Miasanrot
·16. März 2026
Haltung zeigen: Warum der Fußball im Kampf gegen Rassismus mehr als Symbolik braucht

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·16. März 2026

Am heutigen Montag beginnen die Internationalen Wochen gegen Rassismus. In einer Zeit zunehmender politischer und gesellschaftlicher Polarisierung sind Aktionswochen wie diese wichtiger denn je.
Die Internationalen Wochen gegen Rassismus finden in diesem Jahr vom 16. bis 29. März unter dem Motto „100% Menschenwürde. Zusammen gegen Rassismus und Rechtsextremismus“ statt.
Wieder einmal fällt dieser Zeitraum in eine Phase, in der der Fußball nicht nur mit Titelkämpfen und Toren Schlagzeilen macht, sondern auch mit Vorfällen, die mit dem Sport im engeren Sinne wenig zu tun haben.
Mitte Februar sorgte der Vorfall um den Real-Madrid-Spieler Vinícius Júnior für Aufsehen. Bei dem Playoff-Hinspiel der Champions League gegen Benfica soll er von seinem Gegenspieler Gianluca Prestianni rassistisch beleidigt worden sein.
Affenlaute und Schmähgesänge im Stadion folgten. Die anschließende Pressekonferenz mit Trainer José Mourinho sorgte für zusätzliche Kritik, da seine Aussagen die Situation nicht beruhigten, sondern weiter anheizten.
Der Profifußball präsentiert sich gern als global, verbindend und divers. Kampagnen wie „No to Racism“, Banner vor dem Anpfiff und Statements auf Social Media gehören inzwischen zum Standard. Der FC Bayern München hat mit „Rot gegen Rassismus“ seine eigene Kampagne. Und doch zeigt jeder neue Vorfall, wie brüchig dieser Konsens ist.
Der Fall Vinícius Jr. ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom eines strukturellen Problems – nicht nur in Spanien oder Osteuropa, sondern weltweit. Auch Deutschland ist nicht frei davon. Ein Blick auf die politische Entwicklung verdeutlicht das: Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall eingestufte Alternative für Deutschland (AfD) mit 20,8 Prozent ein neues Rekordergebnis auf Bundesebene und konnte auch in mehreren Bundesländern zulegen.
Wenn der Fußball ein Spiegelbild der Gesellschaft ist, entstehen hier Szenarien, die auch für die Stadien nichts Gutes verheißen.
Es wäre natürlich zu kurz gegriffen, nur Defizite aufzuführen. Die Deutsche Fußball Liga (DFL) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) haben in den vergangenen Jahren unterschiedliche Schritte unternommen: Stadiondurchsagen, Ermittlungen, Fanprojekte, Präventionsarbeit. Viele Vereine engagieren sich intensiv in Bildungsarbeit, Schulprojekten und Erinnerungsarbeit. Aber die zentrale Frage bleibt: Reicht das?
Rassistische Vorfälle und Schmähgesänge in unteren sowie in Profiligen, Hasskommentare in sozialen Netzwerken – die Realität zeigt, dass Sanktionen oft nicht die gewünschte Wirkung erreichen. Stadionverbote sind notwendig, lösen aber nicht das Grundproblem.
Geldstrafen treffen Vereine, aber selten die Täter*innen persönlich. Und Ermittlungen verlaufen nicht immer konsequent. Der deutsche Fußball steht an einem Punkt, an dem er sich fragen muss: Wollen wir Missstände verwalten – oder wirklich etwas Grundlegendes verändern?
Auch der FC Bayern engagiert sich seit Jahren gegen Rassismus und Diskriminierung. Der Club hat seine jüdische Vereinsgeschichte aufgearbeitet, Kampagnen wie „Rot gegen Rassismus“ initiiert und sich auch gesellschaftspolitisch positioniert. Jeder Fußballverein sollte über den sportlichen Anspruch ein klares Wertefundament entwickeln und sichtbar vertreten.
Deutlich wurde dies zuletzt im Statement von Trainer Vincent Kompany zum Fall von Vinícius Jr. Er betonte, dass Rassismus kein Randthema, sondern eine grundlegende Frage von Respekt und Menschlichkeit seit. Ohne zu relativieren, aber auch ohne zu polarisieren, sendete er eine klare Botschaft: Wer Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe angreift, greift den Kern des Sports an. Diese Klarheit braucht es dauerhaft – von Trainer*innen, Funktionär*innen, Spieler*innen und Verantwortlichen. Haltung darf nicht erst entstehen, wenn Kameras laufen.
Daran, wie besonders die Haltung, Positionierung und die Worte von Kompany waren, lässt sich ablesen, wie selten diese Form des Antirassismus im Profifußball tatsächlich gelebt wird. Es offenbart sich ein Glaubwürdigkeitsproblem im Weltfußball: Wie überzeugend kann sich der Sport gegen Rassismus und Diskriminierung positionieren, wenn der Präsident der FIFA öffentlich mit Donald Trump kuschelt? Solche Bilder ziehen jede Kampagne, die Vielfalt und Menschenwürde in den Mittelpunkt stellt, ins Lächerliche.
Einen umfassenden Maßnahmenkatalog zu entwerfen, ist schwierig. Dennoch: Es muss konsequente Sanktionen geben. Punktabzüge oder Spielabbrüche müssen realistische Optionen sein. Nur wenn rassistische Vorfälle sportliche Konsequenzen haben, entsteht echter Druck.
Weiterhin müssen die Täter*innen identifiziert und strafrechtlich verfolgt werden. Stadionverbote allein reichen nicht. Auch wichtig: Prävention darf kein reines PR-Projekt sein, sondern muss strukturell verankert werden – von den Nachwuchsleistungszentren bis in die aktive Fanszene. Und letztlich braucht es die Solidarität der Spieler*innen auf dem Platz. Wenn Teams geschlossen reagieren – etwa durch gemeinsames Verlassen des Platzes – verschiebt das die Machtbalance. Spieler*innen sind keine Statisten. Sie sind das Spiel.
Gerade ein internationaler Spitzenclub wie der FC Bayern trägt über die Bundesliga hinaus Verantwortung. Klare Positionierungen, sichtbare Solidarität mit Betroffenen und ein konsequenter Umgang mit eigenen Problemfällen setzen Maßstäbe. Das erfordert Mut und Beharrlichkeit – und ist mitunter unbequem. Aber die bloße Überzeugung, auf der „richtigen“ Seite zu stehen, reicht nicht. Rassismus ist gesellschaftliche Realität – im Alltag und leider auch in den Stadien.
Die Internationalen Wochen gegen Rassismus sind wichtig. Aber sie dürfen kein moralisches Feigenblatt sein. Der Fußball hat die Reichweite, Menschen zu prägen, Narrative zu verändern, Vorbilder zu schaffen. Wenn er diesen Anspruch ernst nimmt, muss er begreifen: Antirassismus ist keine Kampagne, sondern eine Haltung.
Vielleicht liegt genau darin die Chance. Dass Vereine wie der FC Bayern, Persönlichkeiten wie Vincent Kompany und Spieler wie Vinícius Jr. nicht nur sportliche Protagonisten sind, sondern auch gesellschaftliche. Der Fußball entscheidet nicht allein darüber, wie unsere Gesellschaft aussieht. Aber er zeigt sehr deutlich, wo wir gerade stehen.
Die Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus wurde 2014 vom Interkulturellen Rat gegründet, der seit 1994 die Aufgaben der Stiftung ausführte. Das Ziel der Stiftung ist die Überwindung von rassistischer Diskriminierung in Deutschland.









































