Kommentar zum DFB-Kader: Wo ist der rote Faden, Herr Nagelsmann? | OneFootball

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·20. März 2026

Kommentar zum DFB-Kader: Wo ist der rote Faden, Herr Nagelsmann?

Artikelbild:Kommentar zum DFB-Kader: Wo ist der rote Faden, Herr Nagelsmann?

Noch rund drei Monate sind es bis zur WM in den USA, Mexiko und Kanada. Es geht so langsam in die wirklich heiße Phase, bei vielen Top-Nationen stehen die Kader quasi schon, bzw. die wichtigste Achse ist eingespielt und die Rollen sind klar verteilt.

Beim DFB-Team ist das nicht so, das zeigte die Kadernominierung am Donnerstag erneut. Nagelsmann berief mit Lennart Karl und Jonas Urbig zwei Neulinge, dazu etliche Rückkehrer wie Josha Vagnoman, Pascal Groß und Anton Stach.


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Lennart Karl steht vor seinem Debüt in der Nationalmannschaft | Eurasia Sport Images/GettyImages

Dabei wurden vor allem drei Dinge deutlich. Erstens: Nagelsmann redet zu viel, weshalb er sich oftmals selbst widerspricht. Zweitens: Das Leistungsprinzip bleibt in einigen Fällen außer Kraft gesetzt. Drittens: Nagelsmann vergrault mit seinen Aussagen und Kaderentscheidungen die Fans und die Lust auf die WM.

Warum gab es nochmal das Interview?

Über Leon Goretzka habe ich an anderer Stelle schon einmal geschrieben, hier gilt jetzt genau dasselbe wie damals: Aus Leistungssicht hat es der Bayern-Mittelfeldspieler nicht verdient, im DFB-Team zu stehen. Das ist Fakt und ist auch nicht despektierlich gegen den Menschen Goretzka gemeint, sondern einfach eine Tatsache.

Nagelsmann relativierte allerdings dessen Quasi-Startelf-Garantie, die er ihm im kicker-Interview noch gegeben hatte: "Ich habe gesagt: 'Er hat gute Chancen zu spielen'", zitierte sich Nagelsmann korrekt und ordnete ein: "Spielen heißt auch zwei Minuten." Dabei verschwieg er allerdings, dass er Goretzka wie in einer Rolle in der WM-Quali sehe, wo er fünf von sechs Spiele von Anfang an bestritt.

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Anton Stachs Nominierung ist verdient, lässt aber Zweifel am Nagelsmann-Interview aufkommen | Visionhaus/GettyImages

Und apropos Interview: Mittlerweile muss man sich fragen, warum er das überhaupt gegeben hat. Bestes Beispiel ist die Nominierung von Anton Stach. Gegenüber dem kicker erklärte er damals, dass Stach es bei Leeds United zwar "gut" mache, allerdings "nicht enorm kopfballstark und auch nicht der Top-Zweikämpfer ist, sondern ebenfalls einer, der gerne das Spiel vor sich hat."Jetzt beruft er ihn doch, was sportlich zweifelsohne verdient ist, aber es stellt sich jetzt die Frage: Wie viel aus dem Interview kann man überhaupt noch für bare Münze nehmen?

Braucht der Bundestrainer die Öffentlichkeit?

Für mich verfestigt sich der Eindruck immer mehr, dass Nagelsmann von Zeit zu Zeit diese Öffentlichkeit braucht. Als Bundestrainer steht er nicht mehr tagtäglich im Rampenlicht wie noch zu seiner Zeit als Bundesliga-Trainer in Hoffenheim, Leipzig und München.

Das führt dazu, dass er sich regelmäßig um Kopf und Kragen redet und die Kadernominierungen immer schwerer zu durchschauen sind. Einen klaren roten Faden scheint es dabei nicht mehr zu geben.

Widersprüche über Widersprüche

Leroy Sané ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Kurz nach seinem Wechsel zu Galatasaray Istanbul sagte Nagelsmann, dass sich der Flügelstürmer jetzt mehr anstrengen müsse, da er in einer schwächeren Liga spielt. Folgerichtig fehlte Sané auch im Herbst-Aufgebot.

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Leroy Sané erlebt bei Galatasaray eine schwierige Saison | Molly Darlington/GettyImages

Mittlerweile sitzt der 30-Jährige auch in Istanbul nur noch auf der Bank, wird aber trotzdem nominiert. Da fragt man sich: Wo ist der rote Faden? Vor allem, wenn die Nominierung eines formschwachen Sanés auf die Kosten des besten Jokers der Bundesliga geht.

El Mala erfüllt Nagelsmanns Profil – ist aber trotzdem nicht dabei

Die Rede ist von Said El Mala. Der 19-Jährige hat Nagelsmanns Aufforderung, seine Leistungen zu bestätigen, eindrucksvoll umgesetzt. Dennoch steht er aktuell nur auf Abruf bereit. Warum?

Nagelsmann betonte fast schon gebetsmühlenartig, wie wichtig auch der 15. oder 16. Spieler in einem solchen WM-Kader sind. El Mala ist als Joker für diese Rolle perfekt, er kam in Köln oft genug in dieser Saison von der Bank und hat dem Spiel dann noch seinen Stempel aufgedrückt.

Er ist also genau die Definition des Spielertyps, den Nagelsmann unbedingt dabei haben will. Warum also wird er nur auf Abruf nominiert, obwohl er eine bessere Saison in einer besseren Liga spielt als Leroy Sané?

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Said El Malas Nicht-Nominierung sorgt für Kopfschütteln | picture alliance/GettyImages

El Mala bringt zudem wie Lennart Karl eine jugendliche Unbekümmertheit mit, was dem teilweise statischen deutschen Spiel nur guttun kann. Denn dort mangelt es manchmal an Überraschungsmomenten – und dafür sind Karl und El Mala deutlich bessere Adressen als Sané.

Das Groß-Paradoxon

Eine Entscheidung, die noch überraschender war als die Nicht-Nominierung El Malas, war die Berufung von Pascal Groß. Nagelsmann lobte den 34-Jährigen als "Magnet zwischen den Spielern" und schwärmte generell ausgiebig von ihm.

"Er wird uns guttun. Pascal ist sehr, sehr selbstlos. Er ist einfach ein toller Mensch und deshalb auch ein richtig guter Kaderspieler", erklärte der Bundestrainer. Und auch, wenn er bei Brighton & Hove Albion zuletzt regelmäßig in der Startelf stand, muss man konstatieren: Von den körperlichen Anlagen her, ist Groß mittlerweile einfach zu langsam. Das war ja auch einer der Gründe, weshalb sich der BVB im Winter von ihm trennte.

Das Stiller-Mysterium

Zudem wiederholt sich das, was ich schon bei meinem Kommentar über Nagelsmanns Interview kritisierte: Dem dringend benötigten Umbruch wird so weiter aus dem Weg gegangen. Groß ist 34 Jahre alt und für ihn wird ein zehn Jahre jüngerer Angelo Stiller zuhause gelassen.

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Angelo Stiller ist bei Julian Nagelsmann außen vor. Viele fragen sich: Wieso? | NurPhoto/GettyImages

Ich weiß nicht, was Nagelsmann für ein Problem mit Stiller hat. Er spielt beim VfB Stuttgart eine richtig gute Saison und wäre der ideale Nachfolger für Toni Kroos, dem er in seinem Spiel so ähnelt. Doch der Bundestrainer ließ diese Chance ungenutzt und verzichtet nahezu konsequent auf den 24-Jährigen. Und das ist sportlich absolut nicht nachvollziehbar.

Nagelsmann vergrault die Fans

Es sind Entscheidungen wie diese, die auch seinem Ansehen bei den Fans schaden. Viele Fans haben mittlerweile genug von ihm als Bundestrainer und man kann sie verstehen. In den zwei Jahren seit der EM haben wir uns nicht weiterentwickelt, sondern vielmehr Schritte zurück gemacht.

Das beste Beispiel ist auch hier Leon Goretzka. Bei der EM wurde er aus Leistungsgründen nicht mitgenommen und jetzt soll er zwei Jahre später, trotz einer kleiner gewordenen Rolle bei Bayern, auf einmal bei einer WM spielen? Wo ist da die Logik?

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Leon Goretzka steht sinnbildlich für den Schlingerkurs, den Julian Nagelsmann seit zwei Jahren fährt | David Fitzgerald/GettyImages

Nagelsmann hat es einfach verschlafen, neue und zukünftige Säulen frühzeitig zu identifizieren und diese auch zu nominieren. Stattdessen hält er an Spielern wie Goretzka oder Sané fest und beruft lieber einen 34-jährigen Pascal Groß als einen Angelo Stiller.

Endstation Achtelfinale

Dadurch hat Nagelsmann es geschafft, nicht nur seinen Kredit bei den Fans zu verspielen, die Vorfreude bei vielen auf die WM ist angesichts von seinen Entscheidungen auch quasi auf dem Nullpunkt angekommen.

Fest steht für mich: Auch wenn Jamal Musiala noch zurückkommen wird, ist Nagelsmanns ausgerufenes Ziel namens Weltmeister sportlich nicht zu rechtfertigen. Läuft alles normal, spielen wir im Achtelfinale gegen Frankreich. Les Bleus sind eingespielt, haben eine gute Mischung im Kader und ihr Trainer Didier Dechamps ist kein Fan von Experimenten - also genau das Gegenteil von dem DFB-Team und Nagelsmann.

Alles andere als ein Sieg Frankreichs wäre deshalb eine Überraschung. Und sollte es wirklich zum K.o. im Achtelfinale kommen, dann muss sich der gesamte DFB hinterfragen. Denn es kann nicht der Anspruch sein, gegen die erste Top-Nation auszuscheiden, auf die man im Turnierverlauf trifft – doch genau danach sieht es aktuell aus.

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