiel „Genozid“ vorgeworfen und die Formulierung später selbst als „dumm“ bezeichnet. Ein Trainer ist kein Außenpolitiker, und wer eine Mannschaft in ein ohnehin aufgeheiztes Spiel führt, sollte die Temperatur nicht selbst erhöhen. Dass der irische Verband mit den Armbinden eine Geste wählte, deren Regelkonformität niemand sicher beurteilen kann, hat die Lage für alle Beteiligten nicht einfacher gemacht.
Und ein israelischer Außenminister, der kurz vor der Parlamentswahl ein Fußballspiel zum Anlass nimmt, einer ganzen Nation ihre Nazi-Kollaboration von 1939 vorzuhalten und sie in die Nähe des Dschihadismus zu rücken, hat ebenfalls entschieden, dass dieser Abend kein Sportereignis sein soll.
Wer eskaliert, macht aus einem Spiel eine Bühne. Diesmal haben es beide getan.
Was in der Debatte regelmäßig untergeht, sind die Spieler. Gavin Bazunu ist 24 Jahre alt und hat entschieden, dass er nicht antreten will; er hat dafür eine Begründung geliefert, die sein Gewissen betrifft, und ausdrücklich betont, sie richte sich nicht gegen das israelische Volk oder die jüdische Gemeinschaft. Finn Aziz, israelischstämmiger Spieler im irischen Kader und Berichten zufolge Gegner eines Boykotts, saß auf der Bank und erwägt angeblich den Rücktritt aus dem Nationalteam. Beide sind in derselben Mannschaft zu entgegengesetzten Schlüssen gekommen – und beide müssen damit allein zurechtkommen.
Auf israelischer Seite spielt ein 20-Jähriger, dessen Torjubel binnen Stunden zu einem Politikum wurde, das er nach Aussage seines Trainers nie beabsichtigt hatte. In Madrid mussten drei Profis erklären, warum sie ein T-Shirt anders trugen, als es die Organisatoren vorgesehen hatten.
Sie alle sind Fußballer, keine Diplomaten. Wer von ihnen verlangt, die Konflikte dieser Welt stellvertretend zu verhandeln, sollte ihnen zumindest einen Rahmen geben, in dem sie wissen, was erlaubt ist und was nicht.
Der Ruf, Politik solle aus dem Fußball verschwinden, ist naiv. Er wird nicht erhört werden, und er sollte es vielleicht auch nicht – ein Sport, der Millionen Menschen bewegt, ist zwangsläufig Teil der Welt, in der diese Menschen leben.
Was es stattdessen bräuchte, ist Konsequenz. Klare, für alle gleich geltende Regeln der Verbände, was auf dem Platz an Gesten zulässig ist und was nicht. Verbände, die ihre Spieler vor Entscheidungen schützen, statt sie ihnen aufzubürden. Und Funktionäre, Trainer und Politiker, die sich bewusst machen, dass jedes Wort vor einem solchen Spiel auf dem Rücken derer landet, die am Ende auf dem Rasen stehen.
In Debrecen hat Irland 3:0 gewonnen. Verloren hat an diesem Abend der Versuch, ein Fußballspiel einfach ein Fußballspiel sein zu lassen. Das war keine Überraschung. Es war nur das deutlichste Beispiel einer Entwicklung, die niemand mehr aufhält – und die man zumindest ordnen könnte, wenn man es wollte.







































