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Philipp Overhoff·1. Juli 2026
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Philipp Overhoff·1. Juli 2026
Schon vor dem blamablen Sechzehntelfinal-K.o. gegen Paraguay lieferte sich Fußball-Deutschland in den vergangenen Wochen so manch hitzige Diskussion. Mal ging es dabei um Deniz Undav, mal um Leroy Sané, mal um Julian Nagelsmann, mal um alle zusammen.
Verhältnismäßig wenig wurde über Joshua Kimmich gestritten. Natürlich: Die Frage, ob der Kapitän lieber als Rechtsverteidiger oder nicht doch im Mittelfeld-Zentrum zum Einsatz kommen sollte, wurde durchaus debattiert. Das war's dann aber auch.
Noch vor einigen Jahren genoss Kimmich in Deutschland einen deutlich schlechteren Ruf. Immer wieder wurde ihm vorgeworfen, sein offen zur Schau gestellter Ehrgeiz und seine Passion sei nicht viel mehr als eine Fassade. Die 'Süddeutsche Zeitung' bezeichnete Kimmich einst sogar als "Mentalitäts-Schauspieler“.
Derartige Kritik schien in den letzten Jahren immer mehr zu verstummen. Unter Trainer Vincent Kompany blühte Kimmich als Taktstockschwinger im Bayern-Mittelfeld förmlich auf, seit 2024 ist er zudem der unumstrittene Anführer der deutschen Nationalmannschaft.
Doch nach der neuerlichen WM-Blamage des DFB-Teams befindet sich Kimmich plötzlich wieder im Mittelpunkt der öffentlichen Auseinandersetzungen. Nicht wenige Beobachter werfen dem 31-Jährigen vor, als Kapitän versagt und sportlich enttäuscht zu haben – mal wieder.
Ihr niederschmetterndes Fazit lautet: Kimmich sei das Gesicht der vielleicht erfolglosesten Generation der deutschen Fußball-Geschichte und trage damit automatisch eine Mitschuld am gigantischen Misserfolg der zurückliegenden Dekade. Ähnliche Stimmen hatte es bereits nach der WM 2022 gegeben. Hinzu kommt, dass der gebürtige Schwabe, der einzige deutsche Nationalspieler mit über 100 Spielen ist, der keinen nennenswerten Titel gewinnen konnte.
Kimmich ist sich seines Rufes in Teilen der Fußball-Öffentlichkeit bewusst – und denkt gar nicht erst daran, entschieden zu widersprechen. Nach dem Vorrunden-Aus in Katar erklärte er beispielsweise: "Für mich ist es echt der schwierigste Tag meiner Karriere. Wir haben 2018 vergeigt und 2021 die Euro in den Sand gesetzt. Vorher war Deutschland immer im Halbfinale, dann komme ich dazu und man scheidet zweimal aus. Das ist für mich persönlich nicht einfach zu verkraften. Ich werde mit dem Misserfolg in Verbindung gebracht. Das ist nichts, wofür man stehen möchte. Ich habe Angst, dass ich in ein Loch falle!”
Nur dreieinhalb Jahre später stimmte Kimmich nach der Paraguay-Schmach etwas weniger drastische Töne an. Den Finger in die Wunde legte er trotzdem. "Ich kenne Deutschland als Kind vorm Fernseher nur mit Halbfinale und Finale. Das wollten wir den Kindern und den Menschen auch geben", erklärte der Routinier niedergeschlagen. "Aber wir konnten das den Menschen zu Hause nicht geben. Das ist sehr schade. Gerade in einer Zeit, in der es uns sehr guttun würde, wenn wir was hätten in Deutschland, worauf wir stolz sein können. Die Nationalmannschaft ist es momentan leider nicht."
Und weiter: "Dafür tragen wir alle Verantwortung und dafür müssen wir auch Verantwortung übernehmen. Da darf sich auch keiner rausnehmen. Dafür müssen wir geradestehen. Weil wir Spieler, die auf dem Platz stehen, haben das verbockt. Das war nicht der Trainer, nicht die Medien, nicht der Schiedsrichter. Das waren einzig und allein wir.”
Entgegen den Forderungen zahlreicher Fans in den sozialen Netzwerken kommt ein Rücktritt aus der Nationalmannschaft für Kimmich jedoch nicht infrage. "Ich habe immer die Power für einen erneuten Anlauf. Was ich niemals tun werde, ist aufgeben", stellte er in aller Deutlichkeit klar.
Unterstützung erhielt er dabei von Mats Hummels. Nach der Paraguay-Pleite äußerte der Weltmeister von 2014 bei 'Magenta TV' die Vermutung, dass "der ein oder andere zurücktreten" wird. "Es ist für mich kein Zufall, dass es seit der EM 2016 kein einziges starkes Turnier mehr gab. Und das hängt in erster Linie mit den Spielern zusammen."
Konkrete Namen nannte Hummels nicht, schob einen Tag später allerdings hinterher: "Jo Kimmich ist damit nicht gemeint. Er verhält sich wie ein Vollprofi, trainiert wie ein Vollprofi. Über seine Leistungen – wohlgemerkt als Rechtsverteidiger – kann man diskutieren, aber ihn stelle ich nicht infrage."
Da nicht davon auszugehen ist, dass der neue oder alte Bundestrainer in Zukunft freiwillig auf Kimmich verzichten wird, dürfte dieser bei der EM 2028 eine weitere Chance bekommen. Eine Chance zu zeigen. dass er kein Verlierer und noch viel weniger das Gesicht einer Verlierer-Generation ist. Viel Zeit bleibt ihm jedoch nicht.
📸 JEWEL SAMAD - AFP or licensors







































