FC Schalke 04
·21. Mai 2026
Juan Oburu und Joe Miraglia: Wir geben jederzeit Halt, aber fördern Verantwortung

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·21. Mai 2026

Als Integrationsteam arbeiten Juan Oburu und Joe Miraglia seit Sommer 2024 im königsblauen Profileistungszentrum (PLZ) und regeln viele unterschiedliche Anliegen der Profis. Im Interview mit dem Schalker Kreisel verrät das Duo, wie entscheidend der „First Touch“ bei Neuzugängen ist und was sie im Umgang mit dem Team schon erlebt haben.
Kurz vor dem vereinbarten Interviewtermin wird offensichtlich, welchen Stellenwert die beiden für die S04-Profis haben: Adil Aouchiche sitzt mit ihnen gemütlich auf einer blauen Couch in deren Büro. Mit Hilfe des Zweiergespanns löst der französischsprachige Winterzugang ein Problem bei einer Banküberweisung im Handumdrehen. „Das ist unser Alltag“, erklärt Joe.
Während der einstündigen Unterhaltung öffnet sich immer mal wieder ein Türspalt in der zweiten PLZ-Etage. Mal hat Loris Karius ein Anliegen, dann klärt Janik Bachmann noch eine Frage. „Wir sind die Spezialisten für viele Themen“, erklärt Juan. Im Gesprächsverlauf stellt sich heraus: ganz besonders für Muskelkater hinter den Lachfalten.
Juan, Joe, Ihr seid regelmäßig mit als Erste zur Stelle, wenn neue Spieler eintreffen. Erzählt doch mal: Wie lief Euer persönliches Blind Date im Frühling 2024? Joe: Es gibt keine zweite Chance für den ersten guten Eindruck. Als ich Juan in Düsseldorf das erste Mal gesehen habe, wusste ich: Okay, das passt. Gefühlt war es, als hätten wir uns schon jahrelang gekannt. Wir haben sofort harmoniert, denn wir denken und sehen Dinge ähnlich. Juan: Absolut! Vorher hatte ich mir gedacht: Passt das überhaupt zusammen? Haben wir Gemeinsamkeiten? Beim Treffen haben wir uns tatsächlich von vornherein blendend verstanden. Als wir dann Mario (Grevelhörster, Administrativer Leiter Lizenz, Anm. d. Red.) kennengelernt haben, hatte man sofort das Gefühl, es kann was Festes werden.
Hand aufs Herz: Welche Stärken und Schwächen besitzt der jeweils andere? Juan: Joe ist eine Excel-Bestie. (lacht) Ich kenne mich damit auch gut aus, aber er ist extrem detailgetreu und kennt das Programm in- wie auswendig. Joe: Ich tue mich schwer, über Stärken und Schwächen des Einzelnen zu reden. Wir sind gut strukturiert, einer von uns beiden hat immer vorgesorgt.
Dann kommen wir zum Eingemachten – dem Ablauf eines Transfers. Wann erfahrt Ihr davon, und wo beginnt Eure Arbeit? Juan: Wir bekommen von Mario eine Nachricht und sind mit die ersten Eingeweihten. Danach beginnt unser Ablauf, wir wissen genau, was zu tun ist, wenn der Spieler da ist: Was braucht er sofort, was können wir im Nachhinein regeln? Eine Priorität besitzt das Anlegen einer Bankverbindung, um eine EC-Karte zu erhalten. Zusammen sind wir danach auf Wohnungssuche, natürlich stets im Gespräch mit dem Spieler. Joe: Feste Uhrzeiten kennen wir nicht. Eine Nachricht von Mario kann um 18 Uhr kommen oder um 22 Uhr. Wenn der Flieger unterwegs ist, sind wir es auch. Sobald wir wissen, wer ankommt, stellen wir den ersten Kontakt her, geben erstes Feedback, dass er sich keine Sorgen machen muss. Spätestens beim „First Touch“ wissen die Jungs ganz genau, sie können sich geborgen fühlen.
Wie stellt Ihr diese Geborgenheit so schnell her? Joe: Ich denke schon, dass wir beide Menschenfänger sind. Mir fällt zum Beispiel der aktuell verliehene Steve Noode ein – er kam von weit weg, und wenn er dann irgendwo in der Nähe von Gelsenkirchen landet, ist der erste Part, ihm erst mal ein Stück Heimat zu bieten. Das kann nur durch Empathie klappen. Juan: Die erste Begegnung am Flughafen ist extrem wichtig. Dort baut man zwischenmenschliche Beziehungen auf. Wir klatschen die Jungs nicht nur ab und Abfahrt! Spieler auf Schalke sollen sich wohlfühlen, sollen wissen, es ist jemand da, der Sicherheit gibt, der die eigene Sprache spricht und genau weiß, was man braucht. Wenn der Auftakt nicht richtig läuft, denkt der Spieler sich auch: Frage ich die jetzt, oder mach ich es doch lieber mit mir selbst aus?
Kann man diesen beschriebenen „First Touch“ lernen, oder ist das angeboren? Joe: Ich glaube nicht, dass man das lernen kann. Entweder man hat’s oder nicht. Juan: Du musst ein Typ dafür sein. Wir spielen damit ja nichts vor. Mein Lebensmotto ist schon immer: gute Laune verbreiten. Und die ist auch wichtig hier. Wenn wir mal Niederlagen kassieren, braucht es ein positives Mindset, um die Jungs wieder aufzubauen. Joe: Mir fällt da noch ein passendes Zitat eines Spielers aus der vergangenen Saison ein, als es hier echt bescheiden lief: „Egal wie schlecht es läuft, in diesem Büro wird man immer aufgemuntert.“
Eure Telefone sind durchgehend in Betrieb. Zu welchen unüblichen Zeiten musstet Ihr schon aktiv werden? Joe: Nach einem Spiel gegen Bochum hat meine Frau mich mal gefragt, ob wir danach was unternehmen können. Ich habe gesagt: „Na klar, kein Thema.“ Kurz nach der Partie kriege ich eine Nachricht – „Joe, Du musst nach Amsterdam.“ (schmunzelt) Ich habe zu ihr gesagt: Äh, weißt Du, wir könnten in Amsterdam was essen gehen. Juan: (lacht) So was passiert. Du planst manchmal Sachen und musst spontan umdisponieren.
Welche Anekdoten dürft Ihr noch verraten? Joe: Einmal haben wir einen Spieler abgeholt, und es lief alles gut. Eines Tages hat er einen Brief bekommen und meinte zu uns: „Jungs, was ist GEZ? Das zahle ich nicht!“ Ich erklärte ihm, die GEZ-Gebühr muss jeder zahlen, wir haben ja einen Fernseher gekauft. Er sagte: „Aber ich schaue doch gar kein Fernsehen, und Radio höre ich auch nicht.“ Man muss da differenzieren: Am Ende reden wir zum Beispiel über einen 21-Jährigen, der womöglich Familie und Heimatland verlassen hat und hier mit diversen Dingen in einer fremden Sprache konfrontiert wird. Unser Job ist es, ihm seine Sorgen zu nehmen – und die GEZ-Gebühren zu zahlen. (lacht) Er soll sich auf den Fußball konzentrieren können.
Was gebt Ihr so jungen Menschen fürs Leben mit? Juan: Wir unterstützen, tragen aber nichts hinterher. Sie müssen lernen und Dinge fürs Leben mitnehmen. Auch beim Thema Autos … Joe: … genau! Du bist jung, verdienst gutes Geld, aber lass die Kirche im Dorf! Für drei Kilometer zum Training hin und her braucht es keinen Lamborghini. Das passiert natürlich auch mit Fingerspitzengefühl. Wir würden uns niemals erlauben, den Jungs vorzuschreiben, was sie zu fahren haben. Es sind keine Erziehungsmaßnahmen, sondern Empfehlungen.
Wie viel vom vermeintlichen Luxusleben bekommt Ihr mit? Juan: So gut wie gar nichts, weil die Jungs sehr geerdet sind. Sie kommen ganz normal ins Profileistungszentrum, da lässt keiner den Star raushängen. Alle pflegen einen sehr entspannten Lifestyle, viele sind mit der Familie unterwegs. Joe: Die Spieler sind heute sehr professionell. Ich habe mal eine Packung des italienischen Erfrischungsgetränks „Lemon Soda“ mitgebracht, von dem ich sehr überzeugt bin. Der Erste hat sich die Dose angeguckt und nur gefragt: „Wie viel Zucker ist da drin? Joe, sorry, davon kann ich keine nehmen.“ Ich bin die Dosen gar nicht losgeworden. (lacht)
Jeden Sommer gibt es meist eine zweistellige Anzahl an Transferbewegungen und somit immer neue Charaktere. Welcher Neuankömmling auf Schalke hat Euch bisher besonders positiv überrascht? Joe: Mich hat direkt der Kontakt zu Kenan (Karaman, Anm. d. Red.) fasziniert. Er füllt die Rolle als Kapitän komplett aus, gibt der Mannschaft Ruhe, Gelassenheit und Sicherheit. Juan: So stellt man sich einen Kapitän vor. Als wir angefangen haben, hat er auch uns in der Gruppe installiert. Alle Jungs hier haben das Herz am rechten Fleck, eine besondere Begegnung on top war die mit Edin (Džeko, Anm. d. Red.). Als es hieß: „Oburu, Du musst da hin!“, habe ich gefragt: Kann der Joe das nicht machen? (lacht)
Du warst nervös vor dem „First Touch“? Juan: Edin ist ein Weltstar, höchstes Level. Da hast Du schon im Hinterkopf: Das ist eine ganz andere Nummer, wie wird wohl das erste Mal? Aber er ist so tiefenentspannt. Joe: Ich meine, wir reden von Edin Džeko, einem der besten Stürmer überhaupt. Menschlich eine glatte Eins. Und er spricht sehr gutes Italienisch, das ist für mich super. (schmunzelt)
Wie viele Sprachen beherrscht Ihr noch? Joe: Zusammen decken wir einiges ab: Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Französisch … Juan: Ich glaube, zusammen kommen wir auf neun Sprachen.
Eine ganz besondere Saison ist gerade beendet. Wie sieht Euer Arbeitsalltag aktuell aus? Joe: Die Themen enden nie. Viele werden sich fragen, was wir nach den Transferphasen den Rest des Jahres machen. Aber von der Autoinspektion bis zu Handwerkerterminen fürs Zuhause fangen wir vieles ab. Juan: Der Sport ist noch professioneller geworden, die Fans sind noch näher dran, alles ist viel intensiver. Wir helfen, dass die Spieler sich fokussieren können und nicht denken: Ich habe jetzt Training, aber muss eigentlich mit dem Kindergärtner sprechen, weil meine Frau gerade krank ist.
Worum kümmert Ihr Euch bei den Heim- und Auswärtspartien der Knappen? Juan: Ein, zwei Tage vor dem Spiel besprechen wir uns mit Mario und klären alle Gegebenheiten. Er kümmert sich dann um die Mannschaft, wir ums Drumherum – etwa die Gäste der Spieler im Blauen Salon. Es gibt aber auch Situationen, bei denen wir mit unten sind. Bei der Roten Karte für Edin Džeko gegen Hannover waren wir wieder erste Ansprechpartner. Joe: Auch in dem Moment geht es um Betreuung, ehe ein Spieler allein in der Kabine sitzt.
Wie wichtig war die Atmosphäre in der Kabine für den erfolgreichen Saisonverlauf? Juan: Die Mannschaft ist eine starke Gemeinschaft geworden, wobei Siege noch mehr zusammenschweißen. Mittlerweile unternehmen manche privat etwas miteinander, von denen ich es eher nicht erwartet hätte. Der noch stärkere Zusammenhalt liegt auch an den Jungs, die hinzugekommen sind: Ein Edin oder Nikola (Katic, Anm. d. Red.) haben Erfahrung mitgebracht. Loris (Karius, Anm. d. Red.) verkörpert mit seiner Anwesenheit dazu viel Ruhe. Kenan hat durch sie in der Führungsrolle Unterstützung bekommen. Das ergibt in der Symbiose mehr Kraft und ist ein Grund für den Erfolg. Joe: Hinzu kommt: Wir hatten und haben alle eine gemeinsame Vision. Juan: Miron hat daran selbstverständlich einen großen Anteil. Er hat aus den Jungs noch mehr herausgekitzelt. Joe: Stimmt. Durch Miron ist hier eine Struktur entstanden. Und die Art und Weise, wie er mit den Jungs umgeht, ist einfach top!
Nach dem Spiel gegen Fortuna Düsseldorf stand der Aufstieg fest. Wie habt Ihr ihn erlebt? Juan: Es war für mich komplett surreal. Gegen Düsseldorf war viel Druck auf dem Kessel. Als ich nach dem Sieg in die Gesichter der Fans, der Mitarbeiter und der ganzen Spieler geschaut habe, hat man gemerkt, wie erleichtert alle waren. Das war schon ein ganz besonderes Gefühl. Joe: Ich kann es immer noch nicht wirklich glauben, dass wir es geschafft haben. Vor Kurzem habe ich mich ertappt, als ich mit meiner Frau die Urlaubsplanung gemacht habe und zu ihr gesagt habe: „Ich gucke mal, wann die Zweite Liga anfängt.“ Das waren noch alte Gedankenmuster. Wir sind jetzt wieder erstklassig!
Ihr wart bei den Meister-Feierlichkeiten mittendrin. Was war Euer schönster Moment? Joe: Auf dem Boot auf unserer Ibiza-Reise haben wir ausgelassen gefeiert und getanzt. Da waren all die Sorgen einer Saison weit weg. Juan: … und wir waren dabei als Kern alle zusammen und nur unter uns. Da konnten wir den Erfolg echt noch mal genießen. Ich habe echt selten was Schöneres erlebt.
Wenn es dann darauf ankommt: Gehört Ihr zur Kategorie Feierbiest oder stiller Genießer? Juan: Also ich bin nicht dafür bekannt, mich nur in die letzte Ecke zu verkrümeln. (lacht) Joe: Ich bin eher der stille Genießer und lasse alles auf mich wirken. In mir herrscht dann keine Explosion, sondern eine Implosion. (lacht)
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