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·29. Juli 2026

FIFA-Milliardenplan: Die UEFA droht mit Boykott

Artikelbild:FIFA-Milliardenplan: Die UEFA droht mit Boykott

Neun Tage nach dem WM-Finale kündigte die FIFA ein Unternehmen an, das es noch gar nicht gibt. Bewertung: 20 Milliarden Dollar. Angepeilter Erlös: bis zu 4,2 Milliarden. Die UEFA brauchte für ihre Antwort keine 24 Stunden – und sie fiel härter aus, als der Fußball es von seinen Dachverbänden gewohnt ist.

Was die FIFA tatsächlich verkaufen will

Die geplante Tochtergesellschaft heißt FIFA Forward Enterprise, kurz FFE. Sie soll sämtliche kommerziellen Aktivitäten des Weltverbands bündeln – Übertragungsrechte, Sponsoring, Ticketing, Lizenzen – und dazu die operative Durchführung der Turniere: Männer-WM, Frauen-WM, Klub-WM. Externe Investoren sollen Minderheitsbeteiligungen ohne Kontrollrechte erwerben, die FIFA bleibt Mehrheitseigner. Im Statement des Verbands steht der Satz, an dem alles hängt: Die FFE stünde unter alleiniger Kontrolle der FIFA, Governance, Wettbewerbe, Spielkalender und regulatorische Entscheidungen blieben unangetastet.


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Über die Größe des Pakets kursieren zwei Zahlen. „Times“, „Telegraph“ und „Financial Times“ berichteten von 20 bis 30 Prozent. Rechnet man die von der FIFA selbst genannten Eckwerte gegeneinander – 4,2 Milliarden Erlös bei 20 Milliarden Bewertung – landet man bei rund 21 Prozent. Als Finanzberater bestätigt die FIFA J.P. Morgan. Kommerziell beraten wird der Prozess von Greg Maffei, der als Liberty-Media-Chef die Formel 1 durch ihre Amerikanisierung geführt hat und inzwischen BANN Ventures leitet. Als Anführer der Investorengruppe gilt Thrive Eternal von Joshua Kushner – dem Bruder von Jared Kushner, dem Schwiegersohn Donald Trumps. „Fortune“ nennt zusätzlich Apollo Sports Capital als Gesprächspartner.

Das Rechenspiel: aus acht Millionen werden zwanzig

Parallel zur FFE kündigte die FIFA ein zweites Vehikel an, das FIFA Fast Forward Programme. Jeder der 211 Mitgliedsverbände soll daraus einmalig bis zu 20 Millionen Dollar abrufen können – für Infrastruktur, Trainerausbildung, Nationalteams, Basisarbeit, Frauenfußball. Bislang waren für den Zyklus 2027 bis 2030 acht Millionen pro Verband zugesagt. In den Folgezyklen sollen daraus 22 und dann 24 Millionen werden. Gesamtvolumen der Entwicklungsgelder laut FIFA: über zehn Milliarden Dollar in vier Jahren.

Hier lohnt eine Präzisierung, die in vielen Berichten untergeht: Die „Times“ schrieb, die Verbände erhielten kleine Anteile, die sie behalten oder verkaufen könnten. Im offiziellen FIFA-Statement ist von Beteiligungen für Mitgliedsverbände keine Rede, sondern von abrufbarem Einmalkapital. Das ist ein Unterschied, der die halbe Debatte trägt – ein Anteilsschein macht Miteigentümer, ein Fördertopf macht Empfänger.

Man kann dieses Programm als Entwicklungshilfe lesen. Man kann es auch als Wahlkampfbudget lesen. Abgestimmt wird nach Berichten der BBC beim FIFA-Kongress im März in Marokko, zuvor befasst sich das Council damit. Gianni Infantino stellt sich 2027 zur Wiederwahl.

Die UEFA greift zur einzigen Waffe, die je gewirkt hat

Die Reaktion aus Nyon kam noch am Dienstag und verzichtete auf diplomatische Polsterung. Eine Grenze sei überschritten, die die verantwortlichen Institutionen des Fußballs niemals überschreiten dürften. Seele und Führung des Fußballs seien keine Handelsware – erst recht nicht bei völliger Intransparenz darüber, wer finanziell profitiert. Und dann der Satz, der als Überschrift durch halb Europa lief: „Niemand von uns ist Eigentümer des Fußballs.“

Was danach kam, wiegt schwerer als jedes Statement. ESPN, Sky Sports und Bloomberg berichten übereinstimmend aus dem Umfeld des Verbands, dass die UEFA eine Dringlichkeitssitzung ihrer 55 Mitgliedsverbände vorbereitet – noch in dieser Woche, virtuell. Auf der Tagesordnung: ein möglicher Boykott künftiger FIFA-Turniere. Nicht nur der WM, laut Bloomberg auch der Klub-WM.

Das ist keine spontane Empörung, sondern ein erprobtes Instrument. 2021 wollte Infantino die WM im Zweijahresrhythmus austragen. Das Vorhaben starb an genau dieser Drohung. Eine Weltmeisterschaft ohne Spanien, Frankreich, England und Deutschland ist kein Produkt mehr, das man Investoren mit 20 Milliarden Bewertung verkauft.

Erwähnenswert ist auch, was die UEFA nicht angekündigt hat: juristische Schritte. In den bislang veröffentlichten Stellungnahmen findet sich kein Wort davon. Wer den Konflikt vor Gericht enden sieht, greift der Entwicklung vor.

55 gegen 211 – hier liegt Europas eigentliches Problem

Die Frage ist nicht, ob Europa laut genug protestieren kann. Es kann. Die Frage ist, ob Lautstärke im FIFA-Kongress überhaupt eine Währung ist. Dort zählt jede Stimme gleich viel: Deutschland so viel wie Anguilla, England so viel wie Bhutan. Die UEFA stellt 55 von 211 Verbänden. Wer 20 Millionen Dollar Einmalkapital in Aussicht gestellt bekommt und dessen Jahresbudget diese Summe nicht erreicht, wird die Abstimmung anders bewerten als ein Verband, der jährlich Milliarden umsetzt.

Das ist die Asymmetrie, die diesen Konflikt trägt. Europa liefert die Spieler, die Ligen, den Großteil des Marktwerts – und verfügt über ein Viertel der Stimmen. 2018 scheiterte ein ähnlicher Vorstoß Infantinos, damals ging es um 25 Milliarden Dollar für Klub-WM und globale Nations League, nicht am Kongress, sondern am Council, das mehr Informationen verlangte. Diesmal ist die Vorbereitung deutlich weiter: Laut „Financial Times“ laufen die Verhandlungen seit Monaten.

Die Sorge der europäischen Spitzenklubs zielt auf den Spielkalender. Wer Kapital gegen Rendite tauscht, muss die Rendite irgendwo herholen, und im Fußball heißt „irgendwo“ fast immer: mehr Spiele, mehr Teilnehmer, kürzere Abstände. Die FIFA hält dagegen, sie behalte die alleinige Hoheit über den Kalender. Formatänderungen hat sie mit dem Investorenplan nicht angekündigt. Dass eine erneut aufgestockte WM oder ein Zweijahresrhythmus im Raum stehen, ist bislang Spekulation – gespeist allerdings von Infantinos eigener Vorgeschichte.

Wer am Ende in welchem Sessel sitzt

Ein Detail hat in Europa besonders viel Misstrauen erzeugt. Infantino darf laut Statuten nur bis 2031 FIFA-Präsident bleiben. Anschließend könnte er die neue Gesellschaft als „Commissioner“ oder Geschäftsführer leiten. Ein FIFA-Sprecher erklärte, darüber sei nie gesprochen worden – räumte aber ein, dass Präsident und Verwaltung führende Rollen in jeder Tochtergesellschaft einnehmen müssten, um satzungsgemäß die Kontrolle zu wahren. Beides zugleich stimmt vermutlich sogar. Beruhigend ist es trotzdem nicht.

Dazu kommt die politische Kulisse. Die „Times“ berichtet, die Trump-Regierung sei zu dem Vorhaben konsultiert worden. Der führende Investorenkandidat gehört zur Familie des Präsidenten-Schwiegersohns. Ein Insider beschrieb den Plan gegenüber der „Times“ als Äquivalent einer Atombombe. Für einen Verband, der nach den ISL-Insolvenz-Verlusten von 2001 gelernt haben sollte, was passiert, wenn Vermarktungsrechte das Haus verlassen, ist das ein bemerkenswert selbstsicherer Auftritt.

Zwei Machtzentren, ein Turnier – und ein Termin im März

Bis zum Kongress in Marokko bleiben rund acht Monate. In dieser Zeit wird die FIFA 211 Verbände einzeln überzeugen, und die UEFA wird versuchen, aus 55 Stimmen eine Drohkulisse zu bauen, die größer ist als ihr Stimmanteil. Beides sind Machtdemonstrationen, keine Sachdebatten.

Die FIFA verspricht, die Kontrolle zu behalten, und formal wird sie das auch. Nur wird sie ab dem ersten verkauften Anteil neben ihren Verbänden noch jemanden im Raum sitzen haben, der nach Rendite fragt. Solange Rendite und Spielkalender in dieselbe Richtung zeigen, merkt das niemand. Danach schon.

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