Vertikalpass
·21. Februar 2026
Eine schnelle Nummer

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Kurz vor dem Abflug vom Glasgow Airport informierte der Flugbegleiter die Passagiere über die Reisedauer: Eine Stunde und fünzig Minuten bis zur Landung auf den Fildern. Oder wie er es formulierte: “Eine schnelle Nummer”. Das kann man auch über das Auswärtsspiel des VfB Stuttgart bei Celtic Glasgow sagen.
Das Team von Sebastian Hoeneß, das ohne weitere Übernachtung auf der Insel bereits in den frühen Morgenstunden am Freitag wieder in Stuttgart landete, brauchte keine 48 Stunden, um ein Ausrufezeichen in Europa zu setzen. Und das in einem Stadion, das auf der Bucketlist vieler Fans stand, gegen einen Gegner mit großem Namen und aktuell vielen Problemen. Wer sich ein wenig in die Gründe hinter den Fanprotesten einlesen will, kann das hier tun.

Die meisten VfB-Fans waren vermutlich länger in Glasgow als 48 Stunden, aber auch sie werden innerhalb kürzester Zeit gemerkt haben, dass diese Auswärtsfahrt etwas ganz besonderes ist. Nach gut zwei Stunden Flug war alles anders: Der Verkehr, die Währung, die Steckdosen, die Sprache und sogar die Zeit. Nur das Wetter war genauso schlecht wie in Stuttgart. Aber eigentlich genauso unfreundlich wie man es von Glasgow im Februar erwartet.

Ganz und gar nicht unfreundlich sind die Menschen in Glasgow. Und das unterschied diese Auswärtfahrt von zahlreichen anderen in den letzten 18 Monaten. Hier musste niemand Angst haben, einen falschen Pub zu betreten oder in die falsche Seitengasse abzubiegen. Die Chance, in Schwierigkeiten zu geraten, war weitaus kleiner als die Möglichkeit, neue Freunde zu gewinnen. Die Rangers-Fans wünschten einem natürlich viel Erfolg und die Celtic-Anhänger freuten sich einfach auf ein gutes Spiel. Das war wirklich die feine englische schottische Art.
Es sagt einiges über die aktuellen Verhältnisse im europäischen Fußball, dass wir Zustände, die normal sein sollten, als besonders wahrnehmen. Aber in Glasgow war der Umgang miteinander so, wie er immer sein sollte: Die VfB-Fans waren wie gewohnt gute Gäste und die Menschen in Glasgow hervorragende Gastgeber.

Das gilt übrigens ausdrücklich auch für die Polizistinnen und Polizisten, die auf dem St. Enochs Square zwar präsent waren, aber sich während des Fantreff sehr dezent im Hintergrund hielten. Auch während des Fanmarsches, der aufgrund seiner Länge eher den Charakter eines VfB-Wandertags hatte, war die Stimmung immer locker. Man sieht: Es muss nicht immer Full-Riot-Gear und die Einschüchterungstaktik sein. Man kann sich auch einfach auf Augenhöhe begegnen und miteinander reden. “Can you guys please walk on the road?” “Sure, no problem.” “Thank you.” Man fragt sich, warum das in Deventer oder Madrid nicht funktionieren sollte?
Der VfB-Fanmarsch führte durch die Glasgower Wohngebiete zum Sehnsuchtsort vieler Fußball-Fans: Dem Celtic Park, auch bekannt als Paradise.


Die Stadioneröffnung sollte um 18:30 Uhr (Anpfiff 20:00 Uhr Ortszeit) erfolgen und während die VfB-Fans geduldig warteten, gab es folgende Durchsage in perfektem und akzentfreien Deutsch: “Liebe Fans des VfB Stuttgart. Die Stadioneröffnung erfolgt in Kürze. Aktuell sind bereits einige eurer Anhänger im Stadion, um eine Choreo aufzubauen. Der Einlass erfolgt in ca. zehn Minuten.” Die Reaktion der VfB-Fans: Applaus. Und diese Szene fasst das Stadionerlebnis perfekt zusammen.
Bevor das Stadion pünktlich geöffnet wurde, war zumindest auf der Haupttribüne der Eingang zu den Toiletten bereits geöffnet während die Zugänge zu den Drehkreuzen noch geschlossen waren. (Das Bild entstand nach Abpfiff.)
Um 18:30 wurde der mittlere Zugang geschlossen und die seitlichen Zugänge geöffnet. Denn nachdem man die Drehkreuze passiert hatte, landete man wieder im Mittelgang, in dem auch das Catering untergebracht war. Achja, noch ein Wort zu den Kontrollen: Es gab keine. Gar keine. Also gatr nichts. Man scannte sein Ticket ein und war drin.

Und irgendwie scheint es unglaublich, dass das anscheinend seit 1888 in Glasgow funktioniert, denn auch zwischen Hauptribüne und Spielfeld gibt es weder Absperrungen noch tiefe Gräben. Wer in Reihe 1 sitzt, hat seine Augen ungefähr auf Grasnarbenhöhe.
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Nach dem Einlass hatte man fast das Gefühl, eine Stadionführung im Paradise zu machen, denn von den Celtic-Fans war nichts zu sehen. Und das änderte sich auch nicht bis kurz vor dem Anpfiff. Ob das vielleicht daran liegt, dass es im Stadion kein Bier gibt und die Fans bis zum letzten Moment in den Pubs bleiben?

Doch kurz vor Anpfiff war der Celtic Park komplett gefüllt und die Fans der “Bhoys” sangen aus Leibeskräften “You never walk alone”. Und ganz ehrlich: Wer da keine Gänsehaut bekam, der hat den Fußball nun wirklich nie geliebt.

Über das Spiel haben wir hier bereits geschrieben. Hier sei dazu nur gesagt: What a time to be alive! Wir haben einfach das Privileg, live dabei sein zu dürfen, wie der VfB Stuttgart in einem der schönsten Stadien der Welt nicht nur den Gegner auf dem Platz dominiert, sondern auch die Stimmung diktiert. Kein Wunder, dass die Cannstatter Kurve an diesem Abend das komplette Liedgut auspackte und auch seltene Hits wie KSC-Schmähgesänge auf Englisch(!) oder den Monty Python Klassiker “Alwayas look on the bright side of life” intonierte. Döp, dödöpp, dödöppdödöppdödöpp.
Dass das Team von Sebastian Hoeneß direkt vor dem Gästeblock in der zweiten Halbzeit gleich drei Mal sehenswert traf, war eine angemessene Belohnung für den sensationellen Support. Dass das schönste Tor des Abends nicht zählte, geriet da fast zur Nebensache. Denn die Art und Weise wie Deniz Undav und Ermedin Demirovic nach Zuspiel von Angelo Stiller die Celtic-Abwehr filettierten, war alleine die Reise wert.
Natürlich kann man darüber diskutieren, dass Celtic im 1.000 Spiel von Coach O’Neill nicht wie ein Team auftrat, dass 9 der letzten 10 Spiele gewonnen hat. Die Dissonanzen zwischen den Fans und der Club-Führung waren nicht nur wegen des Tennisball-Protests deutlich spürbar. Und wer sollte für diese atmosphärischen Störungen bessere Antennen haben als Fans des VfB Stuttgart?
Doch wir haben aktuell zum Glück ganz andere Probleme – und die sind oft logistischer Natur. So stand z.B. Ersatzkeeper Florian Hellstern keine 24 Stunden nach dem Spiel in Glasgow schon wieder in Großapach im Tor der U21 beim 3:1 Sieg gegen Waldhof Mannheim. Auch das: eine schnelle Nummer.
Achja: Der Flieger landete nach einer Stunde und fünzig Minuten in Stuttgart nach einem ruhigen Flug ohne Turbulenzen. Genau so darf es auch für den VfB in der Europa League weitergehen.

P.S. Wer wissen möchte, wie die Celtic-Fans den VfB-Auftritt wahrgenommen haben, kann dies in den zahlreichen Stadionvlogs tun, z.B. diesem hier:
Das klappt auch ohne Englisch-Kenntnisse. Man versteht ohnehin kaum etwas.
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