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·10. Februar 2026

Frauenfußball: Aus dem Hoeschpark verjagt – im San Siro gefeiert

Artikelbild:Frauenfußball: Aus dem Hoeschpark verjagt – im San Siro gefeiert

„Ekki, hältst du den?“, fragt Renate Breß frech. Breß schießt. Ekki hält. Zugegeben, eine große Prüfung war der Zehn-Meter-Schuss für Ekkehard „Ekki“ Brach nicht. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Renate Breß bereits stolze 88 Jahre alt ist. Aber wenn Breß einen Fußball sieht, dann muss sie damit spielen. Heute genau wie früher. Eine Vollblut-Fußballerin. 1955 war sie als 17-Jährige eine Mitbegründerin des Frauenfußballvereins Fortuna Dortmund – obwohl der DFB im gleichen Jahr allen Damenmannschaften das Fußballspielen untersagte. „Heute sind wir sehr stolz, dass wir durchgehalten haben. Wir hätten auch mit dem Hintern zuhause bleiben können, aber wir wollten ja spie- len“, sagt Renate Breß, die damals noch Müller hieß.

Breß und Fortuna Dortmund haben den Weg geebnet, den die BVB-Fußballerinnen heute sehr erfolgreich gehen. An diesem November-Montag schaut die frühere Linksverteidigerin nicht nur beim Training der BVB-Frauen zu, sondern erzählt im Anschluss auch, mit welchen Widerständen und Herausforderungen sie sich in den 1950er-Jahren auseinandersetzen musste. So hängen kurze Zeit später im Besprechungssaal 19 junge Profifußballerinnen fasziniert an den Lippen einer Pionierin – und das ausgerechnet im Hoeschpark. „Mit dem Krückstock haben sie uns hier verjagt. Wir durften nirgends bleiben, weil man nicht verstehen konnte, dass Frauen Fußball spielen wollen“, verrät Breß.


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Die Frauen von Fortuna Dortmund waren aber nicht zu stoppen. Liebe und Leidenschaft für den Fußball waren größer als jegliches Hindernis. Not machte bereits vor 70 Jahren erfinderisch: „Wir haben uns Bälle aus Stoff gebastelt und auf der Straße oder sogar bei einem Opa im Garten gepöhlt.“ Als irgendwann ein Trainingsplatz in Schwerte gefunden wurde, war durch die späte Trainingszeit erneut Einfallsreichtum gefragt. „Ich habe mir immer das Moped von meinem Vater geliehen, um zum Training zu fahren, andere sind mit Autos gebracht worden. Die Autos wurden dann so positioniert, dass die Scheinwerfer uns als Flutlicht dienten“, beschreibt Breß die Trainingseinheiten.

Noreen Günnewig, 24 Jahre junge Mittelfeldspielerin, schwärmt nach dem außergewöhnlichen Besuch: „Renate hat den Fußball geprägt und ist eine sehr inspirierende Frau.“ Die zwischen 1956 und 1965 auch an den über 150 inoffiziellen Damen-Länderspielen teilgenommen hat. „Wir waren in Holland, Belgien, Frankreich und Italien. Das Spiel in Mailand im San Siro war sicherlich das absolute Highlight“, sagt Renate Breß und lässt mit diesen Worten zwei kiloschwere Alben durch die Runde kreisen. War es eben noch mucksmäuschenstill, setzen plötzlich begeisterte Flüstereien ein. Zahlreiche Fotos, Spielberichte, Eintrittskarten und Zeitungsausschnitte füllen die Alben, in denen Passagen über das „bezopfte Fräulein Müller“ sorgfältig unterstrichen sind.

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Geschichte zum Anfassen. Das gilt auch für ihre damaligen Fußballschuhe von stattlichem Gewicht. „Im Ver- gleich dazu spielt ihr heute mit Ballettschühchen“, meint Breß und kann sich ein schelmisches Grinsen nicht verkneifen. Und auch die damalige Anschaffung des passenden Spieloutfits ist heute unvorstellbar. „Unseren Trikotsatz haben wir vom Sporthaus Wiethoff bekommen und mussten ihn auf Raten mit monatlich zwei D-Mark abstottern. Das hat Jahre gedauert“, erinnert sich die Rentnerin. Während heute über „Equal Pay“ diskutiert wird, war laut Breß „Geld gar kein Thema. Wir wollten nur spielen. Nach einigen Jahren haben wir auf Auswärtsfahrten zehn Mark bekommen, damit wir uns an der Raststätte etwas zu trinken holen konnten“.

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„Eine beeindruckende Frau“, sagt Rita Schumacher (25) und ergänzt: „Sie liebt den Sport und hat so hart dafür gekämpft. Das hat mir eindrucksvoll vor Augen geführt, dass es nicht selbstverständlich ist, welche Vorteile wir mittlerweile genießen und mit Fußball sogar unser Geld verdienen können.“

1965 wurde Fortuna Dortmund „unter Tränen“ aufgelöst. „Wir waren alle um die 30, und Nachwuchs gab es nicht, weil Frauenfußball verboten war. Da haben wir dann Feierabend gemacht“, berichtet Renate Breß über das Ende eines denkwürdigen Jahrzehnts. „Ich habe mich aber jahrelang gefragt, warum der BVB keine Frauenmannschaft hat“, gibt sie kritisch zu Protokoll. Sie sei aber sehr froh, dass hier jetzt endlich etwas passiert sei.

Nach knapp einer Stunde sind alle Fragen beantwortet, die Alben einmal durch alle Hände gegangen und zum Dank überreicht Kapitänin Paula Reimann (23) noch ein signiertes Heimtrikot. „Seid ihr denn verrückt? Herzlichen Dank“, platzt es aus der überwältigten Pionierin heraus. Nur um Sekunden später nochmals auf das wenige Tage zuvor verlorene Westfalenpokal-Duell beim Reviernachbarn einzugehen: „Beim nächsten Mal möchte ich aber, dass Schalke wieder gepinnt wird.“

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Zwei Wochen später steht das Topspiel gegen die U21 des 1. FC Köln an. Auf BVB-Einladung ist Renate Breß mit ihrem guten Freund Ekkehard Brach zum ersten Mal im Stadion Rote Erde zu Gast. Ausgestattet mit einem Fan-Schal der BVB-Frauen sieht sie, wie die schwarzgelben Fußballerinnen durch ein 1:1 den Sprung an die Tabellenspitze verpassen und weiter drei Punkte hinter Köln liegen. Die Regionalliga-Meisterschaft wird ein hartes Stück Arbeit. Doch wenn uns die Geschichte von Renate Breß und Fortuna Dortmund eines gelehrt hat, dann niemals aufzuhören und für seine Ziele und Träume zu kämpfen.

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Fotos: Eileen Doeker

Der Text stammt aus dem Mitgliedermagazin BORUSSIA. BVB-Mitglieder erhalten die BORUSSIA in jedem Monat kostenlos. Hier geht es zum Mitgliedsantrag.

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