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·10. Juni 2026

Ich bin noch nicht warm mit dieser WM

Artikelbild:Ich bin noch nicht warm mit dieser WM

48 Teams, Anstoßzeiten mitten in der Nacht und Trump als Gastgeber: Warum die Vorfreude auf das Turnier in Nordamerika diesmal ausbleibt.

Noch nie war ich vor einer Fußball-WM so verunsichert wie diesmal: Ich weiß nicht, wie ich das Ganze angehen soll. So viele Probleme überall.


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Zum einen fühle ich noch nichts. Dabei geht es schon morgen los. Und wie? Wenn ich den Spielplan und das Reglement betrachte, wirkt es, als beginne am Donnerstag nicht das größte Turnier der Welt, sondern eine weitere Ausbaustufe der WM-Qualifikation.

48 Mannschaften kämpfen um 32 freie Plätze im Sechzehntelfinale, so einen geringen Andrang gab's nie: Nach zweieinhalb Wochen Gruppenphase scheiden nur 16 der 48 Teams aus. Ich habe mal nachgeschaut: Bei der WM 1974 stand Deutschland nach zweidreiviertel Wochen schon im Finale.

Diesmal ist alles zäher, jeder kann weiterkommen, der die Fußballschuhe nicht vergessen und ein Visum erhalten hat. Grob gerechnet darf nämlich jedes vierte Land der Erde mitmachen. Das ist, als hätte sich Alexander Zverev bei den French Open im Hauptfeld gegen drei Millionen Männer durchsetzen müssen.

Die Fifa möchte eben, dass alle sich super wohlfühlen. Es ist ein bisschen wie in der Schule, wo ja heute Inklusiv-Pädagogik mit Feedback- statt Fehlerkultur das Geschehen beherrscht.

"Du hast gegen Spanien 0:5 verloren, es aber wirklich ganz toll gemacht – du kommst bestimmt trotzdem weiter, Kap Verde."

Ist das gut? Finde ich nicht, ich stehe auf knallharten Wettbewerb, aber mich fragt ja niemand. Wobei dem deutschen Team, das bei den vergangenen zwei WM-Turnieren pfeilschnell ausgeschieden ist, die neue Regelung entgegenkommt: Ein Sieg gegen Curaçao am Sonntag, schon kann Bundestrainer Nagelsmann für die K.o.-Runde planen.

Das nächste Problem, das ich habe, sind die Ansetzungen. Sie wirken wie Booking.com: Übernachtung mit Frühstück.

Nehmen wir nur mal den kommenden Sonntag: Das spielen Brasilien gegen Marokko ab Mitternacht, Haiti gegen Schottland beginnt um 3, Australien-Türkei um 6 Uhr. Abpfiff gegen 8. Nicht mir mir.

Jemanden im Schlaf besiegen - der Satz bekommt bei dieser WM eine völlig neue Bedeutung.

Mir ist natürlich klar, dass das Besondere an einer Weltmeisterschaft ist, dass, wie das Wort schon sagt, die Welt mitmacht, und die hat nun mal sehr verschiedene Zeitzonen. Andererseits kommen die fünf Favoriten nach Marktwert ihrer Kader alle aus Europa – Frankreich, England, Spanien, Portugal, Deutschland. Man hätte da ruhig ein bisschen Entgegenkommen zeigen können, was die Anstoßzeiten angeht.

Schlimm ist natürlich die Sicherheitsproblematik. Wer in diesen Tagen die Nachrichten verfolgt, hat das Gefühl, dass der bewaffnete Teil der amerikanischen Bevölkerung, also alle, sich bereits warmschießt. Beim englischen Team in Kansas war jedenfalls schon die Hölle los. Und dass theoretisch die USA in der ersten K.o.-Runde am 3. Juli auf Iran treffen könnte, bereitet mir auch Kopfzerbrechen. Ich hoffe, es geht dann friedlich zu, und keine der beiden Mannschaften versucht, gegnerische Flanken mit Drohnen runterzuholen.

Ja, der Wohlfühlfaktor bei dieser WM liegt bei Null. Gestern musste zum Beispiel der Fifa-Schiedsrichter aus Somalia gleich wieder ausreisen, weil Donald Trump Somalia nicht leiden kann. Die Fans von WM-Teilnehmer Haiti trauen sich erst gar nicht ins Land, weil Donald Trump Haiti nicht leiden kann.

Die menschenrechtsfeindliche Rhetorik des US-Präsidenten, die Razzien der Einwanderungsbehörde ICE und Einreiseverbote werfen "einen dunklen Schatten auf das größte Sportereignis der Welt ", ließ die Sport and Rights Alliance verlauten. In Mexiko, neben den Kanadiern das dritte Ausrichterland, kracht es auch schon ordentlich auf den Straßen.

"Die Welt zu Gast bei Freunden", lautete das Motto bei der WM 2006, dem Sommermärchen in Deutschland, und so fühlte es sich wirklich an. OK-Chef Franz Beckenbauer flog damals mit dem Hubschrauber von Spiel zu Spiel, und einmal, als er herunterschaute, sagte er: "So hat sich der liebe Gott die Welt vorgestellt." Trump würde heute eher sagen: "Hab' ich da gerade etwa einen miesen Mexikaner gesehen?"

Nun, ich bin ja eigentlich Optimist. In dieser Funktion stelle ich gerade fest, dass diese Kolumne bis hierher ziemlich negativ ausgefallen ist. Deswegen zum Schluss etwas Positives: Ich bin mir a) ganz sicher, mit diesem Turnier schnell warmzuwerden, wenn erst mal der Ball rollt, also der Tagsüber-Ball, und b) hat sich gestern kein einziger deutscher Spieler verletzt.

Also, von mir aus kann's losgehen!

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