90PLUS
·30. Juni 2026
DFB-Aus seziert: Warum Deutschland an sich selbst scheiterte

In partnership with
Yahoo sports90PLUS
·30. Juni 2026

Deutschland verliert gegen Paraguay. 1:1 nach Verlängerung, 3:4 im Elfmeterschießen. Das ist das Ergebnis, das in den Tabellen steht. Was in Foxborough wirklich passierte, war ein Scheitern mit Ansage – und der erste WM-Elfer-K.o. der DFB-Geschichte.
Man kann diese Zahl bewundern. Über 80 Prozent Ballbesitz, Phasen, in denen Paraguay den Ball kaum zu Gesicht bekam, eine Mannschaft, die das Spiel scheinbar komplett kontrollierte. Und man kann sie als das lesen, was sie war: ein Armutszeugnis.
Denn Ballbesitz ist keine Währung, solange er nichts kauft. Deutschland schob den Ball durch die paraguayische Hälfte wie ein Möbelpacker, der die Tür nicht findet – viel Bewegung, kein Durchkommen. Kein Tempo, keine Tiefe, kein Zug zum Tor. Die Außen liefen sich fest, das Zentrum war zugestellt, und der eine Pass, der eine Abwehr aus den Angeln hebt, kam einfach nicht.
Julian Nagelsmann sah das genauso. „Zu langsam und umständlich“ nannte er den Spielvortrag nach Abpfiff, und das war noch die diplomatische Variante. Die Frage ist nicht, ob Deutschland dominierte. Es dominierte. Die Frage ist, warum aus dieser Dominanz über 120 Minuten am Ende nur ein einziger Treffer wurde.
In der 42. Minute fiel das 0:1. Julio Enciso zog ab, der Ball schlug ein – und sofort stand die alte Frage wieder im Raum, ob ein anderer Keeper diesen Ball erreicht hätte.
Manuel Neuer, reaktiviert, Rekord-Keeper, einst Jahrhunderttorwart – und in diesem Turnier eben auch: nicht mehr der von 2014. Schon die Auftritte zuvor hatten gewackelt. Beim Gegentor durch Enciso wird man ihm keinen groben Patzer nachweisen können. Aber das Problem ist nie der einzelne Ball. Das Problem ist die Summe.
Wer einen Schlussmann jenseits der 40 aus dem Ruhestand zurückholt, trifft eine Entscheidung gegen die Statistik und für die Aura. Das kann aufgehen. Hier ging es nicht auf. Und die Debatte, die Nagelsmann mit der Reaktivierung beenden wollte, ist nach diesem Abend lauter als je zuvor.
Die mutigste Entscheidung des Abends fiel schon vor dem Anpfiff. Deniz Undav stand in der Startelf – für Jamal Musiala. Ein Statement. Der Versuch, dem statischen Aufbau einen echten Neuner und einen Tiefenläufer zu geben.
Sieben Ballkontakte. So viele hatte Undav in der gesamten ersten Halbzeit. Sieben. Ein Stürmer, der von seiner eigenen Mannschaft so konsequent übersehen wird, ist kein Plan, sondern ein Missverständnis. In der 63. Minute kam Musiala zurück aufs Feld, und die Rochade war Geschichte, ehe sie überhaupt gewirkt hatte.
Daneben das nächste Sorgenkind: Leroy Sané. Aufgestellt trotz anhaltender Formschwankungen, auffällig vor allem durch eine Fehlpass- und Ballverlustquote, die einem Bundestrainer die Halbzeitpause verdirbt. In der 87. Minute war für ihn Schluss. Leon Goretzka, zur Pause für Felix Nmecha gekommen, beruhigte das Mittelfeld phasenweise – aber beruhigen heißt verwalten, nicht beleben. Die zwingenden Impulse, die dieses Spiel gebraucht hätte, kamen von keinem der Eingewechselten.
Es gab diesen einen Moment, in dem die Nacht hätte kippen können. Verlängerung, Jonathan Tah drückt den Ball über die Linie, 2:1, der Block bebt. Und dann: Videobeweis. Torwartbehinderung durch Waldemar Anton. Tor aberkannt.
Man kann lange über diese Szene streiten – und genau das ist das Problem. Eine strittige Behinderung, eine Auslegungssache, ein Pfiff, der so oder anders hätte ausgehen können. Nagelsmann jedenfalls hatte nach Abpfiff kein Bedürfnis nach Differenzierung. „Ein Witz“ sei die Entscheidung gewesen, sagte er, und in seiner Stimme lag mehr als nur der Frust über ein einzelnes Tor.
Aber hier wird es unbequem. So bitter die Szene war – sie ist nicht der Grund für dieses Aus. Wer 120 Minuten lang vier Fünftel des Balls hat und trotzdem nur ein Tor erzielt, darf sich am Ende nicht an einem VAR-Pfiff festhalten. Der aberkannte Treffer ist die Geschichte, die man morgen erzählen wird. Der wahre Befund liegt in den 119 Minuten davor.
Zwei frühe K.o.s bei zwei Großturnieren. Das ist die Bilanz, die jetzt auf dem Schreibtisch des DFB liegt. Die internationale Presse hat ihr Urteil längst gefällt: vom „peinlichen Debakel“ ist die Rede, vom „bisher größten WM-Schock“. Solche Schlagzeilen wäscht keine Pressekonferenz wieder ab.
Kapitän Joshua Kimmich nahm die Mannschaft in die Pflicht und verortete die Verantwortung komplett bei den Spielern – eine Geste, die man als Rückendeckung für den Trainer lesen kann. Oder als das genaue Gegenteil. Denn wenn die Spieler schuld sind, folgt sofort die nächste Frage: Wer hat sie aufgestellt? Wer hat das System gebaut, in dem 80 Prozent Ballbesitz zu null Durchschlagskraft führen?
Die Spekulationen über einen Rücktritt laufen bereits, dazu die Debatte über einen größeren Umbruch. Nagelsmann selbst hat sich nicht festgelegt, und das ist sein gutes Recht in einer Nacht wie dieser. Aber er weiß, wie der deutsche Fußball funktioniert. Die Geduld mit Bundestrainern, die bei Turnieren früh scheitern, ist eine endliche Ressource.
Bleibt der Befund, der bleibt: Diese Mannschaft hat den Ball, aber keinen Plan, was sie mit ihm anfangen soll. Ein VAR-Pfiff hat den Stecker gezogen – doch das Licht war schon vorher aus. Und solange der DFB das eine mit dem anderen verwechselt, endet das nächste Turnier genauso. Vielleicht nur ohne den freundlichen Sündenbock in Schiedsrichter-Schwarz.
Im Sechzehntelfinale in Foxborough trennten sich Deutschland und Paraguay 1:1 nach Verlängerung. Im anschließenden Elfmeterschießen unterlag der DFB mit 3:4 – das erste WM-Aus der deutschen Geschichte in einem Elfmeterschießen.
Tah hatte in der Verlängerung das vermeintliche 2:1 erzielt. Der Treffer wurde nach VAR-Überprüfung wegen einer Torwartbehinderung durch Waldemar Anton gestrichen. Die Szene war strittig; Bundestrainer Julian Nagelsmann nannte die Entscheidung nach dem Spiel „einen Witz“.
Nagelsmann wollte mehr Tiefe und einen echten Mittelstürmer. Der Plan ging nicht auf: Undav kam in der ersten Halbzeit auf nur sieben Ballkontakte und wurde in der 63. Minute wieder für Musiala ausgewechselt.
Ja. Nach mehreren unglücklichen Turnierauftritten und dem Gegentor durch Julio Enciso in der 42. Minute steht das Festhalten am reaktivierten Rekord-Keeper erneut im Fokus. Ein grober Patzer war das Gegentor nicht – die Debatte dreht sich um die Summe der Auftritte.
Offen. Nach dem zweiten frühen Turnier-K.o. steht Nagelsmann massiv unter Druck, Rücktritts- und Umbruchspekulationen dominieren die Medien. Er selbst hat sich nach dem Spiel nicht festgelegt.







































