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Selina Eckstein·9. Mai 2026
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Selina Eckstein·9. Mai 2026
Der Trainer schwenkt den Schal vor den Fans, Tränen glitzern in seinen Augen. Auf der Tribüne ist ein Banner zu sehen mit den Worten "Bravo Fonseca", denn sie wissen, wem sie diesen Erfolg zu verdanken haben: Paulo Fonseca. Dem Coach von Olympique Lyon ist etwas gelungen, was vor der Saison wohl niemand für möglich gehalten hätte.
Gemeinsam mit seinen Profis lässt er die Fans von der ersten CL-Teilnahme seit 2019/20 träumen. In der Corona-Saison scheiterte das damalige Überraschungsteam beim Final-Turnier in Lissabon erst im Halbfinale gegen den späteren Sieger aus München. Nun könnte die Hymne der Königsklasse in der kommenden Spielzeit wieder im eigenen Stadion erklingen – und das, obwohl im letzten Sommer noch der Zwangsabstieg in die zweite französische Liga drohte.
Wegen Verstößen gegen Finanzauflagen hatte die nationale Kontrollinstanz DNCG den Zwangsabstieg angeordnet. Der umstrittene Vereinspräsident John Textor trat daraufhin zurück und verkaufte seine Anteile an das Premier-League-Team Crystal Palace.
OL legte Einspruch gegen den Zwangsabstieg ein – mit Erfolg. Doch die Finanzaufsichtsbehörde gab dem Klub strenge Auflagen. Die Gehalts- und Transferausgaben mussten gesenkt werden.
Zahlreiche Stars verließen deshalb den Verein. Darunter Rayan Cherki (Wechsel zu ManCity), Georges Mikautadze (Villarreal) und auch Vereinslegende Alexandre Lacazette erhielt keinen neuen Vertrag. Ihn zog es nach Saudi-Arabien. Für neue Spieler gab Lyon rund 50 Millionen Euro aus. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es noch knapp 150 Millionen Euro.
Vor allem dem Lyon-Eigengewächs Mikautadze setzte der Abschied am letzten Tag der Transferperiode schwer zu; unter Tränen verließ er das Vereinsgelände.
Als wäre das alles nicht schon heftig genug, fehlte der Trainer bei den Liga-Spielen bis Dezember gesperrt. Er hatte im vergangenen März eine neunmonatige Sperre erhalten, nachdem er in der Partie gegen Stade Brest mit dem Schiedsrichter Benoit aneinander geraten war. Fonseca hatte eine Rote Karte gesehen, die er nicht akzeptieren wollte. Der Portugiese schäumte vor Wut und schrie dem Unparteiischen ins Gesicht.
Fonseca entschuldigte sich zwar nach dem Abpfiff, der französische Verband zeigte jedoch keine Gnade und sperrte ihn. Während er bei anderen Klubs deshalb vielleicht entlassen worden wäre, hielt OL an ihm fest. Fonseca leitete weiterhin die Trainingseinheiten, während der Spiele übernahm Assistent Jorge Maciel den Chefposten. Diese Treue sollte belohnt werden.
Denn als der 52-Jährige bei den Spielen wieder am Seitenrand stehen durfte, beflügelte es die Spieler so krass, dass sie eine beeindruckende Siegesserie von 13 Partien in Folge hinlegte. Aber wie gelang es dem Team, trotz der geringen Mittel so erfolgreich zu werden?
Es scheint mehrere Faktoren zu geben. Zum einen passte Fonseca seinen Plan an. Während der Coach bisher eher für Offensivfußball bekannt war, legte er nun größeren Wert auf die Stabilität in der Defensive. Von seinem Co-Trainer wurde das während der Partien umgesetzt. Das verriet Innenverteidiger Moussa Niakhaté nach dem Sieg gegen Marseille am dritten Spieltag.
Aber auch einzelne Akteure blühen gerade richtig auf. Zum Beispiel Endrick, der von Real Madrid ausgeliehen wurde, oder aber auch Corentin Tolisso. Alleine in den letzten drei Partien hat der Ex-Bayern-Star sechs Scorerpunkte gesammelt und führt das Team als Kapitän an. Auch sein Trainer schwärmt von ihm: "Er ist der Teamleader, ein sehr intelligenter Spieler mit vielen Qualitäten. Er ist immer enorm wichtig für uns."
Tolisso selbst äußerte sich im November 2025 nach seinem Dreierpack in der Europa League gegen Maccabi folgendermaßen: "Mein Spiel entwickelt sich weiter, ich werde älter, gewinne an Erfahrung. Es stimmt, ich spüre, dass ich aktuell in der besten Form meiner Karriere bin."
Endrick wiederum liegt schon bei elf Scorerpunkten in 14 Ligue-1-Partien und könnte sich sogar vorstellen, auch nächste Saison für OL zu spielen. "Ich würde gerne hierbleiben. Denn sie tun hier alles, um mir die perfekten Bedingungen [für meine Leistung] zu bieten", erklärte er im Gespräch mit 'Ligue1+'.
📸 Jose Manuel Alvarez Rey - 2026 Getty Images
Neben den großen Namen spielen sich auch andere Profis ins Rampenlicht. Da wäre zum Beispiel Pavel Šulc. Der tschechische Stürmer kam im Sommer von Viktoria Pilsen und ist im Strafraum extrem gefährlich. Das beweist er nicht nur bei seinem Klub, sondern auch in der Nationalmannschaft. Im Quali-Finale gegen Dänemark (5:3 n.E.) traf er zur 1:0-Führung und darf nun auf ein WM-Ticket hoffen.
Als Nachfolger für Malick Fofana wurde Afonso Moreira geholt, der zuvor mit der Reserve von Sporting in der dritten portugiesischen Liga kickte. Damit trat der 21-Jährige in große Fußstapfen, doch er glänzte direkt und wurde zum Publikumsliebling. Mit acht Toren und elf Vorlagen wettbewerbsübergreifend ist er außerdem zum Shootingstar in der Liga avanciert.
Auch die Defensive steht sicher: Hinter PSG und RC Lens hat Lyon die wenigsten Gegentore kassiert (34). Der slowakische Keeper Dominik Greif kam vom RCD Mallorca und blieb in 27 Partien elf Mal ohne Gegentor.
Es ist diese Mischung aus abgeklärten Leadern und hungrigen Talenten, die das neue Lyon ausmacht. Dazu ein Trainer, der in Krisenzeiten genau der richtige Mann zu sein scheint. Wenn das Team diesen Fokus bis zum letzten Spieltag hält, wird Fonseca in der kommenden Saison nicht mehr nur wegen eines Banners weinen – sondern wenn die Hymne der Königsklasse durch das Stadion hallt und die Fans, genau wie heute, voller Stolz ihre Schals in den Himmel recken.
📸 OLIVIER CHASSIGNOLE - AFP or licensors







































