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·9. Juni 2026

Experten-Interview: Welche Rolle spielt Taktik bei der WM 2026?

Artikelbild:Experten-Interview: Welche Rolle spielt Taktik bei der WM 2026?

Welche Rolle spielt Taktik bei einem großen Turnier? Wieviel davon lässt sich in teils kürzester Vorbereitungszeit überhaupt einstudieren? Und: Was dürfen sich die Hobby-Analytiker von der WM 2026 erhoffen? 90PLUS hat zwei Tage vor dem Turnierstart mit einem Experten gesprochen. 

Clemens Zulehner ist Co-Trainer der österreichischen U17- und U19-Auswahl. Durch seine Erfahrungen beim ÖFB und frühere Stationen – unter anderem beim Linzer ASK, mit denen er 2024 Tabellendritter in der Bundesliga wurde – gehört es zu seinem Repertoire, Spieler binnen kürzester Zeit auf wichtige Spiele und Turniere vorzubereiten. Im Interview mit 90PLUS transferiert der 34-jährige Fußballlehrer seinen Erfahrungsschatz auf die nun anstehende WM 2026.


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90PLUS: Die meist verbreitete These lautet mittlerweile ja, dass Taktik bei einem großen internationalen Turnier maximal zweitrangig ist und gerade K.o.-Spiele im Zweifel durch individuelle Qualität, die Fitness der Spieler und Tagesform entschieden werden. Können wir mit Blick auf Spaniens EM-Titel 2024 noch immer davon sprechen?

Clemens Zulehner: Nein, das kann man so nicht sagen. Ich unterscheide bei Nationalmannschaften grundsätzlich zwischen Teams, die stärker über das Kollektiv kommen und solche, die mehr auf die individuelle Klasse einzelner Spieler ausgerichtet sind. Ein Beispiel für letzteres wäre Frankreich, bei der Equipe Tricolore nehmen die Aktionen einzelner Spieler stärken Einfluss auf das Spiel. Spanien, England, aber auch Deutschland und Österreich sind Beispiele für Mannschaften, die mehr über das Kollektiv kommen und bei denen taktische Inhalte den Ausgang des Spiels stärker prägen. Man kann also nicht davon sprechen, dass Taktik bei einem solchen Turnier wie der WM keine Rolle spielt.

⁠Durch den zunehmend aufgeblähten Terminkalender steigt in den letzten Jahren auch die Belastung für die Spieler. Inwiefern verändert dieser Aspekt die taktische Arbeit bei einem solchen Turnier, gerade auch in Hinblick auf die teils schwierigen klimatischen Bedingungen in Mexiko und den USA? 

CZ: Natürlich spielt der Terminkalender und damit die Belastung der Spieler eine große Rolle, genau wie die klimatischen Bedingungen. Vor dem Hintergrund werden taktische Inhalte immer häufiger so eingesetzt, dass sich vor allem Topspieler nicht völlig verausgaben müssen und früh Körner auf dem Platz verlieren. Natürlich gibt es bei einer WM unvorhersehbare Ereignisse und Spielverläufe, die diesen schonenden Weg dann nicht mehr zulassen – ein gutes Beispiel sind Verlängerungen. Umso wichtiger sind dann wiederum Faktoren wie die Quartierwahl und Erholungsmöglichkeiten für Spieler, damit sie zwischen den Spielen so gut wie möglich regenerieren können – körperlich wie mental. 

⁠Inwieweit ist es überhaupt möglich, taktische Prinzipien in der nicht allzu langen Vorbereitung einzustufen? 

CZ: Bestenfalls ist natürlich über Monate oder Jahre hinweg schon eine taktische Vorarbeit geleistet worden. Zwischen den großen Turnieren ist es Aufgabe des Bundestrainern, taktische Prinzipien in einer großen strategischen Ausrichtung zu verankern. In der gezielten Turniervorbereitung geht es dann mehr darum, die bereits erarbeiteten Prinzipien für die Spieler zu vereinfachen und zu festigen. Heutzutage werden Spieler in den Akademien taktisch aber auch sehr gut geschult, sodass sie auch im Kreise der Nationalmannschaft dazu in der Lage sein sollten, binnen kürzester Zeit komplexe taktische Prinzipien einzustudieren und auf den Platz umgesetzt zu bekommen. Als guter Bundestrainer greifst du für eine WM natürlich trotzdem auch auf Inhalte zurück, die sich leichter und schneller trainieren lassen. Standardsituationen etwa dürften bei der WM wieder eine große Rolle spielen.

Wie kann man sich die gegnerspezifische Vorbereitung vorstellen? Inwieweit ist Detailarbeit bei drei bis vier, höchstens fünf Tagen zwischen den Spielen überhaupt möglich?

CZ: Die Gegnervorbereitung beginnt natürlich nicht erst unmittelbar vor dem Turnierstart. Hinter den Kulissen stecken ganze Analyseteams, die schon Monate im Voraus die Gruppengegner analysieren und zusammen mit dem Trainerteam mögliche Strategien ausarbeiten. In der unmittelbaren Gegnervorbereitung legt sich das Trainerteam dann auf eine Startaufstellung und die endgültige Taktik fest und trainiert die Mannschaft gezielt auf Stärken und Schwächen des Gegners hin. Auch einzelne Spielers des Gegners werden penibel unter die Lupe genommen, um die eigene Mannschaft bestmöglich vorzubereiten. Die gegnerspezifische Vorbereitung wird also auch bei der WM eine riesengroße Rolle spielen.

Was für eine WM erwartest du in taktischer Hinsicht? Gewinnt am Ende vielleicht der Pragmatismus oder ist das ein weit verbreiteter Irrglaube im Hinblick auf solche Turniere?

CZ: Es wird interessant zu beobachten sein, inwieweit taktische Innovationen bei der WM eine Rolle spielen werden. Was wir auf jeden Fall sehen werden, sind innovative Standardsituationen und spannende taktische Kniffe, um die eigenen Topspieler in Szene setzen zu können. Mit Sicherheit wird es auch Teams geben, die gerade zu Beginn eines Spiels mehr ins Risiko gehen und zum Beispiel gezielt Angriffspressing spielen. Bei einem großen Turnier ist der Pragmatismus – etwa ein tiefes Verteidigen im Block – aber mindestens mal ein Teil der taktischen Überlegungen – und für viele Teams am Ende auch das Mittel der Wahl.

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