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·19. Mai 2026

Jürgen Wegmann: Vom „Judas“ zum Retter

Artikelbild:Jürgen Wegmann: Vom „Judas“ zum Retter

Von 1984 bis 1986 und von 1989 bis 1992 trug der Junge aus Essen-Borbeck in 138 Spielen das Trikot von Borussia Dortmund. Er gewann mit dem BVB und mit Bayern München jeweils einmal den Supercup, mit den Bayern wurde er 1989 Deutscher Meister. Das wichtigste seiner 46 BVB-Tore markierte Jürgen Wegmann am 19. Mai 1986 im Relegations-Rückspiel gegen Fortuna Köln. Ohne diesen Treffer in siebtletzter Sekunde wäre der BVB abgestiegen, hätte es den Pokalsieg 1989, die Meisterschaften 1995 und 1996 und auch den Champions-League-Sieg 1997 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gegeben.

Die Tage vor und während der Relegation waren nicht leicht für den Stürmer, der über sich selbst mal sagte, er sei „giftiger als jede Kobra“. Vor dem 33. Spieltag war die Bombe geplatzt, dass der Angreifer zur neuen Saison zum Rivalen Schalke 04 wechseln würde. Der BVB brauchte das Geld, aber Wegmann war bei vielen Fans unten durch. „Judas“ wurde er gerufen. Am Ende aber wurde er gefeiert. „Drei Tage vorher habe ich dem Saftig gesagt, das Spiel wird in der 90. Minute entschieden. In den Neunzigsten! Und so ist es gekommen. Erst wollten sie mich verbrennen, kreuzigen. Kreuzigen!“


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Der Spieltag begann gar nicht gut. Wegmann vermisste bei einigen seiner Kollegen den vollen Fokus auf das anstehende Spiel. „Als wir in den Bus eingestiegen sind, da fing der an“ – wir lassen den Namen mal weg – „irgendwas zu erzählen, was gar nicht zum Spiel gehört. Ich habe gefragt: konzentriert sich hier keiner?“ Äußerst bemüht, aber fahrig, verlief die erste Halbzeit. Zur Pause lag Borussia Dortmund in Addition von Hin- und Rückspiel fast hoffnungslos mit 0:3 zurück. „Ich bin zum Wasserhahn gegangen und habe es mir über die Hände laufen lassen, ins Gesicht gerieben, damit ich wach wurde“, erzählt Wegmann.

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In der zweiten Halbzeit sei sein Blick immer „auf die Stadionuhr“ gegangen. „Auf ein Tor haben wir gespielt, das richtige Tor mit den Zuschauern. Anderbrügge war der richtige Wechsel.“ Ingo Anderbrügge war nach der Pause für Lothar Huber gekommen, sorgte für Schwung auf der linken Bahn. „Und dann kam der umstrittene Elfmeter. Ja, der umstrittene Elfmeter“, so Wegmann über das Foul von Jürgen Gede an Anderbrügge, das recht klar war. „Zorc hat ihn verwandelt, und dann habe ich den Ball direkt aus dem Netz geholt, damit schnell wieder angepfiffen wird. Und dann fand das Spiel auf ein Tor auf einmal statt. Da war alles: Pfosten, Latte.“

Auch die Erinnerung an das 2:1 ist nach 40 Jahren noch lebendig – und stimmig: „Simmes setzt sich über außen durch, und Raducanu macht eines seiner wenigen Kopfballtore in seiner ganzen Laufbahn. Klasse Kopfballtor. So, dann sind immer noch so 20 Minuten zu spielen, und die Kölner kommen hinten kaum raus, aber der Jarecki hat alles gehalten. Drama, Drama, Drama!“

Wegmann war neben Abwehrchef Frank Pagelsdorf und dem eingewechselten Anderbrügge der stärkste Borusse auf dem Platz. Doch noch war er ohne Treffer, weil Jacek Jarecki (mehrfach) oder die Torlatte (einmal) im Weg standen.

Über die letzten Sekunden des Relegations-Dramas sagt Jürgen Wegmann: „Ich bin an der Mittellinie. Die Kölner bekommen einen Eckball. Ich hätte da stehenbleiben können. Hätte ich machen können. Nein, habe ich mir gesagt, das ist die letzte Chance. Ich gehe mit nach hinten und block den Grabosch, damit der Kutowski Deckung hat. Der soll in eine Zwickmühle kommen, der Grabosch, der den Ball hat.“ Tatsächlich misslingt der Versuch des Kölners, eine weitere Ecke herauszuholen und damit entscheidende Sekunden von der Uhr zu nehmen. Weiter mit Wegmann: „Abstoß Immel, dann Pagelsdorf, dann Raducanu.“ Bernd Storck muss in der Folge einem abgewehrten Ball nachsetzen. „Der braucht gar nicht bis zur Außenlinie gehen. Ich habe ihm immer gesagt: Du kannst vorher schon die Bälle reinflanken, die werden ja gefährlich.“ Strock scheint sich daran zu erinnern, flankt Richtung Strafraumlinie, „dann wird er verlängert, sogar zweimal mit dem Kopf“. Anderbrügge schießt von links aus spitzem Winkel aufs Tor, und Wegmann ist überzeugt, „hätte er nicht geblockt“, der Torwart, „wäre er ins Aus geflogen“, der Ball. „Der wäre nicht reingegangen. So blockt er ihn, und ich mache den mit links. Dann war das Spiel zu Ende. Der hat ja gar nicht mehr angepfiffen, der Schmidhuber“.

Borussia Dortmund war dank dieses Tores vorerst gerettet, „eins der wichtigsten, vielleicht eins der drei wichtigsten in der Geschichte von Borussia Dortmund“. Niemand wird Jürgen Wegmann hier widersprechen.

Nach einem Jahr bei Schalke 04 und zwei Jahren bei Bayern München kehrt Wegmann 1989 für drei weitere Jahre zum BVB zurück, gewinnt den Supercup und wird unter dem neuen Trainer Ottmar Hitzfeld 1992 Vizemeister. 1995 beendet er seine Laufbahn. Er findet wechselweise Jobs bei seinen früheren Klubs Bayern München und Borussia Dortmund. Im CentrO in Oberhausen betreibt der Rekordmeister einen Fanshop. Wegmann arbeitet dort als Wachmann. „Vier Jahre, acht Monate als Security. Da stand ich am Eingang, da kam er mit seinem Sohn und sagte, er wollte sich nochmal entschuldigen. Er hätte gesagt Judas, Judas…“

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