DFB-Frauen
·19. Mai 2026
Heike Ullrich: "Die Maßnahmen greifen, natürlich wird Fast Forward fortgesetzt"

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·19. Mai 2026

Die diesjährige und insgesamt vierte Women's Week des DFB, bei der aufeinander abgestimmte Maßnahmen von der Basis bis in die Spitze Frauen in den Fokus rücken, ist am Montag zu Ende gegangen. Sie ist eine Initiative aus der Strategie Frauen im Fußball FF27. Sie wurde im Dezember 2021 vom DFB-Präsidium verabschiedet und wird seit 2022 konsequent umgesetzt. Darin sind vier Ziele festgelegt, die anhand von konkreten Maßnahmen erreicht werden sollen: mehr internationale Erfolge, mehr aktive Spielerinnen, Trainerinnen und Schiedsrichterinnen, mehr Sichtbarkeit und mehr Frauen im Fußball. DFB-Vizepräsidentin Heike Ullrich spricht im bilanzierenden DFB.de-Interview über die Women's Week, informiert über die neuesten Zahlen, Fakten und Ergebnisse der Strategie FF27 und kündigt die Fortsetzung der Strategie an.
DFB.de: Wie fällt Ihr Fazit der vierten Women's Week aus?
Heike Ullrich: Wir haben in den vergangenen Tagen wieder die ganze Vielfalt von Frauen-und Mädchenfußball und von Frauen im Fußball von der Basis bis zur Spitze gesehen. Die Women's Week ist ein eindrucksvolles Gemeinschaftsprojekt aller Beteiligten, das die Leistungen von Frauen sichtbar macht. Es freut mich ganz besonders, dass die Aktionen und Initiativen so umfassend angelegt sind und damit ein starkes Zeichen im gesamten System Fußball setzen - egal, ob Basis oder Spitze, ob auf oder neben dem Feld. Egal, ob für den Männer- oder Frauenfußball.
DFB.de: Die Women's Week ist eine zentrale Maßnahme von FF27, der Strategie für den Frauen- und Mädchenfußball im DFB. Was sagt das aus?
Ullrich: Dass es eine von vielen guten Ideen war, die wir mit dem Start von FF27 hatten. Die Women's Week ging mittlerweile schon in ihre vierte Auflage. Wir verzeichnen von Jahr zu Jahr steigende Zahlen, was Sichtbarkeit und Reichweite angeht, viele Vereine, Partner und Landesverbände nutzen diese Zeit nicht nur, um neue Maßnahmen zu initiieren, sondern auch um Projekte, die sie übers Jahr schon für Frauen im Fußball anbieten, zu highlighten. Wir werden in den nächsten Wochen wie üblich eine Analyse durchführen, um belastbare Zahlen zur vierten Women's Week zu erhalten, mit denen wir dann gezielt auch für das nächste Jahr wieder in die Planungen gehen können.
DFB.de: Sie haben die Strategie FF27 des DFB angesprochen: Wie fällt Ihr Zwischenfazit gut vier Jahre nach dem Start aus?
Ullrich: Wichtig ist, dass es uns bei FF27 nicht nur darum geht, Ziele zu erreichen und bestimmte Werte zu übertreffen. Wir haben einen gesellschaftlichen Auftrag. Wir wollen mehr Frauen und Mädchen für den Fußball begeistern und ihnen den Einstieg in diesen Sport möglichst ohne Hürden ermöglichen. Und das auf jeder Ebene: Auf dem Platz und daneben. 2022 hatten wir noch gar keine umfassende Strategie, keinen klaren roten Faden für den Frauen- und Mädchenfußball in Deutschland. Das ist jetzt anders. Und dass es richtig war, belegen ja auch die Zahlen, die wirklich sehr erfreulich sind. Die meisten der ambitionierten Ziele haben wir erreicht. Einige haben wir sogar in einem Maße übertroffen, das wir zu Beginn selbst nicht erwartet hatten.
DFB.de: Zum Beispiel?
Ullrich: Wir unterscheiden bei FF27 zwischen vier ganz konkreten Zielen. Das sind in dieser Reihenfolge: mehr internationale Erfolge, mehr aktive Spielerinnen, Trainerinnen und Schiedsrichterinnen, mehr Sichtbarkeit und mehr Frauen im Fußball. In zwei der vier Themenfelder haben wir unsere eigenen Erwartungen übertroffen. Konkret sind dies die Bereiche "Mehr aktive Spielerinnen, Trainerinnen und Schiedsrichterinnen" sowie "Mehr Sichtbarkeit". Ein weiteres Ziel ist, dass wir international wieder ganz vorne mit dabei sind - mit den Vereinsmannschaften genauso wie mit unseren Nationalteams.
DFB.de: Erfreulicherweise haben die deutschen U 17-Juniorinnen just am Sonntag den EM-Titel gewonnen.
Ullrich: Ja, ich war in Belfast beim Finale vor Ort und habe gesehen, mit welcher Leidenschaft und welch großem Teamgeist die Spielerinnen den Titel geholt haben. Das hat mich begeistert. Wir freuen uns sehr darüber, nach einigen Jahren wieder einen Titel gewonnen zu haben, der damit einzahlt auf unser erstes Ziel. In den vergangenen Jahren war es ein paarmal wirklich sehr knapp, mit etwas mehr Glück hätte es auch mit einem Titel schon früher klappen können. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit sehe ich aber grundsätzlich gegeben.
DFB.de: Wie sehen Sie den deutschen Frauenfußball hinsichtlich Ziel eins und der internationalen Erfolge aufgestellt?
Ullrich: Wir differenzieren hier zwischen A-Nationalmannschaft, U-Teams und den Bundesligisten in internationalen Wettbewerben. Die großen Titel fehlen zwar, das stimmt, deshalb freuen wir uns sehr über den Gewinn der U 17-EM. Aber die vergangenen Jahre haben nachdrücklich gezeigt, dass wir international wieder zur absoluten Spitzenklasse zählen. Die A-Nationalmannschaft hat 2022 eine herausragende EM in England gespielt und den zweiten Platz belegt, genauso hat das Team bei der EM 2025 in der Schweiz eine beeindruckende Leistung gezeigt, trotz eines personellen Umbruchs und einer Verjüngung des Kaders. Wir sind in der Nations League 2024 Dritter geworden und 2025 Zweiter. Dazu haben wir bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris die Bronzemedaille geholt. Am Sonntag wie gesagt der EM-Titel mit unseren U 17-Juniorinnen. Wichtig ist uns hier auch, dass wir wieder regelmäßig bei den großen Endturnieren dabei waren, und das auch im Jugendbereich.
DFB.de: Wie sehen Sie den deutschen Vereinsfußball aufgestellt?
Ullrich: Vor ein paar Jahren mag es selbstverständlich gewesen sein, dass ein deutsches Team das Finale der Champions League erreicht. Das ist es nicht mehr. Und trotzdem war das Abschneiden in diesem Jahr durchaus erfreulich. Der VfL Wolfsburg hat es ins Viertelfinale geschafft, der FC Bayern sogar ins Halbfinale. Eintracht Frankfurt hat im zweiten europäischen Wettbewerb ebenfalls das Halbfinale erreicht. Auf diese Ergebnisse kann man aufbauen. Aber eine Erkenntnis ist natürlich auch: Der Frauenfußball entwickelt sich nicht nur in Deutschland weiter, sondern europaweit. Und das ist auch gut so.
DFB.de: Das zweite Ziel ist es, mehr aktive Spielerinnen, Trainerinnen und Schiedsrichterinnen zu gewinnen.
Ullrich: Hier sind die Zahlen sehr positiv. Wir haben uns in allen Bereichen deutlich im zweistelligen Prozentbereich gesteigert. Auch die Mannschaftszahlen sind wieder nach oben gegangen, was für uns auch ein sehr wichtiger Indikator ist. Hier haben wir das Corona-Tal jetzt durchschritten. Beim Start der Kampagne waren wir bei 8400 Teams im Mädchen- und Frauenbereich, jetzt haben wir mehr als 10.000 Mannschaften im Spielbetrieb.
DFB.de: Wie konnte diese massive Steigerung gelingen?
Ullrich: Wir haben viele Programme gestartet, die funktionieren. Wir versuchen, jungen Spielerinnen niedrigschwellige Zugänge zum Fußball, aber beispielsweise auch zu Trainerinnen-Lizenzen auf möglichst vielen Wegen zu ermöglichen. Wir sprechen potenzielle Kandidatinnen an und warten nicht darauf, dass die Spielerinnen sich vielleicht entscheiden, Trainerin zu werden. Gleiches gilt für die Schiedsrichterinnen. Wir hatten gerade das "Jahr der Schiris". Dort haben wir unter anderem ganz aktiv Frauen angesprochen, ob sie nicht Lust haben, als Unparteiische Verantwortung für das Spiel zu übernehmen. Es ist erfreulich, dass viele diesem Aufruf gefolgt sind. Hier haben wir eine Steigerung im Vergleich zu 2022 von rund 78 Prozent.
DFB.de: Beim dritten Ziel, der Sichtbarkeit, sind die prozentualen Steigerungen noch größer.
Ullrich: Wir kommunizieren neu, und wir kommunizieren anders. Vor allem die sozialen Medien sind hier ein unglaublich starker Faktor, unsere Themen zu transportieren. Das liegt auch daran, dass die Spielerinnen diese Kanäle hervorragend nutzen und so sich selbst, aber auch den Verein oder die Nationalmannschaft sehr positiv in Szene setzen. Hinzu kommt, dass alle Spiele der Google Pixel Frauen-Bundesliga live übertragen werden und auch der DFB-Pokal bereits in früheren Runden medial sichtbarer gemacht wird als in der Vergangenheit.
DFB.de: Das vierte Ziel lautet "Mehr Frauen im Fußball". Hier sind die Zahlen vermutlich noch nicht so, wie Sie es sich erhofft hatten.
Ullrich: Das stimmt. Es wird schwer, kurzfristig unsere Ziele zu erreichen. Hier müssen wir unterscheiden zwischen den Feldern, in denen wir direkten Einfluss nehmen können, und den Strukturen, die wir nicht unmittelbar beeinflussen. Es kommen da viele Parteien und Faktoren zusammen. Grundsätzlich bleibt es aber selbstverständlich unser Anspruch, dass der Frauenanteil in den Gremien mindestens 30 Prozent beträgt. Davon sind wir leider noch ein gutes Stück entfernt. Wir liegen durchschnittlich bei etwas mehr als 20 Prozent in den DFB-Gremien, die sich durch regulative Vorgaben proportional zugeordnet aus Vertreterinnen und Vertretern der Landes- beziehungsweise Regionalverbände zusammensetzen. Hier stagnieren wir in einigen Bereichen seit Start der Initiative. Bei den Kommissionen, die in der Regel rein nach Erfahrung und Expertise und ohne zwingende regionale Zuordnung besetzt werden, haben wir einen Anteil von aktuell 25 Prozent erreicht. Wir haben diesen Aspekt im Blick und bleiben dran. Wir wollen weiterhin mehr weibliche Führungskräfte entwickeln - und das gilt auch für unsere hauptamtliche Entwicklung.
DFB.de: Lassen Sie uns zum Abschluss noch den Blick nach vorne werfen. Die Initiative heißt nicht ohne Grund Fast Forward 27. Wie geht es also nach 2027 weiter?
Ullrich: Wir haben den strategischen Horizont damals bewusst auf fünf Jahre angelegt. Wir hatten gehofft, die WM 2027 in Deutschland ausrichten zu dürfen. Deshalb auch die Jahreszahl im Titel. Das haben wir nicht geschafft. Das Erfreuliche ist, dass die Initiative auch unabhängig davon funktioniert. Und - um die Frage konkret zu beantworten - natürlich wird Fast Forward weitergehen. Dafür sprechen allein schon die Erfolge, die wir mit FF27 bisher erzielen konnten. Die Botschaft ist klar: Die Maßnahmen greifen, und Fast Foward wird fortgesetzt!
DFB.de: Welche Synergien können dabei auch mit der Ausrichtung der Frauen-EM 2029 in Deutschland hergestellt werden?
Ullrich: Wir freuen uns riesig, die Frauen- Europameisterschaft 2029 hier organisieren zu können. Das ist eine große Chance und Herausforderung zugleich. Diese nehmen wir gerne an. Denn wir sind davon überzeugt, dass sich das Turnier noch mal positiv auf die Ziele unsere FF-Strategie auswirken wird. Wir werden 2029 nicht nur ein tolles Turnier organisieren. Wir wollen die Zeit bis zum Turnier nutzen und den Frauen- und Mädchenfußball durch nachhaltig wirkende Aktivitäten weiterentwickeln - und das gern auch mit einer internationalen Strahlkraft.
DFB.de: Wie kann die EURO 29 auf die Ziele der FF-Strategie einzahlen?
Ullrich: Wir haben für die Bewerbung ein Legacy-Programm ausgearbeitet, das auch in Verbindung steht zur UEFA Legacy Strategie. Darin sind zahlreiche sehr konkrete Maßnahmen enthalten, die insbesondere an der Basis wirken sollen, um die Effekte einer EM-Austragung nachhaltig für den Frauen- und Mädchenfußball zu nutzen. Es geht also nicht nur darum, ein tolles Turnier zu organisieren und die Stadien und Fanzonen zu füllen. Wir wollen bereits im Vorfeld des Turnieres mehr Mädchen und Frauen zum Fußball bringen, im Sport auf dem Feld sowie im Ehren- und Hauptamt auf allen Ebenen. Wir wollen mehr Fans nachhaltig begeistern und in die Stadien bringen. Und das soll nicht nach dem Turnier enden. Ich bin überzeugt davon, dass uns das gelingen wird.
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