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·28. April 2026

Die DFL verkauft Rückstand als Tugend

Artikelbild:Die DFL verkauft Rückstand als Tugend

DFL-Geschäftsführer Marc Lenz beziffert das Minderkapital der Bundesliga auf 15 Milliarden Euro – und deutet den Rückstand gegenüber europäischen Ligen als Vorteil um.

15 Milliarden Euro. Das ist die Summe, die DFL-Geschäftsführer Marc Lenz im Kicker als Minderkapital der Bundesliga gegenüber den europäischen Wettbewerbern der vergangenen zehn Jahre beziffert. Eine Lücke, so groß wie der Jahresumsatz mittelgroßer Dax-Konzerne – und Lenz erklärt sie zum Vorteil. Das Geld der anderen sei "verbrannt", der deutsche Weg dafür solide. Man muss das zweimal lesen, um zu begreifen, was hier passiert: Eine ökonomische Unterlegenheit wird in eine moralische Überlegenheit umgedeutet.


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"Der europäische Fußball ist finanziell auf einem Irrweg", sagt Lenz. Der Satz klingt souverän, wenn man die Tabelle der Champions League wegblendet. Die Premier League hat in der Saison 2023/24 rund 6,3 Milliarden Euro umgesetzt, die Bundesliga ungefähr vier. Dieser Unterschied ist nicht das Resultat englischer Unvernunft, sondern einer internationalen Vermarktung, gegen die der deutsche Weg strukturell nicht ankommt. Wer die eigene Decke zu kurz nähen lässt und den anderen vorwirft, sie würden zu viel heizen, betreibt keine Finanzpolitik – er betreibt Rationalisierung.

Besonders interessant wird es, wenn Lenz fordert, es gehe "eben nicht um den nächsten Stürmer, sondern unsere perspektivische Ausrichtung". Ein Satz, der klug klingt und bei näherem Hinsehen die eigentliche Frage umgeht: Wie bleibt die Bundesliga in jenen Wochen wettbewerbsfähig, in denen ihre Topklubs im Europapokal gegen genau jene investorenfinanzierten Kader antreten, deren Geld angeblich verbrannt wurde? Perspektivische Ausrichtung ersetzt keinen Außenverteidiger im Halbfinale.

Dann das Bekenntnis zu 50+1 als "elementarem Bestandteil der Liga". Schöne Formel, nur passt sie schlecht zum Kleingedruckten. Die DFL wartet auf die finale Bewertung des Bundeskartellamts, und eine Arbeitsgruppe spielt bereits Szenarien durch – ausdrücklich auch, um "Rechtsstreitigkeiten innerhalb der 36 Klubs" zu vermeiden. Man möge sich den Satz auf der Zunge zergehen lassen: Die Liga bereitet sich darauf vor, dass ihre Mitglieder sich über das Fundamentmodell gegenseitig verklagen könnten. Das ist nicht die Sprache eines Tugendmodells. Das ist die Sprache einer Koalition, die zusammenhält, weil niemand als Erster gehen will.

Die Gegenseite darf man trotzdem hören. Lenz hat recht, wenn er auf die Abhängigkeit von Fremdkapital im Ausland verweist – Klubs, die ohne Investoren sofort kollabieren würden, sind keine robusten Geschäftsmodelle. Die Premier League reformiert nicht ohne Grund ihre Profitability and Sustainability Rules. Nur: Aus dieser richtigen Beobachtung folgt nicht, dass der deutsche Weg ein vorbildlicher Weg ist. Er ist vor allem das, was übrigbleibt, wenn man die anderen Wege nicht gehen kann oder nicht gehen will.

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