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·23. Juli 2026
Infantinos Rekord-WM: Wer bezahlt die Rechnung?

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·23. Juli 2026

6.810.966 Zuschauer. 99,7 Prozent Auslastung. Über 15 Milliarden Dollar für den Zyklus. Gianni Infantinos Abschlussbilanz stimmt in jeder Ziffer – nur erzählt sie eine andere Geschichte, als der FIFA-Präsident sie erzählt haben will.
Fangen wir dort an, wo Infantino recht hat. Die WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko ist die bestbesuchte der Geschichte, und zwar mit Abstand. 6.810.966 Menschen füllten die 16 Stadien, im Schnitt 65.490 pro Spiel, bei einer Auslastung von 99,7 Prozent. Das ist mehr als die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 zusammen. Der alte Rekord von 1994 – 3,4 Millionen – wirkt daneben wie aus einer anderen Epoche.
Dazu die Kasse: Allein für 2026 nimmt die FIFA nach eigenen Schätzungen über neun Milliarden Dollar ein, den gesamten Zyklus 2023 bis 2026 beziffert Infantino auf mehr als 15 Milliarden. Es ist, in seinen Worten, das größte Ereignis der Menschheitsgeschichte – nicht das größte Sportereignis, wohlgemerkt, das größte Ereignis. Bescheidenheit war noch nie Teil des Programms.
Man muss ihm nichts davon absprechen. Die Stadien waren voll, die Fan Festivals zogen über neun Millionen Besucher, das Turnier lieferte Bilder, die verkaufen. Wer die vollen Ränge als Beweis nimmt, dass alle Kritiker widerlegt sind, hat einen Punkt. Er hat nur den falschen.
Denn diese Zahlen fielen nicht vom Himmel. Sie sind das rechnerische Ergebnis einer Entscheidung: 48 statt 32 Teams, 104 statt 64 Spiele, 39 statt 29 Turniertage. Mehr Partien bedeuten mehr Tickets, mehr Übertragungsfenster, mehr Werbeflächen – und damit zwangsläufig mehr von allem, was sich in Rekorden messen lässt. Infantino selbst räumte ein, die Bestmarken seien auch deshalb gepurzelt, weil dies „die mit Abstand größte WM der Geschichte“ sei.
Ein Rekord, der aus einem größeren Feld entsteht, ist kein Widerspruch zur Kritik an diesem Feld. Er ist ihr Beleg. Und genau hier fängt die Rechnung an, die Infantino in seiner Bilanz auslässt.
Während in New Jersey die Konfetti-Kanonen liefen, lag bei der EU-Kommission bereits eine Beschwerde. Die Spielergewerkschaft FIFPRO hat gemeinsam mit dem europäischen Ligenverband – in dem auch die Bundesliga organisiert ist – im Mai gegen die FIFA geklagt. Der Vorwurf: ein Kalender, der die Belastungsgrenzen der Profis überschreitet. „Die Arbeitszeit von Menschen ist in europäischem Recht reguliert“, sagte FIFPRO-Direktor Alexander Bielefeld. Es brauche jemanden, der das durchsetze.
Die Klub-WM 2025 nahm den Spielern den freien Sommer, die WM 2026 legte ein Sechzehntelfinale obendrauf. Toni Kroos, im Sommer zurückgetreten, fasste die Stimmung vieler Kollegen in einem Satz zusammen: Man müsse „irgendwann mal aufwachen“ und weniger ans Geld denken. Von der Tribüne aus sieht es nicht besser aus: Football Supporters Europe rechnete vor, dass die Begleitung einer Mannschaft vom ersten Spiel bis ins Finale über Verbandskontingente mindestens rund 6.900 Dollar kosten konnte. Die 99,7 Prozent Auslastung entstanden nicht wegen dieser Preise, sondern trotz ihnen.
„Spaltet die Fußballwelt“ – so heißt es gern, wenn Infantino etwas verkündet. Die Formel stimmt, sie ist nur zu unpräzise. Denn die Trennlinie verläuft nicht zufällig. Auf der einen Seite: 211 Nationalverbände, die aus dem FIFA-Forward-Programm für den Zyklus 2027 bis 2030 eine Rekordsumme von 2,7 Milliarden Dollar erhalten. Über 200 dieser Verbände haben Infantino bereits ihre Unterstützung für die Wiederwahl zugesagt. Der Sportökonom Stefan Szymanski und Kollegen beschreiben den Mechanismus seit Jahren nüchtern: Wer kleinen Verbänden große Summen überweist, bekommt ihre Stimmen zurück.
Auf der anderen Seite steht, wer die Ausweitung bezahlt, ohne von der Umverteilung zu profitieren: die europäischen Top-Klubs, deren Spieler die Minuten leisten, die großen Ligen, die Fans an der Kasse. La-Liga-Chef Javier Tebas fordert Infantinos Rückzug inzwischen offen. Die Frage ist also nicht, ob die WM ein Erfolg war. Sie war einer, in jeder Kategorie. Die Frage ist, für wen.
Und hier wird es entlarvend. Wer angesichts eines übervollen Kalenders auf Entlastung hofft, hat Infantinos Abschlussrede nicht gehört. Der FIFA-Präsident bestätigte, dass eine weitere Aufstockung – auf 64 Teams – bereits diskutiert werde. Das wären 128 Spiele statt 104, fast ein Drittel aller FIFA-Mitglieder auf einer einzigen Bühne. Zur Kalenderfrage sagte er, man werde reden, „FIFA ist eine Demokratie“, die Mitglieder entschieden. Nur zeigt der Kompass dabei ausschließlich in eine Richtung: nach oben.
Die Botschaft ist damit unmissverständlich. Das Turnier soll, so Infantino, „immer im Zentrum von allem“ stehen, was die FIFA tut – und das kommerzielle Potenzial müsse „entfesselt“ werden. Wer so spricht, plant keine Pause. Er plant die nächste Ausbaustufe.
Bleibt der Widerspruch, den keine Zuschauerzahl auflöst. Infantino präsentiert die 6,8 Millionen als Schlusswort in der Belastungsdebatte. Tatsächlich sind sie deren Beweisstück: Der Rekord existiert, weil das Turnier so groß geworden ist, dass Spieler, Ligen und Fans an ihre Grenzen kommen – und juristisch dagegen vorgehen. Ein Rekord, der auf einer Klage steht, ist kein Argument gegen die Klage. Er ist der Anlass.
Die 6,8 Millionen sind gezählt und verbucht. Die Rechnung dafür wird erst noch geschrieben – und sie liegt nicht auf Infantinos Schreibtisch.


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