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·14. Juli 2026
Nobodys Darling - Das falsche Spiel mit Thomas Tuchel

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·14. Juli 2026

Das Halbfinale der WM 2026 steht vor der Tür und seien wir ehrlich: Wer hätte der englischen Nationalmannschaft um Nationaltrainer Thomas Tuchel wirklich zugetraut, bis hierhin zu kommen?
Vermutlich nicht allzu viele, denn trotz ihrer zahlreichen Topstars um Harry Kane und Jude Bellingham werden die Three Lions im Vergleich zu anderen Top-Nationen wie Frankreich, Spanien oder Argentinien immer irgendwie als Außenseiter wahrgenommen. Selbst Portugal erfuhr in den letzten Jahren deutlich mehr Wertschätzung. Daran änderte auch der Amtsantritt von Tuchel am 1. Januar 2025 nicht wirklich viel, denn auch den deutschen Trainer beäugt man hierzulande eher kritisch. Damit wird man seinen Errungenschaften und seiner Qualität aber vielleicht auch nicht immer gerecht.
Dass England nun aber gegen Titelverteidiger Argentinien die große Chance hat, ins WM-Finale einzuziehen, ist Anlass genug, einmal genauer auf Tuchel und sein Team zu blicken und eine Lanze für den 52-Jährigen zu brechen.
Tuchels Ruf in der deutschen Fußballwelt ist nicht gerade unumstritten - im Gegenteil. Der ehemalige Trainer deutscher Klubs wie Mainz 05, Borussia Dortmund und dem FC Bayern München polarisiert. Nach seinem Aus beim deutschen Rekordmeister haftet ihm ein gewisses Gschmäckle des Scheiterns an. Ein Bild, das Tuchel jedoch nicht vollumfänglich gerecht wird.
Bei seinen ersten Schritten als Trainer auf Profiebene führte Tuchel den FSV Mainz 05 zu deutlich mehr Konstanz und Stärke. Er erfand den Klub nach Klopp neu und verhalf ihm so zu langfristigem Erfolg im Oberhaus. Der selbsternannte "Rulebreaker" zog den kriselnden Klub mit neuen Regeln und taktischer Struktur aus dem Dreck und empfahl sich so für höhere Aufgaben. Die fand er beim BVB, mit dem er den DFB-Pokal gewann und 2015/16 den Titel "Trainer der Saison" einheimste.

Thomas Tuchel war lange auf den Spuren von Jürgen Klopp | Alex Grimm/GettyImages
Als Nachfolger von Jürgen Klopp hatte Tuchel sicherlich keine einfache Aufgabe beim BVB, doch nachdem Dortmund vor seinem Antritt nur Siebter in der Bundesliga geworden war, erreichte man mit Tuchel wieder alte Flughöhen und beendete die zwei Spielzeiten unter dem gebürtigen Krumbacher auf Rang zwei und drei.
Anschließend heuerte Tuchel bei Paris Saint-Germain an und genoss unter namhaften Topstars hohes Ansehen und Beliebtheit. Auch in der französischen Hauptstadt war er erfolgreich. Er gewann zwei Meistertitel, den französischen Pokal, den Ligapokal sowie zweimal den Supercup und erreichte das erste Finale der Champions League in der Geschichte von Paris Saint-Germain.

Der Titelgewinn, der ihm mit PSG in der Königsklasse noch durch die Finger glitt, sollte dann mit dem FC Chelsea gelingen. Tuchel übernahm den damals etwas kriselnden Premier-League-Topklub und führte diesen nur wenige Monate nach Amtsantritt zur Champions-League-Krone.

Champions League-Titel mit dem FC Chelsea | Alexander Hassenstein - UEFA/GettyImages
Was Tuchel bei all seinen namhaften Topadressen lieferte, waren Punkteschnitte von etwa zwei Zählern pro Partie. Beim BVB waren es 2,12 Zähler pro Pflichtspiel, womit er auf Rang zwei der Vereinshistorie liegt und nur vom aktuellen BVB-Coach Niko Kovac übertrumpft wird. In der Vereinshistorie von PSG liegt Tuchel mit einem Punkteschnitt von 2,35 ebenfalls auf Rang zwei. Er wurde vom aktuellen Pariser Trainer Luis Enrique überholt, der bei einem Schnitt von 2,4 steht. Tuchel lässt in dieser Statistik sogar Namen wie Carlo Ancelotti, Laurent Blanc, Mauricio Pochettino oder Unai Emery hinter sich.
Beim FC Chelsea erreichte Tuchel einen Punkteschnitt von 2,08 Punkten im Schnitt und steht damit auf dem vierten Platz der erfolgreichsten Trainer in der Klubhistorie. Vor ihm liegen Jose Mourinho sowie die beiden Italiener Antonio Conte und Maurizio Sarri.

Beim FC Bayern München wollte es nicht so laufen für Tuchel | Alexander Hassenstein/GettyImages
Etwas ab fällt Tuchel hier bei seiner weniger erfolgreichen Zeit beim FC Bayern, als er in 61 Pflichtspielen nur einen Punkteschnitt von 1,95 erreichte - dem schlechtesten von all seinen Top-Stationen. Damit liegt er beim Rekordmeister nur auf dem achten Rang hinter Pep Guardiola, Hansi Flick, Jupp Heynckes, Carlo Ancelotti, Julian Nagelsmann, Ottmar Hitzfeld und Louis van Gaal. Unter dem Strich steht dennoch ein deutscher Meistertitel.

Tuchels bislang einzige deutsche Meisterschale | Alexander Hassenstein/GettyImages
Die Zeit in München hängt Tuchel in der öffentlichen Wahrnehmung noch etwas in den Knochen, doch dass das Gesamtbild des durchaus erfolgreichen Trainers so negativ geprägt ist und er so skeptisch betrachtet wird, kann nicht nur daran liegen.
Was man Tuchel oft ankreidet, ist die vermeintlich schlechte Kommunikation und Sturheit, die der 52-Jährige an den Tag zu legen scheint. Doch Eigenarten hat fast jeder Top-Trainer auf seine eigene Art und Weise. Tuchel konnte jedoch überall, wo er war, sportliche Erfolge vorweisen. Mit Ausnahme des FC Bayern, wo er den Erwartungen trotz eines Meistertitels nicht gerecht werden konnte. Allerdings auch in einer Phase, in der die Münchner in erster Linie mit sich selbst zu kämpfen hatten.
Die etwas unterkühlte, analytische Art Tuchels sorgte mancherorts für Reiberein und manchmal hatte man den Eindruck, der Trainer würde Fehler nur erklären, anstatt letztlich die Verantwortung für sie zu übernehmen. So gelang es Tuchel, anders als beispielsweise Jürgen Klopp, nicht, langfristig bei einem Verein für anhaltenden Erfolg zu sorgen bzw. das Vertrauen ausgesprochen zu bekommen, weil man sich des etwas kantigen Coaches schnell wieder entledigen wollte.

Scheut sich nicht vor klarer Kante: Thomas Tuchel | Carl Recine/GettyImages
Gerade aus deutscher Fanbrille betrachtet ist das ein echtes Problem, denn Trainer auf diesem Niveau werden hierzulande nicht immer nur anhand ihrer sportlichen Errungenschaften und reiner Trainerqualitäten beurteilt, sondern auch daran, wie nahbar sie sind und wie offen und warmherzig sie sich gegenüber den Medien und der Öffentlichkeit geben. Tuchel ist vermutlich weniger sympathisch als Klopp oder andere Trainer wie Christian Streich und Vincent Kompany. Macht ihn das zwingend zum schlechteren Trainer? Ich sage eher nein.
Auch nach Antritt des Amtes des englischen Nationaltrainers ließen die skeptischen Blicke nicht von Thomas Tuchel ab. Viele wunderten sich, wie dieser so große Verband aus dem Mutterland des Fußballs ausgerechnet einen Deutschen zum Rudelführer macht und ihm vor einer Weltmeisterschaft die sportlichen Geschicke anvertraut. Tuchels Ruf in Deutschland aber auch auf der Insel wurde nicht besser, nachdem die Art und Weise, wie die Three Lions auftraten, nicht unbedingt von atemberaubender Schönspielerei geprägt war. Doch erneut ist es ein falscher Gradmesser, an dem Tuchel beurteilt wird.

Thomas Tuchel als Coach der englischen Nationalmannschaft | Xinhua News Agency/GettyImages
Die bisherige Länderspielbilanz des früheren Bundesligatrainers ist beachtlich. Aus seinen ersten 20 Länderspielen geht Tuchel mit einem Punkteschnitt von 2,5 hervor. Er gewann 16 dieser Spiele und spielte zweimal unentschieden. Die bislang einzigen beiden Niederlagen kassierte er in unbedeutenden Freundschaftsspielen gegen den Senegal und Japan. Und nun steht England wie durch Zauberhand plötzlich im Halbfinale der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko. Anstelle großer Freude werden allerdings kritische Worte über die Art und Weise des englischen Fußballs unter Tuchel laut und die Mentalitätsfrage wird immer wieder in den Raum geworfen.
Tuchel entgegnete einer dementsprechenden Reporterfrage nach dem Halbfinaleinzug mit deutlichen Worten: "Das ist pure Mentalität. Wie kannst du jetzt nach der Mentalität fragen?", fauchte er den Reporter an und verteidigte damit gerade diesen Aspekt seiner Mannschaft. Dass Tuchel mit der Leistung nicht zufrieden war, daraus machte er keinen Hehl. In puncto Einsatzbereitschaft ließ er jedoch kein schlechtes Wort auf sein Team kommen. "Wir haben uns das Leben heute wirklich sehr schwer gemacht. Das Resultat ist fantastisch. Wir sind unter den letzten vier. Es ist unglaublich, aber ich bin nicht glücklich mit der Leistung“, freute sich Tuchel. Zudem verdueltichte er: "Das Engagement war da, aber wir haben uns das Leben sehr schwer gemacht. In der Art, wie wir gespielt haben: schlecht, viele technische Fehler, nicht schnell genug. Wir hatten heute Glück.“
"Das ist pure Mentalität. Man könnte sie in Flaschen abfüllen und verkaufen. Es ist eine Qualität unseres Spiels."Thomas Tuchel verteidigt sein Team

Siegerfaust bei Thomas Tuchel | Ian MacNicol/GettyImages
Es folgte eine rhetorische Meisterleistung des englischen Coaches, der sagte: "Nein, es gibt kein Mentalitätsproblem. Das ist pure Mentalität. Man könnte sie in Flaschen abfüllen und verkaufen. Es ist eine Qualität unseres Spiels.“
Anstatt sich nur hinzustellen und die aufkommende Kritik billig mit Floskeln abzuwehren, was einen weiteren faden Beigeschmack hinterlassen hätte, nutzte Tuchel eine bildhafte Darstellung, die sich umgehend in den Köpfen der Menschen festbrannte.
"Das Engagement war da, aber wir haben uns das Leben sehr schwer gemacht."Tuchel nimmt sein Team in die Pflicht

Thomas Tuchel schützt seine Spieler, nimmt sie aber zeitgleich in die Pflicht | Eddie Keogh - The FA/GettyImages
Die englische Mentalität, abgefüllt in Flaschen, als Zaubertrank für den Erfolg. Tuchel schützte sein Team und nahm es zugleich in die Pflicht. Keine Schönrednerei, aber auch keine unfaire Schelte. Tuchel brüllte wie ein Löwe, und das tat den Three Lions gut. Eine Szene die zeigt: Tuchel ist als Welttrainer weiter gereift und scheint aus alten Fehlern gelernt zu haben. Und mittlerweile brechen auch zahlreiche englische Fan-Herzen auf, die in Tuchel genau den Trainer sehen, den die englische Nationalmannschaft so lange gesucht und gebraucht hat.
Die Mentalitätsfrage ist damit vom Tisch, doch die Kritik an der wenig mitreißenden Spielweise der Engländer bleibt bestehen. Auch hier muss aber endlich aufgeräumt werden. Das Land, das jahrzehntelang vom grauen Kick and Rush lebte, leidet erheblich unter dem Maßstab, den Pep Guardiola auf Vereinsebene bei Manchester City setzte und dem viele andere Mannschaften im Weltfußball nachzueifern versuchen.

Der Guardiola-Maßstab schadet auch dem englischen Fußball und Tuchel | Alexander Hassenstein - UEFA/GettyImages
Doch die Wahrheit des englischen Fußballs ist eben auch, dass es sich nicht um die spielstarke spanische Nationalmannschaft handelt. Eine ähnlich schadhafte Beurteilung wie im deutschen Fußball, bei dem man Tugenden vergisst, die zur DNA der Fußballnation gehören. Englands Spiel war noch nie von großer Schönheit geprägt, doch Tuchel nutzt die Möglichkeiten bisher maximal erfolgreich aus.
Tuchel nahm die große Kritik in Bezug auf die Kaderzusammensetzung auf sich, nachdem er zahlreiche namhafte englische Fußballstars zu Hause gelassen hatte. Doch er formte hinter sich eine schlagkräftige Einheit, die eine scheinbar gesunde Teamchemie entwickelte und sogar einen Schulterschluss mit den englischen Fans schaffte. Die Stimmung scheint bei den Three Lions euphorisch wie lange nicht - was auch der ein oder andere Blick in die Kabine beweist.
Es ist bisher das große Sommermärchen der Three Lions, doch kaum jemand scheint es wirklich mitzubekommen, da der Blick noch immer mit ernster Miene und aufeinandergepressten Kieferknochen auf der Suche nach Angriffsflächen bei Tuchel gerichtet zu sein scheint.
Es wirkt fast so, als könnte Tuchel mit England sogar Weltmeister werden, und am Ende würden trotzdem alle sagen: "Ja, aber schön war es nicht.” Und genau darin liegt das Problem. Wie so oft geht der Blick am Kern der Geschichte vorbei. Ob man mit Schönspielerei Erfolg hat oder nicht, ist am Ende egal. Das klingt vertraut? Kein Wunder, schließlich ist es dasselbe Problem, das der DFB-Auswahl zum Verhängnis wurde.
Bereits vor Turnierbeginn hatte ich England als meine Überraschung der WM getippt, da ich überzeugt war, dass die Three Lions mit Tuchel weiterkommen würden, als es viele Pessimisten im Vorfeld zugetraut hatten. Und ja, der Einzug ins WM-Halbfinale darf bereits durchaus als Erfolg gewertet werden. Tuchels Problem ist jedoch, dass man ihn daran nicht messen wird. Den Stempel wird der 52-Jährige einfach nicht mehr los.

Schreibt Thomas Tuchel Fußballgeschichte? | Eddie Keogh - The FA/GettyImages
Doch nur mal angenommen, Thomas Tuchel übersteht das Halbfinale gegen Argentinien, zieht ins Endspiel der WM ein und behauptet sich auch dort erfolgreich mit dem ersten englischen WM-Titel seit 1966, dann kann man dem deutschen Trainer endgültig die Anerkennung zukommen lassen, die er verdient. Mehr noch: Tuchel wäre damit dann der erst dritte Trainer, nach Vicente del Bosque und Marcello Lippi, in der Geschichte des Fußballs, dem es gelänge, neben der Champions League auch den Weltmeistertitel zu gewinnen. Denkmalwürdig!
Doch selbst wenn das WM-Halbfinale schon Endstation bedeutet oder England im Finale scheitert, ist es endlich an der Zeit, Thomas Tuchel auf deutlich ehrlichere und fairere Weise zu bewerten und hinter die Fassade zu blicken, um das eingestaubte Image endlich zu durchbrechen. Denn so oder so wird Tuchel eines Tages als einer der größten deutschen Trainer in die Geschichte eingehen.
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