90PLUS
·29. Juni 2026
Do or Die: Stolpert Deutschland über Paraguay?

In partnership with
Yahoo sports90PLUS
·29. Juni 2026

Drei Favoriten, drei K.-o.-Spiele, ein Abend mit viel Potenzial für böse Überraschungen. Heute Nacht könnten in Boston, Houston und Monterrey einige Gewissheiten dieser WM kippen.
Fangen wir mit dem Unbequemen an. Die DFB-Elf hat die Gruppenphase als Sieger abgeschlossen – 7:1 gegen Curaçao, 2:1 gegen die Elfenbeinküste – und trotzdem hängt ein schaler Nachgeschmack in der Luft. Das 1:2 gegen Ecuador war kein Betriebsunfall. Es war ein Symptom.
Julian Nagelsmann hat gegen Ecuador rotiert, experimentiert und am Ende selbst zugegeben, dass er in einem K.-o.-Spiel die Wechsel anders gesetzt hätte. Schön, dass er das weiß. Nur: Am Montagabend ab 22:30 Uhr in Foxborough ist es genau das – ein K.-o.-Spiel. Und Paraguay wartet.
Das Problem an Nagelsmanns Vorrunde ist nicht die Niederlage selbst. Es ist das Gesamtbild dahinter. Kimmich läuft seit Wochen seiner Form hinterher, Neuer wackelte beim Gegentor, Musiala und Wirtz haben ihr Potenzial bislang nur angedeutet. ARD-Experte Schweinsteiger fasste es knapp zusammen: „Mit dem Ball erwarte ich mehr Dominanz. Wir sind nicht Weltspitze.“ Das sitzt. Und es stimmt.
Nagelsmann hat in Boston das Problem, gegen das er sich mit seinen Rotationen selbst gestellt hat: Der Rhythmus fehlt, das eingespielten Mittelfeldzentrum um Nmecha und Pavlovic steht auf tönernen Füßen, und Paraguay ist genau jener Gegner, der einem schlecht gestimmten Favoriten Albträume bereitet – kompakt, kampfstark, geduldig.
Die Südamerikaner haben eine Sache, die Deutschland vermissen lässt: Klarheit in der Defensive. Innenverteidiger Alderete und das junge Mittelfeld um Diego Gomez sind kein Glamour, aber sie funktionieren. Das 1:4 gegen die USA war der Ausreißer – in den nächsten beiden Spielen kassierte Paraguay kein einziges Gegentor. Und im Umschaltspiel steckt durch Enciso und Gomez echte Qualität.
Wenn Nagelsmann heute wieder anfängt zu tüfteln statt zu führen, wenn er das Zentrum wieder ins Wanken bringt oder die Struktur durch zu frühe Wechsel opfert – dann kann es eng werden in Foxborough. Die individuelle Klasse spricht für Deutschland, keine Frage. Aber der Abend könnte deutlich schwieriger werden, als es die Papierform verspricht.

Foto: Getty Images
In Houston treffen Carlo Ancelottis Seleção und die Samurai Blue aufeinander – und auch hier ist der Favorit klarer als das Ergebnis es vielleicht sein wird. Brasilien hat die Gruppe souverän gewonnen, Vinicius Junior hat vier Turniertreffer auf dem Konto und ist schlicht der gefährlichste Einzelspieler des gesamten Turniers.
Trotzdem: Japan hat im Oktober 2025 Brasilien mit 3:2 geschlagen. Und Hajime Moriyasus Team ist alles andere als eine Dreingabe. Das 4:0 gegen Tunesien zeigt, was die Samurai Blue können, wenn sich Räume öffnen. Kamada, Kubo, Ueda – das ist kein billiges Konterkollektiv, sondern technisch erstklassiges Personal, das in Europas Topligen spielt.
Brasiliens Sorgenkind ist der Ausfall von Raphinha. Der Rechtsaußen ist verletzt, Ancelotti muss auf der rechten Seite improvisieren – genau dort, wo Japans Umschaltspiel über Nakamura und Doan am schmerzhaftesten zuschlagen kann. Wenn Brasilien nach einem frühen Tor nachlässt oder Japan hintenraus zuschnürt und auf Konter lauert, kann es eng werden.
Brasiliens Kapitän Marquinhos hat das selbst formuliert: „Wir dürfen Japan nicht unterschätzen.“ Klingt wie eine Pflichtformel. Ist es aber nicht – der Erfahrene weiß genau, was Pressen und schnelles Umschalten aus einer sattelfetten Seleção machen kann.
Das dritte Spiel des Abends ist das interessanteste – und läuft hierzulande erst in der Nacht auf Dienstag um 3 Uhr, exklusiv bei MagentaTV. Koeman führt eine Niederlande-Mannschaft ins Estadio BBVA in Monterrey, die mit 71,7 Prozent Ballbesitz gegen Tunesien einen historischen WM-Wert aufgestellt hat und seit elf Pflichtspielen ungeschlagen ist.
Marokko dagegen hat in dieser WM noch kein einziges Mal verloren, beim spektakulären 4:2 gegen Haiti erstmals in der WM-Geschichte einen Rückstand gedreht und dabei 69 Prozent Ballbesitz gehalten. Die Atlas-Löwen sind kein Gegner, gegen den Oranje einfach durchmarschiert.
Eine besondere Note bekommt die Partie durch Mazraoui, Amrabat und Co. – in den Niederlanden geborene Marokkaner, die nun die andere Seite fordern. Hakimi auf rechts ist eine Naturgewalt, Koeman hat ihn selbst als größte Bedrohung benannt. Das sagt genug.
Was dieser Montag zeigen wird: ob die großen Namen des Turniers wirklich bereit sind für das Finale der Finalrunden. Deutschland noch nicht in Topform, Brasilien ohne Raphinha, die Niederlande vor dem härtesten Gegner der Runde. Wer heute gewinnt, hat es sich verdient. Und wer verliert – hat es möglicherweise schon länger verdient.







































