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·1. April 2026
Der große Startelf-Streit um Undav: Wer hat recht im DFB-Zoff?

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·1. April 2026

Auch nach einer einwöchigen Dauer-Debatte ist noch immer kein Ende in Sicht. Als Julian Nagelsmann nach dem 2:1 gegen Ghana erklärte, „damit ist alles besprochen“, klang das eher nach Wunschdenken als nach Realität.
Denn das Thema Deniz Undav bleibt die am heißesten diskutierte Personalie im deutschen Fußball. Ob sie bis zum WM-Auftakt noch einmal abkühlt? Davon ist aktuell nicht auszugehen. Zu unterschiedlich sind die Argumente beider Lager.
Auf der einen Seite: ein Stürmer in Bestform, der beim VfB Stuttgart mit beeindruckenden Zahlen glänzt und auch im DFB-Dress eiskalt zuschlägt – notfalls auch als Joker wie zuletzt gegen Ghana. Auf der anderen Seite: ein Bundestrainer, der klare Rollen verteilt hat und Undav eher als Impact-Spieler sieht.
„Er hat nicht viele Aktionen, ich glaube bis dahin eigentlich keine. Aber dann macht er das Tor, dafür ist er auf dem Feld“, erklärte Nagelsmann und lieferte damit gleich die Begründung für seine umstrittene Entscheidung mit.
Genau hier beginnt das Dilemma: Ist Undav zu wertvoll für die Bank oder gerade dort am effektivsten? Zwischen Leistungsprinzip und Systemfragen prallen Argumente aufeinander, die kaum gegensätzlicher sein könnten. Zeit also für den großen Startelf-Streit.
Es ist schon irgendwie skurril. Da kassiert die deutsche Nationalmannschaft wenige Wochen vor dem WM-Auftakt gegen maximal gehoben mittelklassige Teams vier Gegentore in zwei Spielen und die ganze Fußball-Nation hält sich mit Diskussionen über die Offensive auf. Dass die DFB-Elf noch immer keine Konter verteidigen kann, viel zu fehleranfällig ist und über maximal eine Handvoll Spieler verfügt, die ihre Stärken in der Arbeit gegen den Ball haben, fällt dagegen völlig unter den Tisch.
Zugegeben: Der Bundestrainer hat mit seinem Kommunikationsstil in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten nicht gerade dazu beigetragen, das Undav-Pulverfass nachhaltig zu beruhigen. Auch über seine Wortwahl nach dem Ghana-Spiel lässt sich triftig streiten. Trotzdem liegt er in der Sache richtig. Und der VfB-Star hat es ihm mit seinem späten Siegtor auch nicht gezeigt. Das Gegenteil ist sogar der Fall.
Denn: Undav lieferte nach seiner Einwechslung genau das Bild, das Nagelsmann zuvor gezeichnet hatte. Über eine Halbzeit hinweg kam der Angreifer lediglich auf 13 Ballkontakte, leistete sich zwei Fehlpässe und verlor beide Zweikämpfe. Im Spiel selbst blieb er weitgehend unsichtbar. Seine Kernaufgabe erfüllte er hingegen eiskalt: als Vollstrecker zur Stelle zu sein. Anschließend ließ Undav durchblicken, dass er seine Rolle nach einem „Gespräch mit dem Bundestrainer“ zwar kenne, zugleich aber hoffe, dass sie sich „durch solche Tore vielleicht ja noch verändern könnte“.

Foto: Getty Images
Dieser Ehrgeiz spricht für den 29-Jährigen. Er ist sogar hauptverantwortlich dafür, dass es der Stürmer, der vor fünf Jahren noch beim SV Meppen in der Regionalliga kickte, in derart hohe Karrieresphären geschafft hat. Trotzdem weiß auch Undav, dass ein Formhoch samt starker Torquote in der Bundesliga keinesfalls mit einer Startelf-Rolle im Nationalmannschaftstrikot einhergehen muss. Wäre das der Fall, hätte Nagelsmann im letzten Jahr auch Jonathan Burkardt sein uneingeschränktes Vertrauen aussprechen müssen. Jener Burkardt besaß 2024/25 einen nur unwesentlich schwächeren Scoring-Schnitt, als es Undav aktuell tut. Zusätzlich ist der Frankfurter sogar deutlich stärker in der Arbeit gegen den Ball.
Doch der Bundestrainer bevorzugt andere Spielertypen als die nur 1,80m großen Instinktstürmer Undav und Burkardt. Filigrane, aber zugleich höher gewachsene Angreifer wie Kai Havertz (1,93m) und Nick Woltemade (1,98m) entsprechen schon eher seinen Vorstellungen. Mit einer Front-Vier aus Wirtz, Musiala und Gnabry und beispielsweise Havertz lässt es sich nun einmal flüssiger kombinieren – auch wenn Undav alles andere als ein schlechter Fußballer ist. Diese Tatsache kann er jedoch auch als Joker in den letzten 30 Minuten unter Beweis stellen. Und Deutschland so möglicherweise mal wieder bis tief in ein WM-Turnier schießen.
(Philipp Overhoff)
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Mit 36 Torbeteiligungen in 38 Pflichtspielen gehört Undav zur absoluten europäischen Elite. Es ist daher nur logisch, dass viele deutsche Fans ihn als Stürmer Nummer eins für die Weltmeisterschaft fordern. Das liegt auch daran, dass seine Konkurrenten Kai Havertz und Nick Woltemade beide eine zumindest durchwachsene Saison erleben.
Trotzdem erhielten die beiden Premier-League-Legionäre in der zurückliegenden Länderspielpause jeweils den Vorrang gegenüber Undav. Es ist ein schmaler Grat zwischen Nagelsmanns beliebtem Rollensystem und einem klaren Leistungsprinzip. Denn Undav untermauerte mit seinem goldenen Treffer gegen Ghana kurz vor Schluss seine Instinkte als Stürmer. Dieses Tor könnte als Argument für seine Qualität als Joker herangezogen werden. Auf der anderen Seite sind solche Qualitäten jedoch nicht ausschließlich Einwechselspielern vorbehalten.
Klar, Undav war in der zweiten Halbzeit nicht der auffälligste Akteur. Dennoch hatte er einige gute Aktionen abseits seines Tores. Beispielsweise, als er einen Pass gekonnt zu Nathaniel Brown durchließ und somit eine gute deutsche Chance vorbereitete. Eine Aktion, die in keiner Statistik aufgeführt wird und zeigt, wie intelligent sich Undav im letzten Drittel bewegt.

Foto: IMAGO
Für Nagelsmann passt Undav wohl einfach nicht perfekt in sein System. Mit Havertz präferiert der Bundestrainer einen dynamischeren Stürmer, der in der letzten Linie mehr Tiefgang bietet. Das Problem dabei ist jedoch, dass Undav in der aktuellen Saison so gut performt, dass Nagelsmann den 29-Jährigen zwingend in sein Team einbauen muss – Stichwort Leistungsprinzip. Undav ist ein mitspielender Stürmer, der sich gerne fallen lässt und in das Kombinationsspiel eingebunden ist. In Stuttgart bekleidet er genau diese Rolle. Bereits in der letzten Saison harmonierte er beim VfB sehr gut mit Woltemade – insbesondere das Wechselspiel der beiden stellte gegnerische Abwehrreihen regelmäßig vor Probleme. Nagelsmann betonte, dass Undav besser passe, wenn Deutschland viel Ballbesitz habe. Eine Tatsache, die bei der WM wohl auch der Fall sein wird. Gegen Ghana lief Havertz zunächst auf der rechten Seite auf und sorgte dort für einige gute Aktionen. Somit wäre auch zentral für Undav Platz im Team.
Ob Undav der ideale Spieler für das Nagelsmann-System ist, darüber lässt sich diskutieren. Eines ist aber definitiv klar: Undav trifft. Und das ist am Ende die Kernkompetenz eines Stürmers. Genau diese Qualität hat der DFB-Elf bei vergangenen Turnieren gefehlt. Ein verlässlich treffsicherer Stürmer. Und den hat Deutschland mit Undav definitiv im Kader. Es wäre also fatal, auf diese Qualitäten freiwillig zu verzichten.
(Jakob Peinemann)
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