MillernTon
·30. März 2026
Mythos Gründungsjahr

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·30. März 2026

Zwei Vereine hauen sich um ein Kürzel, viele Vereine machen sich älter als sie sind. Grund genug, dem Mythos Gründungsjahr mal auf den Grund zu gehen. Titelfoto: Stefan Groenveld
Im November 2025 kam es zu einem skurrilen Streit zwischen dem FCH aus Heidenheim und dem FCH aus Rostock. Es ging um die Namensrechte für das Drei-Buchstaben-Kürzel. Der Fußball-Club aus Heidenheim hatte es beim Markenamt sichern lassen, was bei den Hansestädtern nicht gut ankam, so dass diese ein Verfahren einleiten ließen. Die Heidenheimer sehen sich im Recht, denn ihr Verein sei doch bereits 1846 gegründet worden, der F.C. Hansa dagegen erst viel, viel später, nämlich 1965.
Allerdings sei hier angemerkt: Auf dem Heidenheimer Wappen steht das Datum „1846“, soweit korrekt. Dabei handelt es sich aber um das Gründungsjahr des ältesten Vorgänger-Vereins von denen, die sich im Laufe der Geschichte zusammengeschlossen haben. Wie viel „1846“ da also heute noch drinsteckt, ist dann eher eine Marketingfrage. Der aktuelle Bundesligist 1. FC Heidenheim wurde tatsächlich erst 2007 (!) gegründet, nachdem er sich vom Heidenheimer Sportbund abgespalten hatte. Damit ist er von allen Proficlubs derjenige mit der größten zeitlichen Differenz zwischen dem, was auf dem Wappen steht, und dem eigentlichen Gründungsjahr – 161 Jahre! Immerhin eine schöne Zahl. Also ist der FC aus Heidenheim sogar satte 42 Jahre jünger als der aus Rostock, welcher durchgehend und unverändert seit seinem Gründungsjahr besteht. Man mag es kaum zugeben, aber: Überraschender Punktsieg für Hansa! Kleiner Einwurf aus Korinth: Hansa hat die eher seltene, etwas antiquierte Variante mit Pünktchen hinter dem F und dem C. Also eher F.C.H? Oder F.C.H.? Liebe Rostocker, sichert das am besten alles asap beim Markenamt.
Der FC Heidenheim ist mit dieser, wie soll ich‘s nennen, „Schummelei“ in bester Gesellschaft. Das Gründungsjahr des Vereins scheint bei allen Fans einen großen Stellenwert zu haben. Je oller, je doller. Nicht umsonst ziert es Wappen, Wände, Merch und Choreos in allen Stadien. Ja, auch bei uns.Hier ein paar gesammelte Facts von allen Clubs der Ligen 1-3.
Jetzt kommt das große Aber. Die wenigsten Vereine existieren in der heutigen Form unverändert seit ihrem offiziell angegebenen Gründungsjahr. Fusionen, Abspaltungen, Neugründungen, Namensänderungen – Veränderungen aller Art sind die Regel. Trotzdem entschieden sich die Verantwortlichen in Sachen Gründungsjahr stets für die größtmögliche Verladung. So beträgt die Spanne zwischen dem Gründungsjahr des 1. FC Heidenheim und seiner letzten Änderung sagenhafte 161 Jahre, wie oben bereits erwähnt. Das ist einsame Spitze. Immerhin 124 Jahre sind es beim Zweitplatzierten SSV Ulm, 106 Jahre bei Viktoria Köln und 101 Jahre beim VfL Bochum.Dazu ein paar weitere Facts:
Dabei habe ich nicht mal Änderungen der Vereinsfarben, des Wappens, der Spielstätte oder Ausgliederungen berücksichtigt. Dann sähe es noch drastischer aus.
Und der FC St. Pauli von, nun ja…, 1910? Hätte er das gemacht, was die meisten praktizierten, würde wohl 1852 auf dem Wappen stehen. In diesem Jahr wurde der MTV Hamburg gegründet, der 1862 mit dem Turnverein in St. Pauli und vor dem Dammthore (bester Name!) zum Hamburg-St. Pauli Turnverein fusionierte. Aus diesem ging der heutige FC St. Pauli hervor. Gekickt wurde hier bereits um die Jahrhundertwende, 1907 erfolgte dann die Gründung der Spielabteilung innerhalb des TV, in der auch (aber nicht nur) Fußball gespielt wurde, 1910 meldeten sich die Fußballer zum Ligabetrieb an. Aber erst 1924 wurde die Fußballabteilung als eigener Verein mit dem heute noch bekannten Namen und Wappen eingetragen. Damit hat sich unser Club zwar 14 Jahre „ermogelt“, dies ist aber recht wenig, verglichen mit anderen Vereinen. Zudem könnten wir uns theoretisch um 58 Jahre älter machen, wenn wir mit der gleichen Logik an die Sache gegangen wären, wie viele andere, und würden uns durchaus in der Methusalem-Spitzengruppe aufhalten – gleich hinter Bochum auf Platz 4.
Daraus ergibt sich als Konsequenz die Frage: Warum ist es so wichtig, möglichst alt zu erscheinen? Die Antwort führt über das Stichwort „Tradition“. „Traditionsvereine“ scheinen ein höheres Ansehen zu genießen als solche, denen dieses Attribut nicht zu Teil wird. Aber warum ist das so? Und was ist eigentlich ein „Traditionsverein“? Diesen Fragen wird in der nächsten Episode auf den Grund gegangen.

Choreo der Frankfurter Eintracht im Januar 2023 beim Heimspiel gegen Ferencvaros Budapest
// (c) Christian Kaspar-Bartke/Getty Images via OneFootball
Am Schluss noch ein bisschen funny Halbwissen zum Kokettieren am Jolly- oder Weinbar-Tresen oder auf der Tribüne beim Warten auf den Spielbeginn, wenn wir gegen das jeweilige Team antreten. Here we go – wusstet Ihr, dass…
Hätte „Oddsetpokalsieger“ eigentlich noch Platz auf unserem Logo? Was ist mit „Hessenpokalsiegerbesieger“ – Shirts? Da hat unsere Vermarktung wohl gepennt…
So liebe Zahlen-Nerds und Freund*innen des runden Leders, das war’s für heute. Der Folge-Artikel wird, wie bereits angekündigt, das Thema „Traditionsvereine“ haben. Stay tuned, dann verpasst Ihr nichts.// Raphael
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