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·12. September 2026
Der Torwart, den Klopp nach Liverpool holte, steht jetzt auf Schalke im Tor – und wartet auf einen Anruf

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Loris Karius hat am Freitagabend einen Satz gesagt, der viel über ihn verrät: „Ich schätze weder irgendetwas realistisch noch unrealistisch ein.“ Es ging um die Nationalmannschaft, um Jürgen Klopp, um die Frage, die ihm nach seinem zweiten Man-of-the-Match-Auftritt in acht Tagen gestellt wurde. Und die Antwort war die eines Spielers, der gelernt hat, sich nichts mehr zu wünschen, was andere entscheiden. „Kontakt hatte ich noch nicht“, sagte er. „Ich mache einfach weiter.“
Am Mittwoch nominiert Klopp seinen ersten Kader. Ob Karius drinsteht, ist offen. Dass die Frage gestellt wird, ist bemerkenswert genug – für einen 33-Jährigen, der noch nie im A-Kader stand, dessen Karriere vor acht Jahren in einem Finale zerbrach, und dessen damaliger Trainer jetzt Bundestrainer ist.
Zuerst die Leistung. Gegen Bayern hielt Karius beim 0:0 gegen Olise, Kane, Musiala – 14 Schüsse, kein Tor, das erste torlose Bayern-Pflichtspiel seit Juli 2025. In Berlin rettete er beim 3:1 in der Schlussphase mehrfach, als Union den Expected-Goals-Wert von 0,16 auf 1,87 trieb. Sport.de nannte ihn „erneut überragend“, Muslić sagte: „Der sammelt die Trophäen. Er braucht bald ein neues Regal.“ Zwei Spiele sind keine Saison. Aber es sind die zwei Spiele, die kurz vor einer Nominierung stattfanden.
Dann die Lage. Manuel Neuer, bei der WM noch die Nummer eins vor Oliver Baumann, hat sich endgültig verabschiedet. Die Position ist vakant. Marc-André ter Stegen, 34, spielt nach seiner Barcelona-Leihe bei Ajax – ausgerechnet in Amsterdam, wo Klopp debütiert –, hat aber eine verletzungsgeprägte Saison hinter sich. Baumann ist 36. Noah Atubolu, lange als Zukunft gehandelt, hat nach seinem Wechsel nach Frankfurt bereits einen folgenschweren Fehler produziert. Alexander Nübel spielt in Istanbul. Die Hierarchie, die Nagelsmann hinterlassen hat, ist keine – sie ist eine Liste.
Und schließlich die Verbindung. Klopp holte Karius 2016 von Mainz nach Liverpool und machte ihn zur Nummer eins. Nach dem Finale 2018 sagte er: „Es tut mir total leid für Loris. Das wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht.“ Zwei Jahre später riet er ihm zur Leihe nach Berlin – „ein guter Schritt“, so Karius bei seiner Vorstellung. Klopp hat ihn nie fallen lassen. Er weiß, was er bekommt: einen Torwart, der im Aufbau mitspielt, Rückhalt gibt und – das ist die Pointe – mit Druck umgehen kann, weil er den größten Druck seiner Karriere bereits erlebt hat.
Kiew, 26. Mai 2018. Karius wirft den Ball Karim Benzema ans Bein, 0:1. Später rutscht ihm ein Fernschuss von Gareth Bale durch die Hände, 1:3. Zwei Fehler in einem Champions-League-Finale, die einen Spieler definieren, bis heute. Was damals kaum jemand wusste: Zwei Minuten vor dem ersten Fehler hatte Sergio Ramos ihn bei einem Luftduell mit dem Ellbogen am Kopf getroffen. Der Bostoner Arzt Ross Zafonte diagnostizierte später eine Gehirnerschütterung mit „visueller räumlicher Dysfunktion“. Es war eine Erklärung. Es war keine Rettung. Karius sagte in einem Interview, er habe danach keine Lust mehr gehabt zu trainieren, zu spielen – mit 25 dachte er an das Karriereende.
Der Weg zurück führte über Beşiktaş, Union, Newcastle, wo er in zwei Jahren ein Spiel machte, und 2025 zu Schalke. Dort wurde er in der 2. Liga zum Rückhalt, in der Bundesliga zum Gesprächsthema. Karius hat sich früh über die Wahrnehmung in Deutschland beschwert – „einige Sachen wurden zu negativ bewertet“, sagte er 2020. Man kann das als Ausrede lesen. Man kann es auch als zutreffend lesen: In England wurde die Gehirnerschütterung als Teil der Geschichte erzählt, in Deutschland blieb das Bild des Torwarts, der ein Finale verschenkt.
Die Frage, ob die Erinnerungen „zu tief sitzen“, stellt sich für Klopp nicht – er war dabei. Sie stellt sich für die Öffentlichkeit. Und die Antwort ist: wahrscheinlich ja, solange Karius nicht in einem Spiel für Deutschland zeigt, dass sie nicht mehr zählen. Das ist das Paradox seiner Kandidatur. Die Nominierung würde die Debatte beenden, die die Nominierung erschwert.
Das Alter. 33, in einem Kader, der für die EM 2028 und die WM 2030 gebaut werden soll. Klopp hat angekündigt, Spieler zu holen, „die damit noch gar nicht rechnen“ – das klang nach 19-Jährigen, nicht nach 33-Jährigen mit Vergangenheit.
Die Stichprobe. Carsten Kulawik, der Karius bei feverpitch als Nationalmannschaftskandidaten ins Gespräch brachte, warnte zugleich: Ein Spiel, zwei Spiele oder eine Rückrunde reichten nicht. Karius war in der Zweitliga-Saison herausragend, für Nagelsmann reichte das nicht. Zwei Bundesliga-Spiele ändern die Datenbasis nicht grundlegend.
Die Symbolik. Ein Bundestrainer, der in seinem ersten Kader den Torwart nominiert, mit dem er ein Champions-League-Finale verlor, liefert eine Geschichte, die er nicht kontrollieren kann. Jeder Fehler von Karius im DFB-Trikot würde als Wiederholung gelesen. Klopp weiß das. Er hat es 2018 erlebt.
Karius ist eine Option – das ist keine Frage mehr. Ob er am Mittwoch im Kader steht, hängt davon ab, ob Klopp seinen ersten Lehrgang als Bestandsaufnahme oder als Statement versteht. Bei einer Bestandsaufnahme mit drei Torhütern ist Platz für ter Stegen, einen Etablierten und einen Herausforderer – und der Herausforderer könnte Karius sein, weil Klopp ihn im Training nicht erst kennenlernen muss. Bei einem Statement für die Zukunft ist es Atubolu, trotz Frankfurt.
Wahrscheinlicher ist Variante zwei. Aber Karius hat im Juli gesagt, wenn er Top-Leistungen bringe, könne er „vielleicht ein Kandidat werden“. Er hat sie gebracht. Der Rest, so seine Worte, obliegt nicht ihm.


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