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Philipp Overhoff·31. Mai 2026
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Philipp Overhoff·31. Mai 2026
Die ganz großen Überraschungen waren nicht mehr dabei, als Julian Nagelsmann am Donnerstag vergangener Woche seinen Kader für die WM 2026 bekannt gab. Dass Manuel Neuer ins deutsche Tor zurückkehren würde, hatte so manch eifriger Journalist schon einige Tage zuvor "geleakt".
Auch die Nominierung von Leroy Sané kann man keinesfalls als Sensation bezeichnen. Nach einer kurzen Denkpause im vergangenen Herbst war der Flügelflitzer bei den letzten beiden Länderspielpausen wieder dabei. In drei von vier Spielen stand er sogar in der Startelf. Für eine Welle der Begeisterung sorgte seine WM-Berufung trotzdem nicht. Im Gegenteil: Kein anderer Name wurde nach der Kaderpräsentation in den sozialen Medien heftiger diskutiert.
Das ist im Fall von Sané nichts Neues. Der 30-Jährige polarisiert (ungewollt) wie kaum ein anderer Nationalspieler der jüngeren Vergangenheit. Ironischerweise hat er diese Tatsache zumindest teilweise jenem Mann zu verdanken, der sich seit Monaten wie ein Schutzschild vor ihn stellt. Die Rede ist freilich von Bundestrainer Julian Nagelsmann.
Dieser nahm seinen Schützling im letzten Jahr nämlich öffentlich in die Pflicht. Als Sané den FC Bayern verließ und stattdessen zu Galatasaray in die türkische Süper Lig wechselte, machte der 38-Jährige ziemlich deutlich, was er von dieser Entscheidung hält.
Nagelsmann forderte, dass sein Schützling am Bosporus auffallen und "eine gewisse Quote" an Toren und Vorlagen liefern müsse, um sich für die Nationalelf zu empfehlen. Gleich zweimal in Serie nominierte er Sané anschließend nicht für den DFB-Kader.
Und auch als der Bundestrainer den Rechtsaußen begnadigte und im Rahmen der November-Länderspiele in die Mannschaft zurückholte, war das mit einer klaren Ansage verbunden: "Leroy weiß, was gefragt ist, und er weiß auch, dass es nicht mehr unzählig viele Chancen gibt, sich auf der Nationalmannschaftsebene, zumindest unter meiner Führung, zu beweisen."
📸 INA FASSBENDER - AFP or licensors
Dieser Nachweis der eigenen Leistungsfähigkeit scheint erbracht worden zu sein. Denn seit Ende des vergangenen Jahres verfolgt Nagelsmann auf einmal eine völlig andere Sané-Politik. Obwohl der Süper-Lig-Legionär die "gewisse Quote" an Scorern mit sieben Toren und fünf Vorlagen wohl kaum erreicht haben dürfte, beschützt der Bundestrainer seinen Spieler mittlerweile wie eine Löwenmama ihr Junges.
Sanés Statistiken und die Tatsache, dass er in einer wesentlich schwächeren Liga spielt, sind, wenn überhaupt, nur noch am Rande Thema. Stattdessen ist Nagelsmann immer wieder bemüht, die zugegeben hervorragende Leistung gegen die Slowakei in den Mittelpunkt zu rücken. Auch als Deniz Undav im März zum 2:1-Testspielsieg über Ghana traf, schien der DFB-Coach die Vorlage von Sané wesentlich mehr hervorheben zu wollen als den Treffer selbst. Seine Erfahrung und die "extrem enge Bindung" zu Mitspielern wie Antonio Rüdiger oder Jonathan Tah seien ebenfalls ein nicht zu unterschätzender Faktor.
Diese Widersprüchlichkeit in der Kommunikation fällt den Fans natürlich auf. Und sie ist – neben der schwachen Performance bei der Heim-EM 2024 – mitverantwortlich dafür, dass der gebürtige Essener die vielleicht schlechteste öffentliche Lobby aller Nationalspieler besitzt. Dabei kann Sané für die öffentlichen Auftritte des Bundestrainers selbstredend überhaupt nichts. Sein eigenes Standing leidet trotzdem darunter. So sehr, dass eine etwaige Startelf-Nominierung bei der WM quasi einem Blankoscheck für einen Shitstorm gleichkäme.
Die Sache ist die: Sané besitzt tatsächlich ordentliche Chancen, als Starter in das Turnier zu gehen. Auf keiner Position ist das DFB-Rennen so offen wie auf dem rechten Flügel. Während Florian Wirtz, Jamal Musiala und Kai Havertz drei der vier Offensivplätze sicher haben dürften, duellieren sich Jamie Leweling, Lennart Karl und eben Sané um den noch vakanten Platz auf der Außenbahn.
Auch wenn Nagelsmann auf der Nominierungs-PK jüngst zugab, dass Sané "vielleicht erstmal eine Herausforderungsrolle" habe, dürfte er sich bis zum Auftaktspiel gegen Curaçao (14. Juni) alle Möglichkeiten offenhalten wollen.
📸 Alexander Hassenstein - 2026 Getty Images
Nicht zuletzt aus diesem Grund kommt den anstehenden Tests gegen Finnland und die USA eine enorme Bedeutung zu. Der Bundestrainer wird in diesen Partien so manche Offensiv-Konstellation ausprobieren, um den perfekten Spielpartner für sein gesetztes Trio zu finden.
Gut für Sané: Weil Havertz das Finnland-Duell wegen des Champions-League-Finals am Vorabend verpasst, wird jede Menge Spielzeit frei, die Nagelsmann unter den Startelf-Kandidaten aufteilen dürfte. Hinterlässt der voraussichtlich zunächst als Joker fungierende Sané Eindruck, könnte er sich umgehend die Pole Position im Kampf um das verbleibende Flügel-Ticket sichern.

Denn wie wichtig dem Bundestrainer die Leistungen im DFB-Trikot sind, hat die jüngste Renaissance des Gala-Stars eindrucksvoll gezeigt. Die Kehrseite dieser Medaille bekam hingegen Chris Führich zu sehen. Trotz einer herausragenden Bundesliga-Rückrunde wurde der Stuttgarter nicht für die WM nominiert. Nagelsmann verkündete diese Nachricht mit dem expliziten Hinweis darauf, dass der 28-Jährige in der Nationalmannschaft noch nicht genug gezeigt habe.
Doch völlig unabhängig von seiner Konkurrenz und einer möglichen Startelf-Berufung scheint ohnehin klar, dass Sané in den USA eine durchaus prominente Rolle einnehmen wird. "Ich kenne ihn ewig, habe einen super Draht zu ihm und traue mir zu, den Spieler so zu kitzeln, dass am Ende der WM deutlich mehr positive Stimmen über ihn fallen werden als negative", erklärte Nagelsmann nicht umsonst. Es wäre dem arg in der Kritik stehenden Sané zu wünschen.
📸 Alexander Hassenstein - 2026 Getty Images
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