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·9. September 2026

Ergebniskrise – ja/nein/vielleicht

Artikelbild:Ergebniskrise – ja/nein/vielleicht

Nach vier Ligaspieltagen findet sich der FC St. Pauli auf Tabellenplatz 15 wieder. Nur eine Ergebniskrise? Oder gibt es tiefgreifendere Probleme?(Titelfoto: Stefan Groenveld)

Drei Punkte nach vier Ligaspielen sind zu wenig für einen Club, der in dieser Zweitligasaison lieber den Blick nach oben als nach unten richten möchte. Genau so ein Club ist der FC St. Pauli. Platz 15 nach vier Spielen, nicht der Saisonstart, den man sich erhofft hat. Und vielleicht auch nicht der, den das Team sich für seine Leistungen verdient hat? Dass die bisherige Ausbeute zu wenig für eigene Ansprüche ist, da dürfte es keinen Zweifel dran geben. Aber sind sie auch zu wenig, wenn man sich die Leistungen anschaut? Oder ist der FC St. Pauli aktuell genau da, wo er hingehört?


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Ergebniskrise? Oder doch echte Krise?

Wenn es nach den Spielern und dem Trainer geht, dann handelt es sich bei der aktuellen Ausbeute um eine Ergebniskrise. Die Spieler betonten zuletzt immer wieder, dass man mit den gezeigten Leistungen schon noch Punkte holen werde und das die Qualität im Team sehr hoch einzuschätzen sei. Marcel Rapp betonte mehrfach, dass er vor allem die Leistungen und nicht die Egebnisse bewerten wolle. Und er habe in den ersten Spielen gute Leistungen gesehen. So kam es auch, dass er eher unzufrieden mit der Partie seines Teams in Bielefeld gewesen ist. Weil man nicht genug aus den eigenen Ballbesitzphasen gemacht habe. Das ist konsequent. Andere würden sagen: Auswärts einen Punkt zu holen ist gut, vor allem nach zweimaligem Rückstand. Für Rapp war es aber nicht genug, weil er auf die Leistung geschaut und dabei gesehen hat, dass sein Team offensiv so ungefährlich gewesen ist, wie noch nie unter seiner Leitung.

Um diese These („Für die Leistungen hätten wir mehr Punkte verdient gehabt“) einordnen zu können, müssen wir uns natürlich die gezeigten Leistungen genauer anschauen. Vorweg müssen wir aber erstmal festhalten, welche Statistiken wichtig sind und welche nicht. Die Ballbesitzquote ist zum Beispiel eine Statistik, die uns nicht interessieren sollte. Das hat Rapp selbst so gesagt. Nach dem Spiel in Kiel betonte er, dass es für ihn nicht wichtig sei, wie hoch der Ballbesitzanteil ist, sondern was damit gemacht werde. Auch die Zweikampfwerte sind in diesem Fall nicht so wichtig, weil sie nur eine geringe Aussagekraft über die Teamleistung haben (es sei denn es ist in den Spielen klar zu erkennen, dass der FCSP nur erfolgreich ist, wenn er soundsoviele Zweikämpfe gewinnt).

xG-Werte und Abschlüsse passen zum Tabellenplatz

Wichtige Statistiken sind dann so etwas wie Torabschlüsse und die xG-Werte. Aber auch die Anzahl an Ballkontakten im gegnerischen Strafraum und Pässen ins Angriffsdrittel sind interessant und können etwas darüber aussagen, wie gefährlich ein Team geworden ist bzw. wo es hakt. Fangen wir mit den Abschlüssen an:Gegen Fürth ist die Schuss-Bilanz ausgeglichen (15-15) und die xG-Werte sind leicht positiv für den FC St. Pauli (2,1-1,9).Gegen Kiel ist die Schuss-Bilanz negativ (11-17) und auch die xG-Werte sind auf der Seite des Gegners (1,7-2,8).Gegen Essen ist die Schuss-Bilanz sehr negativ (5-19) und die xG-Werte sehen ebenfalls nicht gut aus (0,9-1,6).Gegen Kaiserslautern ist die Schuss-Bilanz positiv (20-10) und die xG-Werte deutlich auf Seiten den FCSP (1,6-0,8).Gegen Bielefeld ist die Schuss-Bilanz auf niedrigem Niveau fast ausgeglichen (6-8) und die xG-Werte negativ aus FCSP-Sicht (0,7-1,2).

Fünf Spiele. Nur in einem ist der FC St. Pauli häufiger als der Gegner zu Abschlüssen gekommen, nur in zwei war der eigene xG-Wert höher als der des Gegners. Klingt das so, als wenn die Leistungen des FCSP zumeist passten und „nur“ die Ergebnisse nicht? Nein, keinesfalls. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass der FC St. Pauli bisher in der Liga sechs Treffer erzielte und damit ziemlich nahe am xG-Wert (6,1) ist. Gleiches gilt für die sieben Gegentreffer (xG: 6,6). Das führt insgesamt zu einem xP-Wert (expected Points) von 5,2. Damit gehört der FC St. Pauli zwar ins untere Drittel der Tabelle, aber es sind eben mehr als die bisher geholten drei Zähler.Trotzdem: Die Zahlen zeigen, dass der FC St. Pauli sicher kein Top-Team der Liga ist. Einzig die Partie gegen den FCK ist basierend auf diesen Zahlen eine, bei dem der FCSP für seine Leistung ein besseres Ergebnis verdient gehabt hätte.Diese Zahlen verwundern mich schon. Denn mein visueller Eindruck der Leistungen des FC St. Pauli ist besser als es die Ergebnisse und auch die xG-Werte und Abschlüsse darstellen. Wie kommt es zu diesem Unterschied?

Gut ins, aber nicht gut im Angriffsdrittel

Es gibt mehrere Zahlen, die extrem auffällig sind:Zum einen lässt der FC St. Pauli sehr wenige Abschlüsse zu. Nur Holstein Kiel hat bisher weniger zugelassen als der FCSP, der zusammen mit Arminia Bielefeld auf dem zweiten Platz steht. Aber alle drei Teams haben das Problem, dass die wenigen Abschlüsse vom Gegner auch genutzt werden, wenngleich nur im Fall von Bielefeld der xG-Wert anzeigt, dass das Team auch einfach Pech hat. Wie genau die Gegentore entstanden sind, dürfte hier der entscheidene Punkt für den FC St. Pauli sein. Denn natürlich ist Fußball ein Fehlersport. Die Quote war in den ersten Partien aber schon bemerkenswert hoch. Ob es sich dabei um wiederkehrende Probleme handelt, ist aktuell noch nicht wirklich zu beantworten. Gegen Fürth war das gesamte Team sehr anfällig in Umschaltmomenten. Gegen Kiel und Essen waren es Flanken aus Halbfeld, die zu den Gegentreffern führten. Nichts davon war nun gegen Kaiserslautern und Bielefeld ursächlich für die Gegentreffer, es waren vielmehr individuelle Fehler, die zu je einem Gegentreffer führten.

Ist der FC St. Pauli also defensiv anfällig? Ja, das ist er. Aber das ist auch zu erwarten gewesen. Marcel Rapp steht für einen sehr auf die Offensive fokussierten Fußball, forciert mit seiner Spielidee in gewisser Hinsicht, dass eigene individuelle Fehler besonders schmerzhaft sein können. Während zum Beispiel Gegner Bielefeld gegen den FCSP unbedingt eine Überzahl in der eigenen letzten Kette haben wollte, damit eine Absicherung vorhanden ist, und so dem FC St. Pauli mehr oder weniger automatisch große Teile des Spielfelds überließ, hat der FCSP fast durchgehend hoch gepresst und in letzter Linie Mann-gegen-Mann verteidigt. Unter diesen Umständen ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass ein verlorener Zweikampf oder eine falsch eingeschätzte Situation zu Gegentreffern führen. Ist das also ein Problem? Nur solange die offensive Spielidee nicht aufgeht. Denn der FC St. Pauli mag mit sieben Gegentreffern in vier Ligaspielen bereits mehr haben, als man in den letzten Jahren gewohnt war – aber es ist eben auch vor dem gegnerischen Tor viel los. Allerdings nicht genug, gemessen am Aufwand. Womit wir beim Grund angelangt wären, warum der visuelle Eindruck des FC St. Pauli besser ist, als die Zahlen es vermuten lassen.

Artikelbild:Ergebniskrise – ja/nein/vielleicht

Es scheint nicht viel zu fehlen beim FC St. Pauli. Vielleicht ja einfach nur ein richtig fitter Abdoulie Ceesay?

(c) Stefan Groenveld

Probleme in die „heiße Zone“ zu kommen

Denn der Blick in die Bemühungen in Abschlusspositionen zu kommen, zeigt, dass das Team extrem viel versucht. Kein anderer Zweitligist hat in den bisher absolvierten vier Partien mehr Pässe ins Angriffsdrittel gespielt als der FCSP. Knapp 65 Pässe sind es pro 90 Minuten, der zweitplatzierte Club hat durchschnittlich 55 gespielt, der Abstand ist also riesig. Die Erfolgsquote dieser vielen Pässe ins letzte Drittel ist mit knapp 72 Prozent gut, der FCSP ist einer von sechs Clubs mit einer Quote von über 70 Prozent. Die weiteren Zahlen zeigen dann aber, dass das Team Probleme hat von dort noch näher ans Tor und in Abschlussposition zu kommen.Der FC St. Pauli hat laut Bundesliga.de die meisten Flanken der 2. Liga aus dem Spiel heraus geschlagen (62). Der Vergleich ist etwas wackelig, weil da auch Flanken nach Standards mit reinzählen, aber: Laut Wyscout kommen von diesen vielen Flanken nur rund 27 Prozent beim Mitspieler an – die schlechteste Quote der Liga.Zudem passt auch die Anzahl an Ballkontakten im gegnerischen Strafraum (Platz 12 in der Liga) überhaupt nicht mehr zu dem Team, das die meisten erfolgreichen Pässe ins Angriffsdrittel vorzuweisen hat.

Der Vergleich der Zahlen zeigt vor allem eines: Der FC St. Pauli hat keine Probleme ins letzte Drittel zu kommen, die Spielanlage scheint entsprechend gut zu sein (was ja auch mit dem visuellen Eindruck zusammenpasst). Aber in die wirklich „heiße Zone“, den Strafraum oder zentral direkt vor den Strafraum, schafft es das Team nicht so oft rein. Vergleicht man diese Zahlen mit anderen Clubs, dann wird deutlich, wie komisch das beim FCSP ist: Die vier Clubs mit den durchschnittlich meisten Ballkontakten im gegnerischen Strafraum (Hannover, Kiel, Hertha, Braunschweig) zählen zu den sechs Clubs mit mehr als 70 Prozent Erfolgsquote bei Pässen ins letzte Drittel. Einzig Nürnberg und der FC St. Pauli fallen raus.Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass der FCSP es aktuell nicht zuverlässig schafft Lösungen im letzten Drittel zu finden, nicht kreativ genug ist oder die Abläufe (noch) nicht passen. Und die fehlende Genauigkeit bei Flanken weist entweder auf eine nicht ausreichende Positionierung im und Besetzung des Strafraums hin (das war ein Problem in Bielefeld, hat Rapp erklärt) oder aber es ist eine Frage der Flankenqualität – vielleicht sogar beides.

Es wird mehr passieren. vor beiden Toren

Woran genau es nun auch liegt, dass der FC St. Pauli bisher so wenig aus seiner häufigen Präsenz im letzten Drittel des Gegners gemacht hat, die Zahlen zeigen deutlich, dass es in diesem Bereich extrem viel Potenzial gibt. Gelingt es dem FCSP zukünftig nicht nur gut zuverlässig ins letzte Drittel zu kommen, sondern sich daraus auch mehr Chancen zu erspielen, dann wird ziemlich sicher neben der Leistung auch der Ertrag stimmen. Fast unabhängig davon, wie es hinten läuft.

Doch nicht nur in der Offensive gibt es Raum für Verbesserungen. Sollte es dem FC St. Pauli gelingen die eher ungewöhnlich hohe Anzahl an individuellen Fehlern in der Defensive abzustellen, dann winken auch weniger Gegentreffer. Dass diese verringert werden kann, erscheint durchaus möglich. Marcus Mathisen hat gegen Bielefeld seine bisherigen beste Leistung im FCSP-Trikot gezeigt. Tomoya Andō und David Nemeth haben in dieser Saison noch nicht durchgehend, aber zuvor schon zeigen können, dass sie den Ansprüchen (mehr als) genügen. In gewisser Hinsicht werden wir uns aber wohl mit einer höheren Anzahl an Gegentreffern anfreunden müssen „Es wird mehr passieren. Vor beiden Toren“ war eine der Thesen, was sich unter der Leitung von Marcel Rapp beim FCSP verändern wird. Genau das sehen wir aktuell. Und dabei eben auch, dass diese Veränderung nicht problemlos verläuft.

Warten auf den „Ketchup-Effekt“

Zurück zur Eingangsfrage: Steht der FC St. Pauli aktuell zu Recht auf Platz 15? Ein Teil der Daten sagt ja, ein anderer sagt vielleicht, der visuelle Eindruck sagt nein – die Wahrheit dürfte irgendwo in der Mitte liegen. Weit weg von „Alles ist gut“ – aber trotz fehlender Punkte auch weit weg von „Wir steigen direkt nochmal ab!“Klar ist aber auch: Je länger die Ergebniskrise andauert, umso größer ist die Gefahr, dass sich daraus eine schwere Krise entwickelt. Denn irgendwann im Verlauf einer Krise werden auch die Leistungen schlecht, das wissen wir aus letzter Saison. Auch Marcel Rapp hat das mit Kiel letzte Spielzeit erlebt. Daher sollte sich der FC St. Pauli möglichst zeitnah, also noch vor der Länderspielpause, für seinen Aufwand in Form von drei Punkten belohnen.

Vielleicht hilft auch die Rückschau, um alles etwas einordnen zu können. In die Saison 23/24 war der FC St. Pauli zwar mit einem Sieg gestartet. Doch es folgten darauf gleich vier Unentschieden in Serie, drei dieser Spiele endeten 0:0. Damals war die Stimmung übrigens eher mau, eine Stürmerdiskussion begleitete den FCSP in die Länderspielpause, nach nur drei Treffern aus fünf Spielen. Die Leistung war ok, sie passte nicht zu den Ergebnissen. Aber so richtig überragend war das anfangs der Saison nicht, die Abläufe saßen noch nicht so richtig, der FCSP hatte Probleme sich hochkarätige Chancen zu erspielen und diese dann auch zu nutzen. Es folgte der berühmte Ketchup-Effekt am 6. Spieltag: Der FC St. Pauli fegte Holstein Kiel (mit Rapp als Trainer) mit 5:1 aus dem Millerntor, startete so richtig durch und verlor erst wieder im Februar. Klar, die Situationen von damals und heute sind aus vielerlei Gründen nicht einfach so vergleichbar. Aber es zeigt doch ganz schön, was auch dann noch möglich ist, wenn der Saisonstart nicht optimal verläuft, was möglich ist, wenn nur Kleinigkeiten dann irgendwann zusammenlaufen. Damals fehlte nicht viel, um nach fünf Spieltagen in die Erfolgsspur zu kommen. Vielleicht fehlt aktuell ja auch nicht viel, so wie es viele Spieler des FC St. Pauli aktuell immer wieder betonen.

// Tim

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