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·21. April 2026

Nia Künzer: "Gemischte Gefühle"

Artikelbild: Nia Künzer: "Gemischte Gefühle"

Nia Künzer war in der vergangenen Länderspiel-Abstellung viel unterwegs: Die DFB-Sportdirektorin ist nicht nur für die deutsche Frauen-Nationalmannschaft, sondern auch für die weiblichen U-Teams von der U 23 bis zur U 19 zuständig. Auch dort standen wichtige internationale Spiele an. Die Sportdirektorin bewertet im DFB.de-Interview die vergangenen Tage und blickt voraus auf die kommenden Aufgaben.

DFB.de: Die U 19-Frauen haben die Qualifikation für die EM geschafft, die U 23 hat zweimal gewonnen und damit die Internationale Spielrunde auf Platz 5 abgeschlossen, die Frauen-Nationalmannschaft hat in der WM-Quali gegen Österreich einen Sieg und ein Unentschieden eingefahren: Unter welcher Überschrift würden Sie die zurückliegende Abstellungsperiode zusammenfassen?


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Nia Künzer: Gemischte Gefühle.

DFB.de: Das bezieht sich wahrscheinlich auf das Rückspiel der Frauen gegen Österreich, das 0:0 endete?

Künzer: Auch, aber nicht nur. Wir haben mit der U 23 ja nicht um die ersten Plätze, sondern um Rang 5 in der Internationalen Spielrunde gespielt. Da sind dann die entscheidenden Niederlagen nicht in der aktuellen Abstellung erfolgt, sondern schon zuvor. Das ist natürlich auch ärgerlich. Obwohl auch die Spiele gegen Belgien und Italien ein hohes Niveau hatten, was uns ja auch grundsätzlich hilft. Und ja, den Abschluss der Maßnahme bei den Frauen mit dem Spiel gegen Österreich in Ried hätte ich mir anders gewünscht. Die Voraussetzungen für die WM-Quali sind aber im Grunde ja die gleichen geblieben. Wir müssen uns nun bis Juni schütteln, denn wir wissen alle, dass wir es besser können.

DFB.de: Bundestrainer Christian Wück hat deutliche Worte gewählt in seiner Bewertung der Spiele, vor allem nach dem Hinspiel. Es gab Stimmen, die das zu kritisch fanden. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Künzer: Inhaltlich kann ich ihn verstehen. Wir haben einen hohen Anspruch. Es kann sein, dass es für manchen Beobachter ungewohnt erscheint, das so zu formulieren. Aber grundsätzlich sind die Spielerinnen ja auch sehr selbstkritisch und haben ebenfalls hohe Ansprüche. Es ist vielleicht ungewöhnlich, nach einem 5:1-Sieg im ersten Spiel, Kritik so deutlich zu äußern, aber Christian wollte auch ein Signal senden. Wir haben ja auch im Rückspiel gesehen, dass wir in jeder Partie mental und auch spielerisch ans Limit gehen sollten, in jeder Aktion wach und präzise sein müssen.

DFB.de: Warum ist das in Ried nicht gelungen?

Künzer: Es gibt nicht die eine Erklärung oder den einen Aspekt, es ist eine Kombination von Themen: sei es der Zeitpunkt in der Saison oder dass man das Hinspiel 5:1 gewonnen hatte - zugegebenermaßen auch schon mit einer nicht durchgehend souveränen Leistung. Vielleicht macht das dann doch etwas in den Köpfen. Und dann vielleicht auch, dass nicht jede ihr bestes Spiel am Samstag gezeigt hat. Irgendwann hat man dann das Gefühl: Heute wird es schwer, ein Tor zu erzielen. Österreich hat es allerdings auch gut gemacht und wenn man sich den Kader genauer anschaut, sehe ich sie besser als es der Tabellenstand in der WM-Quali aussagen mag. Es spielen viele von ihnen auch außerhalb Österreichs in teilweise sehr guten Teams. Sie hatten zuletzt einen schlechten Lauf und schwierige Voraussetzungen. Aber eigentlich wissen wir, dass Österreich sehr unangenehm spielen kann.

DFB.de: Ist es vielleicht nicht auch erwartbar, dass bei der Entwicklung eines Teams auch mal Täler durchschritten werden?

Künzer: Wir haben die vergangenen Monate natürlich eine sehr positive Entwicklung gesehen, vor allem auch bei Spielen gegen Top-Mannschaften. Vielleicht ist manchmal die Herausforderung größer bei Spielen gegen Teams, bei denen die Erwartungshaltung von innen und außen eine andere, auch die Spielweise eine unterschiedliche ist. Von daher sehe ich soetwas auch als einen Teil der Entwicklung.

DFB.de: Das klingt nach einer eher unaufgeregten Einordung.

Künzer: Klar ärgere ich mich auch, dass wir die drei Punkte nicht geholt haben. Aber wir versuchen, die Dinge grundsätzlich sachlich einzuordnen - nach überzeugenden Leistungen genauso, wie wenn es nicht so gut läuft. Wir haben es nach wie vor in der WM-Quali in der eigenen Hand.

DFB.de: Sie sagen, man sollte nicht nervös werden, wenn es mal nicht so positiv läuft, aber auch nicht zu überschwänglich im gegenteiligen Fall. Interpretieren Sie so auch Ihren Führungsstil als Sportdirektorin?

Künzer: Ich lasse mich ungern von äußeren Einflüssen nach oben oder nach unten ziehen - und das sehe ich auch als meine Aufgabe. Auch wenn es schwierige Themen gibt, möchte ich größtmögliche Ruhe vermitteln, damit Trainer*innen und Spielerinnen ihre Arbeit vernünftig weitermachen können, um bei sich zu bleiben. Das ist auch meine Aufgabe in Phasen, in denen andere Themen eine Rolle spielen oder in denen wir vielleicht einen Tick zu euphorisch betrachtet werden. Und genauso, wenn wir negativ beurteilt werden.

DFB.de: Die Ausgangssituation für die WM-Qualifikation hat sich ja eigentlich nicht dramatisch verändert, oder?

Künzer: Wir wollten das Spiel in Köln gegen Norwegen vorher schon gewinnen, um den nächsten Schritt in der WM-Quali zu gehen. Daran hat sich nichts geändert und die Sinne sind definitiv geschärft.

DFB.de: Ist der Druck jetzt höher?

Künzer: Es war und ist unser eigener Anspruch, als Gruppenerster abzuschließen, um uns direkt für die WM zu qualifizieren. Von daher ist das immer noch die gleiche Ausgangssituation. Wir hatten ja auch ein sehr wichtiges Auswärtsspiel in Norwegen, das vermeintlich schwierigste, und waren erfolgreich. Das möchten wir auch beim Rückspiel zu Hause so zeigen.

DFB.de: Und könnte man das besser zeigen als an dem Standort, der eigentlich der place to be im Frauenfußball ist – da, wo jedes Jahr das Highlight DFB-Pokalfinale stattfindet und wo jetzt auch endlich ein Frauen-Länderspiel ausgetragen wird: in Köln.

Künzer: Definitiv. Darauf freuen sich alle. Köln ist ein besonderer Ort für den Frauenfußball. Die Vorfreude ist groß und es werden uns wieder unglaublich viele Fans unterstützen, so wie sie es auch in den vergangenen Spielen getan haben. Das ist klasse, wie uns die Fans überall hin folgen, wie sie uns supporten und so viel investieren. Ich finde das einmalig und das ist für uns unheimlich wichtig und nicht selbstverständlich. Das wissen wir sehr zu schätzen.

DFB.de: Wir haben zu Beginn schon von den U-Mannschaften gesprochen. Für die Entwicklung des A-Teams ist ja auch die Durchlässigkeit extrem wichtig. Hier spielt die U 23 eine wichtige Rolle – Spielerinnen wie Carlotta Wamser oder auch zuletzt Larissa Mühlhaus sowie Jella Veit kamen ja über die U 23 zur Frauen-Nationalmannschaft: Wie bewerten Sie diesen Aspekt?

Künzer: Für uns ist die U 23 ein sehr wichtiges Team und es hat sich ja schon mehrfach bestätigt, wie wichtig dieser Übergangsbereich ist. Maßnahmen durchzuführen, Länderspiele auf wirklich sehr hohem Niveau im Rahmen der Internationalen Spielrunde zu absolvieren und so Erfahrungen auf dieser Bühne zu sammeln, hilft ungemein. Die U 23 bildet ja quasi den erweiterten Kader der Frauen-Nationalmannschaft. Dort haben wir die Möglichkeit, Spielerinnen mehr Spielpraxis zu geben, wenn sie bei den Frauen noch nicht so zum Einsatz kommen können. Beide Trainer*innenteams haben eine sehr enge Verbindung bezüglich der Spielphilosophie und den Austausch über Spielerinnen, sodass der Übergang zu den Frauen möglichst leicht fällt. Ich sehe natürlich auch, dass es für die U 23 eine Herausforderung ist, weil man einen volatilen Kader hat, der vielen Veränderungen unterliegt. Unter anderem auch, weil Spielerinnen auf neuen Positionen eingesetzt werden. Zudem sind kurzfristige Abberufungen ins A-Team wie gesagt ja immer wieder möglich, wie zuletzt bei Larissa Mühlhaus oder auch Sarah Mattner. Da kann ich nur sagen: Hut ab, Respekt und ein Dankeschön an das U 23-Trainer*innenteam, dass das sehr gut meistert.

DFB.de: Die Einführung der U 23 und die Teilnahme an der Internationalen Spielrunde hat sich also aus Ihrer Sicht bewährt?

Künzer: Absolut, die Internationale Spielrunde ist ja aus der Eigeninitiative einiger Spitzen-Nationalverbände entstanden. Die Organisation wird von Nationalverbänden organisiert, das ist auch eine Herausforderung. Ich glaube aber, dass sich dieses Engagement lohnt. Natürlich ist es für die Verbände nicht einfach, eine eigene U 23 zu gründen, weshalb der eine oder andere Nationalverband noch zögert und erstmal abwarten möchte, ob ein offizieller Wettbewerb unter Führung der UEFA möglich ist. Ich kann aus unserer Sicht nur ermutigen: Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht und die Idee der U 23 hilft der Entwicklung des Frauenfußballs auf Spitzenebene enorm.

DFB.de: Hilfreich für die Entwicklung von Spielerinnen sind auch immer Turnierteilnahmen – die U 19, aber auch die U 17 werden beide an einer EM-Endrunde teilnehmen. Sie waren bei allen drei Spielen im Rahmen der EM-Quali der U 19 in Deutschland vor Ort. Ihre Eindrücke?

Künzer: Für mich ist es natürlich immer sehr wertvoll, wenn ich auch mal die Gelegenheit habe, über einen längeren Zeitraum bei U-Teams zu sein. In diesem Fall die U 19, auch wenn es in der Abstellung – in der wir auch mit den Frauen unterwegs waren – eine logistische Herausforderung war. Die Gruppengegner waren ja keine einfachen und nur der Erstplatzierte konnte sich für die EM qualifizieren. Der U 19-Bereich ist noch mal etwas ganz anderes, weil die Spielerinnen naturgemäß noch relativ jung sind, aber auch irgendwie erfrischend, muss ich sagen.

DFB.de: Klingt, als wenn es Ihnen Spaß gemacht hätte, dabei zu sein.

Künzer: Das Team und der Staff haben wirklich einen guten Eindruck gemacht. Die erste EM-Qualirunde war nicht einfach und sie haben dann in der 2. Runde in ihrer Entwicklung wieder einen Schritt nach vorne gemacht. Alle drei Spiele zu gewinnen und vor allem auch beim entscheidenden gegen Frankreich da zu sein und in schwierigen Spielphasen zu bestehen, das hat mir gut gefallen. Es ist ihnen gelungen, ihr Motto "Mit heißem Herz und kühlem Kopf" umzusetzen und sich auch nicht von Herausforderungen wie etwa den Ausfällen wichtiger Spielerinnen aus dem Konzept bringen zu lassen. Diese Mannschaft ist gereift und ich freue mich wirklich sehr, sie dann im Sommer bei der EM zu begleiten.

DFB.de: Gerade im Jugendbereich geht es aber um mehr als nur Ergebnisse.

Künzer: Ja, eine erfolgreiche Qualifikation und Endrunden-Teilnahme sind unglaublich wichtig für die individuelle Entwicklung der Spielerinnen. Jedes Turnierspiel hilft dabei, das ist wichtig für das Selbstbewusstsein und Selbstverständnis einer Spielerin sowie ihre individuelle Weiterentwicklung. Diese Erfahrungen und die Qualität nehmen sie wieder mit in ihre Vereine. Wir profitieren alle davon: Nationalmannschaften und Klubs. Insofern ist es total wichtig, dass wir mit der U 19 und der U 17 zwei Teams bei einer EM am Start haben.

DFB.de: Abschließende Frage: Wir haben das Gespräch begonnen mit Ihrer Überschrift über die zurückliegenden Maßnahmen "gemischte Gefühle". Mit Blick auf die anstehenden WM-Qualispiele gegen Norwegen und Slowenien im Juni – welche Überschrift würde Sie sich dahingehend wünschen? 

Künzer: Deutschland für die WM in Brasilien qualifiziert. 

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