90PLUS
·14. September 2026
Klopps XXL-Kader: Der erste Test, ob „neu“ beim DFB mehr bedeutet als ein neuer Name auf der Bank

In partnership with
Yahoo sports90PLUS
·14. September 2026

Frankfurt. Am Donnerstag um 10 Uhr steht Jürgen Klopp auf dem DFB-Campus und liest Namen vor. Das ist der sichtbare Teil. Der unsichtbare ist die Frage, die seit dem Sechzehntelfinal-Aus gegen Paraguay über dem Verband hängt und die kein Trainerwechsel allein beantwortet: Ist das ein Neustart – oder das, was der deutsche Fußball nach jedem verpatzten Turnier verlässlich produziert, ein „weiter so“ mit neuem Gesicht?
Die Antwort gibt es nicht am Donnerstag. Aber es gibt am Donnerstag erste Hinweise. Und der erste ist bereits durchgesickert.
Nach Informationen der Sportschau und von Sky hat Klopp entschieden, deutlich mehr als die vorgeschriebenen 23 Spieler zu nominieren. Der Grund ist der Kalender: Vier Spiele in elf Tagen – Amsterdam, Augsburg, München, Thessaloniki –, ein Fenster, das die FIFA über zwei Wochenenden gestreckt hat. Das UEFA-Reglement erlaubt es, für jedes Spiel bis 23.59 Uhr am Vortag eine neue 23er-Liste zu melden. Klopp will davon Gebrauch machen: Ein Teil des Kaders kommt am Montag nach Herzogenaurach, ein anderer reist nach, wenn die Nations League längst läuft. Ein Bettenwechsel, so die Sportschau, „in Teilen“ – wahrscheinlich nach dem zweiten Spiel.
Man kann das als Belastungssteuerung lesen; Klopp selbst hatte im August gesagt, kein Spieler werde in allen vier Partien 90 Minuten spielen. Man kann es aber auch als das lesen, was es außerdem ist: Ein Trainer, der 57 Feldspieler auf seiner Liste hat und mit zwei Trainingseinheiten vor dem ersten Spiel keine Chance hätte, sie kennenzulernen, verschafft sich zwölf Tage Sichtung unter Wettkampfbedingungen. Die Sportschau spricht von möglichen „XXL-Überraschungen“ – Spielern, die „aktuell noch kaum jemand auf der Liste hat“. Das ist die Sprache eines Neustarts. Ob es die Praxis ist, zeigt die Liste.
Manuel Neuer, bei der WM noch die Nummer eins, hat sich endgültig verabschiedet. Antonio Rüdiger, 86 Länderspiele, trat am 1. September zurück – einen Tag nach dem Transferschluss, drei Wochen nach Klopps Amtsantritt. Zwei Säulen der Nagelsmann-Jahre, die gingen, ohne dass Klopp sie streichen musste. Das ist ein Geschenk für einen Trainer, der Erneuerung verspricht: Er kann sie zulassen, ohne sie zu verantworten.
Es ist aber auch eine Warnung. Der letzte große Umbruch beim DFB, nach der WM 2018, fand nicht statt – Löw blieb, strich dann Müller, Hummels und Boateng per Dekret und holte sie zwei Jahre später zurück. Der Verband ist gut darin, Umbrüche anzukündigen, und schlecht darin, sie durchzuhalten, sobald das nächste Turnier näher rückt. Klopp hat einen Vertrag bis 2030. Die EM 2028 ist der Zeitpunkt, an dem sich zeigt, ob das anders wird.
Was die Sportschau am Sonntag als Kandidaten nannte, ist eine Mischung. Karim Adeyemi und Said El Mala, unter Nagelsmann nicht berücksichtigt, jetzt in Form in Barcelona und Köln. Julian Brandt und Marc-André ter Stegen bei Ajax, „wie einst Götze zurück zum DFB“. Die Frage nach mehr Premier-League-Spielern. Dazu die Debatten dieser Woche: Loris Karius, der Schalke-Torwart, den Klopp 2016 nach Liverpool holte und der nach zwei Gala-Spielen selbst nichts einschätzen will. Paris Brunner, der Monaco-Stürmer, der am Samstag ein Traumtor schoss und dann eine Kehlschnitt-Geste zeigte. Rocco Reitz und Assan Ouédraogo, die beide verletzt fehlen. Angelo Stiller mit Knieproblemen. Jamal Musiala, der nach seinen Zusammenbrüchen wieder spielt und dessen Klub ihn schrittweise aufbaut.
Und dann die, die jeder erwartet: Kimmich als Kapitän, laut Berichten zurück ins zentrale Mittelfeld, mit Pavlović als Partner. Havertz, Wirtz, Kane-Nebenmann Olise – nein, der ist Franzose, aber die Bayern-Achse bleibt. Ein Kader, der zu zwei Dritteln aus Spielern besteht, die Nagelsmann auch nominiert hätte, ist kein Neustart. Ein Kader, der nur aus Debütanten besteht, ist keiner, der in Amsterdam gewinnt. Klopps erster Kader wird beides enthalten. Die Frage ist das Verhältnis – und wer nach dem zweiten Spiel bleibt.
Ein neuer Trainer ist kein Neustart. Ein neues System – Klopp hat ein 4-3-3 mit echten Flügelspielern angekündigt – ist einer, wenn es länger hält als drei Niederlagen. Neue Spieler sind einer, wenn sie auch dann nominiert werden, wenn die Alten wieder fit sind. Und eine neue Struktur – Völler als Sportdirektor, Mertesacker ab Januar als Geschäftsführer, Klopp mit Krawietz, Lijnders und Bender – ist einer, wenn sie Entscheidungen trifft, die dem Verband wehtun.
Der XXL-Kader ist in dieser Lesart ein gutes Zeichen. Er zwingt Klopp, mehr Spieler zu sehen, als er brauchen wird, und zwingt den Verband, einen Trainer auszuhalten, der nicht im ersten Fenster die beste Elf präsentiert, sondern die breiteste. Es ist die Methode eines Mannes, der in Dortmund und Liverpool Mannschaften über Jahre gebaut hat und nie über Wochen.
Ob es ein Neustart ist, weiß man deshalb nicht am Donnerstag. Man weiß es im November, beim Rückspiel gegen die Niederlande in Berlin, wenn die Namen, die im September überrascht haben, entweder noch da sind oder wieder verschwunden. „Weiter so“ erkennt man nicht an der Nominierung. Man erkennt es an der Streichung.
Live







































