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·13. Februar 2026

Immer drauf auf die Schiris: Langsam wird's lächerlich

Artikelbild:Immer drauf auf die Schiris: Langsam wird's lächerlich

Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über eine neue Mode-Erscheinung: Die Unparteiischen sollen an allem Schuld sein

Ich finde, dass es an der Zeit ist, unsere Schiedsrichter in Schutz zu nehmen.


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Ja, den Schiedsrichtern unterlaufen Fehler. Aber sie machen – vor allem seit Einführung des VAR – deutlich weniger Fehler

  • als Torhüter, die unter Flanken durchlaufen oder den Ball nach vorn prallen lassen,
  • als Stürmer, die reihenweise Topchancen vergeigen,
  • als Mittelfeldspieler, die den Nebenmann nicht finden oder den Ball nicht richtig stoppen,
  • als Verteidiger, die fünfmal pro Spiel schlecht stehen, oder
  • als Trainer, die die falsche Taktik oder Startelf oder Ansprache ans Team gewählt haben.

Mein neuer Tiefpunkt: Das Pokalspiel Bayern München gegen RB Leipzig am Mittwoch. Leipzig spielte gut, aber halt nicht gut genug. Kurze Aussetzer der Gäste sorgten für ein schnelles 0:2, und was noch schlimmer war: Danach gab RB den Widerstand komplett auf. Die Bayern konnten den Halbfinaleinzug eine halbe Stunde lang mehr oder weniger gemütlich heimschaukeln. Und am Spielfeldrand tobte RB-Coach Ole Werner, als gehe gerade das Abendland unter, aber aus einem anderen Grund: die Schiris.

Nach dem Spiel lamentierte der Leipziger Trainer erneut, und zwar vor allem, weil Daniel Siebert einen Freistoß an der Strafraumecke nicht gepfiffen hatte – der laut Werner "bei unseren Schützen zumindest mal eine 50-prozentige Torchance ist".

50 Prozent - meinte er das wirklich ernst?

Manchmal wird mir das Schiri-Gejammere einfach zu viel. Wir verarbeiten dieses Thema mit deutscher Gründlichkeit. Ich selbst habe den Eindruck, dass unsere Schiedsrichter ziemlich gut sind. Ausländische Ligen fragen sogar regelmäßig an, ob sie welche ausleihen können, so gut sind sie.

Ich behaupte, nach den Franzosen stellen Zwayer, Jablonski, Stieler & Co. die besten Unparteiischen Europas. Der beim Pokalspiel in München von den Leipzigern kritisierte Daniel Siebert zum Beispiel gehört ebenfalls offiziell zur Weltelite seines Fachs – im Gegensatz zu Trainer Ole Werner.

Apropos: Jeder, der mal ein Spiel aus der besten Liga der Welt gesehen hat, weiß, was man von den Schiedsrichtern der Premier League halten kann: Sie greifen erst ins Spiel ein, wenn schon der Krankenwagen an der Mittellinie steht.

Wenn ein deutscher Schiedsrichter nicht gut pfeift, macht der DFB klare Ansagen und setzt ihn auf die Ersatzbank, wie diese Woche geschehen.

Unsere Unparteiischen sind jedenfalls nicht an allem Schuld. Bundesliga-Trainer versuchen gern, mit Kritik an ihnen von ihren eigenen Schwächen abzulenken. Sie toben am Spielfeldrand, dass man meinen könnte, Schiedsrichter machen nicht ab und zu etwas falsch, sondern dauernd.

Jeder Einwurf, jedes Foul, jeder Abseitspfiff wird mit wegwerfenden Handbewegungen versehen. Hat den Trainern denn niemand gesagt, dass daheim jeder sehen kann, dass der Schiri zu 99 Prozent recht hat?

Am Mittwoch verweigerte Daniel Siebert Ole Werner nach dem Spiel den Handschlag. Ist auch nicht nett, passiert aber sonst nie. Ich finde, unsere Trainer wirken sehr viel häufiger ziemlich schlecht erzogen – seit Einführung der Kapitänsregel wird das besonders deutlich. Vielleicht sollte der DFB bei Lehrgängen öfter ein Segment "Etikette/Sportliches Verhalten" hinzufügen. Zu viele Trainer denken nämlich, Etikette sei dieser Stürmer in Liverpool.

Ich habe das Gefühl, die neue Modeerscheinung im deutschen Fußball ist: Der Schiedsrichter ist grundsätzlich der Depp. Und wenn nicht der auf dem Platz, dann der im Keller. Oder der Linienrichter. Oder dessen Verwandte. Das Abwälzen von Verantwortung ist ein sehr praktisches Tool, weil man damit von eigenen Fehlern ablenken kann, das ist mir natürlich klar.

Aber im Gegensatz zu Schiedsrichtern dürfen Trainer monatelang oder wie in Mönchengladbach sogar jahrelang falsch liegen, ehe jemand Konsequenzen zieht – denn sie dürfen die Schuld immer bei anderen suchen: beim schwachen Kader, Manager, bei den nichts kapierenden Spielern oder den nicht laut genug unterstützenden Fans. Die Schris können das nicht.

Ich war übrigens diese Woche bei einem Handball-Bundesligaspiel: HSV Hamburg gegen Leipzig. Auch dort gab es kontroverse Entscheidungen und Härten und eine Rote Karte, aber Spieler und Trainer hielten sich nie lange damit auf – Mund abputzen, weitermachen, Fairplay lautet im Handball das Motto.

Davon kann sich die Fußball-Bundesliga mehrere Scheiben abschneiden.

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