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·6. März 2026
Kick to Survive: Ich will auch mal Schlotterbeck heulen sehen!

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·6. März 2026

Die Formel-1-Doku zeigt ungefilterte Emotionen und echte Krisen. Eine Kolumne darüber, warum die Bundesliga mehr Authentizität wagen sollte.
Am Sonntag beginnt die Formel-1-Saison. Und die Begeisterung war noch nie so groß wie heute. Noch nie hat aber auch eine Sportart so sehr von einer einzigen TV-Produktion profitiert: "Drive to Survive". Ich habe alle acht Netflix-Staffeln der Formel-1-Doku gesehen, wurde zum Petrolhead und einer Art Familienmitglied von Mercedes, Red Bull, Ferrari & Co. – obwohl mich Rennsport eigentlich kaum interessierte.
In den USA, wo sie Formel 1 bis vor ein paar Jahren wahrscheinlich für ein Nahrungsergänzungsmittel hielten, strömt inzwischen wegen dieser Serie alles, was Rang und Namen hat, zu den jetzt bereits drei WM-Rennen pro Saison.
Warum schafft der Fußball so etwas nicht?
Die Formel 1 führt vor, wie Image geht: Ungeschminkte Wahrheiten werden gnadenlos offengelegt, pro Folge höre ich Teamchefs und Fahrer ca. 145mal "Fuck" sagen. Weil alle Protagonisten 24/7 verkabelt sind, bin ich als Zuschauer fast immer dabei, wenn's brenzlig wird – in Krisengesprächen sitze ich mit am Tisch und trockne die Tränen gerade gefeuerter Fahrer.
Netflix schafft mehr Nähe als ein Zweikampf mit Nico Schlotterbeck.
Legendär war schon die erste Staffel 2019: Teamchef Günther Steiner brüllte nach einer Blamage seines Haas-Teams ungefiltert ins Netflix-Mikro: "Now we look like a bunch of fucking wankers." – "Jetzt sehen wir aus wie ein Haufen verdammter Wichser." Ein einziger Satz machte die Formel 1 cool.
Der Südtiroler wurde inzwischen leider ersetzt, aber er ist Legende und – wie der Journalist Will Buxton, ein weiterer Protagonist aus "Drive to Survive" – sogar im oscarnominierten Apple-Film "F1" mit Brad Pitt zu sehen. Dem hatte die Formel 1 Dreharbeiten bei laufendem Betrieb der Formel-1-Saison 2023 und 2024 erlaubt – mit Lewis Hamilton als Berater und Co-Produzent des Films. Noch so ein Imagecoup.
Man stelle sich das mal in der Bundesliga vor: Die Bayern spielen gegen den BVB, Brad Pitt sitzt im vollen Stadion auf einer dritten Trainerbank, und Vincent Kompany erklärt ihm, wie man diese Rolle authentisch spielt. Die Fußballromantiker würden Tennisbälle werfen. Wieso gab es eigentlich in 63 Jahren Bundesliga keinen brauchbaren deutschen Film, der das Zeug zum Oscar hatte und neue Kundschaft anlockte?
In der aktuellen Netflix-Staffel bin ich sogar dabei, als der greise Alpine-Teamchef Flavio Briatore seinen Fahrern ins Gesicht sagt, wie satt er sie hat. Wenn der arme Kimi Antonelli, der gerade seinen Führerschein gemacht hat, aber schon Formel-1-Rennen fahren darf, den Druck bei Mercedes nicht mehr aushält und mit einem Taschentuch seine Tränen trocknet, muss sogar der Zuschauer daheim zweimal schlucken.
Ich will auch mal Schlotterbeck heulen sehen!
Dass der gefeuerte Red-Bull-Boss Christian Horner dem Netflix-Team die tröstende Abschieds-WhatsApp, die ihm ausgerechnet Todfeind Toto Wolff von Mercedes geschickt hat, vorliest – inklusive Horners Antwort, die so endet: "PS: Du brauchst eine neue Frisur" –, ist ein Highlight der TV-Geschichte.

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Man spürt in diesen realistischen Momenten (ja, mir ist klar, dass die Serie manchmal stark dramatisiert), was die Formel 1 vom Fußball unterscheidet: Angst. Die Formel 1 hat keine, im Rennsport arbeiten Männer und Frauen, denen Image scheißegal ist. Dass Millionen Menschen ihre Schwächen sehen können? Wurscht!
Superstars geben in "Drive to Survive" vor laufender Kamera (wörtlich!) zu, dass sie die Hosen voll oder komplett versagt haben. Im Fußball gibt es das nie: Hier leben selbsternannte Helden, die immer betonen, dass sie "Respekt, aber keine Angst" haben. Und wenn mal was schiefgeht, sind die Schiris schuld.
Fußball ist die Großmutter der Porzellankiste. Immer vorsichtig, stets besorgt. Fast alles wird von Agenten und Pressestellen glattgebügelt und sieben Mal gereinigt, ehe es an die Öffentlichkeit darf. Es gibt Dokus im "Drive-to-Survive"-Style, aber das sind mehrheitlich an allen Ecken abgeschliffene und vom Verein abgenommene Produktionen. Meine Tiefpunkte waren früher die "offiziellen" Fifa-Dokus von Weltmeisterschaften, stets mit Gedudel im Hintergrund.
Kein Wunder, dass Fußball eher die Älteren interessiert: Er erzählt zu wenige neue Geschichten abseits der Piste, sorry: des Platzes, und lebt von sich selbst. Dabei könnte er viel von der Formel 1 lernen, wenn nicht alle dermaßen viel Angst vor Authentizität hätten.
Der Fußball könnte ruhig mal anfangen, sein wahres Gesicht zu zeigen; er würde damit bestimmt sympathischer rüberkommen und neue Zielgruppen erreichen.
Also, Bundesliga, lass' mal fucking Netflix ran!
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