FC Bayern München
·18. August 2026
Jonas Urbig im „51“-Interview: „Ich hasse es zu verlieren."

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·18. August 2026

Vor 19 Monaten spielte Jonas Urbig noch in der 2. Liga, heute gilt er als potenzieller Nachfolger von Manuel Neuer. Wie er das geschafft hat? Seine Torwarttrainer erzählen – und Urbig erklärt, warum er beim FC Bayern genau richtig ist.
„Es ist schon lustig“, sagt Uwe Gospodarek. Der frühere Bayern-Keeper und ehemalige Torwarttrainer von Jonas Urbig beim 1. FC Köln hat einen Tag im Oktober 2024 nicht vergessen. Damals bereitete sich Urbig mit der deutschen U21-Nationalmannschaft an der Säbener Straße auf ein Länderspiel vor. Und Gospodarek, der damals nicht mehr in Köln tätig war und wieder in München lebte, verabredete sich mit ihm auf einen Kaffee auf dem FCB-Gelände. Gospodarek hat das Wiedersehen noch genau vor Augen: „Jonas sagte zu mir: ‚Uwe, ich habe einen Traum: Ich möchte hier jeden Tag trainieren.‘“ Gospodarek pausiert kurz und lacht. „Das ging dann schneller, als wir gedacht haben.“ Drei Monate später wechselte Jonas Urbig zum FC Bayern – und musste feststellen: Die Wirklichkeit ist manchmal sogar besser, als man es sich erträumt.
Jonas, als der FC Bayern bei dir angefragt hat, warst du Torhüter in der 2. Liga beim 1. FC Köln. Was hat dich so stark nach München gezogen, dass du diesen großen Schritt gewagt hast? „Ich habe in dem Wechsel die beste Möglichkeit gesehen, mich weiterzuentwickeln. Mit einem sehr guten Torwarttrainer, einer starken Torwartgruppe und einer tollen Mannschaft. Darin lag für mich ein riesiger Benefit. Es ging mir nicht darum, welche großen Namen hier spielen. Für mich war entscheidend, Teil dieser Gruppe zu werden, mich zu entwickeln und der Mannschaft zu helfen.“
Der Erste, den du nach deiner Ankunft beim FC Bayern in der Kabine getroffen hast, war Thomas Müller. Wie hast du diesen Moment in Erinnerung? „Ich war sehr aufgeregt. Und dann kam Thomas einfach auf mich zu und hat „Servus“ gesagt – ganz locker, so wie man ihn eben kennt. Das hat mir sofort viel von meiner Anspannung genommen. Natürlich war ich am Anfang eher zurückhaltend, wie man als neuer Spieler eben ist. Aber ich erinnere mich wirklich gern an dieses erste Training zurück. Es hat sich total natürlich angefühlt, Teil dieser Gruppe zu sein. Dass ich dann früh zu ersten Einsätzen gekommen bin, hat mir geholfen, weiter in die Mannschaft hineinzuwachsen.“
Wie schwer fiel es dir, nach mehr als zehn Jahren in Köln bei einem anderen Club anzukommen? „Zum FC werde ich immer eine emotionale Bindung haben. Ich wünsche dem Verein auch nur das Beste – es sei denn, sie spielen gegen uns. Vom FC Bayern kannte ich anfangs nur die Fassade. Als ich den Club dann von innen kennengelernt habe, habe ich schnell gespürt, wie menschlich und offen es im ganzen Verein zugeht. Von außen klingt dieses ‚Mia san mia‘ oft wie eine Floskel, aber heute weiß ich: Das wird wirklich gelebt. Und das fühlt sich sehr gut an. Das war sicher einer der Gründe, warum ich mich hier sehr schnell am richtigen Ort gefühlt habe.“
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Welche anderen Gründe gab es noch? „Vor allem die Akribie und Professionalität, mit der hier jeden Tag gearbeitet wird. Damit kann ich mich total identifizieren. Mit Fleiß, mit Detailarbeit, mit dem Anspruch, Dinge wirklich sauber zu machen. Als ich gesehen habe, mit welcher Detailversessenheit ein Manuel Neuer immer noch an sich arbeitet, da wusste ich gleich, was hier der Maßstab ist. Für mich ist das ein großer Ansporn und auch eine Verpflichtung, dieses Niveau mitzugehen. Ich empfinde das als extrem wertvoll. Denn ich bin überzeugt: Nur wenn man sein Training und sein Leben ganz darauf ausrichtet, so leistungsfähig wie möglich zu sein, dann holt man das Maximum aus sich heraus.“
Uwe Gospodarek kennt die Situation von Urbig wie kaum ein Zweiter. Er war selbst mal junger Ersatzkeeper beim FC Bayern, erst hinter Raimond Aumann, dann hinter Oliver Kahn. Neunmal kam er zum Einsatz – Urbig hat nach eineinhalb Jahren in München bereits 32-mal gespielt. „Schon in Köln haben wir gesehen: Man kann Jonas nicht aufhalten. Er weiß genau, wo er hinwill: ganz nach oben. Danach lebt er, danach isst er, danach schläft er. Er überlässt nichts dem Zufall. Sogar wenn ein Ball wirklich unhaltbar ist, sucht er in der Analyse noch einen Weg, ihn trotzdem zu halten“, erzählt Gospodarek.
Beim FC Bayern ist heute Michael Rechner Torwarttrainer. Er hatte den jungen Urbig schon auf dem Radar, als er noch in Hoffenheim arbeitete. Was er damals in dem Jugendtorhüter gesehen hat, habe sich voll bestätigt. Urbig besitze „eine positive Besessenheit“, die nur große Sportler auszeichne, sagt Rechner. „Er hat diese totale Offenheit, an jedem Detail extrem zu arbeiten. Und: Er ist auch unter Druck gut. Ich glaube sogar, er liebt Druck.“ Rechner spricht offen aus, was viele hoffen: „Jonas bringt alles mit, um irgendwann die Nachfolge von Manuel Neuer antreten zu können.“
Jonas, wie gehst du mit solchen Sätzen über dich um? „Natürlich freue ich mich über positives Feedback von meinen Trainern und meinen Teamkollegen. Das ist ja klar. Allerdings ist es auch wichtig, das einzuordnen. Ich versuche immer, im Hier und Jetzt zu sein. Ich konzentriere mich auf das, was ich beeinflussen kann: in jedem Training und in jedem Spiel maximale Leistung zu bringen. Alles Weitere entscheide nicht ich.“
Auch in der Nationalmannschaft wird dein Name immer mehr gehandelt. Bei der WM hast du zwar nicht zum offiziellen DFB-Kader gehört, warst aber als Trainingstorhüter beim deutschen Team dabei. Wie denkst du über deine Zukunft im Nationalteam? „Ich war stolz und glücklich, mit zur WM fahren zu dürfen. Das hat mich sehr gefreut. Im März bin ich ja zum ersten Mal für einen Lehrgang berufen worden, musste dann aber leider gleich wieder verletzt abreisen. Es ist sicher ein Ansporn für mich, dauerhaft ein Thema zu werden. Aber auch hier ist meine Haltung ganz klar: Ich beschäftige mich nicht damit, was irgendwann sein könnte. Ich bleibe lieber bei dem, was ich jeden Tag beeinflussen kann.“
Man hat während der WM immer wieder gemeinsame Fotos von dir und Manu gesehen. Ihr habt auch eure Freizeit miteinander verbracht. Wie war es anfangs für dich, zusammen mit Manuel Neuer zu trainieren? „Manu ist natürlich eine Ikone. Man schaut zu ihm auf – aber was ich schnell gemerkt habe: Er schaut nicht von oben herab. Manu begegnet einem immer auf Augenhöhe. Wir hatten schnell einen guten Draht. Natürlich ist er Manuel Neuer, natürlich möchte ich auch spielen, aber für mich ist er in erster Linie einfach ein Mensch und Teamkollege. Deshalb könnte man auch sagen, wir sind befreundete Konkurrenten.“
Was nimmst du von ihm und auch von Sven Ulreich konkret mit? „Für mich entscheidend ist: Ich kann mit jeder Frage zu ihnen kommen, ich bekomme immer einen guten Rat. Die riesige Erfahrung von Manuel und Sven ist einfach sehr wertvoll für mich. Und ich bin wirklich sehr wissbegierig.“
Torhüter sind immer auch Konkurrenten. Nur einer kann spielen. In eurer Torwartgruppe spürt man aber vor allem einen großen Zusammenhalt. Woher kommt das? „Jeder von uns hat das Gefühl, gebraucht zu werden. Als Manu in der Rückrunde verletzt war und ich eine Gehirnerschütterung hatte, da hat halt Ulle gegen Leverkusen gespielt – als habe er drei Jahre am Stück jedes Wochenende im Tor gestanden. Die Chemie zwischen Manu, Ulle und mir stimmt einfach. Daran hat auch unser Torwarttrainer Michael Rechner einen großen Anteil.“
Du kannst dir von Manuel Neuer und Sven Ulreich viel abschauen. Wie viel kann man von den beiden kopieren, ohne die eigene Charakteristik zu verlieren? Wo verläuft da für dich die Grenze? „Die Hilfe von Manu und Ulle nehme ich dankend an. Wenn ich sie etwas frage, dann nicht mit dem Gedanken: Sag mir, wie es geht, ich will werden wie du. Sondern: Zeig mir, wie es geht, ich picke mir das heraus, was zu meinem eigenen Stil, zu meiner eigenen Persönlichkeit passt. Das ist für mich ein ganz natürlicher Vorgang, das muss ich nicht bewusst steuern.“
Michael Rechner hat in seiner Karriere als Spieler und Trainer schon Torhüter erlebt, die versucht haben, andere Keeper zu kopieren. „Das ist ein großer Fehler“, weiß er. Jeder sei einzigartig, und wer seine Einzigartigkeit verliert, verliere sich selbst. „Es zeichnet Jonas aus, dass er von seinem ganzen Umfeld lernen will, von Manu, von Ulle, von Harry Kane und all den anderen Top-Spielern. Es zeichnet ihn aber auch aus, dass er sich selbst treu bleibt.“ Torverteidigung, Raumverteidigung, Spieleröffnung – Jonas sei „ein kompletter Torwart. Aber er ist noch nirgends bei 100 Prozent. Er kann und er wird überall noch Schritte machen.“
Wie würdest du dich selbst als Torwart beschreiben, Jonas? „Meine Stärken sehe ich in der Torverteidigung, im Eins-gegen-Eins und im Spiel mit dem Ball. Ich mag es, den Gegner mit kürzeren Pässen anzulocken und dann einen langen Ball hinter die Kette zu spielen. Ich stehe auch gern in einer hohen Position, um den Raum hinter unserer Abwehrkette zu verteidigen. Und ich glaube, dass ich auch eine gewisse mentale Stärke mitbringe, die man gerade im FC Bayern-Kosmos braucht: Man muss bei sich bleiben, darf sich nicht ablenken lassen vom Drumherum, von Diskussionen, von Erwartungen, von Vergleichen.“
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Wie schwer fällt es dir, das alles auszublenden, gerade auch wenn dir vielleicht mal ein Fehler passiert ist? „Ich habe früh gelernt, Spielsituationen rational zu sehen und mich von Emotionen möglichst wenig beeinflussen zu lassen. Ob nach einem Gegentor oder nach einer missglückten Aktion, an der ich meinen Anteil hatte: Während des Spiels bringt es nichts, daran hängen zu bleiben. Das sind Themen für danach. Dann analysiere ich gern und bin auch selbstkritisch. Aber im Spiel selbst bewerte ich jede Aktion neu.“
Was verlangt Vincent Kompany von seinen Torhütern? „In erster Linie natürlich, Bälle zu halten. Aber nicht nur. Es geht auch darum, das Spiel im Ballbesitz zu beeinflussen, in der Spieleröffnung Lösungen zu finden, hoch zu stehen, Konter abzusichern, Bälle hinter der Kette abzulaufen und die Restverteidigung mit zu organisieren.“
Das bedeutet auch: viel kommunizieren, viel coachen. Wie ist das für dich, Spielern wie Upamecano, Tah oder Kimmich Anweisungen zu geben? „Neben dem Platz bin ich eigentlich nicht der Typ, der Ansagen macht. Da bin ich eher entspannt. Auf dem Platz ist das anders. Da geht es nur um die Sache, ums Gewinnen. Ob jemand aus dem eigenen Nachwuchs kommt oder ob da ein Upamecano, ein Tah oder ein Kimmich vor dir steht, spielt in dem Moment keine Rolle. Ich spreche Dinge klar an, um das Spiel positiv zu beeinflussen.“
Vincent Kompany hat über dich gesagt, du seist ein „Kampfschwein“. „Ich hasse es, Gegentore zu bekommen. Und ich hasse es zu verlieren. Auch im Training will ich jeden Ball halten, jeden Schuss blocken, jede Spielform gewinnen. Da bin ich beim FC Bayern sicher nicht allein, genau das macht diesen Club ja aus.“
Uwe Gospodarek gefällt, wie Jonas Urbig seinen Traum in München Schritt für Schritt verwirklicht. „Er wächst da jetzt rein“, sagt er und meint damit zweierlei: den FC Bayern und das Tor des FC Bayern.
Das Interview erschien im Mitgliedermagazin 51:







































