MillernTon
·23. März 2026
FC St. Pauli vs. SC Freiburg 1:2 – Mut wird belohnt

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·23. März 2026

Nach gutem Beginn verliert der FC St. Pauli die Partie gegen den SC Freiburg. Eine taktische Anpassung und Mut zum Risiko der Gäste zahlt sich, auch dank FCSP-Mithilfe, aus.(Titelfoto: Stefan Groenveld)
Der SC Freiburg ist spät dran gewesen am Sonntag. Gegen 20:30 Uhr tat sich Ungewöhnliches im Presseraum beim FC St. Pauli: Medienchef Patrick Gensing und Trainer Alexander Blessin betraten alleine das Podium. Julian Schuster, der Trainer des SC Freiburg, fehlte. Die Erklärung: Es habe alles zu lange gedauert, der SCF habe bereits abreisen müssen, um den Flug gen Heimat noch zu erwischen. Was zu diesem Zeitpunkt aber nicht bekannt war: Julian Schuster war gar nicht Teil der Freiburger Reisegruppe gen Heimat. Vielmehr blieb er in Hamburg, reist am Montag, wie auch Blessin, zur Trainer-Tagung der DFL nach Düsseldorf.
Die Verwunderung war also erst groß, dass die offizielle Pressekonferenz nach dem Spiel ohne den Gästetrainer stattfand. Und noch größer wurde sie, als nach Beendigung dieser einseitigen PK die Tür zum Pressebereich aufging und Julian Schuster, mit schüchternem und schuldbewusstem Blick ob seiner Verspätung, den Raum betrat. Irgendwie passte dieses späte Erscheinen zum Auftritt der Freiburger beim FC St. Pauli, hatte sein Team zuvor auf dem Platz doch auch erst sehr spät ins Spiel gefunden – dann aber, wie auch Schuster auf der PK, einen guten Auftritt hingelegt. Und so verwundert, wie Blessin und Gensing schauten, als Schuster doch den Presseraum betrat, so bedröppelt schauten auch die Spieler des FC St. Pauli nach Abpfiff aus.
Beim FC St. Pauli gab es eine personelle Veränderung im Vergleich zum Spiel in Mönchengladbach: Eric Smith kehrte von der Sechs in die Innenverteidigung zurück, Adam Dźwigała nahm dafür auf der Bank Platz. Den freien Platz in der Startelf nahm Matti Rasmussen ein, der neben Jackson Irvine auf der Doppelsechs agierte und damit auf seiner Lieblingsposition ran durfte. In Sachen Formation blieb alles beim Alten, der FCSP startete in einem 5-2-3.
Trotz der recht kurzen Regenerationszeit verzichtete Freiburgs Cheftrainer Julian Schuster auf personelle Wechsel in der Startelf, die sich auf dem Rasen im gewohnten 4-2-3-1 zusammenfand. Zu Spielbeginn standen dieselben elf Spieler auf dem Platz, die auch am Donnerstag gegen KRC Genk in der Europa League starteten. Das verwunderte schon etwas, aber der Freiburger Coach erklärte nach Abpfiff, dass man vorhatte, die wirklich frischen Kräfte erst später ins Spiel zu bringen. Der Plan ging auf.

Mit Matti Rasmussen anstelle von Adam Dźwigała startete der FC St. Pauli gegen den SC Freiburg. Der Winter-Neuzugang wusste, vor allem in der ersten Halbzeit, auf der Sechs zu überzeugen.
(c) Stefan Groenveld
Ehrlich gesagt waren meine Erwartungen an diese Partie eher niedrig. Beide Teams hatten in dieser Spielzeit durchaus einige Probleme in eigenen Ballbesitzphasen offenbart – ihre Torerfolge beruhen zu nicht unerheblichen Teilen auf Standardsituationen. Doch ich wurde eines Besseren belehrt, erst vom FC St. Pauli, dann vom SC Freiburg. Beide Teams hatten in diesem Spiel, jeweils mit freundlicher Unterstützung des Gegners, sehr gute Phasen und wussten diese auch für sich zu nutzen. Dass es am Ende einen Treffer mehr für die Gäste gab, fühlt sich etwas ungerecht an, ist aber aufgrund der Spielanteile nicht unverdient. Fangen wir aber erstmal mit dem Teil des Spiels an, in dem sich der FC St. Pauli einen Treffer und die Führung verdiente…
Das Aufbauspiel ist nicht das größte Prunkstück des SC Freiburg und nicht der Grund, warum das Team in dieser Saison noch in allen Wettbewerben aktiv ist und dort jeweils eine gute Rolle spielt. Aber das bedeutet nicht, dass es gar nicht funktioniert oder gar als völlig planlos bezeichnet werden kann. Zwar gab es besonders in der ersten Hälfte sehr viele lange Bälle der Gäste zu sehen, aber das war sicher auch eine Reaktion auf das griffige Pressing des FC St. Pauli. Dass der SCF bereits zu Spielbeginn viele flache Abstöße einfach von hinten rausbolzte, dürfte zum Teil damit zusammenhängen, dass unter anderem der letzte Gast am Millerntor, Eintracht Frankfurt, irgendwann vor dem hohen Pressing des FCSP kapitulierte und sich lieber für einen langen Ball entschied, als sich diesen im eigenen Drittel abluchsen zu lassen.
Zwar gab es viele lange Bälle vom SC Freiburg zu sehen, aber das Team versuchte es auch oft im flachen Aufbau. Entsprechend gab es auch einige hohe Ballgewinne des FCSP. Besonders in den ersten 30 Minuten der Partie verloren die Freiburger einige Bälle im flachen Spielaufbau. Der FC St. Pauli agierte als extrem giftiges und oft erfolgreiches Pressingteam. Das gefiel. Sehr. Zumal aus diesen Ballgewinnen heraus auch Torgefahr erzeugt werden konnte. Diese Ballgewinne des FCSP schienen dem SCF zuzusetzen. Zumindest sorgte das Pressingverhalten des FC St. Pauli dafür, dass Freiburg innerhalb der ersten halben Stunde Spielzeit im Spielaufbau immer mutloser wurde.
Die aufgrund der giftigen und engagierten Spielweise verdiente Führung gab es dann aber nicht direkt nach einem Ballgewinn. Vielmehr startete die Szene mit einem flachen Abstoß des FCSP, an dessen Ende Freiburgs Makengo gerade noch so vor dem einschussbereiten Fujita den Querpass von Ritzka ins Toraus klärte. Die folgende Ecke trat Smith dann zentimetergenau an den Elfmeterpunkt, wo Andō das Luftduell gegen Ginter gewann. Der Kopfball landete bei Sinani und Treu, der FCSP-Angreifer bekam seinen Körper schneller sortiert und schoss den Ball im Fallen ins Freiburger Tor ein.
„Wir wollen Standardsituationen als Dosenöffner nutzen“, hatte Alexander Blessin vor der Partie erklärt und hatte dabei berechtigten Grund zur Hoffnung, dass das klappt. Denn Freiburg ist bei defensiven Standards anfällig und wies das auch am Millerntor nach. Doch was genau dieser Treffer zur Führung des FC St. Pauli einleitete, welche Dose sich dadurch öffnete, war dann sicher nicht das, was Blessin meinte. Denn zwar war der FCSP auch in den Minuten nach dem Führungstreffer in der 23. Minute das bessere Team (10-2 Ballkontakte im gegnerischen Strafraum waren es nach rund 30 Minuten Spielzeit), doch gegen Ende der ersten Hälfte übernahm der SC Freiburg die Partie.
Und damit kommen wir wieder zurück zum Freiburger Aufbauspiel. Das wurde nämlich nach der Führung des FC St. Pauli wichtiger und prägender für die Partie. Der SCF agierte bei eigenem Ballbesitz mit einem recht klaren Fokus auf die Außenbahnen. Wer sich dort aber auf welcher Position einfand, variierte. Treu und Makengo schoben als Außenverteidiger gerne mal höher als die nominellen offensiven Außen, Grifo und Beste. Beide waren auch immer mal wieder im Zehnerraum zu finden. In diesem war auch Grifo oft zugegen, Beste allerdings so gut wie nie. Das Freiburger Spiel hatte dadurch ein leichtes Ungleichgewicht mit einer stärkeren Überladung der eigenen rechten Seite, wo zumeist Beste der am höchsten positionierte Spieler war.
Dieses Aufbauspiel griff zu Beginn der Partie nicht. Die Freiburger versuchten, den Ball durch das Zentrum zu spielen, verloren da viele Bälle. In der Folge versuchten sie oft, den Ball auf die Außenposition zu spielen, um von dort Diagonalbälle ins Zentrum zu bringen, entweder hoch auf Matanović oder, das etwas lieber, flach in den offensiven Halbraum, wo sich immer Suzuki und meist Grifo, ab und an Treu und Makengo befanden. Diese technisch nicht wirklich leichten Diagonalpässe konnten von den Außenpositionen auch dann noch versucht werden, wenn die Passgeber in einer geschlossenen Körperhaltung angespielt wurden (= mit dem Rücken zum gegnerischen Tor). Weil der SC Freiburg mit inversen Flügelstürmer agierte, konnten diese den Ball mit ihrem starken Fuß diagonal nach vorne spielen, ohne sich vorher umständlich zu drehen oder sich kurz die Hüfte auszurenken.
Dieses Aufbauspiel alleine war keine echte Herausforderung für den FC St. Pauli. Das Zentrum ist durch das 5-2-3/5-4-1 ja eh oft kompakt und schwer für Gegner zu durchdringen. Und bei den Szenen über die Außenbahnen setzte der Schienenspieler den SCF-Passgeber unter Druck, indem er ihn aggressiv anlief. Die folgenden (durch den Druck oft ungenauen) Diagonalpässe wurden nahezu ausnahmslos erfolgreich verteidigt, weil der FCSP mit seinen beiden Sechsern und den Innenverteidigern die Halbräume gut kontrollierte, dort eigentlich immer eine Überzahl hatte. Hilfreich war beim Verteidigen dieser Szenen auch, dass der FC St. Pauli extrem zweikampfstark auftrat. Fast zwei Drittel der Bodenzweikämpfe gingen in der ersten Hälfte an Braun-Weiß. Das Team von Blessin hatte also eigentlich alles im Griff.
Scheiße, ja, da steht schon wieder so ein blödes „eigentlich“ in meinem letzten Satz. Denn gegen Ende der ersten Hälfte veränderte sich das Spiel. Der SC Freiburg drängte den FC St. Pauli nun tiefer in die eigene Spielfeldhälfte und schaffte es nun ein paar Mal, eigene Spieler in den Halbräumen an den Ball zu bekommen. Schuster erklärte später auf der Pressekonferenz: „Wir haben im Verlauf der ersten Halbzeit etwas angepasst, sind öfter in den Dreier-Aufbau gegangen.“ Vorher gestalteten die Innenverteidiger Ginter und Ogbus zusammen mit den wechselnden Spielern auf den Außenverteidiger-Positionen den initialen Aufbau. Nun gesellte sich oft Sechser Eggestein zum Innenverteidiger-Duo, er ließ sich zwischen sie fallen. Dadurch konnten sich Ginter und Ogbus im Spielaufbau mehr gen Außenbahn bewegen und die Außenverteidiger schoben weiter nach vorne. Der FC St. Pauli reagierte auf diese veränderte Formation der Gäste mit einer breiteren Aufstellung der beiden Zehner: Pereira Lage und Fujita stellten sich nun etwas anders auf, der FCSP fiel schnell ins 5-4-1. Das taten die Zehner, weil die Außenbahnen nun oft überladen waren (da die Freiburger Innenverteidiger breiter standen, konnten die Außenverteidiger weiter vorschieben). Der SC Freiburg hatte durch diese taktische Anpassung also dafür gesorgt, dass der FC St. Pauli etwas tiefer stand.
Aber auch das ist an sich noch kein Problem. Das Team von Blessin ist es gewohnt, im 5-4-1 zu verteidigen, ist es auch gewohnt, in dieser tieferen Formation aktiv zu bleiben, mutig vorwärts zu verteidigen. Blessin erklärte nach Abpfiff: „Von der Struktur her ist es klar gewesen, wie wir reagieren wollen, wenn wir 3vs3 vorne spielen. Dann soll der Sechser mit unterstützen und der zweite, der ballferne Sechser die rote Zone absichern.“ Trotzdem gehörten die letzten Minuten der ersten Hälfte den Gästen, denen es nun öfter gelang, in den Halbräumen an den Ball zu kommen. Kurz vor Pause hatten Manzambi, Suzuki und Matanović gute Gelegenheiten (teilweise durch Standards, die aber eine Folge des erfolgreicheren Spielaufbaus waren).

Zweikämpfe gingen in der ersten Hälfte zum Großteil an den FC St. Pauli. Im zweiten Abschnitt drehte sich das, der SC Freiburg gewann nun deutlich mehr Duelle – und am Ende das Spiel.
(c) Stefan Groenveld
In der Halbzeit wechselte der SC Freiburg dann: Mit Irié kam ein Spieler auf den Platz, der auf der offensiven Außenbahnen ganz andere Qualitäten einbringt als der ausgewechselte Beste. Schuster: „Irié ist ein 1vs1-Spieler, der immer wieder für Momente sorgt, der die direkten Duelle lösen kann, wodurch dann Räume entstehen.“ Mit Scherhant, der in der 68. Minute eingewechselt wurde, kam noch ein weiterer dribbelstarker Offensivspieler auf den Platz und Schuster war nach Abpfiff sehr glücklich darüber, dass das möglich war: „Wenn du solche frischen Kräfte bringen kannst, hilft dir das in diesen Momenten.“Während die Ballaktionen von Beste und Grifo auf diesen Positionen oft aus Pässen bestanden, suchten die beiden Einwechselspieler primär das Dribbling. Das setzte die FCSP-Hintermannschaft dann schon deutlich mehr unter Druck als die Diagonalpässe zuvor. Insgesamt kam der FC St. Pauli nicht gut aus der Pause, Freiburg hatte das Spiel nun recht klar auf seine Seite gezogen.
Doch besonders in der Phase bis zum Ausgleich hatte der FC St. Pauli eigentlich die Möglichkeiten, um mit einem zweiten Treffer vielleicht sogar schon den Deckel auf diese Partie zu machen. Denn wie hoch wäre die Wahrscheinlichkeit gewesen, dass der SC Freiburg keine 72 Stunden nach einem kräftezehrenden Europapokalabend einen 0:2-Rückstand wettmacht? Wie hoch wäre die Wahrscheinlichkeit, dass die gegen einen giftigen FC St. Pauli irgendwann, wenn es auf dem Platz nicht läuft, dann doch ihre müden Körper merken?In der ersten Phase nach Wiederanpfiff hatte Freiburg zwar einige Torgelegenheiten. Es war deutlich, dass der SCF versuchte, so schnell wie möglich nach Wiederanpfiff einen Treffer zu erzielen, damit die Körper eben nicht müde werden. Mich ärgert weniger, dass der SCF mit so viel Dampf aus der Kabine kam und der FC St. Pauli Chancen zuließ. Viel ärgerlicher ist, dass der FCSP diese Phase nicht selbst für Torchancen (und dann vielleicht auch für die Entscheidung) nutzte. Denn das nun energiereiche Auftreten der Freiburger änderte nichts an der hohen Anzahl an Ballgewinnen für Braun-Weiß. Es gab sie nun zwar nicht mehr (tief) in der Hälfte der Freiburger, sondern in der eigenen Hälfte, sie waren jedoch nicht weniger vielversprechend.
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Denn der SC Freiburg ging im Aufbauspiel zu Beginn der zweiten Halbzeit schon stark ins Risiko: Die Innenverteidiger schoben sehr in die Breite, die Außenverteidiger hoch, oft war nur ein Spieler im Sechserraum, der Rest turnte weiter vorne rum – Ballverluste gehen bei so einer Aufstellung oft mit gegnerischen Umschaltmomenten einher. Dem FC St. Pauli gelang es aber nicht, die Ballgewinne für erfolgreiche Umschaltmomente oder ruhigere Momente zu nutzen. Vielmehr wurden etliche Situationen nicht gut ausgespielt und so gab es keine längeren Ballbesitzphasen und damit auch keine Entlastung. Für Blessin ist das ein Hauptgrund, warum der FCSP diese Partie verlor: „Nach dem 1:0 war es klar, dass Freiburg ein bisschen offensiver sein muss. Da wollten wir sie eigentlich in bestimmten Phasen des Spiels auch mal ein bisschen mehr laufen lassen.“ Nach Geschmack des FCSP-Chefcoaches suchten die Spieler aber zu oft den direkten Weg in die Tiefe. Erschwerend kam hinzu, dass diese tiefen Bällen eine unterirdische Erfolgsquote hatten. Freiburg gab viel Raum zwischen und hinter der letzten Kette her, der FC St. Pauli konnte diesen aber überhaupt nicht nutzen. So war der Ball oft ganz schnell wieder in den Füßen der Freiburger Spieler, die das dann irgendwann in Zählbares ummünzten.
Als Alexander Blessin nach Abpfiff zur Situation vor dem 1:1 befragt wurde, erklärte er ausführlich, wie gut der Freiburger Mittelstürmer mit FCSP-Vergangenheit sei: „Matanović hat durch seine guten Laufbewegungen dann halt auch immer Räume gezogen, Bälle festgemacht. Du kannst nicht jede Situation verteidigen.“ Matanović hatte auch eine Hauptrolle beim 1:1 und das nicht nur, weil er den Treffer erzielte. Vielmehr, weil er mit einer Ablage für eine schnelle Seitenverlagerung sorgte – und damit seinen Treffer selbst einleitete. Vorausgegangen war dieser Ablage übrigens ein Pass von der rechten Außenbahn, gespielt von Innenverteidiger Ginter, der sich aufgrund des Freiburger Dreier-Aufbaus nun auch teilweise ganz auf die Außenbahn bewegen konnte. Der Pass von Ginter, horizontal durch den Halbraum zu Matanović und die Ablage des Freiburger Angreifers an sich sind dabei gar nicht so sehr das Problem. Hätte auf der ballfernen Seite nicht Fujita komplett gepennt. Denn Matanović erreichte mit seiner Ablage Grifo, in einem Raum, wo Fujita als Teil eines 5-4-1 stehen muss, es aber nicht tat.
Grifo nutzte seinen Freiraum jedenfalls für einen eigentlich schwachen Abschluss, der aber von Wahl und Matanović entscheidend abgefälscht wurde und so unhaltbar ins Tor trudelte. Ein Pingpong-Gegentor, ein völlig unnötiges dazu. Kurz nachdem der Ball ins Netz getrudelt war, eskalierte Irvine auf dem Platz ziemlich stark in Richtung Fujita, schimpfte heftig. Blessin erklärte nach Abpfiff, dass man sich in der Pause genau so eine Szene angeschaut habe als mahnendes Beispiel, wie man nicht zu verteidigen habe: „Wir haben genau auf diesen Punkt hingewiesen in der Halbzeit, wo wir den ballfernen Raum nicht geschlossen haben durch einen Zehner. Das kommt gerade immer wieder vor. Wenn er (Fujita, A.d.R) einrückt, dann ist er beim entscheidenden Pass da.“
Die Partie kann in der Folge aus FCSP-Sicht bestenfalls als „offen“ bezeichnet werden, das Pendel schlug aber ehrlich gesagt in Richtung Freiburg aus. Der FC St. Pauli wirkte passiv, Freiburg gewann nun deutlich mehr Zweikämpfe (mehr als zwei Drittel), wodurch die Gäste laut Blessin „auch immer näher an unser Tor rangekommen sind.“Einige dieser Zweikämpfe waren dann sicher an der Grenze zu Regelwidrigkeiten. Besonders in der 77. Minute gab es gleich fünf Szenen in kurzer Abfolge, in denen der FC St. Pauli gerne einen Pfiff für sich gehört hätte. Schiedsrichter Badstübner pfiff aber keinen der Zweikämpfe ab und zog sich damit den Zorn vieler zu. Blessin sprach später von einem Ungleichgewicht bei den 50/50-Entscheidungen und meinte damit unter anderem diese Sequenz in der 77. Minute (nachdem er sich erst bei DAZN am Mikro extrem stark über Badstübner aufregte, wählte er auf der Pressekonferenz versöhnlichere Worte, erklärte seine Wortwahl am DAZN-Mikro mit den eigenen Emotionen – an der generellen Kritik änderte das aber nichts).
Beim Anblick der Szenen in der Wiederholung ist aber recht deutlich, dass drei der fünf Zweikämpfe nicht abgepfiffen werden sollten, bei den zwei anderen ist das schon eher der Fall, aber eben auch nicht eindeutig. Allerdings passte es auch zur eher großzügigen Linie, die Badstübner in dieser Partie fuhr, dass er diese Szenen nicht abpfiff. Auf der anderen Seite hätte sich allein aufgrund der hohen Frequenz – die fünf Szenen ereigneten sich innerhalb von 15 Sekunden – niemand beim SC Freiburg über einen Freistoß für den FC St. Pauli beschweren dürfen. Nach Abpfiff wollten übrigens auch die Spieler, die in der Mixed Zone sprachen, keineswegs die Kritik an der Schiedsrichterleistung teilen.

Zwar regte sich Jackson Irvine in dieser Szene sehr stark über eine Entscheidung von Schiedsrichter Florian Badstübner auf, der FC St. Pauli kann sich aber insgesamt nicht zu sehr über dessen Leistung beschweren. Die Niederlage gegen den SC Freiburg hatte jedenfalls andere Gründe, auch wenn es sich während der Partie und kurz nach Abpfiff anders angefühlt haben mag.
(c) Stefan Groenveld
Wichtiger wäre für den FC St. Pauli aber gewesen, dass es kurz danach einen Freistoß für den SC Freiburg gegeben hätte. Denn was die „Fünf kritische Zweikämpfe in 15 Sekunden“-Szene besonders ärgerlich machte: Freiburg löste sich aus dieser und erzielte Sekunden später das Führungstor. Weil es gleich drei Spieler des FCSP verpassten, Suzuki an seinem Tempolauf quer durch die gegnerische Hälfte zu hindern. Ein taktisches Foul kurz hinter der Mittellinie wäre angesichts der temporeichen Situation zwingend notwendig gewesen. Doch Pyrka, Rasmussen und Irvine versäumten es allesamt, Suzuki zu stoppen. Smith und Andō hätten das noch knapp vor dem Strafraum machen können. (Es hätte dann aber vermutlich wahlweise die fünfte Gelbe Karte für Smith oder die Gelb-Rote für Andō gegeben und einen Freistoß in aussichtsreicher Position – hier wäre ein Foul dann eher nicht „richtig“ gewesen).
Der nicht gestoppte Suzuki bediente jedenfalls Irié, der dann jedoch nur einen schwachen Torschuss zustande brachte. Doch leider ließ Vasilj diesen abprallen, konnte ihn nicht festhalten. Der FCSP-Schlussmann erklärte später, dass das Gegentor auf seine Kappe gehe, weil er den Ball festhalten wollte, ihm das aber nicht gelang. So fiel dieser Matanović vor die Füße, der sich nicht zweimal bitten ließ und für die Freiburger Führung sorgte.Mindestens so groß wie die Freude der Freiburger über diesen Treffer war der Frust beim FC St. Pauli. Dass sich dieser teilweise in Form von Becherwürfen äußerte, passt zu diesem gebrauchten Abend. Das hat sich leider zu einem echt ausgewachsenen Problem am Millerntor entwickelt und ist einfach nur total erbärmlich.
Vom FC St. Pauli gab es in der Folge leider kein Aufbäumen mehr. Erst als sich die Partie bereits in den letzten Zügen befand, kam das Team noch zu (wenig zwingenden) Torgelegenheiten. Und erst kurz davor wurden mit Hountondji, Metcalfe (beide 84.) und Kaars (89.) frische Offensivkräfte hineingebracht. Angesichts der vielen Flanken, die der FC St. Pauli in den letzten Spielminuten schlug, stellte sich die Frage, warum Kaars reinkam und nicht ein Angreifer, der stärker ist im Kopfballspiel (Hara und Ceesay blieben auf der Bank). Blessin erklärte: „Wir wollten dann aus dem 4-4-2 mit Andréas spielen, der kopfballstark ist und daneben einen haben, der ein bisschen rumwuselt und auch Abschlussstärke hat.“Ob diese Wechsel früher hätten stattfinden sollen, da war sich Blessin im Anschluss nicht sicher. Er erklärte aber, dass es das Trio aus der Startelf aktuell auch gut mache und es schwer sei, an diesem vorbeizukommen. Hinterher ist man natürlich immer schlauer und kann festhalten: Sicher hätte ein temporeicher Spieler vor allem zu Beginn der zweiten Hälfte helfen können, als Freiburg mit viel Risiko auf ein schnelles Tor ging. Ob Hountondji nach seiner Verletzung aber überhaupt bereits eine ganze Halbzeit im Tank hat, keine Ahnung. Zudem erklärte Blessin ja, dass man dem SCF nach der 1:0-Führung eher durch längere Ballbesitzphasen als durch Umschaltmomente wehtun wollte.
Der FC St. Pauli verliert also erstmals seit November 2025 wieder ein Heimspiel. Und das war angesichts des Spiels ziemlich bitter und unnötig. Denn auch wenn der SC Freiburg in der zweiten Hälfte das bessere Team gewesen ist, so waren es zwei ziemlich ärgerliche individuelle Fehler, die zu den Gegentreffern führten. Freiburg wachte spät auf und das auch unter gütiger Mithilfe des FC St. Pauli. Dem FCSP fallen also einmal mehr die gleichen Themen vor die Füße. Es ist das fürchterliche Duo bestehend aus ineffizienter Offensive und fehlerhafter Defensive – vorne erspielt sich das Team zu wenige Chancen (und diese werden dann auch zu oft nicht genutzt) und hinten werden zu viele (und auch immer wieder ähnliche) Fehler gemacht.
Puuuh… nun sieht auch die Tabellensituation deutlich schlechter aus. Köln, Mönchengladbach, Mainz und Bremen haben gepunktet, die beiden Letztgenannten sogar dreifach. Der FC St. Pauli steht weiter auf Platz 16, hat nun aber zwei Zähler Rückstand zum rettenden Ufer. Fühlt sich danach an, als sei man bereits abgeschlagen? Sollten wir uns sieben Spieltage vor Schluss mit Wolfsburg um Platz 16 balgen und den Rest nicht mehr beachten, weil wir die sowieso nicht mehr erreichen können? Natürlich nicht! Zur Erinnerung: Sieben Spiele zuvor, nach 20 Spieltagen, stand der FC St. Pauli auf Rang 17, vier Zähler Rückstand auf 16, fünf auf 15 – es ist also noch alles möglich!Immer weiter vor!// Tim
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