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·17. April 2026
Europameister Hrubesch wird 75: "Kopfball-Ungeheuer" und Erfolgstrainer

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·17. April 2026

Heute wird Horst Hrubesch 75 Jahre alte - und blickt dabei auf eine beeindruckende Karriere zurück. Er hat den deutschen Fußball über Jahrzehnte geprägt - als Spieler auf und als Trainer neben dem Platz. Vom Europameister 1980 bis zum Trainer-Preisträger 2009. DFB.de gratuliert dem Jubilar.
Ob Hrubesch nun als Spieler oder als Trainer Größeres vollbracht hat, darüber mögen die Experten anlässlich seines 75. Geburtstags ruhig streiten. In beiden Bereichen des Fußballs, das kann man ungestraft sagen, hat er alle überrascht - positiv, wohlgemerkt. Der grundehrliche Mann mit seiner gewinnenden Art hat aller Welt bewiesen, wie weit man mit Fleiß und harter Arbeit kommen kann. Ein Vorbild, dem der deutsche Fußball viel zu verdanken hat.
Was der Spieler vollbracht hat, das wissen immer weniger Menschen, auch wenn so manches auf ewig in den Geschichtsbüchern stehen wird. Da war natürlich der Tag von Rom, als der Turnierdebütant Hrubesch am 22. Juni 1980 im erst fünften Länderspiel beim 2:1 im Finale gegen Belgien mit seinen ersten beiden Toren Deutschland zum Europameister schoss und köpfte. Da war der Tag von Sevilla, als sein Elfmeter das WM-Halbfinale 1982 gegen Frankreich entschied. Und da war der Tag von Athen, als er Kapitän der einzigen HSV-Elf war, die den Europapokal der Landesmeister gewann, 1983 war das gegen Juventus Turin.
In dieser Funktion stand er auch zweimal auf dem Rathausbalkon in Hamburg und präsentierte den Fans die Meisterschale, 1982 und 1983. Schon 1979 war Hrubesch dabei, da noch ohne Spielführerbinde, er war ja noch der Neue von Zweitligist Rot-Weiß Essen. Es sind die die bis dato letzten Meistertitel des HSV. 1982 wurde er in seinem 21. und letzten Länderspiel auch Vizeweltmeister und Torschützenkönig der Bundesliga, Letzteres vier Jahre zuvor bereits in der 2. Bundesliga - mit einem Allzeitrekord von 41 Toren für RWE, seiner ersten Profi-Station. Sein erstes Gehalt: 1800 Mark, brutto - "als Dachdecker habe ich mehr verdient."
Sein Markenzeichen war (und ist) die breite Stirn, mit der er die Flankenbälle, meist von Manni Kaltz getreten, wie vom Katapult geschnellt, ins Tor köpfte. Von ihm selbst legendär so geschildert: "Manni Flanke, ich Kopf - Tor". "Er wird der erste Spieler sein, der einen Elfmeter mit dem Kopf verwandelt", witzelte einst Sepp Maier. Sie nannten Horst Hrubesch deshalb eher respektvoll denn despektierlich das "Kopfball-Ungeheuer".
Für einen großen Fußballer hielt ihn keiner, HSV-Manager Günter Netzer bereute es zunächst, ihn verpflichtet zu haben. Doch der "Lange" setzte sich durch, bis nach ganz oben. Am 14. Dezember 1985 bestritt er sein 224. und letztes Bundesligaspiel, nun für Borussia Dortmund und ausgerechnet gegen seinen HSV, und begann danach seine Trainerkarriere - wieder bei Rot-Weiß Essen.
Zum Start der Zweitligasaison 1986/1987 saß Hrubesch auf der Bank, mit erst 35 Jahren. Parallel machte er seinen Fußball-Lehrer-Schein in Köln. Er führte den Aufsteiger auf Platz zehn, aber schon im September 1987 war Feierabend. "Im Grunde eine völlig unsinnige Entscheidung, denn mit dieser Mannschaft hätte jeder Trainer Schwierigkeiten gehabt“, kommentierte der Kicker. Ein Jahr blieb er arbeitslos, erlebte früh die Schattenseiten des Trainerlebens. 1988 ging es eine Etage tiefer in Wolfsburg weiter, in der Oberliga Nord. Zweimal verpasste der VfL knapp den Aufstieg in die 2. Bundesliga (3. und 4. Platz). Nach der Herbstmeisterschaft 1988/1989 vermisste Hrubesch die nötige Unterstützung von oben, wie in seiner Biographie zu lesen steht.
Nun zog es ihn über die Alpen, zu seinem großen Lehrmeister Ernst Happel. Hier mangelte es nicht an Unterstützung, trotz aller professionellen Distanz aus Hamburger Zeiten. Als der Wiener ihm das Du angeboten hatte, lehnte Hrubesch fast geschockt ab: "Geht nicht, Trainer, zu viel Respekt." Der hinderte ihn aber nicht, sein Assistent beim FC Swarovski Tirol (Innsbruck) zu werden, im Dezember 1991 übergab der schon schwer erkrankte Happel ihm das Kommando. Hrubesch führte das Team auf Platz zwei, nur das Torverhältnis verhinderte den Gewinn der Meisterschaft. Doch anschließend wurde der Verein aufgelöst, und der Lange ging wieder auf Wanderschaft.
Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus gab es in Europa neue Reiseziele für Fußballer, auch in Deutschland. So trat Hrubesch am 4. Januar 1993 seinen Job bei Zweitligist Hansa Rostock an, strebte den Aufstieg an und konterte Skeptiker: "Geld und Angst haben wir nicht." Er unterschrieb nur bis Saisonende, und länger blieb er auch nicht, am 26. Juni 1993 ging er, "spontan und ausschließlich aus meiner emotionalen Stimmungslage heraus". Hansa war nur Zehnter geworden, hätte ihn dennoch gern behalten. Weitere 15 Monate der Arbeitslosigkeit verdankte er dieser Spontaneität, die er nutzte, um sein Haus selbst umzubauen.
Dann kam Hrubeschs einziges Engagement als Bundesliga-Trainer. Am 22. November 1994 übernahm er Schlusslicht Dynamo Dresden, hier ging er noch schneller wieder. Nach fünf sieglosen Spielen mit nur zwei Punkten kam das Aus für den "autoritären Kumpel", wie er sich selbst bezeichnete. Nach 100 Tagen zog Präsident Rolf-Jürgen Otto die Reißleine und Bilanz: "Er konnte nicht das umsetzen, was wir von uns von ihm erwartet hatten." Dass er mal ein überaus erfolgreicher Trainer werden würde, das ahnten damals nicht viele. Nachfolger Rolf Minge übrigens gewann von den folgenden 15 Spielen nur noch eins, bis heute ist Dynamo nicht in die Bundesliga zurückgekehrt. Hrubesch kam auch nicht wieder, Austria Wien (1995/1996) und Samsunspor (Juli bis September 1997) in der Türkei waren seine letzten Stationen.
Schon dazwischen schnupperte er auf Vermittlung von Bundestrainer Berti Vogts in den U-Bereich des DFB hinein, war drei Monate Co-Trainer der U 16 und der U 17. Dort landete er nach der Rückkehr aus der Türkei wieder und am 1. Mai 1999 übernahm er die neu geschaffene A2-Nationalelf. Zwar blieb er in schweren Zeiten in sechs Spielen sieglos, führte aber Spieler wie Robert Enke, Bernd Schneider und Torsten Frings an die A-Mannschaft heran. Dann, im Mai 2000, rückte er nach Uli Stielikes Ausscheiden in den Assistentenstab von Bundestrainer Erich Ribbeck bei der verkorksten EM 2000.
20 Jahre nach dem Triumph von Rom kam Hrubesch so zu seiner zweiten EM-Teilnahme. Mitten in der größten Krise des deutschen Fußballs. DFB-Präsident Egidius Braun lobte Hrubesch: "Er ist sicher kein Akademiker des Fußballs, aber er spricht die Sprache der Spieler." Das enttäuschende EM-Aus in der Vorrunde ging Hrubesch aber näher als den Spielern, das Bild vom weinenden Co-Trainer auf der Ersatzbank nach dem 0:3 gegen Portugal ging um die Welt. Er sagte: "Ich finde keine Worte für das, was hier ablief. Ich bin geschockt, aber ich schäme mich meiner Tränen nicht."
Während Ribbecks DFB-Zeit mit der EM 2000 endete, begann die von Hrubesch erst - als Cheftrainer im U-Bereich. Die Europameisterschaft blieb sein Freund, trotz 2000. Er gewann sie noch zweimal: 2008 mit der U 19 und 2009 mit U 21, einem besonders erlesenen Jahrgang. Am 26. Juli 2008 erreichte eine DFB-Auswahl nach sechs Jahren wieder das EM-Finale im U 19-Wettbewerb, und diesmal glückte der Sieg. In Jablonec gab es ein 3:1 über Italien, Baumeister des Erfolgs war Horst Hrubesch. Es war noch nicht die Goldene Generation, sie kamen mehr über den Kampf. "Nur" Torwart Ron-Robert Zieler würde im Weltmeisterkader von 2014 stehen, auch die Bender-Zwillinge und Stefan Reinartz brachten es zu A-Länderspiel-Ehren. Hrubesch sagte in der Stunde des Triumphs: "Das bleibt den Jungs für die Ewigkeit! Das ist die Mentalität, die Titel einbringt."
2009 bei der U 21-EM kam ein Schuss Genialität dazu. Die Sieger von Malmö lösten eine kleine Euphorie aus. 4:0 gegen England im Finale, ein Erfolg, der sich erst im Nachhinein wie von selbst erklärte. Die Weltmeister von 2014 übten schon mal, Pokale zu gewinnen: In Hrubeschs Mannschaft standen Manuel Neuer, Jerome Boateng, Mats Hummels, Mesut Özil, Benedikt Höwedes und Sami Khedira. Sie alle entwickelten ein vertrauensvolles Verhältnis zum Trainer, Boateng sagte einmal: "Horst Hrubesch hat meine Karriere gerettet!" Mit hilfreichen Tipps, die ihn zu HSV-Zeiten aus einem Formtief halfen.
Hrubesch erhielt am 14. November 2009 den erstmals vom DFB vergebenen "Deutschen Trainer-Preis". Nach einer Versetzung zur U 18 trainierte er seit dem 21. Juni 2013 wieder die U 21-Auswahl. Den Triumph von 2009 konnte er nicht wiederholen, 2015 war im EM-Halbfinale gegen Portugal Schluss - 0:5. Schön, dass es nicht das Ende war. Da kam noch viel mehr. In Maracanã etwa die Silbermedaille, nach einem erst im Elfmeterschießen verlorenen Olympia-Finale gegen Brasilien. "Wir haben nicht Gold verloren, sondern Silber gewonnen", sagted der Coach damals. Es war der größte deutsche Olympia-Erfolg nach dem Gold der DDR-Auswahl 1976 - im Männerfußball, wohlgemerkt.
Denn dann, im Alter von fast 67 Jahren, traten noch ein paar neue Frauen in sein Leben. Mit Genehmigung der eigenen, wohlgemerkt, mit der er zwei Kinder hat. Horst Hrubesch, der harte Kerl mit weichem Kern, war 2016 abgetreten mit den Worten: "Ehe einer fragt: ich werde erst mal keine Mannschaft mehr trainieren." Ganz wörtlich genommen, hat er damit recht behalten. Nach einem Jahr als interimistischer DFB-Sportdirektor wurde er im März 2018 für geeignet befunden, die Nationalmannschaft der Frauen zu trainieren, die eigentlich "Frauschaft" heißen müsste.
Durchaus im Zweifel war Hrubesch damals, "weil ich nicht wusste: Wie nehmen mich die Spielerinnen an?" Doch es war ein Match allererster Güte, das mit dem Langen und seinen "Mädels". In vier gewonnenen Spielen ohne Gegentor schaffte das DFB-Team unter ihm die in Gefahr geratene Teilnahme zur WM 2019 in Frankreich, die dann unter der Leitung Martina Voss-Tecklenburgs stattfand. Der damalige Präsident Reinhard Grindel sagte: "Ich habe mich bei Horst Hrubesch an seinem letzten Arbeitstag für seine beeindruckende Karriere bedankt."
Letzter Arbeitstag? Denkste! Als der Vertrag mit der erkrankten "MVT" nach der WM 2023 im November desselben Jahres aufgelöst wurde, wurde jemand gesucht, der die Frauen zu Olympia in Paris führte. Die Wahl fiel auf "den Langen" und löste bei seinen "Mädels" Freude aus - und Neugier bei jenen Spielerinnen, die ihn noch nicht kannten. Natürlich schafften sie wieder die Qualifikation, trotz komplizierter Ausgangslage, über die Nations League. Das 2:0 in Heerenveen sorgte für Freudenszenen, und der Glaube an die Magie des "alten Mannes" - er war nun 73 - wuchs ins Unermessliche.
Dass ein Trainer bei Olympia-Teams der Männer und Frauen betreut, hatte es noch nie gegeben. Hrubesch wurde der erste, als er die DFB-Auswahl bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris anführte. Er sagte damals: "Für mich ist es eine Herzensangelegenheit. Ich musste bei der Anfrage nicht lange überlegen." Denn die Chemie stimmte vom ersten Tag an: "Die nehmen den alten Mann mit, und das funktioniert gut. Ich sehe das nicht als normal an. Ich kann den Mädels nur Danke sagen." Sie wollten das auch, Klara Bühl sagte schon vorher, sie würde ihre Medaille dem allseits geliebten Trainer widmen.
Und es gab eine und damit ein Happy Ende der Trainerkarriere des Horst Hrubesch. Kein perfektes mit Goldmetall zwar, aber das wäre vielleicht zu kitschig gewesen. Doch die Freude über Bronze nach einem 1:0 gegen die Weltmeisterinnen aus Spanien hätte in Lyon, wo die Fußballerinnen das kleine Finale bestreiten mussten, kaum größer sein können. "Wir freuen uns riesig für den Trainer", sagte Torschützin Giulia Gwinn. "Das rundet die Sache ab. Er bekommt ein Abschiedsgeschenk."
Offenbar war es das wirklich, diesmal scheint er es ernst zu meinen und schaut sich seine "Mädels" nur noch als wohlwollender Beobachter aus der Distanz an. Letzter Job: Bis Juni 2025 war er noch als Nachwuchschef seines HSV tätig, dann ging er auch da nach fünf Jahren im Guten: "Ich werde dem HSV immer verbunden sein und übergebe die Geschicke an die kommende Generation."
Es ist ja auch nicht so, als wenn er noch unbedingt etwas erreichen müsste. Wobei, ganz ohne Ziele ging es auch nach dem vermutlich letzten Abschied vom Fußball nicht. Er stellte seine Ernährung um und nahm seit 2023 fast 30 Kilo ab. Der Vater von zwei Kindern, die ihm vier Enkel schenkten, und Mann einer Ehefrau, "die schon mal an der richtigen Schraube gedreht hat, wenn ich abgehoben bin", kann auf ein erfülltes Leben schauen. "Als Kind hatte ich Träume, ich bin glücklich, dass ich sie mir erfüllen konnte", sagte er jetzt der Sport Bild.
Zu seinen Hobbys gehörten, als er noch den Bauernhof in der Lüneburger Heide hatte, Pferdezucht und Angeln. Heute lebt er mit seiner Frau bei Neumünster und fährt beinahe täglich Rad. In den Archiven findet sich ein Satz von ihm, den nur wenige sagen können: "Ich habe alles richtig gemacht und möchte keine Minute missen."









































