REAL TOTAL
·24. Mai 2026
Die goldene Ära ist vorbei – und das ist gut so

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·24. Mai 2026

Das Ende einer Ära muss der Beginn einer neuen werden – Foto: realmadrid.com
Es war nostalgisch, traurig, wehmütig und schön. Solch einen emotionalen Abend hat Real Madrid, hat der Madridismo nach einer schwierigen und in jeder Hinsicht schmerzhaften Saison dringend gebraucht. Der Abend gegen den Athletic Club war weit mehr als ein sportlich bedeutungsloses 4:2 zum Abschluss einer enttäuschenden Saison. Es warder ultimative Abschied von einer einmaligen Erfolgsepoche und einer Mannschaft, die über ein Jahrzehnt hinweg den europäischen Fußball geprägt hat wie kaum ein anderes Team zuvor. Mit den letzten Minuten von Dani Carvajal und David Alaba im Trikot von Real Madrid endete endgültig und unwiderruflich eine goldene Ära dieses Klubs.
Natürlich ist diese Epoche nicht erst gestern vorbei. Der Zerfall begann schleichend. Erst gingen Cristiano Ronaldo, Sergio Ramos, Marcelo, Casemiro, Karim Benzema, Toni Kroos, Nacho Fernández, Luka Modrić. Jahr für Jahr verschwanden jene Spieler, die die Kultur dieser Mannschaft verkörperten: Persönlichkeit, Hierarchie, Härte, Erfahrung und einen beinahe irrationalen Glauben an den eigenen Sieg.
Dass Real Madrid nicht mehr auf dieselbe Art erfolgreich sein kann wie zwischen 2014 und 2024, haben letzten beiden Spielzeiten haben unmissverständlich gezeigt. Das Problem war dabei nie allein sportlicher Natur, denn Real verlor in den letzten Jahren seine Identität Stück für Stück. In den großen Jahren lebte man ebe nicht nur von individueller Qualität, sondern von einer einzigartigen Mischung aus Hierarchie, Erfahrung, Opferbereitschaft und brutalem Konkurrenzdenken. Diese Mannschaft wusste genau, was es bedeutet, für Real Madrid zu spielen, sie konnte leiden, Spiele kontrollieren, Druck absorbieren und in den entscheidenden Momenten explodieren. Sie hatte sich all die Freiheiten, die sie genossen hatte, schlicht und ergreifend verdient. Talent besitzt das aktuelle Team zweifellos auch, aber eben nicht mehr diese alte Aura, diese einmalige Mentalität.
Deshalb war der Abschied von Dani Carvajal so symbolisch – mit ihm geht nicht nur ein Eigengewächs, der zweiterfolgreichste Spieler der Vereinshistorie, sondern und vor allem der letzte tragende Balken einer Dynastie. Und auch David Alaba steht sinnbildlich für eine Zeit, in der Real Madrid trotz aller Umbrüche noch funktionierte. Er brachte Siegermentalität, Vielseitigkeit und Führungsstärke mit. Zwar wurde seine Karriere in Madrid in den letzten zweieinhalb Jahren von Verletzungen geprägt, doch seine Bedeutung in den Champions-League-Jahren war enorm, auf und vielleicht noch mehr neben dem Platz. Der Abschied mit dem Stuhl im Bernabéu erinnerte noch einmal an jene magischen Nächte, in denen dieses Team Europa in den Wahnsinn trieb.
Der vielleicht wichtigste Punkt ist aber: Nostalgie hilft Real Madrid jetzt nicht mehr weiter. Der Klub darf nicht den Fehler machen, krampfhaft an einem Modell festzuhalten, das historisch geworden ist. Genau das haben die vergangenen zwei Jahre offenbart: Diese Mannschaft ist unausgewogen, taktisch unklar und mental erstaunlich fragil. Zu häufig hatte man das Gefühl, Real lebe noch immer vom Mythos vergangener Jahre und von der Illusion, dass das Bernabéu irgendwann schon wieder ein Wunder erzwingen würde. Man hat inzwischen das Gefühl, dass Real immer noch vom Echo vergangener Triumphe lebte, statt eine neue Identität aufzubauen.
Und genau deshalb wirkt die mögliche Rückkehr von José Mourinho so logisch. Viele werden reflexartig an den konfliktreichen Mourinho denken, an Pressekonferenzen, Grabenkämpfe und Eskalationen, doch sie vergessen, was seine erste Amtszeit eigentlich bedeutete. Als Mourinho 2010 kam, war Real Madrid ebenfalls ein gigantischer Klub ohne klare Richtung, ähnlich wie geute. Barcelona dominierte Spanien, viele dominierten Europa, und Real Madrid scheiterte Jahr für Jahr im Achtelfinale der Champions League, der Klub wirkte sportlich wie mental gebrochen. Und das hatte Florentino Pérez ganz genau gesehen und mit Mourinho nicht nur einen neuen Trainer verpflichtet, sondern ihm die Schlüssel für praktisch alles in die Hand gegeben, ihn mit der Aufgabe betraut, den Verein auf mehreren Ebenen neu zu strukturieren und zu reformieren. Und der Portugiese hatte geliefert: Er hat Professionalität, Intensität, Härte und Wettbewerbsfähigkeit zurückgebracht. Vor allem aber hat er eine neue Siegergeneration geformt. Ohne Mourinho gäbe es die spätere Champions-League-Dynastie ganz sicher nicht. Er war der Architekt der Mentalität, von der später Carlo Ancelotti und Zinédine Zidane profitierten.
Und genau das braucht Real Madrid jetzt wieder. Nicht den Versuch, die Vergangenheit künstlich zu verlängern, nicht sentimentale Übergangslösungen, sondern einen radikalen Neuaufbau mit klaren Regeln und kompromisslosen Entscheidungen. Dieser Kader braucht Struktur, er braucht Hierarchien. er braucht Stabilität und eine taktische Idee, die über individuelles Talent hinausgeht. Vor allem aber braucht der Klub endlich wieder Klarheit darüber, welche Spieler wirklich unverzichtbar sind und welche nur (noch) vom Namen leben.
Mourinho ist dafür realistisch betrachtet der perfekte Mann, nicht nur weil er keine Rücksicht auf Nostalgie nimmt, sondern auch das notwendige Standing im Klub genießt, das sich andere erst verdienen müssten – wofür Real Madrid aber keine Zeit mehr hat. Wenn er tatsächlich zurückkehrt, muss man ihm freie Hand geben, genauso wie 2010. Keine halben Lösungen, keine politischen Spielchen, keine erzwungenen Rücksichtnahmen auf Status oder Marktwert. Dieser Verein braucht keine kosmetischen Korrekturen. Er braucht eine Revolution, so wie 2010. Real Madrid befindet sich erneut an einem historischen Wendepunkt. Der Klub muss sich neu erfinden, um wieder er selbst zu werden.
Denn das wahre Wesen von Real Madrid war nie Stillstand. Dieser Verein war immer dann am stärksten, wenn er den Mut hatte, alte Zyklen brutal zu beenden und neue zu beginnen. Und genau das muss jetzt geschehen. Der Abschied von Carvajal und Alaba war traurig, emotional und würdevoll. Aber er war auch notwendig, damit Real Madrid irgendwann nicht nur eine Erinnerung an sich selbst wird. Denn die eigentliche Gefahr ist nicht alleine der sportliche Misserfolg. Die eigentliche Gefahr ist Selbstzufriedenheit. Der Glaube, dass der Mythos dieses Klubs alleine reicht, um dauerhaft an der Spitze zu bleiben. Das tut er nicht, wie die letzten beiden Jahre brutal bewiesen haben.






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