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·23. Juli 2026

Klinsmann rechnet ab: Ist die DFB-Elf zu weich?

Artikelbild:Klinsmann rechnet ab: Ist die DFB-Elf zu weich?

Zu weich. Nicht fähig zu leiden. Absolut im Mittelmaß. Jürgen Klinsmanns Abrechnung nach dem WM-Aus gegen Paraguay ist schonungslos – und in der Diagnose schwer zu widerlegen. Nur ist sie zugleich das älteste Lied, das der deutsche Fußball kennt.

Die Abrechnung – und wen sie wirklich trifft

Der Anlass ist bekannt: 1:1 nach Verlängerung, 3:4 im Elfmeterschießen, Endstation Sechzehntelfinale gegen einen krassen Außenseiter. Zum dritten Mal nacheinander scheiterte Deutschland vor dem Achtelfinale, erstmals überhaupt verlor die DFB-Elf ein WM-Elfmeterschießen. Wenige Tage später trat Julian Nagelsmann zurück.


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Klinsmann, Weltmeister von 1990 und Architekt des Sommermärchens 2006, nahm bei ESPN kein Blatt vor den Mund. Das Ausscheiden sei „niederschmetternd“, eine „Peinlichkeit“, die Mannschaft habe „ihr Gesicht verloren“. Am Ende habe es ausgesehen, als sei das Team „nicht einmal auf das Elfmeterschießen vorbereitet“ gewesen – für einen, dessen Fußball-Nation das Elfmeterschießen jahrzehntelang liebte, eine Bankrotterklärung.

Bemerkenswert ist, wie er die Schuld verteilt. Nicht auf die Spieler allein, nicht auf den Bundestrainer, den er auffällig verschonte. „Die Verantwortung liegt bei allen – vom Trainerstab über den Verband bis hin zu jedem einzelnen Spieler“, sagte Klinsmann. Wer nur über Nagelsmann redet, redet ihm zu klein. Er will die ganze Struktur auf dem Prüfstand sehen.

Das Vorbild Argentinien

Sein Rezept lieferte Klinsmann bei Sky. Auf die Frage, ob Deutschland im Vergleich zu Argentinien die nötige Härte vermissen ließ, kam ein klares: „In gewissem Sinne, ja! Sie waren zu weich.“ Es fehle die Bereitschaft, „zu leiden“ oder „die Ellbogen auszufahren“ und sich Respekt zu verschaffen. Vorbild sei der Titelverteidiger: eine Mannschaft, die nicht die beste sein müsse, aber bereit sei, „bis an die Grenzen und darüber hinaus“ zu gehen und Spiele in den Schlussminuten zu entscheiden.

Belege gibt es. Gegen die körperlich robusten Ecuador und Paraguay fand die DFB-Auswahl keine Mittel, blieb blutleer, wo Wucht gefragt war. Und Klinsmann erinnert an eine Tugend, die Deutschland „vor 20, 30, 40 Jahren“ ausgezeichnet habe: irgendwie immer noch einen Weg zum Tor zu finden. Davon, sagt er, sei dieses Team weit entfernt. Man muss ihm da wenig widersprechen.

Die Debatte, die der DFB längst geführt hat

Nur ist der Ruf nach mehr Härte, nach Kampf statt Kombination, kein neuer Gedanke – er ist ein Reflex, so alt wie jedes deutsche Turnier-Aus. Schon nach dem Vorrunden-Debakel 2018 diskutierte das Land, ob die Ausbildung in den Nachwuchsleistungszentren taktische Disziplin über Durchsetzungsvermögen und Individualität stelle. Damals wies der DFB pauschale Kritik zwar zurück, räumte aber selbst ein, man müsse „den Stellenwert der Mannschaftstaktik reduzieren“ und den Spieler stärker in den Mittelpunkt rücken.

Klinsmann reißt also eine Wunde auf, an der der Verband schon vor Jahren selbst herumoperiert hat. Ein frischer Gegenschlag aus dem DFB-Lager blieb diesmal aus; die offizielle Reaktion galt den Konsequenzen, nicht Klinsmann. Präsident Bernd Neuendorf befand nur, das Abschneiden genüge „nicht unseren Ansprüchen“. Der Rest war Rücktritt.

Emotion als System? Der Fall Klopp

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Foto: Getty Images

Interessant wird es bei der Antwort, für die sich der DFB entschieden hat. Sie ist kein taktisches Konzept, sondern ein Mensch: Jürgen Klopp, designierter Bundestrainer, für den Red Bull den Weg freimacht. Und ausgerechnet Klinsmann, der Kritiker, setzt seine ganze Hoffnung auf ihn – wegen „der Energie, der positiven Art, andere Leute mit ins Boot zu bringen“.

Darin steckt die eigentliche Pointe. Ein Land, das seine Mentalität verloren zu haben glaubt, engagiert die menschgewordene Emotion, um sie zurückzuholen. Ob ein charismatischer Anführer per Ansprache installieren kann, was eine Fußball-Kultur über Jahre angeblich wegtrainiert hat, ist die offene Frage dahinter.

Diagnose ja – Rezept umstritten

Und genau hier lohnt der zweite Blick. Die Frage ist nicht, ob Klinsmann die Symptome richtig beschreibt – das tut er. Die Frage ist, ob „mehr Härte“ die Antwort ist oder nur die bequemste. Es gibt gute Gegenargumente: „Mentalität“ ist eine Pauschalerklärung, die alles und nichts erklärt; Deutschlands Probleme sind womöglich struktureller und taktischer Natur – eine ungelöste Neunerfrage, ein Ballbesitz ohne Tiefe –, keine reine Frage des Kampfgeists. Und die ballorientierte Schule, die man nun beklagt, hat nicht zufällig eine Generation von Weltklasse-Technikern hervorgebracht.

Der DFB setzt auf Klopp, weil er Energie verkörpert. Aber Energie ersetzt keine Idee davon, was deutscher Fußball 2026 eigentlich sein will. Klinsmann hat die Wunde benannt. Genäht ist damit noch nichts.

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