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·27. Juni 2026
Der Gastkommentar von Löwen-Fan Johann K.: Ein echter Neustart braucht weniger Pathos und mehr Ehrlichkeit

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·27. Juni 2026

Aufbruch? Neuanfang? Freiheit für Sechzig? Noch ist völlig offen, wohin die Reise des TSV 1860 führt. Seit wenigen Tagen ist Insolvenzverwalter Dr. Max Liebig bei den Löwen im Amt. Seine Aufgabe: Er prüft, ob die Fußball-KGaA noch saniert werden kann – oder ob am Ende nur die Zerschlagung bleibt.
Viele Fans stellen sich inzwischen die Frage, warum es überhaupt so weit kommen musste. Einer von ihnen ist Johann K. aus dem Chiemgau (der vollständige Name und die Kontaktdaten sind der Redaktion bekannt). Ausgelöst durch den Leserbrief des bekannten Löwen-Fans Stefan Markt im Fanportal „sechzger.de“ mit dem Titel „Stunde Null – alles auf Anfang“ hat er diesen Gastkommentar an db24 geschickt.
Der Leserbrief „Stunde Null – alles auf Anfang“ zum TSV 1860 München ist emotional, rhetorisch stark und zielt klar darauf ab, die Fans zu mobilisieren. Gerade weil er viele Menschen erreichen dürfte, halte ich eine nüchterne, kritische Einordnung für notwendig. Die folgenden Ausführungen sind meine persönliche Meinung, gestützt auf öffentlich zugängliche Informationen und eine sachliche Bewertung der Lage des Vereins.
1. „Neuanfang“ – aber Verantwortung lag schon immer beim e.V.
Der Text vermittelt den Eindruck, der e.V. übernehme erst jetzt – nach der Insolvenz der Spielbetriebs-KGaA – wieder Verantwortung. Tatsächlich lag die Verantwortung durch die 50+1-Regel bereits seit Jahren beim e.V. und seinen Vertretern: Geschäftsführer, Budgetrahmen, strategische Ausrichtung und Personalentscheidungen wurden nicht vom Investor allein, sondern maßgeblich vom Verein mitbestimmt.
Wenn nun so getan wird, als beginne erst jetzt eine Phase echter Verantwortlichkeit, wirkt das wie eine rhetorische Umschreibung der Vergangenheit. Die Verantwortung war da, sie wurde nur nicht professionell genutzt.
2. Fehlende Selbstkritik: Der e.V. bleibt außen vor
Der Leserbrief fordert Geschlossenheit, Engagement und Disziplin der Fans, vermeidet aber jede ernsthafte Selbstkritik des e.V.:
Ein echter Neuanfang beginnt nicht mit Appellen an die Basis, sondern mit Transparenz, klarer Fehleranalyse und struktureller Reformbereitschaft an der Spitze.
3. Verantwortung wird nach unten durchgereicht
Der Leserbrief fordert:
Das alles kann sinnvoll sein. Aber in der aktuellen Konstellation wirkt es wie eine Verschiebung der Verantwortung: Die Fehler, die zuvor im Zusammenspiel von e.V., KGaA und Investor entstanden sind, sollen nun von den Fans durch Geld und Loyalität ausgeglichen werden.
Früher hieß es oft: Der Investor müsse für Misswirtschaft geradestehen. Jetzt, nach der Insolvenz der Spielbetriebs-KGaA, sollen plötzlich die Fans einspringen, ohne dass sich die Strukturen sichtbar professionalisiert hätten. Warum sollte es ohne grundlegende Änderungen im Verein plötzlich besser laufen?
4. Sportliche und organisatorische Realität: Regionalliga ohne Fundament
Während der Leserbrief von Aufbruch spricht, ist die Ausgangslage ernüchternd:
Unter diesen Bedingungen stellen sich zentrale Fragen:
Der Leserbrief beantwortet keine dieser Fragen, sondern ersetzt sie durch Appelle und Pathos.
5. „Neustart“ ohne Konzept: Emotion statt Strategie
Die Insolvenz wird im Leserbrief als Chance und „Stunde Null“ verkauft. Das ist kommunikativ verständlich, aber inhaltlich dünn. Es fehlen:
Stattdessen wird die Basis aufgefordert, durch Mitgliedschaften, Spenden und „positives Auftreten“ den Weg mitzutragen. Das mag kurzfristig Stimmung erzeugen, ersetzt aber keine strategische Planung.
6. Stadionpläne: Luftschloss zwischen Lärmschutz, Finanzierung und Zeitplan
Der e.V. hat eine Machbarkeitsstudie für ein modernisiertes Grünwalder Stadion vorgestellt:
Auf dem Papier klingt das beeindruckend. In der Realität stehen jedoch mehrere Hürden:
In der Summe entsteht der Eindruck, dass die Stadionstudie vor allem Stimmung machen soll, während zentrale Fragen zu Finanzierung, Genehmigung und sportlicher Perspektive offen bleiben.
7. Rhetorik vs. Realität: Warum der Leserbrief an Glaubwürdigkeit verliert
Der ursprüngliche Leserbrief arbeitet mit starken Bildern: „Stunde Null“, „Wendepunkt“, „Wir alle sind der Verein“. Das erzeugt Wir-Gefühl, aber verdeckt gleichzeitig:
Statt einer ehrlichen Bestandsaufnahme wird ein moralischer Druck aufgebaut: Wer Sechzig liebt, soll jetzt zahlen, mitmachen, positiv auftreten und nicht mehr streiten.
8. Schlussfolgerung: Ein Weg, der so nicht trägt
Zusammengefasst:
Ein echter Neustart braucht weniger Pathos und mehr Ehrlichkeit: klare Fehleranalyse, professionelle Strukturen, realistische sportliche Ziele und transparente Kommunikation über das, was machbar ist und was nicht.
Grundsätzlich ist Zusammenhalt wichtig, keine Frage! Man muss aber auch ernsthaft auf allen Ebenen mit einer sachlichen Aufarbeitung und den entsprechenden Konsequenzen daraus starten - wieso sollte es sonst nach der “Stunde Null” besser werden?
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