FC Bayern München
·5. August 2026
Neuzugang Ismael Saibari im 51-Porträt

In partnership with
Yahoo sportsFC Bayern München
·5. August 2026

Ismael Saibari wurde bei der WM zur Entdeckung des Turniers, jetzt trägt er unser Trikot. Sein Weg dorthin begann mit einer Diagnose, die alles hätte beenden können, bevor es überhaupt losging.
Es ist die Nacht auf den 30. Juni, Sechzehntelfinale der WM 2026, Elfmeterschießen zwischen Marokko und den Niederlanden. Ausgerechnet die Niederlande: das Land, in dem Ismael Saibari sechs Jahre lang zum kompletten Spieler gereift ist. Unser Neuzugang legt sich den Ball zurecht, nimmt Anlauf – und verwandelt den entscheidenden Versuch. Marokko steht in der nächsten Runde, und spätestens jetzt kennt die ganze Fußballwelt den Namen Saibari.
Drei Tore hat er da bereits erzielt, gegen Brasilien, Schottland und Haiti – und längst bestätigt, warum sich der FC Bayern schon lange vor dem Turnier um ihn bemüht hat. Dass seine WM ein bitteres Ende nimmt, gehört zur Geschichte dazu: Im Achtelfinale gegen Kanada zieht sich Saibari eine Muskelverletzung zu, das Viertelfinale gegen Frankreich verpasst er, Marokko scheidet ohne ihn aus. Wer seinen Weg kennt, weiß allerdings: Mit Rückschlägen kann dieser Spieler umgehen.
Denn die erste Prognose, die Ismael Saibari widerlegt, betrifft nicht seine Torquote. Sie betrifft die Frage, ob er jemals überhaupt richtig wird laufen können. Seine Eltern Hassan und Fatima verlassen Ende der 1980er Jahre Marokko in Richtung Spanien und lassen sich nach einer Station in Almería in Terrassa nieder, einer Stadt in der Nähe von Barcelona. Dort kommt Ismael am 28. Januar 2001 zur Welt – mit einer angeborenen Fehlstellung: Beide Füße sind stark nach innen gedreht. Die Ärzte sind sich nicht sicher, ob er jemals normal laufen wird.
Doch seine Eltern weigern sich, das anzunehmen, und ermöglichen ihrem Sohn eine langwierige Behandlung. Fast ein Jahr lang wird die Fehlstellung korrigiert – mit Schienen, orthopädischen Hilfsmitteln und Reha-Maßnahmen, Schritt für Schritt. Die Beharrlichkeit wird belohnt: Mit zwei Jahren macht Ismael seine ersten Schritte ohne Hilfe – und gewinnt damit seinen ersten großen Kampf. Wenig später entdeckt der kleine „Isma” den Fußball.
Die Familie wohnt in der Carrer d‘Europa, in einem Arbeiterviertel am Rande von Terrassa, entstanden für Zugezogene aus anderen Regionen Spaniens und dem Ausland. Beim Club Deportivo Can Parellada sammelt Ismael seine ersten Vereinserfahrungen – und sticht sofort heraus, vor allem mit seiner Schusskraft. Die kommt nicht von ungefähr: Vater Hassan lässt ihn jeden Tag 50, 60 Schüsse machen, nur mit links. „Am Anfang habe ich das gehasst“, sagt Saibari später. „Am Ende hat es sich ausgezahlt.“ Von Montag bis Sonntag steht er auf dem Platz, wird zurechtgewiesen, wenn er nach dem Training bleibt und die anderen Teams stört. Und wenn irgendwo ein Spieler fehlt, zieht er sich einfach um und springt ein. Akram, sein älterer Bruder: „Er war immer schon in den Ball verliebt. Isma wollte stets spielen.“
Dieser Inhalt kann hier leider nicht dargestellt werden. Zum Anschauen kannst du die Website des FC Bayern München besuchen: Artikel auf fcbayern.com
2007 ändert sich das Leben der Familie von einem Tag auf den anderen: Vater Hassan verliert seinen Job als Maurer, der gemeinsam mit Fatima eröffnete Lebensmittelladen übersteht die Wirtschaftskrise nicht. „Wir mussten wieder bei null anfangen“, erzählt Akram. Ismael ist sechs, als die Saibaris erneut die Koffer packen und nach Belgien weiterziehen, in einen Vorort von Antwerpen. Die Brüder kicken zunächst beim KVC Willebroek, dann beim Beerschot AC, der im Juni 2013 Insolvenz anmeldet. Ismael wechselt in die Jugend des RSC Anderlecht – und wird nach zwei Jahren gebeten zu gehen. Die Begründung ist für einen Jugendlichen hart: zu schwer, nicht fit genug, den Anforderungen des Spitzensports nicht gewachsen. In diesem Alter zerbrechen viele Träume lautlos. Seiner nimmt eine andere Form an: Er stellt seine Ernährung um, intensiviert sein Training, baut seinen Körper neu auf – und macht aus der vermeintlichen Schwäche seinen größten Trumpf. Heute überzeugt der 1,85 Meter große Mittelfeldspieler mit Durchsetzungskraft im Zweikampf, sichert Bälle, bricht Abwehrreihen auf.
Eine neue Heimat findet Saibari in der Jugend des KRC Genk. 2019 gewinnt er dort die Belgische U21-Meisterschaft – ausgerechnet vor seinem Ex-Club. „Isma spielte für Genk gegen Anderlecht, seine Elf gewann 4:3, er erzielte einen Treffer, und Genk wurde Meister. Das war für ihn eine Art Genugtuung“, erinnert sich sein damaliger Trainer Kevin Van Dessel.
2020 der Wechsel zur PSV Eindhoven – zunächst in die U21. Diesmal ist das Glück auf seiner Seite: Weil mehrere Covid-Fälle den Profikader ausdünnen, wird Saibari in die erste Mannschaft berufen und gibt am 1. November 2020 mit 19 Jahren sein Debüt in der Eredivisie. Es folgen die Pokalsiege 2022 und 2023 und drei Meisterschaften in Serie zwischen 2024 und 2026; in 142 Pflichtspielen erzielt er 42 Tore für die PSV. Fernab des ganz großen Trubels verfeinert er sein Spiel und erweitert sein Repertoire: ein Spieler, der trifft, Angriffe einleitet, presst – und mit seiner physischen Präsenz den Rhythmus einer Partie verändern kann.
„In Eindhoven wurde Ismael behutsam aufgebaut“, sagt Medhi Benatia, der zwischen 2014 und 2016 das Trikot des FC Bayern trug und Saibaris Entwicklung seit Jahren verfolgt. „Er ist mir das erste Mal in der U21 Marokkos aufgefallen. Er hatte sofort den Zug zum Tor. Und es war für ihn kein Problem, auf verschiedenen Positionen eingesetzt zu werden – er konnte sogar während einer Partie mehrfach die Rolle wechseln, ohne dass seine Leistung schwächelte. Im Nachhinein war Eindhoven die richtige Zwischenstation, damit er durchstarten konnte. Das hat er herausragend gemeistert.“ Auch Issame Charai, sein Coach in Marokkos U23, schwärmt: „Mich hat sein Profil sofort beeindruckt. Er war sehr früh reif in seinem Spiel, interessierte sich für Taktik. Er war und ist bis heute einfach fußballbesessen.“
Die Türen zur marokkanischen Nationalmannschaft stehen ihm weit offen – dabei hätte Saibari seine internationale Karriere in gleich zwei anderen Trikots vorantreiben können: In Spanien ist er geboren, in Belgien aufgewachsen, und die Belgier werben ganz aktiv um ihn. Doch die Entscheidung, für Marokko aufzulaufen, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit: das Land seiner Eltern, seiner Wurzeln, einer Familiengeschichte, die ihn nie losgelassen hat.
Dieser Inhalt kann hier leider nicht dargestellt werden. Zum Anschauen kannst du die Website des FC Bayern München besuchen: Artikel auf fcbayern.com
Wie lässt sich dieser Spieler nun einordnen, der ab sofort an der Säbener Straße trainiert? „Sein Profil ist schwer zu beschreiben: Er ist kein Flügelspieler, der die Linie entlang durchbricht, aber er schaltet Gegner aus. Eine Art ‚Neuneinhalb‘, der sich freiläuft, in die Tiefe stößt und trotzdem defensiv mitarbeitet“, sagt Van Dessel. Benatia ergänzt: „Er ist nicht der Schnellste – in der Champions League erreichte er in der vergangenen Saison immerhin eine Höchstgeschwindigkeit von 33 Kilometern pro Stunde –, aber er kann extrem stark beschleunigen. Und weil er technisch ebenso versiert wie körperlich robust ist, lässt er sich nur sehr schwer stoppen.“
Beim FC Bayern hat Saibari bis 2031 unterschrieben. Vincent Kompany, erzählt er bei seiner Vorstellung, war ein wichtiger Grund für seinen Wechsel nach München. Die Eingewöhnung dürfte ihm leichtfallen: Fünf Sprachen spricht Saibari bereits, „und Deutsch wird jetzt meine sechste“, sagt er. Für einen wie ihn, dessen Weg nie geradeaus verlief, ist eine neue Sprache wohl die kleinste Herausforderung.
Der Text erschien in der August-Ausgabe des FC Bayern-Magazins „51“ – hier in einer gekürzten Fassung.







































