90PLUS
·22. September 2026
Olise zerlegt Union – und stellt der Liga eine unbequeme Frage

In partnership with
Yahoo sports90PLUS
·22. September 2026

Drei Tore, eine Vorlage, ein Elfmeter herausgeholt – und das alles in einem Spiel, in dem Harry Kane die schnellsten 100 Bundesligatore der Geschichte erzielt hat. Wer am Freitagabend in der Allianz Arena die Schlagzeile suchte, hatte plötzlich zwei zur Auswahl.
Kane bekam die Rekordmeldung. Michael Olise bekam das Spiel. Der Franzose stand beim 7:0 gegen Union Berlin bei 106 Ballkontakten, sechs Torschüssen und den meisten erfolgreichen Dribblings auf dem Platz. Vier direkte Torbeteiligungen in einem Bundesligaspiel hat er damit zum vierten Mal geschafft, seit die Liga solche Daten erhebt. Häufiger gelang das nur Robert Lewandowski, Miroslav Klose und Arjen Robben. Ein 24-Jähriger in seiner dritten Bundesliga-Saison steht in dieser Statistik neben drei Männern, die jeweils ein Jahrzehnt gebraucht haben.
Das erste Tor war Olise pur: Musiala legt quer, der Linksfuß kommt von rechts nach innen, und der Ball schlägt am kurzen Pfosten ein, ehe Frederik Rønnow überhaupt fällt (43.). Es folgte die Flanke auf Kanes Kopf zum 4:0. Die Geschichte des Abends aber schrieb sich in vier Minuten am Ende: Tom Bischof, eingewechselt für Pavlović, schickt Olise mit einem langen Ball aus der eigenen Hälfte, der umkurvt Rønnow und schiebt ein (73.). Drei Minuten später der Doppelpass im Zentrum, Bischof legt per Hacke ab, Olise zieht aus 20 Metern ins rechte Eck (76.).
Der erste Hattrick seiner Klubkarriere – nicht bei Crystal Palace, nicht bei Reading, erst jetzt. Und mit einer Vorlage, die den Ausschnitt-Zähler auf allen Plattformen überdreht hat. Bischofs Hacke war die Szene des Spieltags. Sie war aber auch ein Hinweis darauf, was Vincent Kompany von der Bank holen kann, wenn ein Gegner nach 60 Minuten aufgibt.
Flashscore und Sofascore vergaben beide die Höchstnote 10 – zum zweiten Mal in drei Spielen, nach dem Doppelpack beim 5:0 in der Champions League gegen Bodø/Glimt. Die Serie seit dem 22. August liest sich bei Sofascore so: 8,3 in Dortmund, 8,0 gegen Stuttgart, 8,7 in Osnabrück, 7,0 beim 0:0 auf Schalke, 10 gegen Bodø, 7,2 in Elversberg, 10 gegen Union. Kein Ausreißer nach unten. Der Boden liegt bei 7,0, und das war ein Spiel, in dem Bayern kein Tor geschossen hat.
Acht Pflichtspieltore stehen nach sieben Wochen zu Buche, verteilt auf Supercup, Pokal, Champions League und Liga. Das Muster dahinter ist nicht die Menge, sondern die Verteilung: Olise trifft in jedem Wettbewerb, und er trifft aus jeder Lage – Schlenzer vom Strafraumrand, Abschluss nach Tiefenlauf, Distanzschuss nach Doppelpass.
Die Frage, die in der Kabine niemand laut stellt, stellt sich trotzdem. Kane hat in dieser Saison 101 Bundesligatore in 98 Spielen, den Goldenen Schuh der Vorsaison, die Ballon-d’Or-Debatte auf seiner Seite. Olise hat etwas anderes: Er ist der Spieler, an dem Bayerns Spiel gerade hängt, wenn es eng wird. Beim 2:1 in Elversberg gab es keinen Glanz, aber das Sofascore-Protokoll weist ihn trotzdem als aktivsten Offensivspieler aus. Gegen Schalke, als 59 Spiele Torserie rissen, blieb er einer der wenigen, die überhaupt Räume fanden.
Man kann einwenden, dass ein Flügelspieler mit Kane im Zentrum und Musiala zwischen den Linien beste Bedingungen hat. Man kann auch sagen: Genau das ist der Punkt. Wirtz ist weg, Sané ist weg, Coman ist weg – und Olise ist der Einzige aus der Neuverteilung von 2024, der ohne Anlaufzeit die Rolle des Unterschiedsspielers übernommen hat.
In der Vorsaison schoss Olise Bayern schon einmal in eine Note-10-Ecke: 5:0 in Bremen, zwei Tore, zwei Vorlagen, damals noch als Neuzugang mit Welpenschutz. Der Unterschied heute: Die Höchstnoten kommen in Serie, und sie kommen in Spielen, die er selbst entscheidet, nicht nur veredelt. Ein Hattrick gegen ein Union, das nach 60 Minuten keine Restverteidigung mehr hatte, ist ein leichter Hattrick. Ein perfektes Spiel gegen Bodø/Glimt eine Woche vorher war es nicht.
Nach der Länderspielpause geht es am 10. Oktober nach Augsburg. Bis dahin hat Didier Deschamps‘ Nachfolger zwei Nations-League-Spiele Zeit, herauszufinden, warum Frankreich diesen Spieler bei der WM zu selten aufgestellt hat. In München weiß man es längst: Wer gegen Bayern spielt, plant inzwischen für Kane und Musiala – und verliert gegen Olise.















