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·28. Juli 2026

Infantino-Brief geleakt: FIFA lobt, während sie ermittelt

Artikelbild:Infantino-Brief geleakt: FIFA lobt, während sie ermittelt

Spanien gewinnt 1:0 nach Verlängerung, Argentinien verliert nach dem Abpfiff die Fassung, die FIFA setzt einen Disziplinarermittler an. Am selben Tag verlässt ein Brief das Zürcher Hauptquartier Richtung Buenos Aires. Absender: Gianni Infantino. Kernwort: Professionalität.

Zwei Dokumente, ein Datum

Der 20. Juli 2026 ist in der Aktenlage dieses Falls ein bemerkenswerter Tag. Die FIFA teilt mit, ihre Disziplinarkommission habe einen „Disziplinar- und Ethikermittler“ bestellt, der mögliche Verstöße gegen den Disziplinarcode im Zusammenhang mit den Vorfällen nach dem Endspiel prüfen soll. Rechtsgrundlage ist Artikel 36 des FIFA-Disziplinarcodes. Im Raum stehen beleidigendes Verhalten und Verstöße gegen die Prinzipien des Fairplay.


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Auf denselben Tag datiert der Brief an AFA-Präsident Claudio Tapia. Infantino gratuliert darin zur Silbermedaille, bezeichnet den Auftritt der Albiceleste als wesentlichen Grund dafür, dass dieses Turnier ein außergewöhnliches Ereignis geworden sei – und schließt mit einer Formel, die eine Woche später um die Welt geht: Solche Erfolge seien die Frucht von „ständiger Arbeit, Professionalität und Liebe zum Detail“.

Der Brief war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Er tauchte zunächst in argentinischen Medien auf, die britische „Daily Mail“ verifizierte ihn. Seitdem hat die FIFA ein Problem, das größer ist als die Frage, wie lange Leandro Paredes gesperrt gehört.

Was nach dem Schlusspfiff geschah

Zur Erinnerung, weil der Brief ohne diese Bilder nur ein Formschreiben wäre: Argentinien beendete die reguläre Spielzeit in Unterzahl, Enzo Fernández sah in der dritten Minute der Nachspielzeit Gelb-Rot. Ferran Torres traf in der Verlängerung. Und als die spanischen Ersatzspieler auf den Rasen stürmten, kippte die Szenerie.

Nahuel Molina traf den vorbeilaufenden spanischen Kapitän Rodri. Paredes schubste Eric García, griff Gavi am Trikot, traf ihn mit der Hand im Gesicht und stieß ihn zu Boden. Co-Trainer Roberto Ayala geriet mit Dani Olmo aneinander – nach eigener Darstellung ein Stoß, kein Schlag. Nicolás Otamendi baute sich vor Rodri auf, statt dessen ausgestreckte Hand zu nehmen. Bei der Siegerehrung drehte ein Großteil des argentinischen Kaders dem Pokal den Rücken zu, während Spanien zuvor Spalier gestanden hatte.

Parallel läuft ein zweites Verfahren, das mit dem Finale nichts zu tun hat: das „Las Malvinas son argentinas“-Banner nach dem Halbfinale gegen England. 2014 kostete dasselbe Transparent den argentinischen Verband 30.000 Schweizer Franken. Ein Präzedenzfall, der die Erwartungshaltung realistisch hält.

Professionalität – ein Wort aus der Textbaustein-Schublade

Die naheliegende Lesart lautet: Infantino habe Argentinien für sein Verhalten gelobt. Das stimmt so nicht, und deshalb wird die Sache eher schlimmer als besser. Die Passage über „ständige Arbeit, Professionalität und Liebe zum Detail“ ist eine Standardformel. Sie steht in solchen Briefen immer. Sie stand vermutlich schon im Entwurf, bevor irgendjemand im 88. Stock wusste, wie dieses Finale enden würde.

Genau darin liegt der Vorgang. Ein Präsident, dessen eigene Disziplinarkommission am selben Tag einen Ermittler einsetzt, unterschreibt ein Schreiben, das den Vorfall nicht einmal zur Kenntnis nimmt. Kein Halbsatz zum Verhalten nach dem Abpfiff, kein Hinweis auf das laufende Verfahren, keine Distanzierung. Die Frage ist also nicht, ob Infantino Gewalt gelobt hat. Er hat sie schlicht nicht bemerkt – oder nicht bemerken wollen.

Die Rote Karte, die es nie gab

Ein Detail, das in der Aufregung untergeht und den Vorwurf der Ungleichbehandlung schärfer macht als jeder Brief: Nach dem Spiel meldeten Agenturen weltweit einen Platzverweis gegen Paredes. Die FIFA korrigierte wenig später. Es habe keine Rote Karte gegeben; der Eintrag sei im Informationssystem für die Kommentatoren fälschlich angezeigt und anschließend gelöscht worden.

Die Folge: keine automatische Sperre. Paredes ist im September-Länderspielfenster spielberechtigt. Die einzige unmittelbare Sanktion, die es je gab, existierte nur als Anzeigefehler – und wurde weggeklickt. Alles Weitere hängt an einem Verfahren ohne Zeitplan, für ein Team, das in den nächsten Monaten ohnehin kein Pflichtspiel bestreitet.

Tapia ist kein gewöhnlicher Adressat

Für die politische Einordnung braucht es keine Verschwörungstheorie, sondern nur das Organigramm. Claudio Tapia sitzt im FIFA-Council, ist Vizepräsident der CONMEBOL und Verbandschef eines Landes, das 2030 Mitgastgeber der Jubiläums-WM ist. Wer diesen Brief empfängt, ist kein Außenstehender, sondern Teil des Gremiums, dem der Absender vorsteht.

Dazu kommt die Kulisse. Gegen die AFA laufen in den USA Ermittlungen zu kommerziellen Verträgen; US-Medien berichteten, Tapia und Schatzmeister Pablo Toviggino seien am Flughafen in New York befragt worden – was der Verband bestreitet. In Argentinien selbst gibt es Anzeigen gegen die Verbandsführung. Und Infantino steht wegen seiner Nähe zu US-Präsident Donald Trump ohnehin unter Beobachtung: Die Menschenrechtsorganisation FairSquare beschwerte sich beim IOC über verletzte politische Neutralität, unter anderem wegen des Umgangs mit der Sperre des US-Stürmers Folarin Balogun. Das IOC erklärte sich Ende Juli für unzuständig.

Was der Leak mit dem Verfahren macht

Ein Disziplinarverfahren lebt davon, dass der Ermittler unabhängig ist. Formal ist er das weiterhin. Praktisch arbeitet er nun unter der schriftlich dokumentierten Wohlwollensbekundung seines höchsten Vorgesetzten gegenüber der Partei, gegen die ermittelt wird. Fällt das Urteil mild aus, wird niemand mehr glauben, dass es ohne diesen Brief genauso ausgefallen wäre. Fällt es hart aus, entsteht der Eindruck einer Korrektur unter öffentlichem Druck.

Beide Wege beschädigen die Institution. Und beide waren vermeidbar – durch einen einzigen zusätzlichen Satz im Brief oder durch das Bewusstsein, dass ein Glückwunschschreiben und ein Ermittlungsauftrag nicht am selben Tag dasselbe Haus verlassen sollten.

Für die Wahrnehmung ist es dabei fast egal, wie das Verfahren ausgeht. Mehr als 23 Millionen Unterschriften sammelte vor dem Finale eine Petition, die Argentiniens Ausschluss forderte – ein Zahlenwert ohne geografische Aufschlüsselung, also mit Vorsicht zu genießen, aber ein Stimmungsbild, das man nicht wegdiskutieren kann. Didi Hamann forderte im Podcast von Sky Sport Austria: „Ich würde beide ein Jahr sperren.“ Von diesem Erwartungshorizont ist die FIFA weit entfernt.

Ein Formbrief – und ein Verfahren mit Vorzeichen

Der eigentliche Schaden liegt nicht in drei Wörtern über Professionalität. Er liegt darin, dass ein Weltverband seine Disziplinargewalt und seine Diplomatie so schlecht voneinander trennt, dass die eine die andere aushebelt, ohne dass jemand es merkt. Man muss der FIFA keine Absicht unterstellen, um das Ergebnis zu sehen. Wer Recht spricht und gleichzeitig gratuliert, muss sich nicht wundern, wenn ihm beides niemand mehr abnimmt.

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